Müde eurer Zivilisation

Fenton Jonson

(* 7. Mai 1888, Chicago, † 17. September 1958, Chicago)

MÜDE

Ich bin müde der Arbeit. Bin müde, an andrer Zivilisation zu bauen.
Wir wollen ausruhn, M’Lissy Jane.
Ich will hinunter in den Chance Salon, ein oder zwei Liter
Whisky saufen, ein oder zwei Würfelspiele spielen und
den Rest der Nacht auf dem Schanktisch verschlafen.
Laß unser altes Heim verrosten. Die Kleider der Weißen
sollen zu Staub werden und die Calvary-Baptistkirche zerbröckeln.
Verbring deine Tage damit, deinen Mann zu vergessen,
und in den Nächten bettle um warmen Whisky, den
Mike den Kokotten hinten im Chance Salon serviert.
Ersäuf unsre Kinder. Zivilisation bescherte uns zu viele.
Für einen Schwarzen ist der Tod das Beste.
Reiß die Sterne aus dem Himmel. Sterne zeichnen unser
Schicksal. Die Sterne zeichneten unser Schicksal.
Müde bin ich der Zivilisation.

Aus: Die neue Welt. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik. Hrsg. u. übersetzt von Claire Goll. Berlin: S. Fischer, 1921, S. 73

Zwei Abschnitzel von Goethe

Johann Wolfgang Goethe

Onckel und diri bleiben
Werden ich dumsi da
Also nit weiter treiben
Mochten im samsi da.


S. 685

A.
Das ist wieder ein gefährliches Buch!
B.
Gefährlich! Gefährlich! Was gefährlich. Gefährlich sind
solche Bestien, wie ihr seid. Die alles ringsherum mit
Fäulnis anstecken, die alles Schöne und Gute begeifern
und bescheißen und dann die Welt glauben machen, es
sei alles nicht besser als ihr eigner Kot!

S. 677

Aus: GOETHES SAEMTLICHE WERKE, BAND XIII. Hrsg. Fritz Bergemann und Max Hecker. Leipzig: Insel, o.J.

[LUSTIGE EINFÄLLE, ERNSTE REFLEXIONEN,
POETISCHE ABSCHNITZEL, UNMITTELBARE
BEOBACHTUNGEN]
[I. BIS ZUR ÜBERSIEDELUNG NACH WEIMAR]

Der Traum. Le Rêve

Henri Rousseau

(genannt „Le Douanier“, Der Zöllner; * 21. Mai 1844 in Laval; † 2 . September 1910 in Paris)

Der Traum

Jadwiga, süß entschlummert kaum,
Hat einen wunderschönen Traum;
Der Flöte Ton dringt an ihr Ohr,
Ein guter Zauberer ruft ihn hervor.
Das Mondlicht wird zurückgestrahlt
Von Flüssen und vom grünen Wald.
Die Schlangen hören auf zu höhnen,
Sie lauschen still den heitren Tönen.

Aus: Anthologie der Abseitigen Hrsg. Carola Giedion-Welcker. Frankfurt/Main: Luchterhand, 1990, S. 26/273

Le Rêve

Yadwigha dans un beau rêve
S’étant endormie doucement
Entendait les sons d’une musette
Dont jouait un charmeur bien pensant.
Pendant que la lune reflète
Sur les fleuves [or fleurs], les arbres verdoyants,
Les fauves serpents prêtent l’oreille
Aux airs gais de l’instrument.

[1910]

Henri Rousseau. The Dream. 1910. Oil on canvas, 6′ 8 1/2″ x 9′ 9 1/2″ (204.5 x 298.5 cm). Gift of Nelson A. Rockefeller Wikipedia Loves Art at the Museum of Modern Art This photo of item # 252.1954 at the Museum of Modern Art was contributed under the team name „trish“ as part of the Wikipedia Loves Art project in February 2009. Museum of Modern Art The original photograph on Flickr was taken by Trish Mayo.

Die Schönheit ist anspielungsreich

Innokentij Annenskij

(* 20. August jul./ 1. September 1855 greg. in Omsk; † 30. November jul./ 13. Dezember 1909 greg. in Sankt Petersburg)

Die Poesie

In dir sind quälerisch verbunden
Des Lebens Zufall und der Schöpfergeist,
Die Schönheit ist anspielungsreich,
So kann sie sich subtil bekunden …

Du hast die Liebe hier gefunden,
In diesem trügerischen Wüstenreich,
Wo alles sich vermählt im Kunterbunten
Und nicht ein Klang dem andern gleicht.

Du bleibst der Hand, dem Aug entzogen,
Bist uns als Göttin nicht gewogen
Und schimmerst fern als fahles Licht –

Nicht zu enträtseln, auch nicht auszudenken,
Und wer dich liebt, der hat die Pflicht,
Sich bis zum Wahnsinn dir zu schenken.

ca 1900

Deutsch von Felix Philipp Ingold, aus: „Als Gruß zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Zürich: Dörlemann, 2012, S. 273

nach dem zweiten krieg

Wolfgang Hilbig

>nach dem zweiten/krieg<

nach dem zweiten
krieg vergaß man beim aufräumen
einige vokabeln
aus der weit zu schaffen.
noch immer nicht
sind aus der deutschen sprache verbannt
wörter wie
unverbrüchlich
unzertrennlich
uneinnehmbar
unbesiegbar.

rundfunk und presse. ach arme
beine zu allengutendingen –

Aus: Wolfgang Hilbig: Gedichte. Frankfurt/Main: S. Fischer, 2008, S. 14

Abschied

Martin Winter

Nach Wang Wei (701-761)

Aus: Martin Winter: Der Mond muss perfekt sein. She has to be perfect. Mit 27 Übersetzungen von Yi Sha. Wien: fabrik.transit, 20

Martin Winters Version „nach Wang Wei“ hat genau so viel Silben wie das Original, sechs mal fünf. Da im deutschen mehrsilbige Wörter kaum vermeidbar sind, hat der Nachdichter bei diesem Verfahren weniger Wörter zur Verfügung als das ohnehin wortkarge Chinesische. Früher hielten deutsche Nachdichter es in dieser Knappheit nicht für poetisch und pumpten deshalb die Gedichte auf. Hans Bethge braucht 86 Wörter (das Chinesische höchstens 30). Nachdichtung als Kommentar:

Der Abschied des Freundes

Ich stieg vom Pferd und reichte ihm den Trunk
Des Abschieds dar. Ich fragte ihn, wohin
Und auch warum er reisen wolle. Er
sprach mit umflorter Stimme: Du mein Freund,
Mir war das Glück in dieser Welt nicht hold!

Wohin ich geh? Ich wandre in die Berge.
Ich suche Ruhe für mein einsam Herz.
Ich werde nie mehr in die Ferne schweifen. –
Müd ist mein Fuss und müd ist meine Seele. –
Die Erde ist die gleiche überall
Und ewig, ewig sind die weissen Wolken…

Gustav Mahler verwendete Bethges Text (der auf eine französische Vorlage zurückging) in „Das Lied von der Erde“. Bethges Sammlung „Die chinesische Flöte“ gibt es in einer modernen Ausgabe beim YinYang Media Verlag.

Christel

Gretchen, Klärchen, Friederike, Christel, Lili, Lotte, Christiane, wie sie alle heißen. Die einen spielen eine Rolle in der Dramaturgie von Theaterstücken, die den Titel von Männern haben (Faust, Egmont) und denen sie untergeordnet sind. Gretchen, das ist natürlich keine Liebesgeschichte, sondern die Geschichte einer ruchlosen Verführung, ausgeführt mit teuflischem Beistand, kein Verbrechen auslassend. Das weiß eigentlich jeder. Ich weiß nicht, wie es kommt, dass heute manche meinen, Goethe habe Egoismus und Sexismus abgefeiert (tatsächlich fiel das Wort in den letzten Tagen). Er hat sie dargestellt.

Hat er Frauen anders denn als frommdoofe Opfer männlicher Verführung gezeichnet? Ja. In großer Zahl. Gestern hier die junge Frau, die die männliche Obrigkeit (Pfarrer, Amtmann) in die Schranken weist. Im Faust könnte man Marthe Schwerdtlein ansehen (eine Frau, die versucht, den Teufel zu verführen). Wer ist stärker, Werther oder Lotte? Und was ist mit der Liebe?

Der junge Goethe schrieb Liebesgedichte im Stil der Zeit, man kann es Rokoko nennen. Einem Mädchen seiner Leipziger Studentenzeit widmete er einen ganzen Zyklus, nicht einmal die Mutter des Mädchens brauchte da misstrauisch zu werden. Weil diese Gedichte literarischen Konventionen folgten und nicht auf Selbsterlebtes schließen lassen. Selbsterlesen. Geschickt mit Worten.

Das ändert sich mit der Zeit. Die Grenzen sind fließend, Metaphern, Motive aus der angelesenen Lyrik mischen sich ein. Aber es ist nicht leicht, in der Rokokolyrik unter allen Melissen, Climenen, Daphnen, Phyllen und Amarillen ein Mädchen wie diese Christel zu finden.

24. An Christel.

Hab offt einen dummen düstern Sinn
Ein gar so schweeres Blut,
Wenn ich bey meiner Cristel bin
Ist alles wieder gut.
Ich seh sie dort, ich seh sie hier
Und weis nicht auf der Welt
Und wie und wo und wann sie mir
Warum sie mir gefällt.

Das schwarze Schelmenaug dadrein
Die schwarze Braue drauf,
Seh ich ein einzigsmal hinein
Die Seele geht mir auf.
Ist eine die so lieben Mund
Liebrunde Wänglein hat?
Ach und es ist noch etwas rund
Da sieht kein Aug sich satt.

Und wenn ich sie dann fassen darf
Im lüftgen teutschen Tanz
Das geht herum das geht so scharf
Da fühl ich mich so ganz.
Und wenn’s ihr tümmlich wird und warm
Da wieg ich sie sogleich
An meiner Brust in meinem Arm
Ist mir ein Königreich.

Und wenn sie liebend nach mir blickt
Und alles rund vergisst,
Und dann an meine Brust gedrückt
Und weidlich eins geküsst
Das läuft mir durch das Rückenmarck
Bis in die grose Zeh
Ich bin so schwach ich bin so starck
Mir ist so wohl, so weh!

Da mögt ich mehr und immermehr
Der Tag wird mir nicht lang,
Wenn ich die Nacht auch bey ihr wär
Dafür wär mir nicht bang.
Ich denck ich halte sie einmal
Und büse meine Lust;
Und endigt sich nicht meine Quaal,
Sterb ich an ihrer Brust.

Aus: Goethes erste Weimarer Gedichtsammlung mit Varianten herausgegeben von Albert Leitzmann. Bonn: A. Marcus und W. Weber, 1910 (Kleine Texte für theologische und philologische Vorlesungen und Übungen, 63)

Frauengestalten

Weimar im August 2019: das Künstlerkollektiv „Frankfurter Hauptschule“ bewirft Goethes Gartenhaus in Weimar mit Toilettenpapierrollen (sie sagen, sie hätten es „geschändet“), um auf sexistische Tendenzen in seinem Werk (Heidenröslein verharmlose eine „brutale Vergewaltigung“, sein Werk strotze „vor erotischen Hierarchien zu Ungunsten seiner Frauenfiguren“).
Wers glaubt, wird es sich nicht ausreden lassen. Lyrikzeitung bringt dennoch als Beitrag zum Faktencheck eine kleine Serie zu den anderen Frauengestalten bei Goethe.
Heute (Goethes 270. Geburtstag) ein „Rollengedicht“ des jungen Goethe.

VOR GERICHT

Von wem ich es habe, das sag‘ ich euch nicht,
Das Kind in meinem Leib. –
Pfui, speyt ihr aus: die Hure da! –
Bin doch ein ehrlich Weib.

Mit wem ich mich traute, das sag‘ ich euch nicht,
Mein Schatz ist lieb und gut,
Trägt er eine goldene Kett‘ am Hals,
Trägt er einen strohernen Hut.

Soll Spott und Hohn getragen seyn,
Trag‘ ich allein den Hohn.
Ich kenn‘ ihn wohl, er kennt mich wohl,
Und Gott weiß auch davon.

Herr Pfarrer und Herr Amtmann ihr,
Ich bitte, laßt mich in Ruh!
Es ist mein Kind, es bleibt mein Kind,
Ihr gebt mir ja nichts dazu.

Entstanden 1776, gedruckt 1815.

Bemerkenswert die Wendung „mit wem ich mich traute“. Üblicherweise kann man sich nicht selber trauen (aktiv), sondern man wird getraut, vom Pfarrer oder einer Amtsperson (passiv). Hier wird die Selbstermächtigung der jungen Frau in Sprache gesetzt. War Goethe vielleicht Feminist?

Erstausgabe: Goethe, Johann Wolfgang von: Werke : [in 20 Bänden]. 1, Lieder. Gesellige Lieder. [u.a.] Stuttgart [u.a.] : Cotta, 1815

Das Übliche: Jugend, Kämpfe, Kerker

Iwan Franko

(ukrainisch Іван Франко, wiss. Transliteration Ivan Franko; * 27. August 1856 in Nahujewytschi, Galizien, Kaisertum Österreich; † 28. Mai 1916 in Lemberg, Galizien)

Nikolai Nekrassow

Nikolai Nekrassow (russisch Николай Алексеевич Некрасов, wiss. Transliteration Nikolaj Alekseevič Nekrasov; * 28. November jul./ 10. Dezember 1821 greg. in Nemirowo; † 27. Dezember 1877 jul./ 8. Januar 1878 greg. in Sankt Petersburg)

Auf den Tod des Taras Schewtschenko’s

Ins Deutsche übersetzt von Iwan Franko

Trauert nicht! Der Fall ist typisch, –
Seht als wünschenswert ihn an!
Also stirbt durch Gottes Fügung
Russlands hochmerkwürd’ ger Mann
Seit jeher. Mühsame Jugend,
Reich an Hoffnung, Träumen, Plage,
Kühne Reden, tolle Kämpfe –
Und – des Kerkers lange Tage.

Alles dies hat er erprobt
Petersburgs Gefängnismauern,
Untersuchungs-Protokolle
Und gendarmisches Bedauern…
Dann die Orenburger Steppe,
Ihre Festung elend’ Sumpf.
Lebt’ er lange dort, beleidigt
Und gekränkt von jedem Lump.

Lebt’ als Söldner unter Söldnern,
Theilt’ ihr Los – und, ach, wie oft,
Konnt’ er unter Knuten sterben,
Hat er selbst vielleicht gehofft.
Doch sein Leid nicht Kürzen wollend
Auch um einen Augenblick,
Spart’ ihn auf in Sträflingsjahren
Russlands spasshaftes Geschick.

Da – zu Ende geht sein Unglück,
Alles, was nur lieb und schön
Und erquickend, was er seit der
Frühen Jugend nicht geseh’n,
Alles lächelt ihm auf einmal,
Wie ein off’nes Paradies, –
Da – ein Gott hat ihn geneidet,
Und sein Lebensfaden riss.

In: Франко І. Твори. Т. 11., S. 46f
Entstehungsdatum: 1861, Übersetzung 1903

НА СМЕРТЬ ШЕВЧЕНКО

Не предавайтесь особой унылости:
Случай предвиденный, чуть не желательный.
Так погибает по божией милости
Русской земли человек замечательный
С давнего времени: молодость трудная,
Полная страсти, надежд, увлечения,
Смелые речи, борьба безрассудная,
Вслед затем долгие дни заточения.

Всё он изведал: тюрьму петербургскую,
Справки, доносы, жандармов любезности,
Всё – и раздольную степь Оренбургскую,
И ее крепость. В нужде, в неизвестности
Там, оскорбляемый каждым невеждою,
Жил он солдатом с солдатами жалкими,
Мог умереть он, конечно, под палками,
Может, и жил-то он этой надеждою.

Но, сократить не желая страдания,
Поберегло его в годы изгнания
русских людей провиденье игривое.
Кончилось время его несчастливое,
Всё, чего с юности ранней не видывал,
Милое сердцу, ему улыбалося.
Тут ему бог позавидовал:
Жизнь оборвалася.

(27 февраля 1861)

Wenn man mich machen ließe

Guillaume Apollinaire

(* 26. August 1880 in Rom, Italien; † 9. November 1918 in Paris)

Wenn man mich machen ließe

Zeit du allein der Weg von einem Punkt zum andern
Wenn man mich machen ließe hätt ich bald verändert
Das Herz der Menschen und es gäbe überall
      Nur schöne Dinge

Statt der gebeugten Stirnen statt der Strafen
Anstelle von Verzweiflung und Gebeten wären überall
Reliquienschreine Kelche heilige Monstranzen
Am Grund der Träumereien funkelnd wie
Die Götter der Antike deren Poesie
      Ist am Erlöschen

Wenn man mich machen ließe kaufte ich
Die gefangenen Vögel um sie freizulassen
Ich sähe zu mit ungetrübter Freude
Wie sie auffliegen und rein gar nichts wissen
Von einer Tugend wie Erkenntlichkeit
      Außer vielleicht es wäre Dankbarkeit

Nachgedichtet von Paul Wiens, aus: Guillaume Apollinaire: Unterm Pont Mirabeau. Französisch und Deutsch. Hrsg. Thea Mayer. Berlin: Volk und Welt, 1971, S. 169

Si on me laissait faire

O temps ô seul chemin d'un point à l'autre
Si on me laissait faire j'aurais vite changé
Le cœur des hommes et partout il n'y aurait plus
      Que de belles choses

Au lieu des fronts courbés au lieu de pénitences
Au lieu de désespoir et des prières il y aurait partout
Les reliquaires les ciboires les ostensoirs
Étincelant au fond des rêveries comme ces
Divinités antiques dont le rôle poétique
      Est près d'être terminé

Si on me laissait faire j'achèterais
Les oiseaux captifs pour leur rendre la liberté
Je les verrais avec une joie sans mélange
Prendre leur vol et n'avoir même pas l'idée
D'une vertu nommée reconnaissance
      A moins que ce ne soit gratitude

Du weißt nicht

Lamia Abbas Imara

(* 1927 in Bagdad)

Die entlegenen Wünsche

Ich liebe dich, du weißt es, und ich weiß es auch,
wir träumen von entlegenen Wünschen.
Ich weiß es,
du weißt nicht,
daß du rasch endest,
mit dem Ende dieses Gedichts.

Aus: Al-Maaly, Khalid (Hrsg.): Die Flügel meines schweren Herzens. Lyrik arabischer Dichterinnen vom 5. Jahrhundert bis heute. Aus dem Arabischen übersetzt von Khalid Al-Maaly und Heribert Becker. Zürich: Manesse, 2008, S. 50

(Erw. Neuausg. als zweisprachige Ausgabe Zürich: Manesse 2017)

Gebrauchsanleitungen

GLENN COLQHOUN

(Geboren 1964 in Auckland)

Eine Reihe von Anleitungen zum Gebrauch beim Lesen von Gedichten

1. Als Erstes löse das Gedicht sorgfältig ab von seinem Papier.
2. Wiege das Gedicht auf deiner Handfläche.
3. Hab keine Angst vor dem Gedicht.
4. Streiche mit den Fingern über die Außenseite des Gedichts:
 a. Ist sie rauh oder glatt?
 b. Ist sie schwer oder leicht?
5. Wirf das Gedicht in die Luft. Schwebt es?
6. Nimm das Gedicht in den Mund. Entweder:
 a. Drück dir davon ein wenig auf die Zunge wie Zahnpasta.
 Oder:
 b. Steck das ganze Gedicht in den Mund wie Kuchen.
7. Entferne das erste und das letzte Wort des Gedichts.
 Schüttele kräftig: Jedes Wort sollte aus der Reihe tanzen.
8. Nimm die Wörter in den Mund und roll sie herum.
 Lutsche, kaue, gurgle. Versteck die Wörter in deinen Backen.
 Bespuck damit die Leute.
9. Wenn du fertig bist, stell die Wörter zurück an ihren Platz.
10. Flüstere das Gedicht leise vor dich hin.
11. Schrei das Gedicht laut heraus.
12. Sag das Gedicht auf bei hellem Tageslicht/ bei Mondlicht /
 bei eingeschalteten Lampen / bei ausgeschalteten Lampen /
 im Badezimmer/ im Garten / unter einem Baum.
13. Sag das Gedicht auf an heiteren Tagen/ an Regentagen/
 an windstillen Tagen / an stürmischen Tagen / auf leeren
 Magen/ mit vollem Mund.
14. Bock das Gedicht auf und leg dich drunter. Experimentiere
 mit der Zündeinstellung. Tauche jedes Wort in Öl.
 Feile die Motornummern ab. Spritz das Gedicht um.
15. Frühstücke auf dem Gedicht. Mach einen Kaffeefleck drauf.
16. Stell dich auf das Gedicht.
17. Begieß das Gedicht.
18. Misch das Gedicht unter die Wäsche.
19. Trag das Gedicht eine Woche lang in der Hosentasche herum.
20. Jetzt gehört das Gedicht dir.

Aus: Gedichte aus Neuseeland. Poesiealbum Sonderheft. Auswahl und Übertragung Axel Vieregg. Märkischer Verlag Wilhelmshorst [Apr] 2014, S. 19

Jetzt tut man mir nichts mehr beim Militär

Alfred Lichtenstein

(* 23. August 1889 in Wilmersdorf; † 25. September 1914 bei Vermandovillers, Département Somme, Frankreich)

Jetzt tut man mir nichts mehr beim Militär.
Wer achtet noch auf mich. Man hat sich längst gewöhnt
An meine sonderbaren Zivilistenaugen.
Beim Exerzieren bin ich halb im Traum
Und auf den Märschen mache ich Gedichte.


Doch kommt ein Krieg. Zu lange war schon Frieden.
Dann ist der Spaß vorbei. Trompeten kreischen
Dir tief ins Herz. Und alle Nächte brennen.
Du frierst in Zelten. Dir ist heiß. Du hungerst.
Ertrinkst. Zerknallst. Verblutest. Äcker röcheln.
Kirchtürme stürzen. Fernen sind in Flammen.
Die Winde zucken. Große Städte krachen.
Am Horizont steht der Kanonendonner.
Rings aus den Hügeln steigt ein weißer Dampf
Und dir zu Häupten platzen die Granaten.

Aus: Alfred Lichtenstein: Dichtungen. Hrsg. Klaus Kanzog u. Hartmut Vollmer. Zürich: Arche, 1989, S. 113

Erster Teil: 23.6.1914, zweiter Teil: 9./10.7.1914. – Nach Zeile 3 stehen drei durchgestrichnene Zeilen:

Oft bin ich Gruppen- oft Patrouillenführer,
oft Radfahrer. Ich werde manchmal auch
zu kleineren Besorgungen verwendet.

Ein Scherz ist alles nur

Jan Kochanowski

(* 1530 bei Radom; † 22. August 1584 in Lublin)

EPIGRAMME I, 3

ÜBER DAS MENSCHLICHE LEBEN

Ein Scherz ist alles nur, was immer wir ersinnen,
Ein Scherz ist alles nur, was immer wir beginnen;
Kein Ding auf dieser Welt bleibt je unser Besitz,
Vergeblich schafft der Mensch mit seinem Fleiß und Witz.
Den[n] Tugend, Wohlgestalt, Vermögen, Macht und Prangen,
Wie Gräser auf der Flur sind sie im Nu vergangen.
Hat sich die Welt genug an unserm Spiel ergötzt,
Steckt man wie Puppen uns in einen Sack zuletzt.

Deutsch von Jeannine Luczak-Wild, aus: Poesie der Welt. Polen. Berlin: Edition Stichnote im Propyläen Verlag, 1987, S. 32f

Ein Scherzlied ist alles, was wir denken, / Ein Scherzlied alles, was wir tun; / Man hat auf der Welt keine sichere Sache, / Umsonst sorgt sich der Mensch um etwas. / Tugend, Schönheit, Macht, Geld, Ruhm, / All das vergeht wie Feldgras; / Hat man sich satt gelacht über uns und unsre Sitten, / Steckt man uns in einen Sack, wie man es mit Puppen macht.

Prosaübersetzung von Peter und Renate Lachmann, Ebd.

Fraszki to wszytko, cokolwiek myślemy,
Fraszki to wszytko, cokolwiek czyniemy;
Nie masz na świecie żadnej pewnej rzeczy,
Próżno tu człowiek ma co mieć na pieczy.
Zacność, uroda, moc, pieniądze, sława,
Wszystko to minie jako polna trawa;
Naśmiawszy się nam i naszym porządkom,
Wemkną nas w mieszek, jako czynią łątkom.

Nach und von Rimbaud

Nach Rimbaud
VIERZEILER

Sterne weinten rosen in deine pulsenden Ohren;
Unendlichkeiten – weiß vom Hals zu den Lenden – sanken;
Das Meer hat rote Perlen an glühe Brüste verloren,
Und der Mann verblutete schwarz an deinen gebietenden Flanken.

Aus: Alt- und neufranzösische Lyrik in Nachdichtungen von Alfred Neumann. Erster band. München: O.C. Recht, 1922, S. 233

Der Stern weinte Rosen im Herzen deiner Ohren
(1871)

Der Stern in der Tiefe deiner Ohren weint Tränen aus Rosen,
Unendlich weiß fließen sie von deinem Hals zu deinen Hüften,
Das Meer an purpurner Brust wirft Streifen aus roten Perlen,
Der Mann gießt souverän sein schwarzes Blut in deinen Schoß.

Aus: Arthur Rimbaud: Poesie. Aus dem Französischen übertragen von Michael Fisch. Berlin/Tübingen: Schiler, 2015, S. 106

L’étoile a pleuré rose au cœur de tes oreilles,
L’infini roulé blanc de ta nuque à tes reins
La mer a perlé rousse à tes mammes vermeilles
Et l’Homme saigné noir à ton flanc souverain.

Arthur Rimbaud, 1871