Gretchen, Klärchen, Friederike, Christel, Lili, Lotte, Christiane, wie sie alle heißen. Die einen spielen eine Rolle in der Dramaturgie von Theaterstücken, die den Titel von Männern haben (Faust, Egmont) und denen sie untergeordnet sind. Gretchen, das ist natürlich keine Liebesgeschichte, sondern die Geschichte einer ruchlosen Verführung, ausgeführt mit teuflischem Beistand, kein Verbrechen auslassend. Das weiß eigentlich jeder. Ich weiß nicht, wie es kommt, dass heute manche meinen, Goethe habe Egoismus und Sexismus abgefeiert (tatsächlich fiel das Wort in den letzten Tagen). Er hat sie dargestellt.
Hat er Frauen anders denn als frommdoofe Opfer männlicher Verführung gezeichnet? Ja. In großer Zahl. Gestern hier die junge Frau, die die männliche Obrigkeit (Pfarrer, Amtmann) in die Schranken weist. Im Faust könnte man Marthe Schwerdtlein ansehen (eine Frau, die versucht, den Teufel zu verführen). Wer ist stärker, Werther oder Lotte? Und was ist mit der Liebe?
Der junge Goethe schrieb Liebesgedichte im Stil der Zeit, man kann es Rokoko nennen. Einem Mädchen seiner Leipziger Studentenzeit widmete er einen ganzen Zyklus, nicht einmal die Mutter des Mädchens brauchte da misstrauisch zu werden. Weil diese Gedichte literarischen Konventionen folgten und nicht auf Selbsterlebtes schließen lassen. Selbsterlesen. Geschickt mit Worten.
Das ändert sich mit der Zeit. Die Grenzen sind fließend, Metaphern, Motive aus der angelesenen Lyrik mischen sich ein. Aber es ist nicht leicht, in der Rokokolyrik unter allen Melissen, Climenen, Daphnen, Phyllen und Amarillen ein Mädchen wie diese Christel zu finden.
24. An Christel.
Hab offt einen dummen düstern Sinn
Ein gar so schweeres Blut,
Wenn ich bey meiner Cristel bin
Ist alles wieder gut.
Ich seh sie dort, ich seh sie hier
Und weis nicht auf der Welt
Und wie und wo und wann sie mir
Warum sie mir gefällt.
Das schwarze Schelmenaug dadrein
Die schwarze Braue drauf,
Seh ich ein einzigsmal hinein
Die Seele geht mir auf.
Ist eine die so lieben Mund
Liebrunde Wänglein hat?
Ach und es ist noch etwas rund
Da sieht kein Aug sich satt.
Und wenn ich sie dann fassen darf
Im lüftgen teutschen Tanz
Das geht herum das geht so scharf
Da fühl ich mich so ganz.
Und wenn’s ihr tümmlich wird und warm
Da wieg ich sie sogleich
An meiner Brust in meinem Arm
Ist mir ein Königreich.
Und wenn sie liebend nach mir blickt
Und alles rund vergisst,
Und dann an meine Brust gedrückt
Und weidlich eins geküsst
Das läuft mir durch das Rückenmarck
Bis in die grose Zeh
Ich bin so schwach ich bin so starck
Mir ist so wohl, so weh!
Da mögt ich mehr und immermehr
Der Tag wird mir nicht lang,
Wenn ich die Nacht auch bey ihr wär
Dafür wär mir nicht bang.
Ich denck ich halte sie einmal
Und büse meine Lust;
Und endigt sich nicht meine Quaal,
Sterb ich an ihrer Brust.
Aus: Goethes erste Weimarer Gedichtsammlung mit Varianten herausgegeben von Albert Leitzmann. Bonn: A. Marcus und W. Weber, 1910 (Kleine Texte für theologische und philologische Vorlesungen und Übungen, 63)
Weimar im August 2019: das Künstlerkollektiv „Frankfurter Hauptschule“ bewirft Goethes Gartenhaus in Weimar mit Toilettenpapierrollen (sie sagen, sie hätten es „geschändet“), um auf sexistische Tendenzen in seinem Werk (Heidenröslein verharmlose eine „brutale Vergewaltigung“, sein Werk strotze „vor erotischen Hierarchien zu Ungunsten seiner Frauenfiguren“).
Wers glaubt, wird es sich nicht ausreden lassen. Lyrikzeitung bringt dennoch als Beitrag zum Faktencheck eine kleine Serie zu den anderen Frauengestalten bei Goethe.
Heute (Goethes 270. Geburtstag) ein „Rollengedicht“ des jungen Goethe.
VOR GERICHT
Von wem ich es habe, das sag‘ ich euch nicht,
Das Kind in meinem Leib. –
Pfui, speyt ihr aus: die Hure da! –
Bin doch ein ehrlich Weib.
Mit wem ich mich traute, das sag‘ ich euch nicht,
Mein Schatz ist lieb und gut,
Trägt er eine goldene Kett‘ am Hals,
Trägt er einen strohernen Hut.
Soll Spott und Hohn getragen seyn,
Trag‘ ich allein den Hohn.
Ich kenn‘ ihn wohl, er kennt mich wohl,
Und Gott weiß auch davon.
Herr Pfarrer und Herr Amtmann ihr,
Ich bitte, laßt mich in Ruh!
Es ist mein Kind, es bleibt mein Kind,
Ihr gebt mir ja nichts dazu.
Entstanden 1776, gedruckt 1815.
Bemerkenswert die Wendung „mit wem ich mich traute“. Üblicherweise kann man sich nicht selber trauen (aktiv), sondern man wird getraut, vom Pfarrer oder einer Amtsperson (passiv). Hier wird die Selbstermächtigung der jungen Frau in Sprache gesetzt. War Goethe vielleicht Feminist?
Erstausgabe: Goethe, Johann Wolfgang von: Werke : [in 20 Bänden]. 1, Lieder. Gesellige Lieder. [u.a.] Stuttgart [u.a.] : Cotta, 1815
Iwan Franko
(ukrainisch Іван Франко, wiss. Transliteration Ivan Franko; * 27. August 1856 in Nahujewytschi, Galizien, Kaisertum Österreich; † 28. Mai 1916 in Lemberg, Galizien)
Nikolai Nekrassow
Nikolai Nekrassow (russisch Николай Алексеевич Некрасов, wiss. Transliteration Nikolaj Alekseevič Nekrasov; * 28. November jul./ 10. Dezember 1821 greg. in Nemirowo; † 27. Dezember 1877 jul./ 8. Januar 1878 greg. in Sankt Petersburg)
Auf den Tod des Taras Schewtschenko’s
Ins Deutsche übersetzt von Iwan Franko
Trauert nicht! Der Fall ist typisch, –
Seht als wünschenswert ihn an!
Also stirbt durch Gottes Fügung
Russlands hochmerkwürd’ ger Mann
Seit jeher. Mühsame Jugend,
Reich an Hoffnung, Träumen, Plage,
Kühne Reden, tolle Kämpfe –
Und – des Kerkers lange Tage.
Alles dies hat er erprobt
Petersburgs Gefängnismauern,
Untersuchungs-Protokolle
Und gendarmisches Bedauern…
Dann die Orenburger Steppe,
Ihre Festung elend’ Sumpf.
Lebt’ er lange dort, beleidigt
Und gekränkt von jedem Lump.
Lebt’ als Söldner unter Söldnern,
Theilt’ ihr Los – und, ach, wie oft,
Konnt’ er unter Knuten sterben,
Hat er selbst vielleicht gehofft.
Doch sein Leid nicht Kürzen wollend
Auch um einen Augenblick,
Spart’ ihn auf in Sträflingsjahren
Russlands spasshaftes Geschick.
Da – zu Ende geht sein Unglück,
Alles, was nur lieb und schön
Und erquickend, was er seit der
Frühen Jugend nicht geseh’n,
Alles lächelt ihm auf einmal,
Wie ein off’nes Paradies, –
Da – ein Gott hat ihn geneidet,
Und sein Lebensfaden riss.
In: Франко І. Твори. Т. 11., S. 46f
Entstehungsdatum: 1861, Übersetzung 1903
НА СМЕРТЬ ШЕВЧЕНКО
Не предавайтесь особой унылости:
Случай предвиденный, чуть не желательный.
Так погибает по божией милости
Русской земли человек замечательный
С давнего времени: молодость трудная,
Полная страсти, надежд, увлечения,
Смелые речи, борьба безрассудная,
Вслед затем долгие дни заточения.
Всё он изведал: тюрьму петербургскую,
Справки, доносы, жандармов любезности,
Всё – и раздольную степь Оренбургскую,
И ее крепость. В нужде, в неизвестности
Там, оскорбляемый каждым невеждою,
Жил он солдатом с солдатами жалкими,
Мог умереть он, конечно, под палками,
Может, и жил-то он этой надеждою.
Но, сократить не желая страдания,
Поберегло его в годы изгнания
русских людей провиденье игривое.
Кончилось время его несчастливое,
Всё, чего с юности ранней не видывал,
Милое сердцу, ему улыбалося.
Тут ему бог позавидовал:
Жизнь оборвалася.
(27 февраля 1861)
Guillaume Apollinaire
(* 26. August 1880 in Rom, Italien; † 9. November 1918 in Paris)
Wenn man mich machen ließe Zeit du allein der Weg von einem Punkt zum andern Wenn man mich machen ließe hätt ich bald verändert Das Herz der Menschen und es gäbe überall Nur schöne Dinge Statt der gebeugten Stirnen statt der Strafen Anstelle von Verzweiflung und Gebeten wären überall Reliquienschreine Kelche heilige Monstranzen Am Grund der Träumereien funkelnd wie Die Götter der Antike deren Poesie Ist am Erlöschen Wenn man mich machen ließe kaufte ich Die gefangenen Vögel um sie freizulassen Ich sähe zu mit ungetrübter Freude Wie sie auffliegen und rein gar nichts wissen Von einer Tugend wie Erkenntlichkeit Außer vielleicht es wäre Dankbarkeit
Nachgedichtet von Paul Wiens, aus: Guillaume Apollinaire: Unterm Pont Mirabeau. Französisch und Deutsch. Hrsg. Thea Mayer. Berlin: Volk und Welt, 1971, S. 169
Si on me laissait faire O temps ô seul chemin d'un point à l'autre Si on me laissait faire j'aurais vite changé Le cœur des hommes et partout il n'y aurait plus Que de belles choses Au lieu des fronts courbés au lieu de pénitences Au lieu de désespoir et des prières il y aurait partout Les reliquaires les ciboires les ostensoirs Étincelant au fond des rêveries comme ces Divinités antiques dont le rôle poétique Est près d'être terminé Si on me laissait faire j'achèterais Les oiseaux captifs pour leur rendre la liberté Je les verrais avec une joie sans mélange Prendre leur vol et n'avoir même pas l'idée D'une vertu nommée reconnaissance A moins que ce ne soit gratitude
Lamia Abbas Imara
(* 1927 in Bagdad)
Die entlegenen Wünsche
Ich liebe dich, du weißt es, und ich weiß es auch,
wir träumen von entlegenen Wünschen.
Ich weiß es,
du weißt nicht,
daß du rasch endest,
mit dem Ende dieses Gedichts.
Aus: Al-Maaly, Khalid (Hrsg.): Die Flügel meines schweren Herzens. Lyrik arabischer Dichterinnen vom 5. Jahrhundert bis heute. Aus dem Arabischen übersetzt von Khalid Al-Maaly und Heribert Becker. Zürich: Manesse, 2008, S. 50
(Erw. Neuausg. als zweisprachige Ausgabe Zürich: Manesse 2017)
GLENN COLQHOUN
(Geboren 1964 in Auckland)
Eine Reihe von Anleitungen zum Gebrauch beim Lesen von Gedichten
1. Als Erstes löse das Gedicht sorgfältig ab von seinem Papier. 2. Wiege das Gedicht auf deiner Handfläche. 3. Hab keine Angst vor dem Gedicht. 4. Streiche mit den Fingern über die Außenseite des Gedichts: a. Ist sie rauh oder glatt? b. Ist sie schwer oder leicht? 5. Wirf das Gedicht in die Luft. Schwebt es? 6. Nimm das Gedicht in den Mund. Entweder: a. Drück dir davon ein wenig auf die Zunge wie Zahnpasta. Oder: b. Steck das ganze Gedicht in den Mund wie Kuchen. 7. Entferne das erste und das letzte Wort des Gedichts. Schüttele kräftig: Jedes Wort sollte aus der Reihe tanzen. 8. Nimm die Wörter in den Mund und roll sie herum. Lutsche, kaue, gurgle. Versteck die Wörter in deinen Backen. Bespuck damit die Leute. 9. Wenn du fertig bist, stell die Wörter zurück an ihren Platz. 10. Flüstere das Gedicht leise vor dich hin. 11. Schrei das Gedicht laut heraus. 12. Sag das Gedicht auf bei hellem Tageslicht/ bei Mondlicht / bei eingeschalteten Lampen / bei ausgeschalteten Lampen / im Badezimmer/ im Garten / unter einem Baum. 13. Sag das Gedicht auf an heiteren Tagen/ an Regentagen/ an windstillen Tagen / an stürmischen Tagen / auf leeren Magen/ mit vollem Mund. 14. Bock das Gedicht auf und leg dich drunter. Experimentiere mit der Zündeinstellung. Tauche jedes Wort in Öl. Feile die Motornummern ab. Spritz das Gedicht um. 15. Frühstücke auf dem Gedicht. Mach einen Kaffeefleck drauf. 16. Stell dich auf das Gedicht. 17. Begieß das Gedicht. 18. Misch das Gedicht unter die Wäsche. 19. Trag das Gedicht eine Woche lang in der Hosentasche herum. 20. Jetzt gehört das Gedicht dir.
Aus: Gedichte aus Neuseeland. Poesiealbum Sonderheft. Auswahl und Übertragung Axel Vieregg. Märkischer Verlag Wilhelmshorst [Apr] 2014, S. 19
Alfred Lichtenstein
(* 23. August 1889 in Wilmersdorf; † 25. September 1914 bei Vermandovillers, Département Somme, Frankreich)
Jetzt tut man mir nichts mehr beim Militär.
Wer achtet noch auf mich. Man hat sich längst gewöhnt
An meine sonderbaren Zivilistenaugen.
Beim Exerzieren bin ich halb im Traum
Und auf den Märschen mache ich Gedichte.
Doch kommt ein Krieg. Zu lange war schon Frieden.
Dann ist der Spaß vorbei. Trompeten kreischen
Dir tief ins Herz. Und alle Nächte brennen.
Du frierst in Zelten. Dir ist heiß. Du hungerst.
Ertrinkst. Zerknallst. Verblutest. Äcker röcheln.
Kirchtürme stürzen. Fernen sind in Flammen.
Die Winde zucken. Große Städte krachen.
Am Horizont steht der Kanonendonner.
Rings aus den Hügeln steigt ein weißer Dampf
Und dir zu Häupten platzen die Granaten.
Aus: Alfred Lichtenstein: Dichtungen. Hrsg. Klaus Kanzog u. Hartmut Vollmer. Zürich: Arche, 1989, S. 113
Erster Teil: 23.6.1914, zweiter Teil: 9./10.7.1914. – Nach Zeile 3 stehen drei durchgestrichnene Zeilen:
Oft bin ich Gruppen- oft Patrouillenführer,
oft Radfahrer. Ich werde manchmal auch
zu kleineren Besorgungen verwendet.
Jan Kochanowski
(* 1530 bei Radom; † 22. August 1584 in Lublin)
EPIGRAMME I, 3
ÜBER DAS MENSCHLICHE LEBEN
Ein Scherz ist alles nur, was immer wir ersinnen,
Ein Scherz ist alles nur, was immer wir beginnen;
Kein Ding auf dieser Welt bleibt je unser Besitz,
Vergeblich schafft der Mensch mit seinem Fleiß und Witz.
Den[n] Tugend, Wohlgestalt, Vermögen, Macht und Prangen,
Wie Gräser auf der Flur sind sie im Nu vergangen.
Hat sich die Welt genug an unserm Spiel ergötzt,
Steckt man wie Puppen uns in einen Sack zuletzt.
Deutsch von Jeannine Luczak-Wild, aus: Poesie der Welt. Polen. Berlin: Edition Stichnote im Propyläen Verlag, 1987, S. 32f
Ein Scherzlied ist alles, was wir denken, / Ein Scherzlied alles, was wir tun; / Man hat auf der Welt keine sichere Sache, / Umsonst sorgt sich der Mensch um etwas. / Tugend, Schönheit, Macht, Geld, Ruhm, / All das vergeht wie Feldgras; / Hat man sich satt gelacht über uns und unsre Sitten, / Steckt man uns in einen Sack, wie man es mit Puppen macht.
Prosaübersetzung von Peter und Renate Lachmann, Ebd.
Fraszki to wszytko, cokolwiek myślemy,
Fraszki to wszytko, cokolwiek czyniemy;
Nie masz na świecie żadnej pewnej rzeczy,
Próżno tu człowiek ma co mieć na pieczy.
Zacność, uroda, moc, pieniądze, sława,
Wszystko to minie jako polna trawa;
Naśmiawszy się nam i naszym porządkom,
Wemkną nas w mieszek, jako czynią łątkom.
Nach Rimbaud
VIERZEILER
Sterne weinten rosen in deine pulsenden Ohren;
Unendlichkeiten – weiß vom Hals zu den Lenden – sanken;
Das Meer hat rote Perlen an glühe Brüste verloren,
Und der Mann verblutete schwarz an deinen gebietenden Flanken.
Aus: Alt- und neufranzösische Lyrik in Nachdichtungen von Alfred Neumann. Erster band. München: O.C. Recht, 1922, S. 233
Der Stern weinte Rosen im Herzen deiner Ohren
(1871)
Der Stern in der Tiefe deiner Ohren weint Tränen aus Rosen,
Unendlich weiß fließen sie von deinem Hals zu deinen Hüften,
Das Meer an purpurner Brust wirft Streifen aus roten Perlen,
Der Mann gießt souverän sein schwarzes Blut in deinen Schoß.
Aus: Arthur Rimbaud: Poesie. Aus dem Französischen übertragen von Michael Fisch. Berlin/Tübingen: Schiler, 2015, S. 106
L’étoile a pleuré rose au cœur de tes oreilles,
L’infini roulé blanc de ta nuque à tes reins
La mer a perlé rousse à tes mammes vermeilles
Et l’Homme saigné noir à ton flanc souverain.
Arthur Rimbaud, 1871
Jiři Wolker
(* 29. März 1900 in Prostějov; † 3. Januar 1924 ebenda)
Epitaph für Jiři Wolker
Hier liegt der Wolker, ein Poet, er liebte sehr
die Welt, zutiefst verbunden der Gerechtigkeit.
Doch starb er, vierundzwanzigjährig, vor der Zeit,
bevor er in der Hand wog seines Herzens Speer.
Deutsch von Wilhelm Tkaczyk
Aus: Die Glasträne. Tschechische Gedichte des 20. Jahrhunderts. Berlin: Volk und Welt, 1966, S. 116
Jiří Wolker : Epitaf
Zde leží Jiří Wolker, básník jenž miloval svět
a pro spravedlnost jeho šel se bít.
Dřív než moh srdce k boji vytasit,
zemřel, mlád dvacet čtyři let.
Pierre-Jean de Béranger (* 19. August 1780 in Paris; † 16. Juli 1857 ebenda)
Mein Freistaat
Ich kann nur noch den Freistaat leiden,
Seit soviel Kön’ge ich geseh’n.
Ich mach‘ mir einen und bin fleißig.
Mit gutem Brauch ihn zu verseh’n.
Nur Heiterkeit sei drinnen Richter,
Des Staates Hebel sei der Wein,
Mein Tisch sind alle seine Länder,
Sein Wahlspruch soll die Freiheit sein.
Heut‘ soll sich der Senat versammeln.
Drum, Freunde, nehmt das Glas zur Hand.
Zuvörderst wird bei strenger Strafe
Lang’weil auf ewge Zeit verbannt.
Verbannt? ach nein! dies Wort soll nimmer
In unserm Staat genannt sein. Nein,
Lang’weil‘ kann hier gar nicht entstehen.
Denn Freude wird bei Freiheit sein.
Die Freude, die der Luxus kränkte,
Den Gegner hier zu Schanden macht.
Hier wehrt kein Schlagbaum den Gedanken,
Denn so gefällt es Bacchus Macht.
Hier soll sich Jeder nach Gefallen
Frei seines Gottesdienstes freu’n;
Wer Lust hat, geh‘ auch in die Messe.
So soll es, will die Freiheit, sein.
Der Adel führt doch nur zu Mißbrauch.
Drum wird nach Ahnen nicht gefragt.
Kein Titel auch! sich selber lohne,
Wer hier am flottsten trinkt und lacht.
Und gäb‘ je irgend’nem Verräther,
Herrschen zu woll’n, die Laune ein:
Trinkt gleich in Wein den Cäsar nieder,
So wird gerettet Freiheit sein.
Stoßt an denn! Unser Freistaat lebe!
Und grün‘ und blüh‘ in diesem Ton,
Doch weh‘! ein mächt’ger Feind bedräuet
Sein friedlich munt’res Völkchen schon.
Ach, Lieschen kommt und läd uns herrisch
In Amors Bande wieder ein.
Sie will regieren, ist so niedlich:
Nun wird es aus mit Freiheit sein.
Aus: Übersetzungen nach Béranger. Hundert drei Lieder des Pariser Chansonner giebt hier im Deutschen wieder mit seinem wohlgemeinten Gruß Philipp Engelhard Nathusius. Braunschweig: Vieweg, 1839, S. 110-112
MA RÉPUBLIQUE
Air : Vaudeville de la petite Gouvernante (Air noté ♫)
J’ai pris goût à la république
Depuis que j’ai vu tant de rois.
Je m’en fais une, et je m’applique
À lui donner de bonnes lois.
On n’y commerce que pour boire,
On n’y juge qu’avec gaîté ;
Ma table est tout son territoire ;
Sa devise est la liberté.
Amis, prenons tous notre verre :
Le sénat s’assemble aujourd’hui.
D’abord, par un arrêt sévère,
À jamais proscrivons l’ennui.
Quoi ! proscrire ! Ah ! ce mot doit être
Inconnu dans notre cité.
Chez nous l’ennui ne pourra naître :
Le plaisir suit la liberté.
Du luxe, dont elle est blessée,
La joie ici défend l’abus ;
Point d’entraves à la pensée,
Par ordonnance de Bacchus.
À son gré que chacun professe
Le culte de sa déité ;
Qu’on puisse aller même à la messe :
Ainsi le veut la liberté.
La noblesse est trop abusive :
Ne parlons point de nos aïeux.
Point de titre, même au convive
Qui rit le plus ou boit le mieux.
Et si quelqu’un, d’humeur traîtresse,
Aspirait à la royauté,
Plongeons ce César dans l’ivresse,
Nous sauverons la liberté.
Trinquons à notre république,
Pour voir son destin affermi.
Mais ce peuple si pacifique
Déjà redoute un ennemi.
C’est Lisette qui nous rappelle
Sous les lois de la volupté.
Elle veut régner, elle est belle ;
C’en est fait de la liberté.
Nūru’d-Dīn ʿAbdu’r-Raḥmān-i Dschāmi
(persisch نورالدین عبدالرحمن جامی, DMG Nūr ad-Dīn ʿAbd ar-Raḥmān-i Ǧāmī; mit Titel Maulānā; geboren am 18. August 1414 in Chardscherd im Gebiet von Torbat-e Dschām in Chorasan, gestorben am 19. November 1492 in Herat) – ein persischer Dichter, geboren im Nordosten des heutigen Iran, gestorben im Nordwesten des heutigen Afghanistan
Ein Zweizeiler und vier Vierzeiler
Das Veilchen des Bartflaumes
Um acht Rosenparadiese geb ich nicht ein Zweiglein hin
Dieser Veilchen, die dir sprossen an der Seite von Jasmin.
8.
In der Nacht sei von den Frühaufstehenden,
In der Frühe von den Thränenflehenden;
Häng‘ an dem, von welchem du nicht lassen kannst,
Und entschlag dich allem abwärts gehenden!
9.
An dem Tische dieser Welt so Alt als Jung
Leidet um den Bissen tausend Kümmerung.
Auch sogar des Säuglings Augenkelch vergiesst
Hundert Tropfen, eh‘ das Tröpflein Milch ihm fliesst.
17.
Kann von der Welt Atomen ein Atom auch nur erscheinen,
In dem nicht müsst‘ ein Glanz von dir, o Glanznatur, erscheinen!
Ich suchte gestern auf der Welt die Spur von dir bei anderm;
Heut seh‘ ich von nichts anderm als von dir die Spur erscheinen.
24.
Ein Sophist, der von Vernunft kein Wort versteht,
Nennt die Welt ein Scheinbild das vorübergeht.
Ja, ein grosses Scheinbild ist die Welt, allein
Eine Wirklichkeit erscheint in jedem Schein.
Aus dem Diwan: Zwölfteilige deutsche Ausgabe. Von Nur ad-Din Abdur Rahman Dschami. Übersetzt von Friedrich Rückert. Verlag e-artnow, 2017 ISBN 8027214416, 9788027214419 Länge 574 Seiten
Goethe über Dschami
Dschami, allem gewachsen, was vor ihm geschehen und neben ihm geschah; wie er nun dies alles zu sammen in Garben band, nachbildete, erneuerte, erweiterte, mit der größten Klarheit die Tugenden und Fehler seiner Vorgänger in sich vereinigte, so blieb der Folgezeit nichts übrig, als zu sein wie er, insofern sie sich nicht verschlimmerte; und so ist es denn auch drei Jahrhunderte durch geblieben. Wobei wir nur noch bemerken, daß, wenn früher oder später das Drama hätte durchbrechen und ein Dichter dieser Art sich hervortun können, der ganze Gang der Literatur eine andere Wendung genommen hätte. (Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des West-Östlichen Divans)
Theodor Däubler
(* 17. August 1876 in Triest, Österreich-Ungarn; † 13. Juni 1934 in St. Blasien, Schwarzwald)
Hätte ich ein Fünkchen Glück, wäre alles anders!
Wollte blauer Tauwind hold meine Segel schweelen,
Blitzte gleich durch mich der Geist eines kühnen Landers,
Und ich müßte nimmer mehr, mich ums Mehr zerquälen.
Wäre wenig anders nur: hatte ich ein Fünkchen Glück,
Träumt ich nicht voll Brunstgewalt in die nackte, kalte Nacht,
Denn ich fühlte mich im Weib, bis in meinen Grund zurück:
Würde je mein Graun getilgt, hätt ich keinen Sturm durchwacht!
Wüßte ich, warum ich fromm, daseinsscheu und seltsam bin,
Ahnte ich, weshalb um mich nirgends grünes Glück gedeiht,
Hätte dieses kleine Sein plötzlich schrecklich vielen Sinn!
Nirgends fände ich den Zweck und ich stürbe doch vor Leid.
Dennoch höre, Erde mich: ich bin auch ein Kind von dir!
Erde, ach, ich liebe dich. Liebe ist mein Erdensang.
Erde, liebe deinen Sohn, wie die Pflanze, wie das Tier!
Erde, warum bin ich hier liebesarm und totenbang?
Hätte ich ein Fünkchen Glück, hielt ich rein das Glück!
So ist oft mein Traumgesicht wild auf Lust erpicht.
Alles bleibt in mir Versuch. Nie gelingt ein Stück.
Sing ich das, so glaube ich, daß mein Herz mir bricht.
Aus: Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung. Hrsg. Kurt Pinthus. Berlin: Rowohlt, 1920, S. 22f Korrektur eines Druckfehlers im vierten Vers („immer“ statt „nimmer“) nach Theodor Däubler: Das Nordlicht. Teil 2, München; Leipzig, 1910, S. 454
lzik Fefer
(auch Feffer, jiddisch איציק פֿעפֿער, russisch Ицик Фефер, Исаак Соломонович Фефер; geboren 10. September 1900 in Schpola, Gouvernement Kiew, Russisches Kaiserreich; gestorben 12. August 1952 in Moskau)
Er war ein bedeutender Dichter und ein frommer Kommunist. Stalin ließ ihn in New York für Unterstützung im Kampf gegen Hitler werben. „Im Juli 1943 wurden Michoels und das Präsidiumsmitglied Izik Fefer von der Kriegspropaganda-Behörde zu einer siebenmonatigen Reise in die USA, Mexiko, Kanada und England entsandt. Eine halbe Million Menschen besuchte die Massenversammlungen in 46 Städten. 45 Millionen Dollar wurden im Westen für die Rote Armee gesammelt.“ (Arno Lustiger). Nach dem Krieg brauchte er die Juden nicht mehr. Michoels, ein berühmter Schauspieler, wurde in einem vom Geheimdienst inszenierten Verkehrsunfall getötet – und mit einem Staatsakt geehrt. Bei den anderen war man weniger zimperlich. In der Nacht des 12. August 1952 ließ Stalin (dem auch Fefer Oden gewidmet hatte) führende jiddische Intellektuelle erschießen, unter ihnen Izik Fefer und weitere Dichter (man nennt es auch bitter die Nacht der toten Dichter). Hier eins seiner Gedichte.
Ich bin a jid!
Der Wein von uralten Geschlechtern
hat mich gestärkt auf Wanderschaft.
Die Folterpein von Menschenschächtern
hat nicht zerschlagen meine Kraft –
mein Volk, mein Glauben, alles was sich
in Freiheit ausformt und erblüht.
Noch unterm Schwerthieb schrie ich, daß ich
ein Jude bin – Ich bin a jid!
Kein Pharao, nicht Titus Heere,
noch Hamans Ränke seinerzeit
nahmen den Stolz mir. Meine Lehre
ruht in der Hand der Ewigkeit.
Mein Lebensmut ist nicht gebrochen
auf Scheiterhaufen vor Madrid.
Mein Ruf hallt zeitlos durch Epochen:
Ich bin a jid!
Ägypten hat in Stein geschlossen
mir meinen Leib. Ich hab mit Zorn
und Tränen braches Land begossen
und eine Sonne ward geborn.
Die Sonnenstrahln durchs Dunkel brachen,
wo sich mein Weg durch Diesteln zieht,
die stumm nach meinen Augen stachen,
Ich bin a jid!
Fast vierzig Jahre frühes Leben
bin ich geirrt im Wüstensand,
das hat mir Alterskraft gegeben,
Bar Kochbas Ruf ins Herz gebrannt.
Was ich auf Erden auch erleide,
den Starrsinn meiner Ahnen hüt‘
ich mehr als Gold, als Samt und Seide,
Ich bin a jid!
Was gilt mir Gold? Konnt es denn stillen,
als nirgendwo ein Obdach war,
mein Sehnen, meinen Geist und Willen?
Mehr Stärke gab mir Simsons Haar,
das Delila dem Recken raubte,
vor seinem Bronzeton verglüht,
was sich die Welt an Münzen klaubte:
Ich bin a jid!
Die Faltenstirn von Reb Akibe,
die Weisheit von Jesajas Wort
sie nährten meinen Durst – zu Liebe
und Haß zugleich. In mir lebt fort
der Schwung der Makkabäer-Helden
und ihr rebellisches Gemüt,
hört mich von den Schafotten melden:
Ich bin a jid!
Die Klugheit Salomos war meines
Wandererschicksals fester Halt,
das schiefe Lächeln Heinrich Heines
hab ich mit meinem Blut bezahlt.
Und wie Halevis Zauber klangen,
hab ich im Ohr und werd‘ s nicht müd‘,
vernichtet oft, doch nie vergangen:
Ich bin a jid!
Der Marktlärm, Amsterdamer Treiben
Spinoza hat es nicht gestört,
zur Straße hörn, heißt Mensch zu bleiben;
die Sonne Marxens auf der Erd‘
hat aufgefrischt und neu gerötet
mein altes Blut, ihr Rot durchzieht,
mein Feuer, das ihr niemals tötet –
Ich bin a jid!
Und meine Augen widerspiegeln
den Schein, die Stille und den Drang
vom Licht auf Vorderasiens Hügeln,
von Mendeles gebeugtem Gang,
den Schliff russischer Bajonette,
den Glanz der Ähren unterm Schnitt,
ich bin ein Sohn unsrer Sowjete –
Ich bin a jid!
Der Echohall in Haifas Hafen
schwingt nach in meiner Stimme Klang
dank unsichtbarer Telegraphen
durch Meer und Täler. Zu mir drang
der Puls von Buenos Aires‘ Plätzen,
und aus New York ein jiddisch‘ Lied
der Schauder vor Berlins Gesetzen
Ich bin a jid!
Ich will die Feindesschar verstreuen,
die mir schon grub ein Gräberfeld,
mich unter roten Fahnen freuen
des Lebens, einer neuen Welt,
will meine Weingärten bepflanzen
und selbst sein meines Glückes Schmied;
ich werd auf Hitlers Grab noch tanzen!
Ich bin a jid!
(gekürzt)
Übersetzt von Andrej Jendrusch
Aus: Mitzwat zekhor – das Gebot des Gedenkens. 6. Tage der jiddischen Kultur. Theater unterm Dach. Berlin, Januar 1992. Berlin, Bonn: Deutsche Unesco Kommission, 1991, S. 36f
Itzik Feffer reads his poem Ikh bin a yid – איך בין א ייד (der Vortrag ist auch eindrucksvoll, wenn man kein Jiddisch versteht – zumal viele Wörter den Deutschen bekannt vorkommen. Und wer genau hinhört, wird an den Namen von Stalin und Swerdlow merken, welche Strophen hier ausgelassen wurden.)
Auszug aus Benjamin Neukirchs ((* 27. März 1665 in Reisen, heute Rydzyna in Schlesien; † 15. August 1729 in Ansbach) gleichnamigem Gedicht
Hast du, Lysander, Witz, so folge meinem Rat:
Der ist der klügste Mann, der nichts geschrieben hat.
Laß einen Kirchenschwan Bär, Schaf und Rinder reimen,
Laß einen Bavius von Heldenthaten träumen,
Vertrag im Madrigal hirschfeldischen Verstand,
Erheb den Schäferton von Kärnth und Bayerland,
Und wenn ein Nordenhals mit rauher Kehle knastert,
So sprich, daß er den Weg zum Musenberge pflastert,
Und daß er doch dabei mehr süße Lieblichkeit
Als Hofmannswaldau kaum und Opitz ausgestreut.
Gieb alles willig zu und laß die blinden Schützen
Um ihren Lorbeerkranz mit eignem Lobe blitzen;
Inzwischen tröste dich bei deiner klugen Pein
Mit griechischer Vernunft und sittlichem Latein
Und trachte den Verstand der Alten zu ergründen,
So wirst du, was du suchst und was uns mangelt, finden.
Denn geh und werde klug und setze dich zur Ruh‘
Und sieh der Kinderlust mit Männeraugen zu,
So hast du, wenn du willst, bei täglich neuen Sachen
Papiere zum Toback und Zeug genug zum Lachen.
Doch wo das Dichtersalz dich in den Adern jückt
Und dich ein böser Geist aus deinem Zirkel rückt,
Der dich im Sprunge will zum Flötenritter schlagen,
So fang es endlich an mit halber Furcht zu wagen,
Versammle, wo du kannst, der Jugend alten Graus
Und pflanze Stück auf Stück und mach‘ ein Buch daraus;
Denn stirb, so glaubt die Welt, daß mehr mit dir verdorben,
Als am Homer Athen, Rom am Virgil gestorben.
Schau, dieses ist der Weg, der dir bisher gefehlt
Und dennoch deinen Geist auch nicht zu Tode quält.
Schieb andern Müh‘ und Schweiß in ihren Jammerbusen;
Ein ausgeführtes Werk ist nur für Bettelmusen,
Und der hat wahrlich mehr als mancher Fürst gethan,
Der seinen Unverstand mit Kunst verbergen kann.
Das ganze Gedicht hier
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