Miron Białoszewski
(* 30. Juni oder 30. Juli 1922 in Warschau; † 17. Juni 1983 ebenda)* laut polnischem Wikipedieeintrag
ICHBINS BEWEIS
ich bin
ich bin dumm
was soll ich tun
ach was soll ich tun
wie nicht wissen
ach was weiss ich
was ich bin
ich weiss dass ich bin
so wie ich bin
vielleicht nicht ganz dumm
aber das vielleicht nur weil ich weiss
dass jeder für sich der Wichtigste ist
denn auch wenn man mit sich nicht im Reinen ist
ist man sowieso so wie man ist
Aus: Miron Białoszewski, Wir Seesterne. Gedichte. Polnisch und deutsch. Übersetzt u. hrsg. v. Dagmara Kraus. Leipzig: Reinecke & Voß, 2012, S. 60f
Einmal, als es noch das Land Tschechoslowakei gab (es hieß aber Tschechoslowakische Sozialistische Republik, tschechisch abgekürzt ČSSR), war ich in Prag. Ich kannte nur ein paar Sätze aus dem Reisesprachführer und versuchte sie in einem Laden anzuwenden. Mit Erfolg – die Verkäuferin fragte, ob ich Slowake sei.
Davon handelt wohl dieses slowakische Liedchen:
Die Begegnung in Prag
Als ich zog durch Prag die Stadt wohl auf der linken Seite,
begegnet mir ein Mägdlein eitel Samt und Seide:
ich sprach zu ihr höfisch,
da sagte sie čechisch:
Gott zum Gruß, viellieber Herr, und glückliches Geleite.
Aus: Slowakische Anthologie. Übertragungen von Paul Eisner. Leipzig: Insel, o.J. (1920) (IB 103), S. 26 (Dieses Buch erschien mit Unterstützung Hugo von Hofmannsthals).
Ende der 90er Jahre, als ich bei der Greifswalder Literaturzeitschrift „Wiecker Bote“ mitarbeitete, hatten wir das Projekt einer „Europäischen Bibliothek“, zu der ich solche Bücher beisteuerte. Sie kam leider nicht zustande, wir wollten damals die Greifswalder Literaturvereine unter dem Dach eines „Literaturzentrums Vorpommern“ zusammenbringen, es kam nicht dazu, mit Bundes-Hilfe entstand dann das Koeppenhaus als „Literaturzentrum Vorpommern“ und im gleichen Jahr das Falladahaus, dessen Träger der von mir mitgegründete Verein pom-lit (Pommersche Literaturgesellschaft) wurde. Sollte eines Tages im Geburtshaus von Sibylla Schwarz ein Literaturhaus entstehen, wäre es das dritte in der Stadt, für die selbst eins schon viel ist. Ist das gut oder schlecht?
Jacopo Sannazaro
(* 28. Juli 1458 in Neapel; † 6. August 1530 ebenda)
DICHTERFLUCH
WER Lilien und Rosen, gleich den Thoren,
Aus Nesselsaamen aufzuziehn gedenkt;
Wer Lunens Wagen vom Apoll gelenkt,
Und Abends zu erblicken wähnt Auroren;
Wer unter feindlichem Gestirn geboren,
Wem keine Muse je die Gunst geschenkt,
Wen statt der Hippokrene Wasser tränkt,
Wer allen Ruhm auf Erden giebt verloren;
Wem nimmer strahlte der Begeistrung Licht,
Wen nimmer göttliche Gesänge laben,
Wem nie ein Kranz die leere Stirn umflicht:
Der singe dich und deine holden Gaben,
Und schreib‘ auf Wind und Wasser sein Gedicht;
Sein Name fall‘ und sey mit ihm begraben!
Deutsch von Johann Diederich Gries
Aus: Italienische Gedichte. Mit Übertragungen deutscher Dichter. Zusammengestellt von Horst Rüdiger. Leipzig: Karl Rauch, 1938, S. 99
BESINGE dich, wer Lilien und Syringen
Aus Nesselsamen aufzuziehn vermeint,
Wem das Gestirn am Himmel feindlich scheint,
Wer keinen Ruhm auf Erden will erringen.
Besinge dich, wem keine Verse klingen,
Und wem das Morgenrot im West erscheint;
Besinge dich, wer all sein Mühn vereint,
Daß Stil und Witz und Wort ihm nichts erbringen.
Besinge dich, wer niemals Ehren fand,
Und leistet auf des Wissens Lohn Verzicht,
Wer keine Kränze um die Stirne flicht.
In Wasser und in Wind schreib sein Gedicht,
Wer je für dich die Feder nahm zur Hand:
Vergessen seien Name, Zeit und Land.
Aus: Italienische Sonette aus vier Jahrhunderten. Ausgewählt, übersetzt u. m. e. Nachwort versehen von Maria und Leo Lanckoroński. Krefeld: Scherpe, 1947, S. 67
Scriva di te chi far gigli e vïole
del seme spera di pungenti ortiche,
le stelle al ciel veder tutte nemiche,
e con la aurora in occidente il sole.
Scriva chi fama al mondo aver non vuòle,
Ad cui non fur giamai le Muse amiche,
scriva chi perder vòl le sue fatiche,
lo stil, l’ingegno, il tempo e le parole.
Scriva chi bacca in lauro mai non colse,
chi mai non giunse a quella rupe estrema,
né verde fronda a le sue tempie avolse.
Scriva in vento et in acqua il suo poema
la man, che mai per te la penna tolse;
e caggia il nome, e poca terra il prema!
Rajzel Żychliński
רייזל זשיכלינסקא
(* 27. Juli 1910 in Gąbin im heutigen Polen, poln. Rajzla Żychlińska; † 13. Juni 2001 in Concord, Kalifornien)
VERWIRRT SICH IN MIR EIN VERS
Verwirrt sich in mir ein Vers
aus einem Rilke-Gedicht –
die Bauwerke wollen aus ihren engen
Gerüsten klettern
und wollen sehn, wo das Feld beginnt.
Und ich will auch aus mir
herausklettern und sehn,
wo die Stadt zu Ende ist.
Doch ich bin eine Gefangene
der Wolkenkratzer
und der langen Schatten, die sie
auf Häuser werfen,
auf Straßen,
Stadtviertel –
ewig werde ich da
herumirren,
mich überall suchen,
verloren,
unverbesserlich.
plontert sich in mir
plontert sich in mir a schure
fun rilkess a lid –
di gebajdess wiln arojsskletern
fun sejere schmole ruschtowanjess
un wiln sen wu doss feld hejbt sich on.
un ich wil ojch arojsskletern fun mir
un ch’wil sen
wu di schtot endikt sich.
nor ch’bin a gefangene do
fun di wolkn-krazerss –
di lange schotnss woss sej warfn
ojf hajser,
gassn,
kwartaln –
un ch’wel schojn ejbik do
arumblonken,
mich arumsuchn
farlojrn,
farfaln.
Aus: Rajzel Żychlińsky: di lider 1928-1991. Die Gedichte. Jiddisch und deutsch. Hrsg. u. übers. Hubert Witt. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2003, S. 856f
Felix Philipp Ingold
Schwache Gedanken
Kommt daher das Wanken
Von Worten getragen?
Länger zu fragen
Verzögert das Ende
Verhindert den Sinn.
Feisten Gestalten
Zum Gruß an sich halten
(Schlimmer: sich beugen).
Statt auszusteigen
Hebt ihr die Hände
Lebt weiter so hin …
Aus: Felix Philipp Ingold: Fremdsprache. Gedichte aus dem Deutschen. Berlin: Rainer Verlag, 1984, S. 48
Friedrich Rückert
Des Dichters Freude am Gedicht
Erst hattest du deine Freude dran;
Nun haben sie andre Leute dran:
Das ist nun deine Freude dran.
Aus: Neuer poetischer Hausschatz. Halle: Hendel, o.J. (ca. 1896), S. 14
Französische Rechtschreibung ist für Anfänger schwierig aber lernbar. Ein geordnetes System von Regeln. Englische? Schwer aber lernbar. Vielleicht sind es auch Regeln, aber es sind so viele, dass ich sie von Ausnahmen kaum unterscheiden kann.
Und Hebräisch? Ich lerne noch. Für den Lernenden entstehen in buchstäblich jedem Wort Optionen. Auf eine Weise spannend und poetisch. Geradeaus denken versagt ebenso wie einfach auswendig lernen. Ich muss mitarbeiten, Optionen durchspielen und kombinieren. Lyrikleser und Detektiv.
Einfaches Beispiel:
היא שרה. Transkribiert: Hi srh.*
Das erste Wort ist gesetzt: hi. Gesprochen wie Englisch he, bedeutet aber she, sie. (Während „er“ hu heißt, wie who. Amüsiert mich immer noch. He is she and who is he?)***
Dann wird’s knifflig. שׂ oder שׁ, sin oder schin****? Ich probiere es mit sin, Punkt auf dem linken Bogen. Dann muss ich den Vokal raten. Ich versuche es mit a: Hi Sa-, gefolgt von r, gefolgt von h: Hi Sarh. Jetzt muss ich nur ein zweites a einschieben und habe den Namen Sarah. Hi Sarah, sie (ist, das Hilfsverb entfällt), sie ist Sarah. Den Namen kenne ich natürlich und habe ihn oft gelesen.
Aber wenn man das zweite a betont? Dann heißt es: Sie ist Minister, hi saráh. Sarah ist Minister? Sarah hi saráh.
Und wenn es doch schin und nicht sin ist: Hi scharah, sie singt. Die singende Ministerin Sarah. Sarah ist Ministerin, und sie singt. Sarah hi saráh wehi schara.
(Und das ist ein kleiner Übungssatz. Ich muss so viel lernen, dass sich mir der Tanz des Intellekts***** zwischen den Buchstaben im Gedicht öffnet).
Gedicht: auf mehr als eine Weise spannend und poetisch.
*) Im Hebräischen werden nur Konsonanten geschrieben, auch alef, alpha, א ist keine Ausnahme, es ist kein A wie im Griechischen oder Deutschen, sondern der Knacklaut, Glottis, der im Deutschen wie im Hebräischen, aber anders als im Französischen vor jedem Vokal im Silbenanlaut mitgesprochen wird. Im Deutschen schreibt man ihn nicht, deshalb haben wir ihn vergessen und bemerken ihn selten, aber er ist immer da, außer wenn Franzosen Deutsch sprechen: ischabe keinauto. Die alten Deutschen kannten ihn, wie der Stabreim beweist. Stäbe sind verstragende Wörter, die mit dem gleichen Konsonanten beginnen, b, d, f usw. bis hin zum Glottis: alle Wörter mit Vokal vorn können Stäbe bilden. Beispiel im Hildebrandslied: H-Stab in Vers 3: hıltıbrant entı hadubrant untar herıun tuem, Glottisstab in Vers 2: dat ſih urhettun ænon muotın oder Vers 16: alte antı frote dea erhına ƿarun. Im Deutschen schreibt man ihn nicht, das ist wohl nur dem Zufall geschuldet, dass die Erfinder des germanischen / deutschen Alphabets dafür keinen Buchstaben erfanden, weil sie sich am Latein orientierten. Im Hebräischen, eine uralte Konsonantenschrift, schreibt man ihn (die Griechen haben später die nicht benötigten Konsonanten für ihre Vokale umfunktioniert oder neue Zeichen erfunden, so wurde aleph zu alpha, a.) ** – Die Hebräer schreiben nur Konsonanten. Naja fast. Zwei Ausnahmen gibt es. Die Buchstaben für j (jod) und w (waw) wurden später auch für die Vokale i und o/u benutzt, um Unklarheiten im Bibeltext zu minimieren. Nicht jedes i oder o (das auch u sein kann) muss geschrieben werden, aber viele. Nur deshalb kann man hih schnell als sie identifizieren.
**) Genau genommen haben die Hebräer für einige Konsonanten, auch für den Glottis, zwei Buchstaben. Aber wir wollen es nicht gleich übertreiben.
***) Womit das Spiel nicht zu Ende ist. Das Pronomen ich heißt Hebräisch ani, das ist im Russischen ein anderes Fürwort: sie, dritte Person Plural. Ani srh, ani Sarah ist Hebräisch: Ich bin Sarah. Ich bin Sarah, sie ist er und er ist wer?
****) Für des Englischen Kundige gibt es eine Eselsbrücke, um sich die Punktierung bei dem Doppelbuchstaben sin/schin zu merken: Sin is not right. Überprüfen sie’s: שׂ. = sin, שׁ = schin.
*****) Tanz des Intellekts (zwischen den Wörtern und Ideen), damit benennt Ezra Pound eine von drei poetischen Sprechweisen, Logopœia (die komplexeste neben Melopœia, Klanglichkeit, und Phänopœia, Bildlichkeit (mehr). Wie bezeichnend, dass der Tanz des Intellekts im Hebräischen schon zwischen den Buchstaben einsetzt!
Philipp Otto Runge
(* 23. Juli 1777 in Wolgast; † 2. Dezember 1810 in Hamburg)
Wollgast den Januar 1807
Liebster Perthes
… wir haben den Sommer die Pr(eußen) an der Grenze gehabt, jetzt die fr(anzosen) und also immer ein doppeltes interesse, welches eben nur so interessant ist, daß es eben langweilig werden will und nicht dazu kommen kann (…) ich will es übergehen, wie unsere herzen zerrissen sind über die Begebenheiten, beyde, der Welt und unserer famielie, über die Angst für die auswärtige Gefahr und die persönliche, die jeden Augenblick da war, und es ist nicht vorbey. …
Nun über meine Arbeiten, wie ich fortschreite, darüber kann u. mag ich nichts sagen, das zeigt sich besser. ich suche mich gebrauchen zu lernen, für Billroth in Gr(eifswald) habe ich seine schwester gemahlt, den alten Pastor hier, Vater und Mutter, dann hatte ich einige leute unter mahlt (…) jetzt habe ich eine ziemlich große Composition zu Kosegarten seiner Capelle untermahlt, ein Mondscheinst(üc)k (…)
(…) Das Hauptquartier ist in Friedland, in Anklam ists entsetzlich und noch nicht zu Ende. – Klinkow(ström) grüßt euch alle viel tausend mahl. … neulich ging ich von greifswald zu ihm, ich nahm zu Kanes eine halbe Meile von L(udwigsburg) einen bauer, der mit mir hin reiten muste. es war hoch wasser und frostwetter den andern Tag noch, wir waren am Seestrand, der Wind war stark und stand grad ans land, viel schwäne waren auch da, es war ganz herrlich, es wird uns nur bald an farben fehlen. (…) grüße alle bekante u. freunde, auch Hertrich
dein Otto
Es blüht eine schöne Blume, in einem weiten Land
die ist so seelig geschaffen, und wenigen bekant
Ihr Duft erfüllt die Thale, Ihr Glanz erleuchtet den Wald,
Und wenn ein Kranker sie siehet, die Krankheit weichet bald
wo kömmt im Morgenwinde, die blitzende Sonne her
was glüht am kühlen Abend, auf Bergen Wolken und Meer
die Bäche und Seen erglänzen, im klaren Mondenschein
Im Himmel sind unsre Hütten, drin glänzen Sternelein
drey Könige kamen gezogen, zu einem Heiligtum
der Stern stand über dem Hause, drin lag die süße Blum.
Wenn ich zwey Augen erblicke, die funkeln hin und her
So wünsche ich daß im Herzen, die süße Blümlein wär!
Aus: Heimat und Freundschaft. Briefe von Philipp Otto Runge in der Urfassung. München: Langen / Müller, 1939, S. 47-50
Werner Söllner
Zum Glück
für Constantin von Barloewen
Wir stolpern, wir stolpern
in den Tag hinein.
Das soll unser, das soll
unser Leben sein.
Und abends, und abends
stolpern wir zurück
in die Nacht, und das
macht unser Glück
aus: das Licht.
Aus: Das Land am Nebentisch. Texte und Zeichen aus Siebenbürgen, dem Banat und den Orten versuchter Ankunft. Hrsg. Ernest Wichner. Leipzig: Reclam Leipzig, 1993, S. 205
Gottfried Keller ist ein sehr vielseitiger Dichter. Natur- und Liebesgedichte finden sich ebenso wie polemische Sonette, politisch Streitlustiges, Pathos und verspielte Gaselen, Ironie und Melancholie und Gelegenheitsgedichte zu öffentlichen Festen. Alles das ist „Lyrik“, aber im engeren Sinne am (Lyrik, Lyriker, -) „lyrischsten“ wohl das Abendlied, von dem schon Theodor Storm entzückt war und mit dem meine Trilogie schließt.
Abendlied
Augen, meine lieben Fensterlein,
Gebt mir schon so lange holden Schein,
Lasset freundlich Bild um Bild herein:
Einmal werdet ihr verdunkelt sein!
Fallen einst die müden Lider zu,
Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh‘;
Tastend streift sie ab die Wanderschuh‘,
Legt sich auch in ihre finst’re Truh‘.
Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn
Wie zwei Sternlein, innerlich zu sehn,
Bis sie schwanken und dann auch vergehn,
Wie von eines Falters Flügelwehn.
Doch noch wandl‘ ich auf dem Abendfeld,
Nur dem sinkenden Gestirn gesellt;
Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,
Von dem goldnen Überfluß der Welt!
Aus: Gottfried Keller: Gedichte / Der Apotheker von Chamounix, a.a.O. S. 27
Noch eins von dem großen Gottfried Keller. Anderer Ton.
Die Aufgeregten
Welche tief bewegten Lebensläufchen,
Welche Leidenschaft, welch wilder Schmerz!
Eine Bachwelle und ein Sandhäufchen
Brachen gegenseitig sich das Herz!
Eine Biene summte hohl und stieß
Ihren Stachel in ein Rosendüftchen,
Und ein holder Schmetterling zerriß
Den azurnen Frack im Sturm der Mailüftchen!
In ein Tröpflein Tau am Butterblümchen
Stürzt‘ sich eine kleine Käferfrau,
Und die Blume schloß ihr Heiligtümchen
Sterbend über dem verspritzten Tau!
Aus: Gottfried Keller: Gedichte. Der Apotheker von Chamounix (Gottfried Kellers Werke. Zürcher Ausgabe Bd. VIII). Zürich: Diogenes, 1978, S. 225f
Gottfried Keller
(* 19. Juli 1819 in Zürich; † 15. Juli 1890 ebenda)
Geübtes Herz
Weise nicht von dir mein schlichtes Herz,
Weil es schon so viel geliebet!
Einer Geige gleicht es, die geübet
Lang ein Meister unter Lust und Schmerz.
Und je länger er darauf gespielt,
Stieg ihr Wert zum höchsten Preise;
Denn sie tönt mit sichrer Kraft die Weise,
Die ein Kundiger ihren Saiten stiehlt.
Also spielte manche Meisterin
In mein Herz die rechte Seele,
Nun ist’s wert, daß man es dir empfehle,
Lasse nicht den köstlichen Gewinn!
Aus: Gottfried Keller: Gedichte. Der Apotheker von Chamounix (Gottfried Kellers Werke. Zürcher Ausgabe Bd. VIII). Zürich: Diogenes, 1978, S. 223f)
Das heutige Gedicht ist keins, zumindest hat es keinen Verfassernamen. Es steht in einem Lesebuch für Chinesischlernende: Erste chinesische Lesestücke. Ausgewählt und übersetzt von Susanne Hornfeck und Nelly Ma. München: DTV, 2009. 2. Aufl., 2011, S. 53. Nun, es heißt Lied, es ist gereimt und metrisch (alle Zeilen außer der ersten und dritten haben sieben Silben, die beiden haben sechs mit Komma in der Mitte). Und mir gefällt es, ich lese gern Texte in mir unbekannten Sprachen. Es ist ein Kinder- oder Scherzgedicht mit einer Portion Brutalität.
Verkehrtes Lied
In Milch beißen und Brot trinken,
mit der Eisenbahn unterm Arm in die Aktentasche steigen.
Die Ost-West-Straße in Nord-Süd-Richtung gehen,
aus dem Tor treten und zusehen, wie ein Mensch einen Hund beißt.
Den Hund nehmen und damit den Ziegelstein schlagen,
doch ich fürchte, der Ziegelstein könnte mir in die Hand beißen.
Angefügt eine kleine Leseübung ganz laienhaft falsch mit Google und einem Buch über chinesische Schrift, einfach aus Spaß an der Freude..
Das Wort für Brot, die letzten zwei Silben der ersten Zeile, 面包, in traditioneller Schreibung 麵包, setzt sich zusammen aus miàn, 面, Mehl, Nudeln, und bāo, 包, was Google mit Paket übersetzt. Ah, da ist Mehl drin!
In der vierten Zeile eins der drei Wörter, die ich erkenne, Mensch, 人. Sieht man nicht, wie er schreitet? Aufgabe: Raten Sie, welches Zeichen weiter vorn in der Zeile „Tor“ heißt! Wenn Sie es gefunden haben, lesen Sie bei Ezra Pound weiter: ABC des Lesens (Arche 2007)
Silvio Pfeuffer
(1969-2019)
enklaven
als es auf die kompromisse nicht mehr ankam
weil jeder sie einzugehen bereit war
die taschenklappen schlugen durch in den herzen
viele kamen mit dem gehen und bleiben nicht mehr nach
taxis transportierten großes konservatives erzählkino
durch die knochenbälkchen der stadt
in jedem winkel reklamierte man es für sich
es war wie eine schmierinfektion
vieles traf zu, was wir nie geleugnet hätten
jeder beeilte sich, um auch nur
neid und blöße wieder zu empfinden
die meisten rutschten in einem falschgelenk hin und her
wenige glaubten sich von grundauf neu
die straßen gingen ihnen aus
und niemand musste mehr tun, was er ihnen nie getan hätte
wir stellten ihnen nach bis in den morgen
die stadt bekam ein krankhaft vergrößertes herz
schluckte an den gesinnungen
von zellulosehandtüchern verstopften nasszellen
reinigungskräfte wischen sie aus zwischen vier und sechs
Silvio Pfeuffer 25.04.2008
Aus: Poetenladen http://www.poetenladen.de/silvio-pfeuffer-lyrik.htm
Rainer Kirsch
(* 17. Juli 1934 in Döbeln, Kreishauptmannschaft Leipzig; † 4. September 2015 in Berlin)
2005
Unsere Enkel werden uns dann fragen:
Habt ihr damals gut genug gehaßt?
Habt ihr eure Schlachten selbst geschlagen
Oder euch den Zeiten angepaßt?
Mit den Versen, die wir heute schrieben,
Werden wir dann kahl vor ihnen stehn
Hatten wir den Mut, genau zu lieben
Und den Spiegeln ins Gesicht zu sehn?
Und sie werden jede Zeile lesen
Ob in vielen Worten eines ist
Das noch gilt, und das sich nicht vergißt.
Und sie werden sich die Zeile zeigen
Freundlich sagen: „Es ist so gewesen.“
Oder sanft und unnachsichtig schweigen.
[1962]
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