„Drum sei auch der Grundstein ausgehauen“

Karel Hynek Mácha

(* 16. November 1810 in Prag; † 6. November 1836 in Leitmeritz)

Hadert nicht, daß ich am Bau euch rüttle

Hadert nicht, daß ich am Bau euch rüttle,
der in kurzer Zeit von selbst zerfiele;
denn wenn Ratten an dem Sockel nagen,
wird nicht bald das Haus im Winde schwanken?
Wenn sich losgelöst die Giebelplanken,
werden Mauern lang das Dach noch tragen?
Soll sich dann ein neues Haus erheben,
ist es ratsam, daß man’s wieder duldet
auf demselben alten Grundstein eben,
der den Fall des vorigen verschuldet?
Drum sei auch der Grundstein ausgehauen,
neuen Sockel legt in gute Erde,
um darauf das neue Haus zu bauen,
dessen Dach euch vor der Glut Beschwerde
wird beschützen und vor Sturmeswinden.
Sollte mir, bevor das Haus geschaffen,
meines Geistes Wachsamkeit erschlaffen
(Schläfrigkeit ist schwer zu überwinden),
möge an des toten Meisters Stelle
ein Geselle sich ins Mittel legen,
daß er auf den vorgezeigten Wegen
arbeitsam den neuen Bau erstelle.

Übersetzt von Otto F. Babler

Aus: Süß ist es zu leben. Tschechische Dichtung von den Anfängen bis 1920. Ausgewählt und kommentiert von Ludvík Kundera und Eduard Schreiber. München: DVA, 2006, S. 176

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