Ramón Gómez de la Serna
(* 3. Juli 1888 in Madrid; † 13. Januar 1963 in Buenos Aires)
„Die von ihm erfundene literarische Kurzform der Gregueria gilt als einer der originellsten Beiträge zur modernen Literatur Spaniens. Die erste Sammlung dieser poetischen Definitionen erschien 1917; mehrere erweiterte und veränderte Ausgaben folgten bis zur letzten: Total de Greguerias, 1962, mit rund 13000 Einträgen.
Die Greguería – das Wort bedeutet Kauderwelsch, unverständliches Geschrei aber auch Laute, die kleine Schweine bei ihrer Geburt ausstoßen – zeigt die Dinge außerhalb ihres logischen Zusammenhangs in neuer Perspektive. „Humor + Metapher = Greguería“ heißt eine Formel von Gómez. Er definiert Großes und Unscheinbares, liebt Gedankenspiele und Kalauer, nur eines sollte man – im Gegensatz zu herkömmlichen Aphorismensammlungen nicht erwarten: gebündelte Lebensweisheiten. „Die Greguería“, so Gómez de la Serna, „ist das einzige, was uns beim Schreiben nicht traurig, schwerköpfig, trübselig und geschwollen macht, denn der Autor spielt, während er sie schafft; er wirft seinen Kopf in die Höhe und fängt ihn wieder auf.“ “ (Aus der unten genannten Quelle)
Lo que más le duele al árbol que cercenan es que el hacha tengo mango de palo.
Den Baum, den man beschneidet, schmerzt am meisten, daß die Axt einen Stiel aus Holz hat.
A las olas no les importa la lluvia, como si tuviesen impermeable.
Die Wellen machen sich nichts aus dem Regen, so als trügen sie Regenmäntel.
Solo el poeta tiene reloj de luna.
Nur der Dichter hat eine Monduhr.
Los hay-kais son telegramas poéticos.
Die Haiku sind poetische Telegramme.
Tanto hablar y nadie ha inventado una vocal más. ¡Nada más que cinco desde siempre!
Da wird soviel geredet, und niemand hat einen neuen Vokal erfunden. Es bleibt bei den fünfen!
El soneto es el chaleco de terciopelo de la poesía.
Das Sonett ist die Samtweste der Poesie.
Lo bueno sería que al final se descubriese que los molinos no son molinos, sino gigantes.
Das Schönste wäre, es stellte sich am Ende heraus, daß die Windmühlen keine Windmühlen sind, sondern Riesen.
Aus: Straelener Manuskripte Nummer 4 (Mehr)
Ramón Gómez de la Serna
Greguerías
Die poetische Ader der Dinge Spanisch-deutsch Ausgewählt und übersetzt von Rudolf Wittkopf. 1986
Kurd Adler
(* 6. August 1892 Mainz, † 2. Juli 1916 an der Westfront)
Aus: VERSE VOM SCHLACHTFELD
Betrachten
Ganz lauernd stehen wir auf hohem Berg
und sehen Deutschland links und Frankreich rechts;
und überall ist großes stilles Land
mit weichen Wäldern und verblinkten Dörfern.
Tief eingegraben sind wir wie die Tiere,
die Beute bergen. Der Geschütze
blauschwarze Mäuler glotzen stumpf und stier.
So ahnungslos ist aller Dinge Schein,
daß erst der runde, dumpfe Schall von drüben
uns bitter denken läßt, daß wir Zerstörer sind.
Hoch hebt sich ein Gefühl
von jener Liebe zu dem stillen Lied,
dem Sonntagmorgen und Sebastian Bach.
Ein Augenblick! Und schon ist alles grau.
Fünf Männer rennen wild um ein Geschütz.
Ich denke lächelnd der Begeisterung
der Morgenblätter, die wir nicht mehr lesen.
Aus: Versensporn 43: Kurd Adler. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2021, S. 27
Jizchak Katzenelson
(hebräisch יצחק קצנלסון, jiddisch יצחק קאצנעלסאָן; polnisch Icchak Kacenelson; geb. 21. Juli 1886 in Korelicze, heute Karelitschy, bei Nowogrudok; gest. 1. Mai 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau)
Aus: Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk
6
Warum bloß kam mit seiner Mordlust, seiner Kriegsgier dieser Hitler her
Warum fiel der Barbar mit seinen Horden ein in Poln und trieb uns Juden fort
Aus Städten und vertrauten Städtchen? Wo wir lebten, gibt es uns nicht mehr
Man jagt die Kinder, und man treibt die Alten raus aus ihrem eingesessnen Ort
7
Wir fliehn auf und davon. Frag bloß kein’ Jud, wohin man all die Juden karrt
Frag nichts. Sei froh, wenn du nicht weißt: Frag kein Warum, kein Was, kein Wie
Gib keinem Eizes, rate keinem ab noch zu, ob er in seinem Haus ausharrt
Ob er mit all den andern lieber auf Transport geht, hilflos wie ein Vieh
8
Sie brechen in die Wohnung ein, und sie verüben grinsend jeden Greul
Sie metzeln kleine Kinder, schwache Fraun. Die haben wirklich Mumm
Im Tiefflug rast die Messerschmitt den Zug entlang, ein tödliches Triumphgeheul
Mit dem Maschin’gewehr legt so ein Fliegerheld paar eingepferchte Juden um
9
Gib keinen Rat an keinen, nicht dem nahen Freund, dem allernächsten nicht
Auch wenn er noch so fleht, auch wenn sein Bettelblick dein Herz anrührt
Er fragt: Was tun? – Du aber schweig! und wärs Gott selbst, der aus dir spricht
Halts Maul, weil jeder Rat ja falsch ist und in irgendein Verderben führt
10
Es ist, als ob die Wege, alle Straßen und Chausseen zusammenbrachen. Diese Last
Die jüdische, wiegt mehr als alle Säcke auf dem Nacken, alle Beutel in der Hand
Gerannt sind wir, beladen schwer mit Ängsten, ohne alle Hoffnung und in Hast
Wo gibt’s noch irgendwo ein Loch, wie rettet man sich in ein andres Land!
Deutsch von Wolf Biermann. Aus: Jizchak Katzenelson, Dos lied vunem ojsgehargetn jidischn volk. Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk. Wolf Biermann. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1994, S. 87
דאָס ליד פונעם אױסגעהרגעטן ײדישן פאָלק
‚Ulayya bint al-Mahdi
Arabische Dichterin und Musikerin, Tochter des abbasidischen Kalifen al-Mahdi in Bagdad, Schwester des Kalifen Harun al Raschid, 777-825 (Arabisch: عُلَيّة بنت المهدي)
Heimlicher Hinweis sind unsere Blätter,
Sendbote uns der Pupille Licht
Werden doch Briefe manchmal gelesen.
Und unsern Boten trauen wir nicht…
Deutsch von Annemarie Schimmel. Aus: Stechäpfel. Gedichte von Frauen aus drei Jahrtausenden. Hrsg. Ulla Hahn. Stuttgart: Reclam, 2008, S. 29
Das Gedicht steht in der Anthologie von Ulla Hahn im Abschnitt „Ars poetica“.
Andreas Okopenko
(* 15. März 1930 in Košice (Tschechoslowakei); † 27. Juni 2010 in Wien)
Alt-Wiener Erinnerungen
Eintausendsiebenhundertsechsundachtzig,
dreißig Jahre also nach Einführung der Speiseschokolade,
wurde — wie ich zum Frühstück in einer Zeitung, einer guten, las —
ein Mensch gerädert.
Sie flochten ihn auf das Rad,
wie man einen Striezel flicht
oder Zöpfe.
Erst brachen ihm die Knochen
nach der Reihe,
ganz ohne einen anatomischen Fehler,
dann das Gesicht
und der Kopf zuletzt.
Die Leute durften zuschauen:
Sie nahmen ’s Schatzerl
oder Kind und Kegel
mit zu diesem Volksfest
und das goldene in Wien beheimatete Herz.
Schon draußen,
wo der Gang zur Hinrichtung seinen Anfang nahm,
drängte sich alt und jung,
das Vorspiel zu sehen,
das die Zeitung spaßig beschrieb wie folgt:
Der Delinquent bekommt in regelmäßigen Abständen
während seines Weges den
Zwick.
Er brüllt auf, die Leutln wiehern, die Sonne lacht und schon der nächste
Zwick.
Dazwischen, um die Schmerzen zu betäuben,
die sonst leicht die Hinrichtung ersparen könnten,
was einem so unsparsamen Volk nicht gelegen ist,
ein Heftpflaster, ein schmerzstillendes mit Opium, und dann der nächste
Zwick.
Ein Zwick ist der Biß einer Zange,
einer auf Rot vorgewärmten,
in den unbekleideten Körper,
was, wenn es oft genug geschieht,
Clown-artige Bewegungen des Betroffenen hervorruft,
umso kostbarer in einer Zeit,
die noch keine Theaterschulen kennt.
Ich weiß nicht, warum ich nach dieser Stelle,
die ich zum Frühstück im Unterhaltungsteil einer Zeitung, einer guten, fand,
die Lektüre nicht fortsetzte;
steht doch die Zeitung nicht auf dem Index der verbotenen,
sondern hat im Gegenteil vollkommen einwandfrei gegen jene Einspruch erhoben,
die niederen Trieben das Wort reden;
auch da wir uns nicht versuchen lassen sollen,
die jahrhundertealte Tradition aufzugeben, die uns Kultur bedeute,
ist — freilich in einer anderen Spalte —
drin gestanden.
Aus: Verlassener Horizong. österreichische Lyrik aus vier Jahrzehnten. Hrsg. Hugo Huppert und Roland Linkas. Berlin: Volk und Welt, 1980, S. 299f
Aimé Césaire
(* 26. Juni 1913 in Basse-Pointe, Martinique; † 17. April 2008 in Fort-de-France, Martinique)
Der Tornado Eben als der Senator bemerkte daß der Tornado auf seinem Teller saß mit großem Rübenhintern war der Tornado in der Luft und plünderte Kansas-City Eben als der Pastor bemerkte daß der Tornado im blauen Auge der Frau des Sheriffs umging war der Tornado schon draußen und zeigte allen sein großes Gesicht das stank wie zehntausend in einen Zug ge- pferchte Neger eben als der Tornado vor Lachen platzte war der Tornado schon drauf und dran allen die Hände aufzulegen, seine schönen weißen Geistlichenhände Eben als Gott bemerkte daß er hundert Gläser Henkerblut zu viel getrunken hatte war die Stadt schon eine Bruderschaft schwarzer und weißer Flecken als Leichen über das Fell eines in vollem Galopp erschlagenen Pferdes gestreut Eben als der Tornado einen Kriminalroman schrieb, stülpt der Tornado sich schon einen Cowboyhut auf, bemächtigt sich seiner und schreit »Hände hoch« mit der großen hoh- len Stimme deren Gott sich bedient wenn er zu den Hühnern spricht - und alles zittert und der Tornado verbog den Stahl und die Vögel fielen zerschmettert vom Himmel Und nachdem der Tornado die Provinzen der Erinnerung, den fetten Schutt der aus einem mit Urteilen vollgestopften Himmel ge- spienen Hingerichteten ertragen hatte er- zitterte alles zum andern Male wurde der verbogene Stahl wieder verbogen Und der Tornado der seine Herde von Dächern und Schornsteinen wie einen Schleck Frö- sche verschluckt hatte sog lärmend einen Gedanken ein den die Propheten niemals hatten erraten können
Übers. Janheinz Jahn (Mitarbeit Friedlich« Kemp). Aus: Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Becker, Édouard Jaguer u. Petr Král. 3., korr. u. erw. Aufl.. Zweitausendeins, Museum Bochum, 2000, S. 202-204
Ingeborg Bachmann
(* 25. Juni 1926 in Klagenfurt; † 17. Oktober 1973 in Rom)
Enigma
für Hans Werner Henze aus der Zeit der ARIOSI
Nichts mehr wird kommen.
Frühling wird nicht mehr werden.
Tausendjährige Kalender sagen es jedem voraus.
Aber auch Sommer und weiterhin, was so gute Namen
wie „sommerlich“ hat ―
es wird nichts mehr kommen.
Du sollst ja nicht weinen,
sagt eine Musik.
Sonst
sagt
niemand
etwas.
Aus: Ingeborg Bachmann, Letzte, unveröffentlichte Gedichte, Entwürfe und Fassungen. Edition u. Kommentar von Hans Höller. Freankfurt/Main: suhrkamp, 1998, S. 155 (letzte Textstufe)
Yves Bonnefoy
(* 24. Juni 1923 in Tours; † 1. Juli 2016 in Paris)
Ein Stein
Der Tag im tiefsten Tag, wird er erretten
Die wenigen Worte, die wir einst zusammen waren?
Ich liebte so die Tage, ihr Vertrauen, und bewache
Die wenigen Worte, die im Herd der Herzen starben.
Une Pierre
Lejour au fond du jour sauvera-t-il
Le peu de mots que nous fûmes ensemble?
Pour moi, j’ai tant aimé ces jours confiants, je veille
Sur quelques mots éteints dans l’âtre de nos cœurs.
Deutsch von Bernhard Böschenstein. Aus: Französische Dichtung 4. Von Apollinaire bis heute. Hrsg. Bernhard Böschenstein u. Hartmut Köhler. (2. Aufl.) München: C. H. Beck, 2001, S. 372f
Ánna Achmatowa
(Анна Андреевна Ахматова, * 11. Juni jul./ 23. Juni 1889 greg. in Bolschoi Fontan bei Odessa, Russisches Kaiserreich; † 5. März 1966 in Domodedowo bei Moskau)
Aus „Poem ohne Held“
1
Zu mir gelangen oft Gerüchte von irrigen und törichten Deutungen des „Poems ohne Held“. Und einige Leute raten mir sogar, das Poem verständlicher zu machen.
Davon werde ich Abstand nehmen.
Das Poem enthält keinerlei dritten, siebten oder neunundzwanzigsten Sinn.
Ich werde es weder abändern noch interpretieren.
„Quod scripsi, scripsi.“*
November 1944 Leningrad
2

(Wieviel Tode suchten den Dichter,
Dummer Junge: er wählte diesen
Denn er ertrug nicht das erstbeste Leid
Und wußte nicht, auf welcher Schwelle
Er fallen würde und welche Wege
Sich ihm noch öffnen …)
1
До меня часто доходят слухи о превратных и нелепых толкованиях «Поэмы без героя». И кто-то даже советует мне сделать поэму более понятной.
Я воздержусь от этого.
Никаких третьих, седьмых, двадцать девятых смыслов поэма не содержит.
Ни изменять ее, ни объяснять я не буду.
«Еже писахъ — писахъ.»
Ноябрь 1944 Ленинград
2
(Сколько гибелей шло к поэту,
Глупый мальчик: он выбрал эту,
Первых он не стерпел обид,
Он не знал, на каком пороге
Он стоит и какой дороги
Перед ним откроется вид…)
Deutsch von Heinz Czechowski. Aus: Anna Achmatowa, Poem ohne Held. Späte Gedichte. russ.-dt- Hrsg. Fritz Mierau. Leipzig: Reclam, 1993 (6. veränd. Aufl.), S. 144-146, S. 178f
Das ist der Titel eines Zyklus von neun mehrsprachigen Gedichten von (Friedrich Hölderlin und) Jean-René Lassalle, zu finden in der Ausgabe 27 der Zeitschrift Mütze (Herausgeber: Urs Engeler).
Jedes Gedicht des Zyklus besteht aus sechs Strophen, zwei auf Deutsch, eine auf Englisch und drei auf Französisch. Lassalle nimmt je eine Strophe aus den neun Frühlingsgedichten von Hölderlin, aus der Zeit im Tübinger Turm über dem Neckar. Die Strophe wird in ähnlich klingende englische Sätze übersetzt (hommophon: „ein Abziehbild der Laute und nicht der Bedeutung“). Die englische Strophe wird nach der gleichen Methode homophon ins Französische übersetzt. Diese französische Strophe wird nun frei ins Deutsche „zurück“übertragen, der Autor sagt: „eine Transposition von Motiven aus [Strophe] C ins Deutsche“. So entstehen vier Strophen, erinnernd „an ein Streichquartett, das aus einer quadratischen Spieldose (4×4 Verse) erklingt“. Ergänzt wird das Quartett durch die Übersetzung der beiden deutschen Strophen, Hölderlin original und dreifach transponiert, ins Französische. Hier nur die beiden deutschen Strophen eines der neun Gedichte.*
Der Tag erwacht, und prächtig ist der Himmel,
Entschwunden ist von Sternen das Gewimmel,
Der Mensch empfindet sich, wie er betrachtet,
Der Anbeginn des Jahrs wird hoch geachtet.
goldene luft verfärbt im regen singsang
kugel reflektiert polarlicht-schrift
abweichung im grund babbelt mit der sprache
bewegte körper verschieben behutsam die agora
*) Ich empfehle das Heft zu kaufen. Nummer 27 enthält auch Beiträge von Monika Rinck, Peter Orlovsky, Michael Spyra, Richard Nöbel, Donald Barthelme und Thomas Kapielski. Das Einzelheft kostet 7,- Euro in Deutschland (incl. Porto und Verpackung). Hier zu bestellen: urs@engeler.de
Helmut Heißenbüttel
(* 21. Juni 1921 in Rüstringen; † 19. September 1996 in Glückstadt)
Pamphlete IV die schlechte Zeit paart sich mit der neuen Zeit und zeugt alte Meinungen schreckliche Erinnerungen gehen mit leeren Händen umher im Frauenfunk wird Nietzsche widerlegt Adolf Hitler ist eine Figur von Michaux man trägt Familie Ministervergangenheiten kokettieren über die lachenden Gesichter wandern langsam die Schattensäulen der H-Bomben-Explosionen Automodelle bewegen sich stellvertretend durch vergleichsweise Gegenden die neue Zeit geht auf und unter wie der Abendstern im September
Aus: Helmut Heißenbüttel, Kombinationen. Gedichte 1951-1954. Topographien. Gedichte 1954/55. München: Lyrikedition 2000, S. 76
22.Nahbell-Hauptpreis 2021 an HARALD KAPPEL (geb. 1960) & 3.Nahbell-Förderpreis an den DIGITALPOET (geb. 1977)
G&GN-PRESSEMELDUNG 21.6.2021 @ POESIEPREIS.DE = https://poesiepreis.jimdofree.com/aktuell/presse-2021 ~ Unterschiedlicher könnten die diesjährigen Preisträger nicht sein: während der eine normale Gedichte schreibt, die vom Expressionismus inspiriert sind, hat sich der andere experimentellen Wortspielen verschrieben, die auf die Konkrete Poesie zurückgehen. Ist das erlaubt, ist das zeitgemäß? In den beiden großen Nahbell-Interviews erzählen die Dichter von ihrem poetologischen und lebensweltlichen Hintergrund, der die literaturhistorische Skepsis in Sympathie verwandelt, sowohl für das Expressive als auch das Experimentelle – denn diese „ehrlichen“ Dichter schreiben so, wie es für sie am authentischsten ist, ohne sich den Kopf über verkrampfte Kritiker zu zerbrechen, die sowieso immer ein Haar in der Suppe finden. Und eines wird dabei dann deutlich: wer an Traditionen anknüpft, ist nicht automatisch Epigone oder Plagiat! Die Poesie erfindet sich immer wieder neu und ist frei in ihrer Gestaltungskraft, wenn der Mensch frei ist, der zu poetischem Denken neigt…
DAS GROßE HAUPTPREIS-INTERVIEW:
„WAS NÜTZT SCHON DER TIEFGANG, WENN ER KEINEN BERÜHRT?“
Zitate aus dem Interview mit dem 22.NAHBELL-HAUPTPREISTRÄGER 2021 HARALD KAPPEL:
Literatur und insbesondere Lyrik erscheinen mir in diesen Monaten einen immer wichtigeren Stellenwert in unseren Köpfen einnehmen zu können (..was bleibt uns auch Anderes übrig…). Wenn man nicht vor die Tür kommt, kommt man so wenigstens in seinen Kopf… und vielleicht in die Köpfe der Lesenden. Das ist ein Privileg der Worte und Texte und gerade nicht zu unterschätzen.
Warum ein Gedicht mehr oder weniger gut ist oder empfunden wird, ist für mich eine Frage der Relevanz, des Rhythmus und des Gefühls. Mir gefällt ein Text, wenn er außergewöhnlich ist und nicht der Gerade bis zum Horizont folgt. Interessant sind die Abzweigungen, die Überraschungen, die Novität, der sprachliche Geschmack, auch die Eleganz.
Über den „Wert“ von Gedichten zu entscheiden, halte ich für eine schwierige Aufgabe. Dies zieht sich allerdings durch die gesamte Kunst/Musikszene. Ich glaube, man muss das richtige Maß zwischen Anspruch und Lesbarkeit finden. Kultur ist nicht nur Verstand und Überlieferung, sondern auch Geschmack, Spass und Relevanz. Was nützt schon der Tiefgang, wenn er keinen berührt?
Die digitalen Medien spielen meiner Meinung nach heute eine enorme Rolle. Natürlich erhöhen sie den „Bekanntheitsgrad“, aber noch wichtiger erscheinen mir die Kontakte zu anderen Schriftstellern, ihre Erfahrungen und ihr Wissen um Literatur, Vermarktung und ihre diverse Kreativität, die ich ohne Internet so nicht kennengelernt hätte. Seither traue ich mich so zu schreiben, wie ich es möchte und nicht, wie es erwartet wird.
Gedichte haben meiner Meinung nach die Aufgabe, Denken sichtbar zu machen… vielleicht das Menschliche…? Verantwortlich sind die Verse aber nur für sich selbst und insofern…frei!
ZUM INTERVIEW IN VOLLER LÄNGE: HARALD KAPPEL =
https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/22-nahbellpreis-2021-harald-kappel/
DAS GROßE FÖRDERPREIS-INTERVIEW:
„ES GEHT NICHT UM LITERATUR, SONDERN UM LEBENSINTENSITÄT“
Zitate aus dem Interview mit dem 3.NAHBELL-FÖRDERPREISTRÄGER 2021 DER DIGITALPOET:
der trendgerechte titel deines romans (in einem jahr: bienen-romane und bienengedichte, im nächsten jahr: klimakrimis und coronalyrik) und das renommee deines verlages sind ausschlaggebend für den erfolg, nicht der tatsächliche inhalt. da passiert eigentlich nur noch sehr wenig im literaturbetrieb, es geht nicht um die zukunft der literatur, sondern um das überleben des betriebs!
es ist eine art von minimalistischem abstraktem alphabetischem impressionismus, ich platziere einen buchstaben dort, wo die sonne steht und gebe ihm die farbe des sonnenaufgangs. manchmal entwickelt sich so das gesamte wortbild ganz von alleine, es ist nur ein hinundherschieben und zoomen der zeichen in dem quadratischen blanko, bis alles so passt, dass ich auf speichern klicke!
für mein empfinden liegen lyrik und kunst nicht sehr weit auseinander und im gehirn fusionieren sowieso beide ebenen miteinander: das sehen und das denken.
es geht gar nicht um literatur, sondern nur um authentische lebensintensität. die bewertung der qualität von lyrik ist abhängig von persönlichen vorlieben, nicht vom beherrschen klassischer versmaße oder der anwendung avantgardistischer techniken, geschweige denn vom coolnessfaktor elektronischer, digitaler, multimedialer verfahren.
es gibt letztlich gar keinen unterschied zwischen kunst und kommerz, sondern nur zwischen STARKER (geistig anregender) und SCHWACHER (geistloser) werbung, die als inhalt vermarktet wird.
konkrete kunst oder visuelle poesie ist eine gratwanderung zwischen selbstzweck und sinn, zwischen der sache an sich und der sehnsucht nach mehr sinn.
wo die auftragsunabhängige „freie“ kunst beginnt, da sollte anarchie herrschen und der widerspruch zur konvention!
ZUM INTERVIEW IN VOLLER LÄNGE: DER DIGITALPOET =
https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/22-nahbellpreis-2021-der-digitalpoet/
Han Yü (768-824)
Angesäuselt für Sekretär Zhang geschrieben
Voll von streng riechenden Köstlichkeiten
sind die Platten der jungen Reichen von Chang’an.
Ohne die literarische Inspiration des Zechens
füllen sie nur die Freudenmädchen ab
und gleichen – trotz ausgelassenem Mahl –
einem Schwarm umherschwirrender Mücken.
Immerhin ist es müßig, in der Schar meiner Freunde
die Weisen von den Luschen zu scheiden.
Han Yu (806)
Deutsch von Thomas O. Höllmann, aus: Abscheu. Politische Gedichte aus dem alten China, hrsg. u. aus dem Chinesischen übersetzt von Thomas O. Höllmann. roughbook 051, München u. Schupfart, 2020, S. 66f
Anmerkung des Übersetzers: „In diesem Gedicht wird am Anfang und am Schluss die Geruchswahrnehmung als Indikator für die moralische Integrität und den poetischen Anspruch verwendet; zur Klarstellung wurde in der letzten Zeile „Gestank“ durch „Lusche“ und „Wohlgeruch“ durch „Weiser“ ersetzt.“
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