Aus: Der Maskenzug der Anarchie

Percy Bysshe Shelley

(* 4. August 1792 in Field Place, Sussex; † 8. Juli 1822 im Meer bei Viareggio, Toskana)

Der Maskenzug der Anarchie
Geschrieben nach dem Blutbad
zu Manchester

1
Einst in Italien, da ich schwer
Im Schlafe lag, da kam vom Meer
Die Stimme, lockte mich wie nie
In die Visionen der Poesie.

2
Unterwegs traf ich den Mord –
Wie Castlereagh maskiert, ein Lord –
Glatt, doch grimmig; sieben Blut-
Hunde folgten seiner Wut.

3
Und die waren allzumeist
Wohlgebaut und ziemlich feist;
Denen warf er wie im Spaß
Menschenherzen hin zum Fraß,
Die er aus seinem Mantel las.

4
Dann: Betrug, wie Eldon mild
In einen Pelztalar gehüllt;
Er weinte, jede Träne ward
Wie Mühlensteine schwer und hart.

5
Kinder, die um seine Beine
Spielten, meinten, Edelsteine
Fielen da in blanken Tröpfchen –
Die zerschlugen ihre Köpfchen.

6
Und in einem Bibel-Kleid,
Gewebt aus Licht und Dunkelheit,
Wie Sidmouth ritt die Heuchelei
Auf einem Krokodil vorbei.

7
Und noch viel Verderben ritt
Im Grauens-Maskenzuge mit.
Vermummt bis auf die Augenschlitze
Wie Bischof, Anwalt, Pair und Spitzel.

8
Dann: Lord Anarchie, er sitzt
Auf einem Schimmel, blutbespritzt,
Ist bis zu den Zähnen bleich,
Dem Tod der „Offenbarung“ gleich.

9
Eine Königskrone schleppt er,
In der Faust ein blankes Zepter,
Auf die Stirn ein Mal geätzt:
Ich – Gott, König und Gesetz!

10
Majestätisch elegant
Ritt er über englisch Land,
All die Menge, die anbetend
Lag, zu blutigem Brei zertretend.

11
Um ihn eine Rotte Ritter
Machte rings den Boden zittern;
Ihrem Herrn zu Diensten mutig
Schwang man Schwerter, reichlich blutig.

[…]

89
Und das Blut der Metzeleien
Wird hinauf zum Himmel schreien,
Wie ein grollender Vulkan
Bricht sich eine Stimme Bahn,

90
Ballt sich zum Empörungsschrei:
Untergang der Tyrannei,
Jedes Herz und Hirn durchdröhnend,
Wieder, wieder, wieder tönend:

91
Auf wie Löwen, die sich recken.
Zornig ihre Kraft entdecken,
Streift die Ketten wie im Spiele
Ab – ein Reif der Morgenkühle –
Sie sind wenig, ihr seid viele.

1819

 

Deutsch von Hubert Witt. Aus: EIN DING VON SCHÖNHEIT IST EIN GLÜCK AUF IMMER. Gedichte der englischen und schottischen Romantik, englisch und deutsch. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1980, S. 258ff

The Mask of Anarchy

On August 16th, 1819, approximately 100,000 millworkers and their families congregated at Saint Peter’s Field in Manchester in a peaceful demonstration of protest calling for reform in the working class’s role. The local ruling class was sent to arrest the leader of the protest, Henry Hunt, and in turn wounded hundreds, and killed a dozen.

Written on the Occasion of the Massacre at Manchester

As I lay asleep in Italy
There came a voice from over the Sea
And with great power it forth led me
To walk in the visions of Poesy.

I met Murder on the way—
He had a mask like Castlereagh—
Very smooth he looked, yet grim;
Seven blood-hounds followed him.

All were fat; and well they might
Be in admirable plight,
For one by one, and two by two,
He tossed the human hearts to chew
Which from his wide cloak he drew.

Next came Fraud, and he had on,
Like Eldon, an ermined gown;
His big tears, for he wept well,
Turned to mill-stones as they fell:

And the little children, who
Round his feet played to and fro,
Thinking every tear a gem,
Had their brains knocked out by them.

Clothed with the Bible, as with light,
And the shadows of the night,
Like Sidmouth, next, Hypocrisy
On a crocodile rode by.

And many more Destructions played
In this ghastly masquerade,
All disguised, even to the eyes,
Like Bishops, lawyers, peers, or spies.

Last came Anarchy: he rode
On a white horse, splashed with blood;
He was pale even to the lips,
Like Death in the Apocalypse.

And he wore a kingly crown;
And in his grasp a sceptre shone;
On his brow this mark I saw—
‚I AM GOD, AND KING, AND LAW!‘

With a pace stately and fast,
Over English land he passed,
Trampling to a mire of blood
The adoring multitude.

And a mighty troop around,
With their trampling shook the ground,
Waving each a bloody sword,
For the service of their Lord.

And with glorious triumph, they
Rode through England proud and gay,
Drunk as with intoxication
Of the wine of desolation.

[…]

‚And that slaughter to the Nation
Shall steam up like inspiration,
Eloquent, oracular;
A volcano heard afar.

‚And these words shall then become
Like Oppression’s thundered doom
Ringing through each heart and brain,
Heard again—again—again—

‚Rise like Lions after slumber
In unvanquishable number—
Shake your chains to earth like dew
Which in sleep had fallen on you—
Ye are many—they are few.‘

Was wenn

SAID

Was,
wenn ich deine Hand streicheln würde
während du mir den Cognac einschenkst
ohne auf deinen Mann zu schauen?
Was,
wenn ich dich bei der Hand nehmen
und ins Schlafzimmer bringen würde
ohne mich umzudrehen?
Was,
wenn ich mich neben dich legen
und die Decke über uns ziehen würde
ohne an die offene Tür zu denken?

Aus: Hier ist Iran! Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum. Hrsg. Gerrit Wustmann. Bremen: Sujet, 2011, S. 175

Ehrgeiziges Ziel

MARILYN DUCKWORTH

Ehrgeiziges Ziel

Ich habe genug von Exzessen
Aufgeplustert wie Eiderdaunen im Delirium
Wie Sahnetorten und wahre Liebe.
Ja.
Ich will auf Butter verzichten
Und Liebesbriefe
Ganz zu schweigen von
Französisch
Und der Pille.
Meine Gespräche werden
Wortkarg und präzise
Meine Beine werden mich weiter hinaustragen
Auf dem Lebensweg
Wachsam und aufrecht. Zurückgezogen. Vielleicht auch taub.
Und sterben werde ich
Sehr adrett und leise
Im Dämmerlicht, glaube ich,
Alle Papiere in Ordnung
Und die Wäsche gefaltet.
Ja.

Deutsch von Axel Vieregg, aus: Gedichte aus Neuseeland. Auswahl und Übertragung Axel Vieregg. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2014, S. 21

Man soll in keiner Stadt

Klabund

(* 4. November 1890 in Crossen an der Oder; † 14. August 1928 in Davos)

MAN SOLL IN KEINER STADT

Man soll in keiner Stadt länger bleiben als ein halbes Jahr.
Wenn man weiß, wie sie wurde und war,
wenn man die Männer hat weinen sehen
und die Frauen lachen,
soll man von dannen gehen,
neue Städte zu bewachen.

Läßt man Freunde und Geliebte zurück,
wandert die Stadt mit einem als ein ewiges Glück
Meine Lippen singen zuweilen
Lieder, die ich in ihr gelernt,
meine Sohlen eilen
unter einem Himmel, der auch sie besternt.

Aus: Geliebte Verse. Die schönsten deutschen Gedichte aus der ersten Jahrhunderthälfte. Wiesbaden: Limes, 1951. 3. Auflage 1961, S. 158

Die Nacht

Christine Lavant

(eigentlich Christine Habernig, geb. Thonhauser; * 4. Juli 1915 in Großedling bei St. Stefan im Lavanttal; † 7. Juni 1973 in Wolfsberg)

Die Nacht geht fremd an mir vorbei
in Mondlicht und in Finsternis,
der Wind, der mich vom Aste riß,
ließ mich verdrossen wieder frei
und gab mir keinen Namen.
Ein Stein mit Feuersamen
erzählt mir viel von einem Stern
und daß er selbst den großen Herrn
in seinem Innern hätte.
Da steh ich auf und glätte
ehrfürchtig jeden Bug an mir
und bitt den Stein: Laß mich bei dir
ein wenig wärmer werden!
Er aber sagt: Wärm dich allein!
und brennt verzückt in sich hinein
und ist nicht mehr auf Erden.
So geht es mir mit jedem Ding,
es mag mich niemand haben,
und selbst der Baum, an dem ich hing,
trägt lieber Kräh und Raben.

Aus: Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte. (Werke in 4 Bänden, 1). Göttingen: Wallstein, 2014, S. 108

Lavant in Lyrikwiki

Humor + Metapher = Greguería

Ramón Gómez de la Serna

(* 3. Juli 1888 in Madrid; † 13. Januar 1963 in Buenos Aires)

„Die von ihm erfundene literarische Kurzform der Gregueria gilt als einer der originellsten Beiträge zur modernen Literatur Spaniens. Die erste Sammlung dieser poetischen Definitionen erschien 1917; mehrere erweiterte und veränderte Ausgaben folgten bis zur letzten: Total de Greguerias, 1962, mit rund 13000 Einträgen.

Die Greguería – das Wort bedeutet Kauderwelsch, unverständliches Geschrei aber auch Laute, die kleine Schweine bei ihrer Geburt ausstoßen – zeigt die Dinge außerhalb ihres logischen Zusammenhangs in neuer Perspektive. „Humor + Metapher = Greguería“ heißt eine Formel von Gómez. Er definiert Großes und Unscheinbares, liebt Gedankenspiele und Kalauer, nur eines sollte man – im Gegensatz zu herkömmlichen Aphorismensammlungen nicht erwar­ten: gebündelte Lebensweisheiten. „Die Greguería“, so Gómez de la Serna, „ist das einzige, was uns beim Schreiben nicht traurig, schwerköpfig, trübselig und geschwollen macht, denn der Autor spielt, während er sie schafft; er wirft seinen Kopf in die Höhe und fängt ihn wieder auf.“ “ (Aus der unten genannten Quelle)

Lo que más le duele al árbol que cercenan es que el hacha tengo mango de palo.
Den Baum, den man beschneidet, schmerzt am meisten, daß die Axt einen Stiel aus Holz hat.

A las olas no les importa la lluvia, como si tuviesen impermeable.
Die Wellen machen sich nichts aus dem Regen, so als trügen sie Regenmäntel.

Solo el poeta tiene reloj de luna.
Nur der Dichter hat eine Monduhr.

Los hay-kais son telegramas poéticos.
Die Haiku sind poetische Telegramme.

Tanto hablar y nadie ha inventado una vocal más. ¡Nada más que cinco desde siempre!
Da wird soviel geredet, und niemand hat einen neuen Vokal erfunden. Es bleibt bei den fünfen!

El soneto es el chaleco de terciopelo de la poesía.
Das Sonett ist die Samtweste der Poesie.

Lo bueno sería que al final se descubriese que los molinos no son molinos, sino gigantes.
Das Schönste wäre, es stellte sich am Ende heraus, daß die Windmühlen keine Windmühlen sind, sondern Riesen.

Aus: Straelener Manuskripte Nummer 4 (Mehr)

Ramón Gómez de la Serna
Greguerías
Die poetische Ader der Dinge Spanisch-deutsch Ausgewählt und übersetzt von Rudolf Wittkopf. 1986

 

Verse vom Schlachtfeld

Kurd Adler

(* 6. August 1892 Mainz, † 2. Juli 1916 an der Westfront)

Aus: VERSE VOM SCHLACHTFELD

Betrachten

Ganz lauernd stehen wir auf hohem Berg
und sehen Deutschland links und Frankreich rechts;
und überall ist großes stilles Land
mit weichen Wäldern und verblinkten Dörfern.
Tief eingegraben sind wir wie die Tiere,
die Beute bergen. Der Geschütze
blauschwarze Mäuler glotzen stumpf und stier.
So ahnungslos ist aller Dinge Schein,
daß erst der runde, dumpfe Schall von drüben
uns bitter denken läßt, daß wir Zerstörer sind.
Hoch hebt sich ein Gefühl
von jener Liebe zu dem stillen Lied,
dem Sonntagmorgen und Sebastian Bach.
Ein Augenblick! Und schon ist alles grau.
Fünf Männer rennen wild um ein Geschütz.
Ich denke lächelnd der Begeisterung
der Morgenblätter, die wir nicht mehr lesen.

Aus: Versensporn 43: Kurd Adler. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2021, S. 27

Warum bloß kam mit seiner Mordlust dieser Hitler her

Jizchak Katzenelson

(hebräisch יצחק קצנלסון, jiddisch יצחק קאצנעלסאָן; polnisch Icchak Kacenelson; geb. 21. Juli 1886 in Korelicze, heute Karelitschy, bei Nowogrudok; gest. 1. Mai 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau)

Aus: Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk

  1. Gesang

6
Warum bloß kam mit seiner Mordlust, seiner Kriegsgier dieser Hitler her
Warum fiel der Barbar mit seinen Horden ein in Poln und trieb uns Juden fort
Aus Städten und vertrauten Städtchen? Wo wir lebten, gibt es uns nicht mehr
Man jagt die Kinder, und man treibt die Alten raus aus ihrem eingesessnen Ort

7
Wir fliehn auf und davon. Frag bloß kein’ Jud, wohin man all die Juden karrt
Frag nichts. Sei froh, wenn du nicht weißt: Frag kein Warum, kein Was, kein Wie
Gib keinem Eizes, rate keinem ab noch zu, ob er in seinem Haus ausharrt
Ob er mit all den andern lieber auf Transport geht, hilflos wie ein Vieh

8
Sie brechen in die Wohnung ein, und sie verüben grinsend jeden Greul
Sie metzeln kleine Kinder, schwache Fraun. Die haben wirklich Mumm
Im Tiefflug rast die Messerschmitt den Zug entlang, ein tödliches Triumphgeheul
Mit dem Maschin’gewehr legt so ein Fliegerheld paar eingepferchte Juden um

9
Gib keinen Rat an keinen, nicht dem nahen Freund, dem allernächsten nicht
Auch wenn er noch so fleht, auch wenn sein Bettelblick dein Herz anrührt
Er fragt: Was tun? – Du aber schweig! und wärs Gott selbst, der aus dir spricht
Halts Maul, weil jeder Rat ja falsch ist und in irgendein Verderben führt

10
Es ist, als ob die Wege, alle Straßen und Chausseen zusammenbrachen. Diese Last
Die jüdische, wiegt mehr als alle Säcke auf dem Nacken, alle Beutel in der Hand
Gerannt sind wir, beladen schwer mit Ängsten, ohne alle Hoffnung und in Hast
Wo gibt’s noch irgendwo ein Loch, wie rettet man sich in ein andres Land!

Deutsch von Wolf Biermann. Aus: Jizchak Katzenelson, Dos lied vunem ojsgehargetn jidischn volk. Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk. Wolf Biermann. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1994, S. 87

דאָס ליד פונעם אױסגעהרגעטן ײדישן פאָלק


 

 

Nie mehr frei

Veronica Gambara

(* 30. Juni 1485 Pratalboino, Provinz Brescia; † 13. Juni 1550 in Correggio (Emilia-Romagna))

Ich bin nicht frei und hoffe,
nie mehr frei zu sein
(Rime VI)

Ich bin nicht frei und hoffe, nie mehr frei zu sein
von dieser Schlinge, die mich gefangen hat.
Zu tödlich ist die Wunde, denn der Schlag
ging zu tief in mein aufrechtes Herz hinein.

Nie mehr frei von dem Gedanken, mit dem mein
Kopf bei Tag und bei Nacht sich immerzu plagt,
ob du nicht meine Freiheit, die ich dir gab,
verachten wirst, ach, mit einem Herz aus Stein.

Nie frei von Angst und von Qualen nie mehr frei
werde ich sein, noch von dem, was mich verdrießt,
was ich für dich ausstehe zu jeder Zeit.

Schließlich nie mehr frei aus deinem Verlies
werde ich gehen. In mir wachsen bereits
verschiedene Leidenschaften sanft und süß.

VI

Libra non son, né mai libra esser spero
dal crudel laccio ove già fui legata,
perché troppo mortal la piaga è stata
che già ferì mio cor puro e sincero.

Né libra mai sarò da un sol pensiero,
nel qual dì e notte sempre isto occupata,
che la mia libertà, qual t’ho donata,
non sprezzi, ahimè! tuo cor superbo e fiero.

Né libra da timor, né libra ancora
mai sarò da martir, da acerbe pene
che mi affligon per te, crudele, ognora.

Alfin né libra mai da tue catene
starò, crescendo in me più d’ora in ora
varie passion per te soavi e amene.

Deutsch von Tobias Roth, aus: Welt der Renaissance. Ausgewählt, übersetzt & erläutert von Tobias Roth. Berlin: Galiani, 2020 (2. Aufl. 2021), S. 496

Großstadtgedicht

Vasko Popa

(Васко Попа, geboren am 29. Juni 1922 in Grebenac; gestorben am 5. Januar 1991 in Belgrad)

Großstadtgedicht

Neulich sagt mir meine Frau
Der ich jeden Wunsch erfüllen würde

Ich hätt so gern
Einen kleinen grünen Baum
Der mir auf der Straße nachläuft

Deutsch von Barbara Antkowiak, aus: Vasko Popa, Die Botschaft der Amsel. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1989, S. 100

Heimlicher Hinweis

‚Ulayya bint al-Mahdi

Arabische Dichterin und Musikerin, Tochter des abbasidischen Kalifen al-Mahdi in Bagdad, Schwester des Kalifen Harun al Raschid, 777-825 (Arabisch: عُلَيّة بنت المهدي‎)

Heimlicher Hinweis sind unsere Blätter,
Sendbote uns der Pupille Licht
Werden doch Briefe manchmal gelesen.
Und unsern Boten trauen wir nicht…

Deutsch von Annemarie Schimmel. Aus: Stechäpfel. Gedichte von Frauen aus drei Jahrtausenden. Hrsg. Ulla Hahn. Stuttgart: Reclam, 2008, S. 29

Das Gedicht steht in der Anthologie von Ulla Hahn im Abschnitt „Ars poetica“.

Alt-Wiener Erinnerungen

Andreas Okopenko

(* 15. März 1930 in Košice (Tschechoslowakei); † 27. Juni 2010 in Wien)

Alt-Wiener Erinnerungen

Eintausendsiebenhundertsechsundachtzig,
dreißig Jahre also nach Einführung der Speiseschokolade,
wurde — wie ich zum Frühstück in einer Zeitung, einer guten, las —
ein Mensch gerädert.

Sie flochten ihn auf das Rad,
wie man einen Striezel flicht
oder Zöpfe.
Erst brachen ihm die Knochen
nach der Reihe,
ganz ohne einen anatomischen Fehler,
dann das Gesicht
und der Kopf zuletzt.

Die Leute durften zuschauen:
Sie nahmen ’s Schatzerl
oder Kind und Kegel
mit zu diesem Volksfest
und das goldene in Wien beheimatete Herz.

Schon draußen,
wo der Gang zur Hinrichtung seinen Anfang nahm,
drängte sich alt und jung,
das Vorspiel zu sehen,
das die Zeitung spaßig beschrieb wie folgt:
Der Delinquent bekommt in regelmäßigen Abständen
während seines Weges den
Zwick.

Er brüllt auf, die Leutln wiehern, die Sonne lacht und schon der nächste
Zwick.
Dazwischen, um die Schmerzen zu betäuben,
die sonst leicht die Hinrichtung ersparen könnten,
was einem so unsparsamen Volk nicht gelegen ist,
ein Heftpflaster, ein schmerzstillendes mit Opium, und dann der nächste
Zwick.

Ein Zwick ist der Biß  einer Zange,
einer auf Rot vorgewärmten,
in den unbekleideten Körper,
was, wenn es oft genug geschieht,
Clown-artige Bewegungen des Betroffenen hervorruft,
umso kostbarer in einer Zeit,
die noch keine Theaterschulen kennt.

Ich weiß nicht, warum ich nach dieser Stelle,
die ich zum Frühstück im Unterhaltungsteil einer Zeitung, einer guten, fand,
die Lektüre nicht fortsetzte;
steht doch die Zeitung nicht auf dem Index der verbotenen,
sondern hat im Gegenteil vollkommen einwandfrei gegen jene Einspruch erhoben,
die niederen Trieben das Wort reden;
auch da  wir uns nicht versuchen lassen sollen,
die jahrhundertealte Tradition aufzugeben, die uns Kultur bedeute,
ist — freilich in einer anderen Spalte —
drin gestanden.

Aus: Verlassener Horizong. österreichische Lyrik aus vier Jahrzehnten. Hrsg. Hugo Huppert und Roland Linkas. Berlin: Volk und Welt, 1980, S. 299f

Der Tornado

Aimé Césaire

(* 26. Juni 1913 in Basse-Pointe, Martinique; † 17. April 2008 in Fort-de-France, Martinique)

Der Tornado

Eben als 
        der Senator bemerkte daß der Tornado 
        auf seinem Teller saß mit großem 
        Rübenhintern  
war der Tornado in der Luft und plünderte 
  Kansas-City 
Eben als 
        der Pastor bemerkte daß der Tornado 
        im blauen Auge der Frau des Sheriffs 
        umging 
war der Tornado schon draußen und zeigte allen 
  sein großes Gesicht 
das stank wie zehntausend in einen Zug ge-
  pferchte Neger 
eben als der Tornado vor Lachen platzte 
war der Tornado schon drauf und dran allen die 
  Hände aufzulegen, seine schönen weißen 
  Geistlichenhände

Eben als 
        Gott bemerkte daß er hundert Gläser 
        Henkerblut zu viel getrunken hatte 
war die Stadt schon eine Bruderschaft schwarzer 
  und weißer Flecken 
als Leichen über das Fell eines in vollem Galopp 
  erschlagenen Pferdes gestreut

Eben als der Tornado einen Kriminalroman 
  schrieb, stülpt der Tornado sich schon einen 
  Cowboyhut auf, bemächtigt sich seiner und 
  schreit »Hände hoch« mit der großen hoh-
  len Stimme deren Gott sich bedient wenn er 
  zu den Hühnern spricht - und alles zittert 
  und der Tornado verbog den Stahl und die 
  Vögel fielen zerschmettert vom Himmel

Und nachdem der Tornado die Provinzen der 
  Erinnerung, den fetten Schutt der aus einem 
  mit Urteilen vollgestopften Himmel ge-
  spienen Hingerichteten ertragen hatte er-
  zitterte alles 
zum andern Male wurde der verbogene Stahl 
  wieder verbogen

Und der Tornado der seine Herde von Dächern 
  und Schornsteinen wie einen Schleck Frö-
  sche verschluckt hatte sog lärmend einen 
  Gedanken ein den die Propheten niemals 
  hatten erraten können

Übers. Janheinz Jahn (Mitarbeit Friedlich« Kemp). Aus: Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Becker, Édouard Jaguer u. Petr Král. 3., korr. u. erw. Aufl.. Zweitausendeins, Museum Bochum, 2000, S. 202-204

Nichts mehr wird kommen

Ingeborg Bachmann

(* 25. Juni 1926 in Klagenfurt; † 17. Oktober 1973 in Rom)

Enigma
für Hans Werner Henze aus der Zeit der ARIOSI

Nichts mehr wird kommen.

Frühling wird nicht mehr werden.
Tausendjährige Kalender sagen es jedem voraus.

Aber auch Sommer und weiterhin, was so gute Namen
wie „sommerlich“ hat ―

es wird nichts mehr kommen.

Du sollst ja nicht weinen,
sagt eine Musik.

Sonst
sagt
niemand
etwas.

Aus: Ingeborg Bachmann, Letzte, unveröffentlichte Gedichte, Entwürfe und Fassungen. Edition u. Kommentar von Hans Höller. Freankfurt/Main: suhrkamp, 1998, S. 155 (letzte Textstufe)

Ein Stein

Yves Bonnefoy

(* 24. Juni 1923 in Tours; † 1. Juli 2016 in Paris)

Ein Stein

Der Tag im tiefsten Tag, wird er erretten
Die wenigen Worte, die wir einst zusammen waren?
Ich liebte so die Tage, ihr Vertrauen, und bewache
Die wenigen Worte, die im Herd der Herzen starben.

Une Pierre

Lejour au fond du jour sauvera-t-il
Le peu de mots que nous fûmes ensemble?
Pour moi, j’ai tant aimé ces jours confiants, je veille
Sur quelques mots éteints dans l’âtre de nos cœurs.

Deutsch von Bernhard Böschenstein. Aus: Französische Dichtung 4. Von Apollinaire bis heute. Hrsg. Bernhard Böschenstein u. Hartmut Köhler. (2. Aufl.) München: C. H. Beck, 2001,  S. 372f