Sportfest

Heute ein kleines Fernseh-Sportfest.

Richard Leising

(* 24. März 1934 in Chemnitz; † 20. Mai 1997 in Berlin)

DER SIEG

Das ist der Sieg: Lautsprecher! Organ, machtvolles
Sprich uns über die Zeiten. Keine Wolke im Stadion
Ideale Bedingungen; diese Weiten, diese Höhen, viele
Im Faltenwurf des Rekords. Die Kugeln sind alle
Gestoßen, die Geher gekommen, einige Springer noch
Werden beworfen mit Speeren vom andern Ende des Felds
Worauf die Welt blickt. Wie ist die Zeit? Bestzeit
Ist ausgerufen ausdrücklich, auf drehenden Tafeln
Lichte Ergebnisse, die wie Schalmeien blitzen
In ein herrliches Publikum. Wir zählen eins zwei
Drei Podeste, aufs höchste klettert der Sieg, belaubt
Und ernsthaft; einige Kämpfe dauern noch an, Abend
Trifft schräg die Traversen. Ungültiger Sprung dort!
Zu den tieferen Podesten starten frisch die Niederlagen
Mit Blumen Mädchen tanzen über die Tartanbahn quer
Durch den Einlauf im Marathon, Herren in sportlichem
Anzug verhängen Medaillen. Erfrischungen, Andenken
Abzeichen, Gesundheit und Vaterland; mit schwerem Kranz
Dreht ein Läufer die Ehrenrunde. Wer Sieger ist
Dessen Hymne wird gespielt und Fahne gehißt.

Aus: Poesiealbum 97. Richard Leising. Berlin: Neues Leben, 1975, S. 21

das gedicht

SAID

(persisch سعید [sæˈiːd]; * 27. Mai 1947 in Teheran; † 15. Mai 2021 in München)

das gedicht
ein bindeglied zwischen mensch und tier
muss sich fürchten vor dem
was es aufdeckt
das wort belauert den täter
dieser entblößt öffentlich seine täuschungsorgane

Aus: SAID, Ruf zurück die Vögel. Neue Gedichte. München: Beck, 2010, S. 105

Jiddisches Schlaflied

Heute ein Kinderlied, ein Schlaflied von dem polnischen, jiddischen Dichter Jizchok Leib Perez

(יצחק־לייבוש פּרץ ; geb. 18. Mai 1852 in Zamość, damals Russisch Polen; gest. 3. April 1915 in Warschau)

Schlaflieder sind ja eine Art Zauberlieder, sie sollen etwas bewirken. Versteht sich, dass der Zauber am Wortlaut hängt. Deshalb dieses Gedicht (es gibt ohnehin kaum etwas auf Deutsch) nicht übersetzt, nur knapp kommentiert. Wenn man dann noch einmal den Originaltext liest, sollte es klappen!

Die Transkription ist an deutsche Leser angepasst. S immer stimmhaft, das stimmlose ist ß; ch immer wie in Krach.

a gute nacht!

zugedekt di fißelech –
ich breng dir morgn nißelech
frische nißelech fun wald,
solßt mein kind nor schlofn bald.

drimlt ein mein kindele feßt,
kumen bald di libe geßt:
kumen, kumen on zu flojgn,
mlachimlech mit siße ojgn.

di fejgelech fun lojter gold,
sei hobn schtille kinder hold,
un sei kumen zu bahitn,
zu bahitn un baschizn

mit chlumus schtille, schejne,
wi es paßt far kinder klejne.
mach nor zu di ejgelech!
sei fli-en on, vi fejgelech.

herßt, mejn kind, herßt, mejn krojn,
di fligelech sei rojschn schojn!
sei fli-en on, wi fejgelech,
mach nor zu di ajgelech,

schtill, di ajgelech farmacht,
hob a gute, siße nacht!

 

a gute nacht!
zugedekt di fißelech – Füßelein
ich breng dir morgn nißelech Nüsselein
frische nißelech fun wald, fun = vom
solßt mein kind nor schlofn bald. nor = nur
drimlt ein mein kindele feßt, drimelt = schlummert
kumen bald di libe geßt: kommen bald die lieben Gäst‘
kumen, kumen on zu flojgn, kommen angeflogen
mlachimlech mit siße ojgn. m. = Engelein mit süßen Aiugen
di fejgelech fun lojter gold, Vögelein von lauter Gold
sei hobn schtille kinder hold, sie haben stille Kinder lieb
un sei kumen zu bahitn, kommen zu behüten
zu bahitn un baschizn … und beschützen
mit chlumus schtille, schejne, mit Träumen stillen, schönen
wi es paßt far kinder klejne. wie es sich für kinder gehört
mach nor zu di ejgelech!
sei fli-en on, vi fejgelech. sie fliegen los wie Vöglein
herßt, mejn kind, herßt, mejn krojn, hörst du; krojn (Krone) = mein Liebster
di fligelech sei rojschn schojn! (man hört schon die Flügelein)
sei fli-en on, wi fejgelech, sie fliegen los wie Vögelech
mach nor zu di ajgelech, mach nur zu die Äugelech
schtill, di ajgelech farmacht, die Äuglein zugemacht
hob a gute, siße nacht! gute Nacht

 

Aus: J. L. Perez, kinder-lider. Warschau: Verlag Kultur-Lige, 1921 (schul-bibliotek nr. 3)

Die Hellebardin

Eine brandneue Anthologie zugleich deutscher und internationaler, zugleich neuster und alter Lyrik ist anzuzeigen:

… und bey den Liechten Sternen stehen. Gedichte zu Sibylla Schwarz‘ 400. Geburtstag. Hrsg. Berit Glanz und Dirk Uwe Hansen. Leipzig: Reinecke & Voss, 2021. 170 Seiten. ISBN 978-3-942901-46-8

Gedichte heutiger Dichterinnen und Dichter zu, an, mit und über Sibylla Schwarz – und auch ein paar ihrer Gedichte in englischer, hebräischer, schwedischer, litauischer, niederländischer und spanischer Gestalt.

Gisbert Amm

Die Hellebardin

Du hast nicht schwarz gesehn; du warst voll Zuversicht,
dass man dich lang noch liest, daran zweifelst du nicht
eine Sekunde lang; dein kurzer Lebensfaden
durchschimmert deine Zeit nach viermal zehn Dekaden
noch immer, als all die Empfänger der Repliken
nur noch durch deinen Vers aus dem Vergessen blicken.
Du schöpftest deinen Mut an der Historie Strand;
fünf Dutzend Dichterinnen, wie du, war’n dir bekannt.
Die Dichtung war niemals das männliche Ergießen,
als das man sie gern sah, um Frauen auszuschließen.
Den Männern sagtest du’s, doch sie verstanden’s nicht;
sie hör’n noch immer »schwarz«, wenn die Sibylla spricht.

(S. 63)

Ich bin der Welt abhanden gekommen

Friedrich Rückert

(* 16. Mai 1788 in Schweinfurt; † 31. Januar 1866 in Neuses)

Ich bin der Welt abhanden gekommen,
  Mit der ich sonst viele Zeit verdorben.
  Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
  Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben.
Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
  Ob sie mich für gestorben hält.
  Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
  Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.
Ich bin gestorben dem Weltgewimmel,
  Und ruh' in einem stillen Gebiet.
  Ich leb' in mir und meinem Himmel,
  In meinem Lieben in meinem Lied!

 

Hätten wir Augen in unserem Kopf

Emily Dickinson

(* 10. Dezember 1830 in Amherst, Massachusetts; † 15. Mai 1886 ebenda)

1310

Had we our senses
But perhaps ‚tis well they’re not at Home
So intimate with Madness
He’s liable with them

Had we the eyes within our Head –
How well that we are Blind –
We could not look opon the Earth –
So utterly unmoved –

Hätten wir unsere Sinne
Aber vielleicht ist es gut, dass sie außer Haus sind
So nah am Wahnsinn
Ist er für sie verantwortlich

Hätten wir Augen in unserem Kopf –
Wie gut, dass wir Blinde sind –
Unser Blick könnte nicht schweifen auf Erden –
So gänzlich unbewegt –

Deutsch von Wolfgang Schlenker. Aus: Emily Dickinson, Biene und Klee. 51 Shorter Poems, ausgewählt und übersetzt von Wolfgang Schlenker. Basel und WQeil am Rhein: Urs Engeler, 2008, S. 62f

Schmerzgedächtnis

Volker Braun

SCHMERZGEDÄCHTNIS

Es war eine erste Berührung,
                            ich scheute zurück
Wie ein Füllen. Von ihrem Hals, oder war es
Die Wange, ich weiß es nicht mehr, der Mund

Gut, ich gebe den Kuß zu. Niemand sah uns
Den Kuß, aus dem, warum, nichts folgte
Es waren normale Zeiten, angstlos zeigte man
Das nackte Gesicht. Es ist so lange her, dreißig, drei Jahre
Ich sehe noch genau ihr helles dünnes Kleid, aufgeknöpft
Von meinen Händen. Ich fuhr zurück, eine Scheu
In Kindertagen im Körper
                        bewahrt

Ihre Nüstern zitterten noch, sie hielt mich fest
Auf dem Steinweg, ich trabte hinab. Jetzt in den Zeiten der Pest
Wir trügen Masken, beide
Fest über Nase und Mund, der gehauchte
Kuß zungen- und zahnlos zärtlich
                                mit vorsichtshalber
Auch geschlossenen Augen. Es wäre leicht.

Aus: Volker Braun, Große Fuge. Berlin: Suhrkamp, 2021, S. 22

Husselwussel

Paul Ernst

(* 7. März 1866 in Elbingerode (Harz); † 13. Mai 1933 in Sankt Georgen an der Stiefing, Steiermark)

Husselwussel

12.

Du bist mein kleiner Irrwisch Husselwussel,
Und wunderst dich über den Wilden auf den
  Tabakspacketen von Steinbömer & Lubinus. 
Er hat bloss einen Blätterschurz und grosse
  Ohrringe, 
Und raucht ganz mörderlich; 
Und wenn du unartig bist, dann kommt der
  Gerichtsdiener, 
Und sperrt dich in das Gefängnis, 
Da drin ist blos ein Brot und ein Krug mit Wasser, 
Und dann ein Krug für die Thränen.

Aus: Paul Ernst, Polymeter. Gedichte. Hrsg. Ralf Gnosa. Leipzig: Reinecke & Voß, 2016, S. 45

Mit dem Verlernen der Welt Beschäftigte

Nelly Sachs

(* 10. Dezember 1891 in Schöneberg, † 12. Mai 1970 in Stockholm)

Du
in der Nacht
mit dem Verlernen der Welt Beschäftigte
von weit weit her
dein Finger die Eisgrotte bemalte
mit der singenden Landkarte eines verborgenen Meeres
das sammelte in der Muschel deines Ohres die Noten
Brücken-Bausteine
von Hier nach Dort
diese haargenaue Aufgabe
deren Lösung
den Sterbenden mitgegeben wird.

Aus: Das Buch der Nelly Sachs. Hrsg. Bengt Holmqvist. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1968, S. 266

Sie kamen

Rose Ausländer

(* 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn, heute Ukraine; † 3. Januar 1988 in Düsseldorf)

Damit kein Licht uns liebe

Sie kamen
mit scharfen Fahnen und Pistolen
schossen alle Sterne und den Mond ab
damit kein Licht uns bliebe
damit kein Licht uns liebe

Da begruben wir die Sonne
Es war eine unendliche Sonnenfinsternis

nach 1957

Aus: Rose Ausländer: Die Sichel mäht die Zeit zu Heu. Gedichte 1957–1965, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1985

Mehr darüber

Vom Schwätzen im Chor

Ein Jahr der runden Jubiläen. Heute vor 500 Jahren starb Sebastian Brant. Dafür ein Stück aus seinem Narrenschiff.

Sebastian Brant (oder Brandt, geboren 1457 oder 1458 in Straßburg; gestorben 10. Mai 1521 ebenda)

XCI.

[172] Im Chor* gar mancher Narr auch steht,
Der unnütz schwätzt und hilft und räth,
Deß Wagen und Schiff vom Land bald geht.

Fünf geistliche Herren gemüthlich schwatzend neben einem Leiterwagen; am Gestade ein Schiff.

Vom Schwätzen im Chor.

Viel Schwätzer rathen durch das Jahr
In Kirche und in Chor fürwahr,
Wie sie zurichten Schiff und Karren
Um drin gen Narragon zu fahren;
Dort spricht man von dem wälschen Kriege,
Hier lugt man, daß man tüchtig lüge
Und etwas Neues bring‘ zur Bahn.
So wird die Mett‘ gefangen an,
So geht’s oft bis die Vesper schlägt.
Viel kommen nur von Geiz bewegt
Und weil man Geld gibt** in dem Chor,
Sonst blieben fern sie nach wie vor.
Es wär‘ auch Manchem gut fürwahr,
Er blieb daheim das ganze Jahr
Oder nähm‘ zum Gänsemarkt den Lauf
Und schlüg‘ die Klapperbank*** dort auf,
Als daß er in der Kirche will
Sich irren und noch andre viel.
Was er sonst nicht verrichten kann,
Das schlägt er in der Kirche an,
Wie er ausrüste Schiff und Geschirr,
Und bringt viel neue Mär‘ herfür,
Hat großen Fleiß und ernste Geberd‘,
Damit das Schiff nicht wendig† werd‘;[173]
Er ging gern aus dem Chor spazieren,
Daß er den Wagen recht möcht schmieren.
Von denen darf ich gar nicht drucken,
Die in den Chor nur grade gucken
Und zeigen sich zum Präsentiren
Und suchen wieder bald die Thüren.
Das scheint Gebet andächtig und gut,
Wenn man solche Dinge verrichten thut
Und Pfründen zu verdienen wähnt,
Wenn man dem Roraffen zugähnt.

Aus: Brant, Sebastian: Das Narrenschiff. Leipzig [1877], S. 172-174.

Kommentare aus der Neuausgabe 2006:

*) Im Chor der Kirche waren die Sitze der Geistlichen.
**) Gemeint ist wohl die Auszahlung von Pfründen (Präsenzgeldern).
***) klapper benckly und genßmerckt sind volkstümliche Wendungen, die das Schwatzen und Schnattern kennzeichnen.
†} D. h. nicht aufgehalten werde und umkehre.
††) Eine bewegliche, komische Figur, die sich unter der Orgel im Straßburger Münster befand und als Wahrzeichen der Stadt galt. Der Name hängt zusammen mit nd, rôren – brüllen, plärren.

Hier bei Zeno.org

Aktuelle Ausgabe, durchgesehen und kommentiert: Sebastian Brant. Das Narrenschiff.  Übertragen von H. A. Junghans. Durchgesehen und mit Anmerkungen sowie einem Nachwort herausgegeben von Hans-Dieter Mähl. Stuttgart: Reclam, 2006 und öfter

Das narren schyff .

X C I . von schwetzē  jm chor .


Im chor gar mancher nar ouch statt
Der vnnütz schwetzt / vnd hilfft / vnd ratt
Das schiff vnd wag / von land bald gat

von schwetzē jm chor.

Vil standt jnn kirchen / vnd jm chor
Die schwetzen / rotten durch das jor
Wie sye zůrichten schiff / vnd karr
Das man gon Narragonyen far
Do seyt man von dem welschen krieg
Do lůgt man / das man redlich lieg
Vnd ettwas nüws bring vff die ban
Als wurt die mettin gefangen an
Vnd wert dick zů der vesper zyt
Vil kæmen nit / tryb nit der gydt
Vnd das man gelt geb jn dem chor
Sunst weren sy on die kirch vil jor
Es wer besser vnd weger eym
Er blyb gantz über all do heym
Vnd richt das klapper benckly zů
Vnd synen genßmerckt anderßwo
Dann das er jnn der kyrchen will
Sich jrren / vnd sunst ander vil
Was mancher nit vßrichten kan
Das schlecht er jn der kyrchen an
Wie er vffrüst schyff vnd geschyr
Vnd bring vil nüwer mer har für
Vnd hat groß flyß / vnd ernstlich geberd
Do mit das schyff nit wendig werd
Er ging ee vß dem chor spatzieren
Das er den wagen recht mœcht schmirē
Aber von den dar ich nit drucken
Die jnn den chor alleyn důnt gucken
Vnd zeygen sich mitt presentieren
Treffen doch bald wyder die tűren
Das ist andechtig gebett / vnd gůt
Do man sollich ding vßrichten thůt
Do werden pfründen wol verdient
So man dem roraffen zů gyent

Quelle des Originaltexts und der Grafik:: Bibliotheca Augustana

dabei seh ich die kondensstreifen gern

Johannes Poethen

(* 13. September 1928 in Wickrath; † 9. Mai 2001 in Stuttgart)

Es gibt weniger vögel steht in der zeitung
und rentiere kannst du nicht mehr essen

dabei seh ich die kondensstreifen gern
so quer durch alles durch
manchmal rosa

die leute sind ja auch schrecklich verwöhnt

man muß es am ende nehmen
wies kommt.

Aus: 24 postkarten in memoriam günter eich. In: Johannes Poethen, Wer hält mir die Himmelsleiter. Gedichte 1981-1987. Karlsruhe: Braun, 1988S. 106

Wider die Anagrammatisten

Johann von Besser

(* 8. Mai 1654 in Frauenburg, Kurland, heute Saldus in Lettland; † 10. Februar 1729 in Leipzig)

Wider diejenigen, die so gerne die Worte versetzen, oder Anagrammata machen; aus dem Frantzösischen des Mr. Colletet.

Was hat doch auf dem Helicon,
Ein Anagrammatist davon:
Daß er der Wörter Ordnung stöhret?
Nichts, denn daß er den Kopf sich stöhrt,
Und wie die Wörter er verkehrt,
So sein Gehirn sich mit verkehret.

Aus: Des Herrn von B. Schrifften, Beydes in gebundener und ungebundener Rede; So viel man derer, theils aus ihrem ehemaligen Drucke, theils auch aus guter Freunde schrifftlichen Communcation, zusammen bringen können
/ Besser, Johann von. – Electronic ed.. – Leipzig : Gleditsch, 1711, S. 484

Und die Vorlage:

Guillaume Colletet

(* 12. März 1598 in Paris; † 19. Februar 1659 ebenda)

Ménage, sans comparaison,
J’aimerais mieux tirer l’oison,
Et même tirer à la rame,
Que d’aller chercher la raison,
Dans les replis d’une anagramme.
Cet exercice monacal
Ne trouve son point vertical
Que dans une tête blessée;
Sur le Parnasse nous tenons
Que tous ces renverseurs de noms
Ont la cervelle renversée.

Colletet, à Ménage.

Erich Fried zum 100.

Gestern war nicht nur der 150. Geburtstag Christian Morgensterns, sondern auch der 100. des Dichters Erich Fried. Von ihm heute ein Gedicht.

Erich Fried

(* 6. Mai 1921 in Wien; † 22. November 1988 in Baden-Baden)

Zeitenge

Was war
ist uns Wahrheit

Was wird
das verwirrt uns

Was ist
ist Isthmus

zwischen dem Meer
und dem Nichtmehr

Aus: Erich Fried, Von Bis nach Seit. Gedichte aus den Jahren 1945-1958. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1985, S. 56

Christian Morgenstern zum 150.

Christian Morgenstern

(* 6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914 in Untermais, Tirol)

(Siehe auch Morgensternfest)

Aus: Alle Galgenlieder von Christian Morgenstern, 1.-20. Tsd., Bruno Cassirer: Berlin 1932, S. 271

Gastkommentar

„Wer kein Vollidiot ist, schätzt dies Gedichtgespenstchen unseres großen Christian Morgenstern. Indiz: Franz Mon, zweiter Jubilar des heutigen Tages, hat es ausgewählt für die einzige nicht friedeske Gedichtesammlung: Antianthologie.“ (Ames vonʼer – was sonst – Sprachfraxion)