Oskar Kanehl
(* 5. Oktober 1888 in Berlin; † 28. Mai 1929 ebenda)
Krieg
Was jubelt ihr und schwenkt die bunten Tücher?
Und brüllt den Krieg?
Werdet vor heiligem Gottgeist schamrot!
Hunger und Seuche und Tod
feiern den Sieg.
Was schießt ihr plötzlich auf euren Menschenbruder,
den ihr geliebt?
Fallt sengend über sein Gut und Habe her?
Staaten- und Völkerrecht. Wißt ihr nicht mehr,
daß es Menschenrecht gibt?
Leichenfeld. Kunst und Wissenschaft sind ein Gelächter.
Krähenmusik
Gott ist verjagt. Stumm ist sein Buch der Bücher.
Was jubelt ihr und schwenkt die bunten Tücher?
Und brüllt den Krieg?
Aus: Oskar Kanehl, Die Schande. Gedichte eines dienstpflichtigen Soldaten aus der Mordsaison 1914-1918. Die Aktions-Lyrik [Bd. 7] . Hg. von Franz Pfemfert. Berlin-Wilmersdorf: Verlag Die Aktion, 1922
Soeben erschienen: Oskar Kanehl. Versensporn 37. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2019. 4€
EINGANG DES PILATUS (der Sage von Pilatus)
(Straßburger Handschrift)
12. Jahrhundert

Man sagt von der deutschen Zunge*
Sie sei nicht bezwungen
Sei hart zu fügen.
Wer sie oft schlüge
Dem würde sie schmeidig
Wie Stahl zart und schneidig
Der vom Hammergestoß
Auf dem Amboß
Biegsam springe.
Daß mir’s gelinge
Will ich ausspannen meinen Sinn
Zu einer Rede zu der ich bin
Hingezogen bis jetzt nur schlaff.
Halt ich die Gedanken straff
Bis sie ausgetragen
So weiß ich wohl daß Wagen
Viel mehr wie Mäßigung mache
Bei einer solchen Sache.
Ich greife in den Untergrund
Und stärke meinen Fund
Mit dem Allerersten Sinn
Der drunten und drin
Tief verwurzelt ist.
Hab ich Stetigkeit und Frist
So hol ich aus ihm dem Einen
Mit den Grundsteinen
Die Fülle manchen Sinnes herbei
Daß mir Sinn und Geist die zwei
Wacker bleiben beide
Bis ich vom Werke scheide.**
Aus: Älteste deutsche Dichtungen, übersetzt und herausgegeben von Karl Wolfskehl und Friedrich von der Leyen. Leipzig: Insel, 1920, S. 131ff
Tudor Arghezi
(* 21. Mai 1880 in Bukarest; † 14. Juli 1967 ebenda)
Verklärung
Obwohl ich ihr sagte, daß ich’s nicht will,
gab mir die Nacht im Schlaf ganz still
die Urne des Dunkels, ich trank sie leer.
Nun komme, was wolle, bald wissen wir mehr.
Wie konnte ich ahnen, daß dem Getränk,
dem dünnblauen milchigen, Gift beigemengt?
Bin ich nur berauscht – oder bin ich gestorben?
Nun laßt mich schlafen – bin kindisch geworden.
Wer da auch anklopft, ich bin nicht zu Haus.
Fragt wer nach mir, denkt euch Antworten aus.
Wem kann ich denn so in das Angesicht sehn,
vor wem mit der jetzigen Seele bestehn?
Deutsch von Heinz Kahlau, aus: Tudor Arghezi: Ketzerbeichte. Berlin: Volk und Welt, 1968, S. 73
Hans Arp
(* 16. September 1886 in Straßburg; † 7. Juni 1966 in Basel)
Aus: Die Wolkenpumpe
…
an allen enden
stehen jetzt dadaisten auf aber es sind
im grunde nur vermummte defregger
sie ahmen den zungenschlag und das zungenzucken
der wolkenpumpe nach
ein fürchterliches mene tekel zeppelin wird ihnen
bereitet werden
und die dadaistische hauskapelle wird
ihnen was blasen
man wird sie den raupen zum fraß hinwerfen
und ihnen bärte an falsche stellen pflanzen
an sternenlassos werden sie baumeln
DIE ORIGINALDADAISTEN SIND NUR DIE
SPIEGELGASSEDADAISTEN
man hüte sich vor nachahmungen
man verlange in den buchgeschäften nur spiegelgassedadaisten
oder wenigstens werke die mit aquadadatinta
vom dadaistischen rasputin und spiritus rector
tzar tristan genetzt worden sind
…
(1920)
Aus: Hans Arp, Opus Null. Ausgewählte Gedichte. Hrsg. Richard Pietraß. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1988, S. 10
Petr Bezruč
(* 15. September 1867 in Opava; † 12. Februar 1958 in Olmütz / Olomouc)
Du und ich
Geh aus dem Wege:
schwarz meine Hände und feucht meine Kleider,
du der Besitzer, und ich schuft im Berge,
dir der Palast, mir der Katen bereitet,
phrygisch die Mütze und düster die Stirn.
Nicht hinter mir schluchzen bittende Waisen,
Hasen, die deinen, die fraßen ihr Feld leer,
Herzloser, schamlos – der Blitz dich zerreiße.
Sohn der Beskiden, des Leids und der Fron,
schuft in der Hütte, die dein, deinem Bergwerk,
kocht in den Adern auch Galle, ich schufte,
flöße dein Holz auf dem schäumenden Flusse,
schwarz, arm, den Schweiß auf der Stirn fühl ich fliegen,
brachte zum Weinen kein Kind der Beskiden,
raubte den Witwen nicht ihr Stückchen Erde,
du bist Magnat drum, ich bettle dagegen, –
kommst in die Berge? Zum Teufel hin scher dich!
Phrygischer Mütze, mir geh aus dem Wege!
Deutsch von Uwe Kolbe, aus: Die Sonnenuhr. Tschechische Lyrik aus 11 Jahrhunderten. Teil 3: 1900-1950. Hrsg. Ludvík Kundera. Leipzig: Reclam, 1987, S. 26
Laxmi Prasad Devkota
Der nepalesische Dichter starb heute vor 60 Jahren auf den Treppenstufen (ghat) am Bagmatifluß im Pashupatinath-Tempel in Kathmandu.
Laxmi Prasad Devkota (Nepali: लक्ष्मीप्रसाद देवकोटा, 12 November 1909 – 14 September 1959) was a Nepali poet, playwright, and novelist. Honored with the title of Mahakavi (literal translation: The Great Poet or Poet the Great) in Nepali literature, and is known as the poet with the golden heart. Devkota is by and large regarded as the great poet (महाकवि) of Nepali language. (Wikipedia English)
Laxmi Prasad Devkota was a Nepali poet, playwright, scholar, and novelist. He is given the title of Mahakavi in Nepali Literature, which means The Great Poet. He is known as the poet with the golden heart. (Wikipedia Simple English)
Pagal (Der Verrückte)
1
Oh ja, mein Freund! Ich bin verrückt
Ich bin so.
2
Ich sehe Geräusche
Ich höre die Aussicht.
Ich rieche den Geschmack
Ich rühre den Himmel nicht an, aber Dinge aus der Unterwelt,
Dinge, an die die Menschen nicht glauben,
deren Formen die Welt nicht ahnt.
Steine sehe ich als Blumen
am Wasser liegend geglättet,
Felsen zarter Formen
im Mondschein
Wenn die himmlische Zauberin mich anlächelt,
Blätter auslegen, erweichen, glitzern,
pochend erheben sie sich wie stumme Wahnsinnige,
wie Blumen eine Art Mondvogelblumen.
Ich spreche mit ihnen wie sie mit mir reden,
eine Sprache, Freund,
das kann nicht geschrieben oder gedruckt oder gesprochen werden,
Kann nicht verstanden werden, kann nicht gehört werden.
Seine Zunge kommt in die Wellen zu den Ganges-Ufern im Mondlicht,
Wellen! Wellen!
Oh ja, Freund! Ich bin verrückt
Ich bin so.
जरुर साथी म पागल ! यस्तै छ मेरो हाल । म शब्दलाई देख्दछु ! दृश्यलाई सुन्दछु ! बासनालाई संबाद लिन्छु । आकाशभन्दा पातालका कुरालाई छुन्छु । ती कुरा, जसको अस्तित्व लोक मान्दैंन जसको आकार संसार जान्दैन ! म देख्दछु, ढुङ्गालाई फूल ! जब, जलकिनारका जल चिप्ला ती, कोमलाकार, पाषाण, चाँदनीमा, स्वर्गकी जादूगर्नी मतिर हाँस्दा, पत्रिएर, नर्मिएर, झल्किएर, बल्किएर, उठ्दछन् मूक पागलझैँ, फूलझैँ- एक किसिमका चकोर फूल ! म बोल्दछु तिनसँग, जस्तो बोल्दछन् ती मसँग एक भाषा, साथी ! जो लेखिन्न, छापिन्न, बोलिन्न, बुझाइन्न, सुनाइन्न । जुनेली गङ्गा-किनार छाल आउँछ तिनको भाषा साथी ! छाल छाल ! जरुर साथी म पागल !
Übersetzt von Erika Khatri, G1 Studienkolleg Greifswald, Sommersemester 2019
Googles Transkription:
Jarura sāthī ma pāgala! Yastai cha mērō hāla. Ma śabdalā’ī dēkhdachu! Dr̥śyalā’ī sundachu! Bāsanālā’ī sambāda linchu. Ākāśabhandā pātālakā kurālā’ī chunchu. Tī kurā, jasakō astitva lōka māndainna jasakō ākāra sansāra jāndaina! Ma dēkhdachu, ḍhuṅgālā’ī phūla! Jaba, jalakinārakā jala ciplā tī, kōmalākāra, pāṣāṇa, cām̐danīmā, svargakī jādūgarnī matira hām̐sdā, patri’ēra, narmi’ēra, jhalki’ēra, balki’ēra, uṭhdachan mūka pāgalajhaim̐, phūlajhaim̐- ēka kisimakā cakōra phūla! Ma bōldachu tinasam̐ga, jastō bōldachan tī masam̐ga ēka bhāṣā, sāthī! Jō lēkhinna, chāpinna, bōlinna, bujhā’inna, sunā’inna. Junēlī gaṅgā-kināra chāla ā’um̐cha tinakō bhāṣā sāthī! Chāla chāla! Jarura sāthī ma pāgala!
Julian Tuwim
(* 13. September 1894 in Łódź; † 27. Dezember 1953 in Zakopane)
Politische Jamben
Sie sagen – sehr geehrter Herr -,
daß mich die Politik nicht ziert.
Denn Magier, Alchimist sei ich vielmehr,
der Wortessenz im Tiegel destilliert:
ein Fabrikant von zaub’rischer Tinktur
und ein Expert für Mystik im Gesange,
für den Instinkt, für Intuitionen nur
und andre apolitische Belange.
Ich habe viel gezaubert – zugegeben! –
und schäm‘ mich nicht der einstigen Praktiken.
Mein Schmerz war durch Extrakte zu beheben,
der Qual half oft ein Vers-Trank einzunicken.
Mir ging’s um die Romantik im Gedichte
– o Muse, holde Apothekerin! -,
um Trance und apollinische Gesichte.
So sang ich unpolitisch vor mich hin .
Doch da ich einst der Hexerei oblag
in meinem provinziellen Kräuterladen,
sah ich durch der Verzückung Nebelschwaden
und Mullgardinen schon den Tag
im Morgenrote … („Note?“ … „Götterbote?“ … )
Schon trieb’s mich, einen Hymnus hinzuhaun.
Allein es war der Weltbrand, der da lohte,
und fraglos als politisch anzuschaun.
Die off’ne Hölle überflammte mich.
Der Feind ward deutlich und die Umwelt klar.
Zum Teufel auf Vakanz entwich
die Phantasie, die pleite war.
Und die Geschichte barst. Ein Träumer fuhr
aus seiner alchimistischen Retorte,
der sich die Augen rieb. Mit einem Worte:
ein Dichter höchst politischer Natur.
Denn Politik führt rasch zum Menschenhirn.
Geschmeidig weiß sie nach dem Ziel zu streben.
Sie fädelt mich durchs Nadelöhr als Zwirn
und heftet mich mit fester Naht ans Leben.
Sie kreist – vom Strom des Blutes mitgerissen –
im Zeitgeschehn. Elektrisch hochfrequent
läuft sie als Schauer über das Gewissen –
die Politik, die dichterisch bekennt.
Denn sie, die Schöpferische, lehrt den Sinn
der großen Zeiten und der schlichten Woche
und meiner ewigen Gebärerin,
die täglich mich zur Welt bringt: der Epoche.
Aus dem Polnischen von Helene Lahr, in: Der Himmel voller Wunden. Polnische Gedichte, Chansons und Streiklieder aus fünf Jahrhunderten. Hrsg. Frank Geerk. Karlsruhe: von Loeper, 1982, S. 51f
Otto Nebel (* 25. Dezember 1892 in Berlin; † 12. September 1973 in Bern)
Wenn Schurken singen
Wir sind die gelehrten Verkehrten,
wir schnacken so klug, daß es knarrt;
der Wahnwitz, den wir vermehrten:
wie hat er die Völker genarrt!
Woimmer wir Weisheit vermuten,
da setzt unser Nörgeln ein;
da müssen wir quengeln und tuten,
verneinen, entstellen und schrein.
Wir wollen von niemandem lernen,
uns kann kein Kunstwerk erreichen;
uns treibt was, den Sinn zu entfernen,
der Worte Bedeutung zu streichen.
Wir können gefährlich vernünfteln,
das Gute und Wahre zerklauben:
wir haften nur an zwei Fünfteln,
wir können an Ganzes nicht glauben.
Gewißheit ist nicht unsre Sache,
drum haben wir auch kein Gewissen;
wir halten Erkenntnis für Mache,
wir können Erleuchtung vermissen!
Wir kennen wohl tausend Verfahren,
die Rechten vom Wege zu locken;
wir möchten selbst Fromme an Jahren
zuletzt noch zuinnerst verstocken.
Wir gaukeln, daß Irrsterne funkeln,
wir schaffen Wirrnis und Nöte;
wir schuften besessen im Dunkeln
und sorgen, daß Wissenschaft töte!
Aus: Otto Nebel: Prosa, Gedichte, Nachlaß (Das dichterische Werk Bd. 2). Hrsg. René Radrizzani. München: Text + Kritik, 1979, S. 217f (Frühe Texte der Moderne)
Adam Asnyk
(* 11. September 1838 in Kalisch, Russisch-Polen; † 2. August 1897 in Krakau)
Erste Strophe eines Gedichts
DEM XIX. JAHRHUNDERT
Zeit ohne Zukunft, ohne Tagvertrauen,
Die uns am Abgrund düster hingestellte
Lehrmeisterin in Nichtigkeit und Grauen,
Dem Geiste Martergruft und Grabeskälte;
O Zeit des Zweifels, Zeit der Glaubensleere,
Wie bist du schrecklich den im Leid Elenden!
Mit Rätselaugen siehst du die Misere,
Mit Hohn entläßt du, die in Qual verenden,
Und rufst ins Grab noch nach mit Mörderstimme:
„Alles ist aus, nun geht zugrund für immer.“
Nachdichtung Karl Dedecius
Wörtliche Übersetzung von Peter und Renate Lachmann:
Jahrhundert ohne morgen, Jahrhundert ohne Zukunft, / Das du düster vor den Abgrund trittst. / Lehrer des Grauens und des Nichts, / Das du den menschlichen Geist auf die Folter spanntest! / Jahrhundert des Zweifelns, o Jahrhundert des Unglaubens! / Wie schrecklich bist du doch für die Leidenden! / Mit Sphinx-Gesicht schaust du auf die Opfer, / Mit Spott verabschiedest du die, die in Qualen umkommen; / Indem du ihnen ins Grab die blutigsten Worte sendest: / Alles ist zu Ende, Euer Tod ist endgültig.
Aus: Poesie der Welt. Polen. Edition Stichnote im Propyläen Verlag Berlin, 1987, S. 186f.
Das ganze Gedicht im polnischen Original:
XIX-mu wiekowi.
Wieku bez jutra, wieku bez przyszłości,
Co nad przepaścią stanąłeś ponury!
Nauczycielu zgrozy i nicości,
Coś wziął ludzkiego ducha na tortury!
Wieku zwątpienia, o wieku niewiary!
Jakże ty strasznym jesteś dla cierpiących!
Sfinksową twarzą patrzysz na ofiary,
Szyderstwem żegnasz w męczarniach ginących,
Śląc im do grobu te słowa najkrwawsze:
„Wszystko skończone, giniecie na zawsze!”
Na co się przyda, mistrzu, twa nauka,
Na co się przyda dla błądzącej rzeszy?
Gdzież masz pociechę, któréj ona szuka?
Gdzież masz tę miłość, która ją rozgrzeszy?
Dałeś jéj ziemi obszary jałowe,
I dożywotnie dałeś jéj dziedzictwo;
Ale zabrałeś najlepszą połowę:
Idealnego świata uczestnictwo!
Choć jasne źródła stoją jéj otworem,
Ona z nich przecież rozkoszy nie czerpie,
I woła, sercem upadając chorem:
„Poco ja żyję, umieram i cierpię?”
Franz Werfel und Hilda Doolittle (H.D.) haben heute Geburtstag, Pauline Schanz und Mary Oliver, aber Lyrikzeitung gibt heute Elisabeth von Österreich-Ungarn das Wort, Sisi, Kaiserin und Autorin von Tagebüchern und Gedichten. An diesem Tag im Jahr 1898 starb sie. Sie verehrte Heine, der 40 Jahre älter war als sie, sie wollte der Stadt Düsseldorf ein Heinedenkmal schenken, die es aber ablehnte, so dass es nach langer Irrfahrt wie Heine selber in Frankreich Asyl fand. (Okay, verkürzte Fassung einer langen Geschichte. Es gibt zwei Heinedenkmäler, die von ihr finanziert wurden, das zweite steht in New York).
Ein Heine war sie nicht (von ihrem fünf Jahre jüngeren Generationsgefährten Mallarmé schweigen wir). Große Dichtung ist es nicht (aber warum immer nur „große“ lesen? Wie sollte man dann Maßstäbe entwickeln?). Für sie war das Schreiben Tagebuch und wohl auch Therapie. Hier zwei Proben aus dem Zyklus Nordsee Lieder (1885-87). Die erste ist unfreiwillig komisch-anstößig.
3.
Die Fischer geh’n am Strand herum
Im feschen Sonntagsschmuck,
Und kosen, Liebchen fest am Arm,
Mit Blick und Händedruck.
Heissa! Ich brauch‘ kein‘ Fischermann;
Mein Liebster liegt am Meer,
Der Göttliche, der Herrliche,
Mit seinem Schild und Speer!
Die zweite geht so durch.
20.
Finis
Die Feder, die ich vier Wochen
In deine Fluten getaucht,
Nun hab‘ ich sie zerbrochen,
Sie wird nicht mehr gebraucht.
Vier Wochen hat sie besungen
Dich ohne Unterlass;
Ob diess ihr wohl auch gelungen?
Ach, wir bezweifeln das!
Nun wird sie wieder vertauschet
Mit Schläger und Rappier;
Dieweil die Woge hier rauschet,
Trägt dort mich’s edle Tier.
Die Poesie können holen,
(Die ich ins Meer versenkt,)
Die Kabeljau und die Soolen; Ihnen sei sie geschenkt.
(Soolen: alte Schreibweise von Solen, Salzwasser).
Als Zugabe ein Stück Polemik von kaiserlicher Hand, gerichtet an die Kritiker ihres Heinedenkmals – und das hat mehr Biss:
Antwort an …
Dass meinem „Aufruf“ du nicht Lob geschenkt,
Ja, dass du ihn sogar sehr schlecht gefunden,
Es hat mich dies wahrhaftig nicht gekränkt,
Ich hab‘ des Tadels Stachel nicht empfunden.
In seiner Seele hätt‘ ich mich zu tief versenkt
Und zu begeistert Ihm den Kranz gewunden?
Der solche Kritik über mich verhängt,
Der Arme bellt mir gut mit andern Hunden.
Quelle: Sissis [sic] Gedichte. Kaiserin Elisabeth von Österreich (eBuch) Bei Google für 99 Cent zu haben.
Stéphane Mallarmé
(* 18. März 1842 in Paris; † 9. September 1898 in Valvins)
Gabe des Gedichts
EIN KIND AUS EDOMS NACHT, HIER LIEGT ES VOR DIR. BLOSS
Und schwarz, mit Flügeln blutig-bleich und federlos,
Durchs Fensterglas, gebeizt von würzigem Rauch und Gold,
Gefrorne Scheiben, ach, noch eine Hellung hold,
Stürzte die Morgenröte in der Lampe Schein.
Triumph! Und als erschien ihr abgelebtes Sein
Dem Vater, der nur mehr ein böses Lächeln fand,
Da lief ein Schauer durch der Schatten blaues Land.
O Wiegerin, mit deiner Tochter, sündelose
An kühlem Wandel, nimm das Kind aus grausem Schoße,
Und in der Stimme weckend allen Klanges Lust,
Wirst du mit bleichem Finger pressen deine Brust,
Der sibyllinisch weiß das Weibliche entquillt
Für Lippen, deren Durst kein Glanz des Äthers still?
Deutsch von Fritz Usinger. Aus: Stéphane Mallarmé: Gedichte. Jena: Karl Rauch, 1948, S. 15
GABE DES GEDICHTES
Ich bringe dir das Kind aus einer Edoms-Nacht!
Schwarz, blutiger bleicher Schwinge, bar der Federtracht,
warf sich durchs Glas, das duft- und goldversengte,
durch Scheiben, die vereist, ach, Dunkel noch verhängte,
auf meiner Lampe Frieden, Palmprunk! Morgenrot,
und als es, was ihm da verblieb, dem Vater bot,
und er ein Lächeln zwang, worin schon Feindschaft lauert,
hat, unfruchtbar und blau, die Einsamkeit geschauert.
O die du deine Tochter wiegst, mit euern kalten
unschuldigen Füßen, willst den Greuelbalg du halten,
und wirst du, deren Stimme weichen Saitenklängen
gleicht, mit dem welken Finger deinen Busen drängen,
daß ihm, geheimnisvolles Weiß, das Weib entquille,
in keuscher Himmelsluft hungernde Lippen stille?
Deutsch von Richard von Schaukal. Aus: Stéphane Mallarmé: Gedichte. Freiburg/Br.: Karl Alber, 1947, S. 51
Eine weitere deutsche Fassung von Carl Fischer in: Mallarmé, Sämtliche Dichtungen. München, Wien: Hanser, 1992
Don du poème
Je t’apporte l’enfant d’une nuit d’Idumée !
Noire, à l’aile saignante et pâle, déplumée,
Par le verre brûlé d’aromates et d’or,
Par les carreaux glacés, hélas ! mornes encor
L’aurore se jeta sur la lampe angélique,
Palmes ! et quand elle a montré cette relique
A ce père essayant un sourire ennemi,
La solitude bleue et stérile a frémi.
Ô la berceuse, avec ta fille et l’innocence
De vos pieds froids, accueille une horrible naissance
Et ta voix rappelant viole et clavecin,
Avec le doigt fané presseras-tu le sein
Par qui coule en blancheur sibylline la femme
Pour des lèvres que l’air du vierge azur affame ?
(1883)

August Wilhelm Schlegel
(* 5. September oder 8. September 1767 in Hannover; † 12. Mai 1845 in Bonn)
Schillers Lob der Frauen.
Parodie. (Zum Original)
Ehret die Frauen! Sie stricken die Strümpfe,
Wollig und warm, zu durchwaten die Sümpfe,
Flicken zerrißene Pantalons aus;
Kochen dem Manne die kräftigen Suppen,
Putzen den Kindern die niedlichen Puppen,
Halten mit mäßigem Wochengeld Haus.
Doch der Mann, der tölpelhafte
Find‘t am Zarten nicht Geschmack.
Zum gegohrnen Gerstensafte
Raucht er immerfort Taback;
Brummt, wie Bären an der Kette,
Knufft die Kinder spat und fruh;
Und dem Weibchen, nachts im Bette,
Kehrt er gleich den Rücken zu. usw.
Erwiederung der Jungfrauen und Junggesellen.
Die Jungfrauen.
Du schiltst die Männer, um die Frau’n zu loben.
Wie ungeschickt, o Schiller! wie verschroben!
Wir können nicht den Bräutigam entbehren:
Nun willst du uns, ihn zu verabscheu’n, lehren?
Nein, geh zu Rath bei’m Wiener Schikaneder!
Der giebt das Seine Jedem so wie Jeder.
»Bei Männern, welche Liebe fühlen,
Fehlt auch ein gutes Herze nicht.
Die sanften Triebe mitzufühlen
Ist dann der Weiber erste Pflicht.
Mann und Weib und Weib und Mann
Reichen an die Gottheit an.«
Die Junggesellen.
Pereat Schiller!
Wir fragen: Was will er?
Der moralische Phantast
Macht uns Männer den Frauen verhaßt.
Wären wir beide so, wie er sagt,
So wären wir mit einander geplagt.
Unser Schikaneder lebe!
Laßt uns seine weisen Lehren
Eifrig durch die That bewähren!
Jeder edle Jüngling strebe
So wie jedes holde Weib,
Daß im Bund von Seel‘ und Leib
Nach dem heil’gen Schwur der Treue
Alles sich des Lebens freue,
Und die junge Welt erneue.
Quelle:
August Wilhelm von Schlegel: Sämtliche Werke, Band 2, Leipzig 1846, S. 171-173.
Als Zugabe ein Aphorismus aus der Zeitschrift Athenäum:
„Die Frauen werden in der Poesie ebenso ungerecht behandelt wie im Leben. Die weiblichen sind nicht idealisch, und die idealischen sind nicht weiblich.“
(1798)
Rainer Schedlinski
(*11.11.1956, † 06.09.2019)
theseus zur rolle der frau
das gras wächst, wir aber werden
erwachsen, vermehren uns
mit geschlossenen augen
um besser zu sehen, damit
ein gegenteil entsteht, das ist
die überzeugung, ist die kunst
des sterbens, inflation
der sinne, am ende der futurismus
der zwecklosen mittel, das ist
das system, ariadne, die männer
der frauen verschwinden
gelegentlich ohne ein ziel
Aus: Rainer Schedlinski: Die Männer der Frauen. Zeichnungen Ute Hünniger. Berlin: Druckhaus Galrev, 1991, S. 26
Mikhl Likht
(* 30. Juni 1893 im Dorf Plisk, Distrikt Kremenits, Wolhynien; † 10. Juni 1953, New York)
(kh wie ch in ach)
Aktuelle Leseempfehlung. Im soeben erschienenen Heft 93 der Literaturzeitschrift Schreibheft wird u.a. der jiddische Avantgardist Mikhl Likht vorgestellt. Das von Norbert Lange zusammengestellte Dossier enthält Aufsätze von Lange („Reise nach Jiddishland“), Julian Levinson und Ariel Resnikoff („Englisch denken, jiddisch schreiben“), Auszüge aus Likhts Gedichtzyklus „Prozessionen“, dazu ein poetologischer Aufsatz des Dichters sowie Gedichte von Jerome Rothenberg und Ariel Resnikoff. Wieder eine großartige Entdeckung dieser Schatzgräberzeitschrift – an der ich nur das Fehlen einer wenigstens klitzekleinen jiddischen Leseprobe bekrittele. Vor ein paar Jahren erschien eine englisch-jiddische Ausgabe in den USA, aber weder der Buchhandel noch Amazon und WWW können sie beschaffen.

Nachdichtung nach der amerikanisch-englischen Übersetzung von Rainer G. Schmidt
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