Alexander Blok
(Александр Александрович Блок, * 16. November jul. / 28. November 1880 greg. in Sankt Petersburg; † 7. August 1921 in Petrograd)
Den Freunden
Verstummt doch, ihr Saiten, verfluchte!
A. Maikow

Einander verborgene Feinde,
Sind taub wir und neidisch und fremd.
Wie könnte der leben und schaffen,
Der ewige Feindschaft nicht kennt.
Was tun! Gab nicht jeder sich Mühe,
Zur Hölle zu machen sein Haus,
Vom Gift sind durchtränkt alle Mauern,
Kein Platz, wo man bettet sein Haupt.
Was tun! Niemand glaubt an das Glück mehr,
Wir lachen uns um den Verstand,
Betrunken beschaun wir von draußen,
Wie einstürzen Dach uns und Wand.
An Leben und Freundschaft Verräter,
Verschleudern wir Worte aus Müll.
Was tun! Nun, wir schlagen den Weg frei
Dem Sohn, der da kommen einst will!
Sind erst unsre ärmlichen Knochen
Verfault bei den Nesseln am Zaun,
Wird daraus ein kluger Professor
Historische Werke sich baun …
Nur damit die schuldlosen Kinder
Aufs Blut der Verfluchte dann quält
Mit Todes- und anderen Daten,
Zitatenbrei, leer und entstellt…
Ein trauriges Los – so zu leben,
Verworren, gefeiert und schwer,
Besitz sein für künftge Dozenten
Und zeugen ein Kritikerheer …
Ins Steppengras sinken, ins frische.
In Schlaf, der mich ewig umgibt!
Verstummt doch, ihr Bücher, verfluchte!
Ich nehme zurück, was ich schrieb.
Deutsch von Wolfgang Tilgner, aus: Alexander Block, Ausgewählte Werke Bd. 1: Gedichte. Poeme. Berlin: Volk und Welt, 1978, S. 173f
ДРУЗЬЯМ
Молчите, проклятые струны!
А. Майков
Друг другу мы тайно враждебны,
Завистливы, глухи, чужды,
А как бы и жить и работать,
Не зная извечной вражды!
Что‘ делать! Ведь каждый старался
Свой собственный дом отравить,
Все стены пропитаны ядом,
И негде главы приклонить!
Что‘ делать! Изверившись в счастье,
От смеху мы сходим с ума
И, пьяные, с улицы смотрим,
Как рушатся наши дома!
Предатели в жизни и дружбе,
Пустых расточители слов,
Что‘ делать! Мы путь расчищаем
Для наших далеких сынов!
Когда под забором в крапиве
Несчастные кости сгниют,
Какой-нибудь поздний историк
Напишет внушительный труд…
Вот только замучит, проклятый,
Ни в чем не повинных ребят
Годами рожденья и смерти
И ворохом скверных цитат…
Печальная доля – так сложно,
Так трудно и празднично жить,
И стать достояньем доцента,
И критиков новых плодить…
Зарыться бы в свежем бурьяне,
Забыться бы сном навсегда!
Молчите, проклятые книги!
Я вас не писал никогда!
24 июля 1908
Paul Claudel
(* 6. August 1868 in Villeneuve-sur-Fère; † 23. Februar 1955 in Paris)
Aus: Die Musen. Eine Ode
So, wenn du redest, o Dichter, und in köstlicher Aufzählung
Von jedem Ding den Namen aussprichst,
Wie ein Vater es geheimnisvoll in seinem Urwesen nennst, da du ja einst
An seiner Schöpfung teilnahmst, also hilfst du mit an seinem Bestehen!
Jedes Wort eine Wiederholung.
So ist der Sang, den du singst im Schweigen, und so ist die selige Harmonie,
Mit der du in dir selbst Ähneln und Trennen nährst. Und so,
O Dichter, werde ich nicht mehr sagen, daß du von der Natur
je Unterricht erhältst, nein, du bists, der ihr deine Ordnung gibst,
du, der du alle Dinge bedenkst!
Um ihre Antwort zu sehen, ists dein Spiel, eins nach dem andern beim Namen zu nennen.
O Virgil unter den Reben!
Deutsch von Franz Blei. Aus: Der Jüngste Tag. Die Bücherei einer Epoche. Neu herausgegeben und mit einem dokumentarischen Anhang versehen von Heinz Schöffler. Faksimile-Ausgabe in 2 Bänden. Frankfurt/M. Scheffler 1970. Band 1, S. 1703f (Der Originalband erschien 1917 bei Kurt Wolff, Leipzig)
Ainsi quand tu parles, ô poëte, dans une énumération délectable
Proférant de chaque chose le nom.
Comme un père tu l’appelles mystérieusement dans son principe, et selon que jadis
Tu participas à sa création, tu coopères à son existence !
Toute parole une répétition.
Tel est le chant que tu chantes dans le silence, et telle est la bienheureuse harmonie
Dont tu nourris en toi-même le rassemblement et la dissolution. Et ainsi,
O poëte, je ne dirai point que tu reçois de la nature aucune leçon, c’est toi qui lui imposes ton ordre.
Toi, considérant toutes choses !
Pour voir ce qu’elle répondra tu t’amuses à appeler l’une après l’autre par son nom.
O Virgile sous la Vigne !
Paul Claudel: CINQ GRANDES ODES. ÉDITIONS DE LA NOUVELLE REVUE FRANÇAISE, PARIS 1913, S. 30f
Tanja ‚Lulu‘ Play Nerd
du 1% quotenschweizer, sag ja zur lyrik!
(das anbrechen einer neuen zeitrechnung)
dieses gedicht stammt aus einer zeit vor meiner geburt. ich schrieb es drei jahre bevor ich zur welt kam. obwohl das für dich einfach unmöglich erscheint. wenn du es im 21.jahrhundert zu lesen bekommst. weil echte zeitreisen erst ab dem 23.jahrhundert technisch ausgereift waren. weshalb ich zunächst von einem großen fan meiner eigenen gedichte aus der zukunft. in seine gegenwart entführt werden musste. damit ich von dort aus nach 1979 zurückreisen konnte. um dieses gedicht in dieser vergangenheit geschrieben haben zu werden. ich widme dieses gedicht meinen geschätzten kollegen. aus der gesamten deutschsprachigen lyrikszene. die damals noch lebten und im allerersten jahrbuch der lyrik vom herausgeber Karl Otto Conrady veröffentlicht wurden. ich widme es also: Oda Schaefer. Rose Ausländer. Wolfgang Weyrauch. Lotte Paepcke. Hans Peter Keller. Karl Krolow. Hildegard Wohlgemuth. Josef Büscher. Margarete Hannsmann. Otto Heinrich Kühner. Ingrid Würtenberger. Erika Burkart. AUS AARAU IN DER SCHWEIZ! Walter Höllerer. Heinar Kipphardt. Heinz Winfried Sabais. Jochen Hoffbauer. Rudolf Langer. Franz Liebl. Kay Hoff. Friederike Mayröcker. Wolfgang Bächler. Ernst Jandl. Gisela Pfeiffer. Heinz Piontek. Franz Mon. Walter Neumann. Dagmar Nick. Hugo Ernst Käufer. Oskar Pastior. Fritz Pratz. Richard Anders. Edwin Wolfram Dahl. Astrid Connerth. Walter Helmut Fritz. Wolfgang Hädecke. Kurt Küther. Josef Reding. Peter Rühmkorf. Karl Alfred Wolken. Hans-Jürgen Heise. Roger Loewig. Dieter P. Meier-Lenz. Kurt Morawietz. Jürgen Becker. Fritz Deppert. Harald Hartung. WAS WAREN DAS DOCH FÜR ZEITEN! Lorose Keller. Günter Lanser. Arnfrid Astel. Horst Bingel. Peter Härtling. Christel Guhde. Dieter Hoffmann. Arno Reinfrank. Fritz Werf. Rolf Haufs. Bruno Hillebrand. Christoph Meckel. Otto Sahmann. Gottfried Schäfer. Elke Oertgen. Klaus M. Rarisch. Karin Voigt. Jean Apatride. Ingeborg Görler. Jochen Lobe. Gerd Norias. Hannelies Taschau. Helder Yureen. Michael Buselmeier. Christoph Derschau. Harald Gröhler. Renate Krämer. Rainer Malkowski. Hans Dieter Schäfer. Hans-Jörg Modlmayr. Konrad Rabensteiner. Guntram Vesper. Ute Zydek. Gerd-Peter Eigner. Hanne F. Juritz. Gerhild Michel. Gerhild Wirth. Gregor Laschen. AUS CASABLANCA IN MAROKKO! Godehard Schramm. Mathias Schreiber. Johann P. Tammen. Peter Paul Zahl. ZUR ZEIT IN DER JUSTIZVOLLZUGSANSTALT! Sigfrid Gauch. Dietmar Ortlieb. Ralf Thenior. Ludwig Fels. Bernhard Laux. Peter Maiwald. Heidi Wegner. Ursula Krechel. Claus-Peter Lieckfeld. Rainer René Müller. Jürgen Wellbrock. Wolfgang Fienhold. Gerhard Falkner. Norbert Ney. Uwe-Michael Gutzschhahn. und Bodo Morshäuser. als geborene schweizerin bin ich stolz darauf. dass mein geliebtes herkunftsland. damals schon zu 1% anteil lyrik vertreten war. DAS WAREN NOCH ZEITEN! als die dichter (laut Conrady schon seit 1975) ihr „ich“ wiederentdeckten. und dadurch zu neuer innerlichkeit, subjektivität, sensibilität und privatheit erstarkten. während die schweizer wie immer ihren sonderweg einschlugen. abgesehen von Erika. denn die wollte unbedingt mitmachen. und dichtete wie es der zeitgeist verlangte. und landete prompt in dem ersten jahrbuch für richtige lyrik. mit ihren gedanken über das leben, den tod, die nacht, den nebel und andere tiefsinnige erschütterungen des herzens. DAS WAREN NOCH ECHTE GEDICHTE! die letzten großen begriffe hatten noch vornamen. die zwar genau so geheim blieben wie heute. doch allein ihre anspielung erlaubte ein staunen. und immerhin folgte auf Erikas beiträge der traum von Walter Höllerer. den ja nun jeder kennt. also den Walter. oder den traum. der nur ein teil eines „langen gedichts“ war. als schweizerin bleibe ich spätestens an diesem punkt der anthologie. ausgesprochen n e u t r a l. um mir die lust auf den rest nicht zu verderben. ich bin erst auf seite 19 des schweren buches. das raue papier ist dick und fest. mein privates, subjektives und innerliches ich nimmt sich die zeit. die es braucht um die zukunft zu erreichen. in der diese gedichte geschichte sind. und geschichte bleiben. während dieser vorliegende text. erst im jahre 2020 gelesen wird. denn als ich mich damit für das jahrbuch nummer 2 bei Conrady bewarb. hielt er es für einen schlechten witz. und empfahl mir die psychiatrie. mehr lob ist 1979 wohl kaum zu erwarten. der ritterschlag durch die hand eines königs. darf dich auch notfalls enthaupten. denn eines ist sicher: du wirst dadurch zum adligen engel. und hast einen platz im olymp der geköpften poeten schon vor deiner geburt. posthum verleihen sie dir dann den nobelpreis. und schon ist dein verdammtes leben als quotenschweizerin. eine runde sache zeitloser schönheit. wie ein klassisches uhrwerk ohne zeiger. mit wörtern über den zahlen: das NICHTS für die 1, das SEIN für die 2, das ALL für die 3, die ERDE für die 4, der GEIST für die 5 – und beim letzten atemzug der SINN für die 24. frohe weihnachten und einen guten rutsch!
(5.12.2020)
Georg Maurer
(* 11. März 1907 in Reghin (Sächsisch Regen), Siebenbürgen, Königreich Ungarn; † 4. August 1971 in Potsdam)
Vor 50 Jahren, am 4. August 1971, starb der Dichter Georg Maurer. Sein letztes Gedicht schrieb er am 25. Juli 1971.
Spätes Aufwachen
Mir geht’s schlecht, schlecht geht’s mir.
Von diesem Lager erheb ich mich nicht mehr. Vor acht Wochen
da war ich noch ein Kerl. – Aber vor acht Wochen
sagtest du auch, du wärst vor acht Wochen ein Kerl gewesen
und du stürbst jetzt, wie heute. Was soll ich glauben?
Alles, was ich sage. Ich spaß nicht. – Ich hol den Arzt. –
Bist du wahnsinnig? Was soll mir ein Arzt? Die Augen
kannst du mir zudrücken. – Sieh mich mal an. –
Meine Lider sind wie Blei. Ich mag kein Licht sehn,
das ist es ja. Wahrhaftig, ich fürcht mich vorm Licht.
Ich könnt mich sterben sehn. Unerträglich. Ich wache lieber
mit geschlossenen Augen. Da kann ich mich konzentrieren.
Solang sich einer konzentriert, stirbt er nicht. –
Dann konzentrier dich. Ich mach währenddes das Essen. –
Aber wenn ich einschlafe und der Tod kommt?
Seit altersher waren sie Brüder und schieben sich gegenseitig
die Menschen zu. Infame Brüder. Richtige Verschwörer.
Ich will nicht schlafen. Dösen, ja! Da wird man wenigstens
nicht so überrascht. – Gut. Ich mach jetzt das Essen. –
Was gibt’s denn? – Blumenkohl! – Gut, aber gebacken
und mit Bröseln. Da ist wenigstens noch eine Hoffnung.
Und schau nach Post. – Aber du kannst ja die Augen nicht öffnen. –
Du liest mir vor. Vielleicht schreibt mir einer,
daß ich ein Kerl war. Da stirbt sich’s leichter. –
Du brauchst also keinen Blumenkohl mehr? – Was,
die eigne Frau läßt einen verhungern? O Welt, Welt!
Aus: Georg Maurer, Werke in zwei Bänden. Band 2. Halle, Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1987, S. 491
Veronique Homann
Auch Franz Kafka ist, lange bevor er neben dem eigenen Vater zur Unruhe gelegt, auf der Insel Helgoland gewesen. Geschrieben hat er dort eine Postkarte.
Aus: Veronique Homann, Sid Wischi Waschi. Gedichte. Köln: parasitenpresse, 2021, S. 11
Robert Reß
(* 2. Juni 1871 in Prag; † 9. Februar 1935)
In diesem Jahr hätte man seinen 150. Geburtstag begehen können. Seine Gedichte wurden 1899 bei Johann Sassenbach und 2013 bei Reinecke & Voß gedruckt. Hier eins daraus.
Wenn ich an sie denke,
sehe ich auch gleich das alte, schokladenbraune Kanapée.
Erste Liebe.
»Papchen.«
Auf der linken Schulter, wie hingetuscht, hatte sie ein Muttermal,
ein Spanferkelchen.
Ob es ihr wohl Glück gebracht hat?
Aus: Antreten zum Dichten! Lyriker um Arno Holz. Rolf Wolfgang Martens Reinhard Piper Robert Ress Georg Stolzenberg Paul Victor Mit Nachwort herausgegeben von Robert Wohlleben. Leipzig: Reinecke & Voß, 2013, S. 49
Die Siege der Sorben
(Obersorbisches Volkslied)*
Es zogen die Sorben gegen die Deutschen,
verstanden doch kein Wörtlein deutsch.
Sie sattelten ihre Pferde auf,
sie legten ihre Sporen an.
Sie gürteten ihre Schwerter um,
versammelten sich auf ebenem Feld.
Zum ersten Mal zogen sie in den Kampf,
erfochten da einen großen Sieg.
Als dies erfahren ihr König und Fürst,
wollt er sie sehn von Angesicht.
Gab er jedwedem ein neues Kleid,
nahm er sie alle in seinen Sold.
Zum zweiten Mal zogen sie in den Kampf,
erfochten da einen großen Sieg.
Als dies erfahren ihr König und Fürst,
wollt er sie sehn von Angesicht.
Ließ er jedweden kleiden in
den puren roten Scharlachrock.
Zum dritten Mal zogen sie in den Kampf,
erfochten da einen großen Sieg.
Als dies erfahren ihr König und Fürst,
wollt er sie sehn von Angesicht.
Wollt er sie sehn von Angesicht,
gab er jedwedem ein fuchsrotes Pferd.
Gab er jedwedem ein fuchsrotes Pferd,
dazu das blanke Schwert zur Wehr.
Deutsch von Kito Lorenc, in: Das Meer. Die Insel. Das Schiff. Sorbische Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. Kito Lorenc. Heidelberg: Wunderhorn, 2004, S. 20
*) In der Sammlung von Leopold Haupt und Johann Ernst Schmaler (Hawptr u. Smoler) von 1841, nachgedruckt im Akademie Verlag 1953, steht das Volkslied in der Abteilung Feldlieder mit der Angabe: Gesammelt von Johann Woko in Kotten sowie unter Angabe einer Melodie (Abbildung unten mit anderem Text). Feldlieder (Pšezpólna) bedeutet: Lieder, welche beim Gange durchs Feld im Freien gesungen werden (Carmina peragraria). Der Inhalt muss auf die Zeit vom 9. – 12. Jahrhundert zurückgehen, während der die Deutschen nach harten Kämpfen die Sorben besiegten. Die deutsche Fassung dieser Anthologie trägt die Überschrift: Die Siege der Serben. Das war die Selbstbezeichnung der Obersorben.
Serbow dobyća
Serbjo so do Nĕmcow hotowachu,
słowčka pak nĕmski njemóžachu.
Swoje sej koniki sedłowachu,
swoje sej wotrohi připinachu.
Swoje sej mječiki připasachu,
do runoh pola so zjĕzdźowachu.
Prĕni króć na wójnu ćehnjechu,
wulke tam dobyće sčinichu.
Hdyž be to zhonił tam kral a fĕršta,
dał je jich wšitkich wón před so přińć.
Dał je jim wšitkim wón nowu drastu,
dał je jich wšitkich wón do wojakow.
Druhi króć na wójnu ćehnjechu,
wulke tam dobyće sčinichu.
Hdyž bĕ to zhonił tam kral a fĕršta,
dał je jich wšitkich wón před so přińć.
Dał je jich wšitkich wón zwoblekać
do lutoh čerwjenoh čorlacha.
Třeći króć na wójnu ćehnjechu,
wulke tam dobyće sčinichu.
Hdyž bĕ to zhonił tam kral a fĕršta,
dał je jich wšitkich wón před so přińć.
Dał je jich wšitkich wón před so přińć,
dał je wón kóždemu ryzy konja.
Dał je w6n kóždemu ryzy konja,
hišće tón swĕtły mječ k zejhrawanju.
Sándor Petőfi
(* 1. Januar 1823 in Kiskőrös (oder Kiskunfélegyháza) ; † 31. Juli 1849 bei Segesvár, heute Rumänien)

Von meinen schlechten Versen
Vielleicht sind manche Verse,
die ich verfaßte, schlecht.
Doch wer mir Menschenliebe
abspricht, ist ungerecht.
Schrieb ich nur immer gute
und könnt auf Lorbeern ruhn,
dann hätten ja die armen
Kritiker nichts zu tun.
Aus Menschenliebe mach ich
auch Abfall dann und wann,
damit die armen Schlucker
sich sättigen daran.
Mag jeder kaun und nagen
am Bissen, den er kriegt,
auch sie vielleicht sind Menschen,
wenn mich nicht alles trügt.
Deutsch von Martin Remané, aus: Sándor Petöfi, Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1981, S. 84
Ana Blandiana
(* 25. März 1942 in Timișoara, Rumänien)
Versteckenspielen
Und siehe da, die Kirchen
beginnen über den Asphalt zu gleiten
wie mit Angst beladene
Schiffe,
der Turm ein Mast,
und die Segel gebläht
vom Wind,
der stets aus anderer Richtung weht,
so daß du,
gehst du unachtsam die Straße lang,
Gefahr läufst, von einer Kirche überfahren zu werden,
die in Schreckenseile
sich zu verbergen sucht.
In: neue literatur 1/ 1998, S. 47 (aus „EngelErnte, Ammann 1994, aus dem Rumänischen von Franz Hodjak)
DE-A V-AȚI ASCUNSELEA
Și iatǎ, bisericile
Pornesc sǎ alunece pe asfalt
Ca niște corǎbii
Încǎrcate de spaimǎ,
Cu turnul catarg
Și pânze umflate
De vântul
Bǎtând mereu din altǎ direcție,
Încât,
Dacǎ mergi neatent pe stradǎ,
Poți fi oricând cǎlcat de o bisericǎ
Înnebunitǎ,
Grǎbitǎ sǎ se ascundǎ.
Aus: Ana Blandiana, LA CULES DE ÎNGERI, Bukarest: Editura LiterNet, 2002, S. 256
August Stramm
(* 29. Juli 1874 in Münster; † 1. September 1915 bei Horodec östlich Kobryn, heute Weißrussland)
Wankelmut

Mein Suchen sucht!
Viel tausend wandeln Ich!
Ich taste Ich
Und fasse Du
Und halte Dich!
Versehne Ich!
Und Du und Du und Du
Viel tausend Du
Und immer Du
Allwege Du
Wirr
Wirren
Wirrer
Immer wirrer
Durch
Die Wirrnis
Du
Dich
Ich!
Aus: August Stramm, Die Dichtungen. Hrsg. Jeremy Adler. München: Piper, 1990, S. 34
Beat Brechbühl
(* 28. Juli 1939 in Oppligen, Schweiz)
Aus: Branchenbuch. Auszüge aus dem Alphabet
Skilifte Sie schleppen dich hinauf du rutschst hinunter das ist nur noch ½ Sisyphos. Waschmaschinen Oben füllst du das Kind ein unten kommt der Greis heraus ganz sauber durchgespült. Yachten Sie segeln über die Slums die Kriegsländer die Hungergebiete und machen By By mit ihren Flügeln. Zoologische Fachgeschäfte Eine Seele dem Hund Einen Ehevertrag der Katze Dem Schwein eine interessante Religion und schon ist Zarathustra über- flüssig.
In: Akzente 1-2, 1973, S. 166f
Rajzel Żychliński
(* 27. Juli 1910 in Gąbin, Polen / Russisches Reich; † 13. Juni 2001 in Concord, Kalifornien)
DAS GEDICHT

Wenn man ein Gedicht schreibt,
sagt einer, es ist schön,
einer, es ist unanständig.
Einer gähnt,
ein anderer hustet.
Und die Sonne weiß gar nichts
von dem schönen Gedicht,
auch die Katze nicht,
auch die Maus nicht.
Und das Haus ist weiterhin von Stein,
der Tisch von Holz.
Doch das Wasser im Glas,
das ich trinke,
ist jetzt süß
und grasgrün.
Ich erhebe es
höher als meinen Kopf
und sinke dreimal
in die Knie.
Und küsse den Tisch
und das Haus
und such in allen Winkeln
nach der kleinen Maus.
lid
is woss, as men schrajbt on a lid?
ejner sogt, ss’is schejn,
ejner – ss’is miess.
ejner genezt,
ejner husst;
di sun wejsst gomischt
fiin dem schejnem lid.
un nischt di kaz
un nischt die mojs.
un doss hojs is wajter fun schtejn,
der tisch – fun holz.
ober doss wasser,
woss ich trink in glos,
is demolt siss
un grin wi gros.
ich hojb ess hojch –
hecher fun majn kop
un los sich ojf di kni
draj mol arop.
un kusch dem tisch
un kusch doss hojs;
un such in ale winkelech
di klejne mojs.
Aus: Rajzel Żychlinski, di lider. Die Gedichte. 1928-1991. Jiddisch und deutsch. Hrsg. u. übertragen von Hubert Witt. Frankfurt: Zweitausendeins, 2003, S. 818f.
Und ein weiteres neues „Poesiealbum“, Nummer 362
Nicanor Parra
(* 5. September 1914 in San Fabián de Alico bei Chillán; † 23. Januar 2018 in Las Cruces, Provinz San Antonio)
DIE POESIE
stirbt
wenn sie nicht
beleidigt wird
man muß sie
besitzen und
öffentlich erniedrigen
dann wird man sehen
was wird
Deutsch von Ingolf Brökel und Brigitte Klose, in: Poesiealbum 362. Nicanor Parra. Auswahl von Ingolf Brökel. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2021, S. 3
Noch zwei Splitter oder Aphorismen aus dem Heft:
TANZEN ist denken mit dem Körper. (S. 14)
LYRIKER:
Pithecantropos Erectus (S. 23)
Ich freue mich sehr, dass gestern gleich drei (die dritte im Kommentar) neue deutsche Versionen von Carles Riba hinzugekommen ist. Heute etwas anderes, Hinweis auf ein neues Heft der Lyrikreihe Poesiealbum, die Nummer 361 schon. Ich hatte das Glück und hab das Alter, die Reihe von Nummer 1 an sammeln zu können, mir scheint, auch heute kann man für 5 Euro pro Heft in wenigen Jahren eine ansehnliche Sammlung deutscher und Weltlyrik zusammenstellen.
Heft 361 sind Gedichte von Peter Salomon, Jahrgang 1947, ausgewählt von Wulf Kirsten. Ich zeige ein ganz kleines Stück daraus, ganze 17 Silben (mit Überschrift 20).
Peter Salomon
Der Plural
Dichterelite!
Schönes Wort mit fünf Silben!
Typisch für Haikie –
Aus: Poesiealbum 361: Peter Salomon, Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2021S. 18
Zu dem Gedicht von Carles Riba (* 23. September 1893 Barcelona, † 12 Juli 1959 ebd.) neulich erreichten mich zwei weitere deutsche Fassungen, hierunter mit Dank!
Per amunt la brancada pura
I en els ulls el món oblidant-se
I en els teus braços l’esperança
L’aigua corre i el temps s’atura
L’aigua sofreix i el temps sospira
Som vells com la fulla i com l’ona
Com el somni que ens empresona
Entre tu i jo una rosa expira
A la rosa i a tu estimada
He donat tardor i primavera
Com una mirada lleugera
En la nit a una ombra pensada.
Ganz zuoberst das Geäst so rein
Und in deinen Augen vergißt sich die Welt
Und in deinen Armen Hoffnung sich hält
Es rinnt das Wasser und die Zeit hält ein
Es darbt das Wasser und es seufzt die Zeit
Alt sind wir wie Blatt und Wogen
Wie der Traum der uns in Bann gezogen
Wird eine Rose zwischen dir und mir zu Ewigkeit
Der Rose und dir o Geliebte mein
Gab ich den Herbst und das frühe Jahr
Wie ein leichter Blick nachts war
Geworfen auf der Schatten Schein
Stegreifübersetzung von Alexandra Bernhardt
Dort oben nur die reinen Zweige
Und in den Augen Welt, vergessend,
Und Hoffnung ruht in deinen Armen
Das Wasser rinnt, die Zeit bleibt stehen
Das Wasser leidet, Zeit muss schluchzen
Wir sind so alt wie Blatt und Welle
So wie der Traum, der uns ein Kerker
Und zwischen dir und mir stirbt eine Rose
Der Rose und auch dir, Geliebte
Hab Herbst und Frühjahr ich gegeben
Wie einen Blick, vorbei nur streifend,
des Nachts einem gedachten Schatten
Übertragen von Àxel Sanjosé, kaum Stegreif, überschüssige Hebung in der 8. Zeile
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