Tristan Corbière
Sonett an Sir Bob
Hund, einer leichtfertigen Dame,
englische Bracke reinen Bluts.
Wenn ich dich, Hündchen, deiner Herrin schmeicheln sehe,
Murr ich – warum? – Das ward dir niemals kund …
Deshalb – siehst du -–weil ich zu schmeicheln nicht verstehe.
Hab keine Herrin und … bin auch kein schöner Hund.
– Bob! – Stolzer Name, ach, vor Freude könnt ich weinen! …
Wenn sie mich riefe: Bob!… Sie sagt Bob allzulieb!
Bin reinen Blutes nicht. – O Ungeschick, sie meinen,
Ein Spürhund wär ich wohl… gescholten wie ein Dieb.
Wir tauschen, Bob, zur Seelenwanderung bereit:
Nimm mein Sonett, dein Glöcklein ich, geweiht,
Du meine Haut und ich dein Fell – mit Flöhen. Soll ich’s wagen?
Ich werde Bob sein und – ihr Liebling sicherlich!
Ich werd die Köter beißen und sie mich,
An meinem Halsband ihren kleinen Namen tragen.
Deutsch von Georg Schneider. Aus: Französische Lyrik von Baudelaire bis zur Gegenwart, zweisprachig. Hrsg. Kurt Schnelle. Leipzig: Reclam, 1967, S. 28
Sonnet à sir Bob.
Chien de femme légère,
braque anglais pur sang.
Beau chien, quand je te vois caresser ta maîtresse,
Je grogne malgré moi — pourquoi ? — Tu n’en sais rien.
— Ah ! c’est que moi — vois-tu — jamais je ne caresse,
Je n’ai pas de maîtresse, et… ne suis pas beau chien.
— Bob ! Bob ! — Oh ! le fier nom à hurler d’allégresse !…
Si je m’appelais Bob…. Elle dit Bob si bien !…
Mais moi je ne suis pas pur sang. — Par maladresse,
On m’a fait braque aussi… mâtiné de chrétien.
— Ô Bob ! nous changerons, à la métempsycose :
Prends mon sonnet, moi ta sonnette à faveur rose ;
Toi ma peau, moi ton poil — avec puces ou non….
Et je serai sir Bob — Son seul amour fidèle !
Je mordrai les roquets, elle me mordrait, Elle !…
Et j’aurai le collier portant Son petit nom.
Extrait de: Les Amours jaunes (1873)
Rainer Kirsch
(* 17. Juli 1934 in Döbeln/Sachsen; † 4. September 2015 in Berlin)
Dieses Gedicht handelt von der DDR-Kulturpolitik, gedruckt wurde es in der BRD.
Würdigung
Auch die Beamten, hör ich, sind nicht froh
Wenn sie uns Balken auf die Köpfe hauen
Ja, manche stört es ernsthaft beim Verdauen!
Und ehrlich hauen sie ja auch nicht so
Daß wir nicht spüren müßten: Mit Bedauern
(Obschon nach Kräften, denn das will die Pflicht)
Tun sie ihr Amt, doch böse sind sie nicht
Und wir verstehen es mit leichtem Schauern:
Hieben sie weniger, würden sie entsetzt
Was unser Schade war zuguterletzt;
Dann nämlich kämen die, die gerne prügeln
Welche mit ihrem Prügeln jene zügeln.
So, kaum erstaunt, seh ich, wie es gelingt
Den Stock zu schätzen, den man auf uns schwingt.
August 1973
Àxel Sanjosé
Streitigkeiten
Neulich warf ich einem wichtigen Herrn
einen dort herumliegenden Stein
der Weisen an den Kopf. Er war ungehalten
und schmiss mir damit das Fenster ein.
Jetzt regnet es raus,
und die Nachbarn beschweren sich.
Aus: Àxel Sanjosé, Gelegentlich Krähen. Gedichte. Weilerswist: Landpresse, 2004, 43
Abraham Sutzkever
(hebräisch אברהם סוצקבר , jiddisch אַבֿרהם סוצקעווער; auch Avrom oder Avrohom Sutzkever oder Sutzkewer; geboren 15. Juli 1913 in Smorgon, Russisches Kaiserreich, heute Weißrussland; gestorben 19. Januar 2010 in Tel Aviv)
Wer wird bleiben?
Wer wird bleiben, was wird bleiben? Bleiben wird ein Wind,
bleiben wird die Blindheit eines Blinden, die verrinnt,
bleiben wird ein Meereszeichen, nur ein Krönchen Schaum,
bleiben wird ein kleines Wölkchen, hoch auf einem Baum.
Wer wird bleiben, was wird bleiben? Bleiben wird ein Wort,
Schöpfungsgras, hervorzukeimen heut und immerfort.
Bleiben wird die Fiedelrose – ehrenfest und schön,
sieben Gräser all der Gräser werden sie verstehn.
Mehr als all die vielen Sterne über dieser Welt
jener Stern wird bleiben, der in eine Träne fällt.
Auch ein Tropfen Wein wird bleiben, hier in seinem Krug.
Wer wird bleiben? Gott wird bleiben. Ist dir’s nicht genug?
1974
Deutsch von Hubert Witt, aus: Abraham Sutzkever, Gesänge vom Meer des Todes. Zürich: Ammann, 2009, S. 173
ver vet blaybn? vos vet blaybn? blaybn vet a vint
ver vet blaybn? vos vet blaybn? blaybn vet a vint,
blaybn vet di blindkeyt funem blindn, vos farshvindt.
blaybn vet a simen funem yam: a shnirl shoym,
blaybn vet a volkndl fartshepet oyf a boym.
ver vet blaybn? vos vet blaybn? blaybn vet a traf,
breyshesdik aroystsugrozn vider zayn bashaf.
blaybn vet a fidlroyz lekoved zikh aleyn,
zibn grozn fun di grozn veln zi farshteyn.
mer fun ale shtern azh fun tsofn biz aher,
blaybn vet der shtern, vos er falt in same trer.
shtendik vet a tropn vayn oykh blaybn in zayn krug.
ver vet blaybn, got vet blaybn, iz dir nit genug?
װער װעט בלײַבן? װאָס װעט בלײַבן? בלײַבן װעט אַ װינט,
בלײַבן װעט די בלינדקײט פֿונעם בלינדן, װאָס פֿאַרשװינדט.
בלײַבן װעט אַ סימן פֿונעם ים: אַ שנירל שוים,
בלײַבן װעט אַ װאָלקנדל פֿאַרטשעפּעט אויף אַ בוים.
װער װעט בלײַבן? װאָס װעט בלײַבן? בלײַבן װעט אַ טראַף,
בראשיתדיק אַרויסצוגראָזן װידער זײַן באַשאַף.
בלײַבן װעט אַ פֿידלרויז לכּבֿוד זיך אַלײן,
זיבן גראָזן פֿון די גראָזן װעלן זיך פֿאַרשטײן.
מער פֿון אַלע שטערן אַזש פֿון צפֿון ביז אַהער,
בלײַבן װעט דער שטערן, װאָס ער פֿאַלט אין סאַמע טרער.
שטענדיק װעט אַ טראָפּן װײַן בלײַבן אין זײַן קרוג.
װער װעט בלײַבן? גאָט װעט בלײַבן, איז דיר ניט גענוג?
Gute Nachricht in eigener … und Sibyllens Sache. Sibyllen Schwarzin, Sibylla Schwarz, deren 400. Geburtstag wir heuer noch das ganze Jahr feiern. Gestern erfuhr ich, dass unser Band 1 in der Paperbackausgabe unter 179 Einsendungen auf die Longlist von 30 Titeln der HOTLIST aus unabhängigen Verlagen gesetzt wurde. Hier der Wortlaut der Meldung mit dem Link zur Abstimmung. Vielleicht mögen Sie unsere Ausgabe mit Ihrer Stimme unterstützen? (Das Gedicht des Tages heute ein Stück weiter unten, unter dem Aufruf!)
179 Verlage haben 2021 einen aktuellen Titel mit Hotlistniveau eingereicht. Eine Fundgrube erster Güte!
30 Bücher davon hat das Kuratorium als Kandidaten ausgewählt.
Jetzt geht es um die 10 Bücher der Hotlist 2021, und alle können mitentscheiden:
3 bestimmt die öffentliche Wahl auf dieser Website, 7 die diesjährige Jury.
Schon entschieden? Hier geht es direkt ins Wahllokal. VOTE HERE!
Erst informieren? Hier geht es zu den 30 Kandidaten.
Sie sind aus folgenden Verlagen:
weidle – wallstein – wunderhorn – urachhaus – unionsverlag – transit – text/rahmen – steidl – septime – schöffling – reinecke & voß – peter hammer – orlanda – nimbus – mairisch – limmat – krug & schadenberg – konkursbuch – kolchis – katapult – kanon – elsinor – fotoTapeta – edition moderne – edition korrespondenzen – edition atelier – culturbooks – berenberg – austernbank – aphaia
Und hier noch die Kandidaten als Liste zum Download:
Sibylla Schwarz
(* 24. Februar 1621 = 14. Februar alten Stils in Greifswald – † 10. August = 31. Juli jul. 1638 ebd.)
Auff Jhren Abscheid auß Greiffswald / Gesang. WEil dann der Unholdt gäntzlich mir Zum Greiffswald nicht will lenger leiden / So bleibt dennoch mein Hertz alhier / Undt wirdt sich nimmer von euch scheiden ! Wohin gedenckstu dann mein Sinn ? Jst doch Europa gantz voll Kriegen / Es ist ja warlich kein Gewinn / Von einem stets zum andern fliegen. Zu Fretow wehr es gut genug / Da Phebus mit den Töchtern sitzet / Drüm wirt auch Fretow in das Buch Der greisen Ewigkeit geschnitzet. Da wehr ich fro undt ausser leit / Da wolt ich lesen / tichten / schreiben / Undt so den Nachrest meiner Zeit Mit ohnverfälschter Trew vertreiben. Jtzt aber wil die Kriegerey Zu Fretow keinen Menschen dulden / Kein Ort ist von den Straffen frey / Die ich undt du / undt der vorschulden. Jch sag und klage für undt für / Das manche lange Nacht verflossen / ¶ Seit das ich auß der Frewden Thür Bin gantz undt gahr hinauß gestoßen. Was klag ich aber / weiß ich doch / Das meiner Augen heisse Zähren Nicht lindern dieses schwere Joch / Noch meinem Elend mögen wehren. Dan Trauren machet nur Verdruß ; Laß alle rauhe Winde wehen / Laß sterben / wer da sterben muß / Was wündscht man viel den Todt zusehen? Dem Menschen ist gesetzt ein Ziel / Das kan er auch nicht überschreiten / Drüm ruff nur nicht den Todt zu viel / Er schleicht dir nach auff allen seiten. Was Odem bläst wirt nun geplagt / Kein Mensche fült itzund genügen ; Man hört nicht mehr das einer fragt : Wo mag der Weg nach Fretow liegen ? Nun gute Nacht / mein Vaterlandt ! Da weylandt große Lust zu schawen / Jch muß mich nun Neptunus Handt / Und Thetis saltzen Schoß vertrawen. Gehab dich wol / du werte Schar Der Schwieger=und der Schwägerinnen ! Wer wirt nun mit euch übers Jahr Ins Dannenholtz spatzieren künnen? Wans euch nun geht / wie ihr begehrt / Wen euwer Weinen wirt zu Lachen / So denckt dan auch eins ohn beschwert : Was mag doch unsre Lybis machen ?
Miron Białoszewski
(* 30. Juni 1922 in Warschau; † 17. Juni 1983 ebenda)
ichbins ausführung

ich bin
ich bin dumm
was soll ich tun
ja was soll ich tun
wie nicht wissen
ach was weiß ich
was ich bin
ich weiß ich bin
so wie ich bin
vielleicht nicht dumm
aber das vielleicht nur weil ich weiß
dass jeder für sich der wichtigste ist
denn wenn man nicht auskommt mit sich
ist man dennoch so wie man ist
wywód jestem’u
jestem sobie
jestem głupi
co mam robić
a co mam robić
jak nie wiedzieć
a co ja wiem
co ja jestem
wiem że jestem
taki jak jestem
może niegłupi
ale to może tylko dlatego że wiem
że każdy dla siebie jest najważniejszy
bo jak się na siebie nie godzi
to i tak taki jest się jaki jest
Deutsch von Dagmara Kraus, aus: Miron Białoszewski, M’ironien. Gedichte und Prosa, ausgewählt und aus dem Polnischen übersetzt von Dagmara Kraus, hrsg./Vorwort Henk Proeme. roughbook 054, Strasbourg, Oegstgeest u. Schupfart 2021, S. 62f
Carles Riba
(* 23. September 1893 Barcelona, † 12 Juli 1959 ebd.)

Über uns das reine Gezweig…
Über uns das reine Gezweig
und in den Augen die Welt sich vergißt,
in deinen Armen die Hoffnung ist –
das Wasser fließt und still steht die Zeit.
Das Wasser leidet und die Zeit verdirbt.
Wir sind alt wie die Welle und das Blatt,
wie der Traum, der uns gefangen hat;
zwischen dir und mir eine Rose stirbt.
Der Rose und, Geliebte, dir
hab ich Herbst und Frühling gebracht,
so wie ein leichter Blick sich sacht
in der Nacht an Schatten verliert.
C1946)
Deutsch von Peter Brasch, aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. jahrhunderts. Katalanisch und deutsch. Hg. Tilbert Stegmann. Leipzig: Reclam, 1987, S. 43
Per amunt la brancada …
Per amunt la brancada pura
I en els ulls el món oblidant-se
I en els teus braços l’esperança
L’aigua corre i el temps s’atura
L’aigua sofreix i el temps sospira
Som vells com la fulla i com l’ona
Com el somni que ens empresona
Entre tu i jo una rosa expira
A la rosa i a tu estimada
He donat tardor i primavera
Com una mirada lleugera
En la nit a una ombra pensada.
Margret Kreidl
(* 2. Januar 1964 in Salzburg)
Getreide steht hoch im Kurs. Es ist heiß.
Expertisen wachsen auf der Wiese. Der Bauer weiß,
die Milchseen fließen vom Norden in den Süden. Die
Imker müssen in den Bunker. Sie träumen von
Cremeschnitten und Bienenstichen. Kinder wissen,
Hühner haben Flügel, die fliegen nach
Tansania und kommen als Flüchtlinge wieder.
Aus: Margret Kreidl, Schlüssel zum Offenen. Wien: Korrespondenzen, 2021, S. 68
Salvador Espriu
(Geb. 10. Juli 1913 Santa Coloma de Farners, Provinz Girona, gest. 22. Februar 1985 Barcelona)
Versuch eines Lobgesangs im Tempel

Oh, wie genug habe ich von meinem
feigen, alten, so ungeschlachten Land,
und wie gern würde ich davonlaufen,
weit nach Norden,
wo, wie man hört, die Leute reinlich sind,
anständig und gebildet, reich und frei,
wachen Sinnes und glücklich!
Dann würden, voll Mißbilligung, die versammelten Brüder
sagen: »Gleich einem Vogel, welcher sein Nest im Stich läßt,
ist der Mensch, der fortgeht von seinem Ort«,
während ich, weit entfernt schon, lachen würde
über das Gesetz und die abgestandene
Weisheit meines verstaubten Volkes.
Doch nie werde ich meinem Wunschtraum folgen,
und hier werde ich bleiben bis zum Tod.
Denn auch ich bin sehr feig und ungeschlacht
und liebe überdies mit einer
verzweifelten Trauer
dieses mein armes,
dreckiges, tristes, unglückliches Vaterland.
Deutsch von Fritz Vogelgsang, aus: Salvador Espriu, Obra Poètica. Das lyrische Werk in drei Bänden. Katalanisch und Deutsch. 1. Band. Zürich: Ammann, 2007, S. 355
Assaig de càntic en el temple
Oh, que cansat estic de la meva
covarda, vella, tan salvatge terra,
i com m’agradaria d’allunyar-me’n,
nord enllà,
on diuen que la gent és neta
i noble, culta, rica, lliure,
desvetllada i feliç!
Aleshores, à la congregació, els germans dirien
desaprovant: »Com l’ocell que deixa el niu,
aix l’home que se’n va del seu indret«,
mentre jo, ja ben lluny, em riuria
de la llei i de l’antiga saviesa
d’aquest meu àrid poble.
Però no he de seguir mai el meu somni
i em quedaré aquí fins a la mort.
Car sóc també molt covard i salvatge
i estimo a més amb un
desesperat dolor
aquesta meva pobra,
bruta, trista, dissortada pàtria.
Noch einmal Percy Bysshe Shelley.
England 1819
Ein König, alt, blind, irr, verachtet, nah am Tod –
Prinzen, Abschaum der stumpfen Kaste, die
Aus Dreckquell Dreck, treiben durch Straßenspott –
Regierer, die nicht wissen, sehn, noch fühln
Sondern wie Egel hängen an dem Land
Bis sie abfalln von selbst, blutblind und taub –
Ein Volk, erdolcht an leerer Äcker Rand –
Eine Armee, die Freiheitsmord und Raub
Zum Doppelschwert macht dem, der Waffen trägt –
Gesetz golden und blutig, das lockt und erschlägt;
Religion gottlos, ein versiegelt Buch
Ein Parlament – geringster Rechte Fluch
Sind Gräber, daraus ruhmvoll brechen mag
Ein Geist, zu leuchten unserm stürmischen Tag.
Deutsch von Rainer Kirsch, aus: EIN DING VON SCHÖNHEIT IST EIN GLÜCK AUF IMMER. Gedichte der englischen und schottischen Romantik, englisch und deutsch. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1980, S. 387
England in 1819
An old, mad, blind, despised, and dying King, –
Princes, the dregs of their dull race, who flow
Through public scorn,— mud from a muddy spring, –
Rulers who neither see, nor feel, nor know,
But leech-like to their fainting country cling
Till they drop, blind in blood, without a blow, –
A people starved and stabbed in the untilled field, –
An army, which liberticide and prey
Makes as a two-edged sword to all who wield
Golden and sanguine laws which tempt and slay;
Religion Christless, Godless — a book sealed;
A Senate, – Time’s worst statute, unrepealed, —
Are graves from which a glorious Phantom may
Burst, to illumine our tempestuous day.
Percy Bysshe Shelley
(* 4. August 1792 in Field Place, Sussex; † 8. Juli 1822 im Meer bei Viareggio, Toskana)
Der Maskenzug der Anarchie
Geschrieben nach dem Blutbad
zu Manchester

1
Einst in Italien, da ich schwer
Im Schlafe lag, da kam vom Meer
Die Stimme, lockte mich wie nie
In die Visionen der Poesie.
2
Unterwegs traf ich den Mord –
Wie Castlereagh maskiert, ein Lord –
Glatt, doch grimmig; sieben Blut-
Hunde folgten seiner Wut.
3
Und die waren allzumeist
Wohlgebaut und ziemlich feist;
Denen warf er wie im Spaß
Menschenherzen hin zum Fraß,
Die er aus seinem Mantel las.
4
Dann: Betrug, wie Eldon mild
In einen Pelztalar gehüllt;
Er weinte, jede Träne ward
Wie Mühlensteine schwer und hart.
5
Kinder, die um seine Beine
Spielten, meinten, Edelsteine
Fielen da in blanken Tröpfchen –
Die zerschlugen ihre Köpfchen.
6
Und in einem Bibel-Kleid,
Gewebt aus Licht und Dunkelheit,
Wie Sidmouth ritt die Heuchelei
Auf einem Krokodil vorbei.
7
Und noch viel Verderben ritt
Im Grauens-Maskenzuge mit.
Vermummt bis auf die Augenschlitze
Wie Bischof, Anwalt, Pair und Spitzel.
8
Dann: Lord Anarchie, er sitzt
Auf einem Schimmel, blutbespritzt,
Ist bis zu den Zähnen bleich,
Dem Tod der „Offenbarung“ gleich.
9
Eine Königskrone schleppt er,
In der Faust ein blankes Zepter,
Auf die Stirn ein Mal geätzt:
Ich – Gott, König und Gesetz!
10
Majestätisch elegant
Ritt er über englisch Land,
All die Menge, die anbetend
Lag, zu blutigem Brei zertretend.
11
Um ihn eine Rotte Ritter
Machte rings den Boden zittern;
Ihrem Herrn zu Diensten mutig
Schwang man Schwerter, reichlich blutig.
[…]
89
Und das Blut der Metzeleien
Wird hinauf zum Himmel schreien,
Wie ein grollender Vulkan
Bricht sich eine Stimme Bahn,
90
Ballt sich zum Empörungsschrei:
Untergang der Tyrannei,
Jedes Herz und Hirn durchdröhnend,
Wieder, wieder, wieder tönend:
91
Auf wie Löwen, die sich recken.
Zornig ihre Kraft entdecken,
Streift die Ketten wie im Spiele
Ab – ein Reif der Morgenkühle –
Sie sind wenig, ihr seid viele.
1819
Deutsch von Hubert Witt. Aus: EIN DING VON SCHÖNHEIT IST EIN GLÜCK AUF IMMER. Gedichte der englischen und schottischen Romantik, englisch und deutsch. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1980, S. 258ff
The Mask of Anarchy
On August 16th, 1819, approximately 100,000 millworkers and their families congregated at Saint Peter’s Field in Manchester in a peaceful demonstration of protest calling for reform in the working class’s role. The local ruling class was sent to arrest the leader of the protest, Henry Hunt, and in turn wounded hundreds, and killed a dozen.
Written on the Occasion of the Massacre at Manchester
As I lay asleep in Italy
There came a voice from over the Sea
And with great power it forth led me
To walk in the visions of Poesy.
I met Murder on the way—
He had a mask like Castlereagh—
Very smooth he looked, yet grim;
Seven blood-hounds followed him.
All were fat; and well they might
Be in admirable plight,
For one by one, and two by two,
He tossed the human hearts to chew
Which from his wide cloak he drew.
Next came Fraud, and he had on,
Like Eldon, an ermined gown;
His big tears, for he wept well,
Turned to mill-stones as they fell:
And the little children, who
Round his feet played to and fro,
Thinking every tear a gem,
Had their brains knocked out by them.
Clothed with the Bible, as with light,
And the shadows of the night,
Like Sidmouth, next, Hypocrisy
On a crocodile rode by.
And many more Destructions played
In this ghastly masquerade,
All disguised, even to the eyes,
Like Bishops, lawyers, peers, or spies.
Last came Anarchy: he rode
On a white horse, splashed with blood;
He was pale even to the lips,
Like Death in the Apocalypse.
And he wore a kingly crown;
And in his grasp a sceptre shone;
On his brow this mark I saw—
‚I AM GOD, AND KING, AND LAW!‘
With a pace stately and fast,
Over English land he passed,
Trampling to a mire of blood
The adoring multitude.
And a mighty troop around,
With their trampling shook the ground,
Waving each a bloody sword,
For the service of their Lord.
And with glorious triumph, they
Rode through England proud and gay,
Drunk as with intoxication
Of the wine of desolation.
[…]
‚And that slaughter to the Nation
Shall steam up like inspiration,
Eloquent, oracular;
A volcano heard afar.
‚And these words shall then become
Like Oppression’s thundered doom
Ringing through each heart and brain,
Heard again—again—again—
‚Rise like Lions after slumber
In unvanquishable number—
Shake your chains to earth like dew
Which in sleep had fallen on you—
Ye are many—they are few.‘
SAID

Was,
wenn ich deine Hand streicheln würde
während du mir den Cognac einschenkst
ohne auf deinen Mann zu schauen?
Was,
wenn ich dich bei der Hand nehmen
und ins Schlafzimmer bringen würde
ohne mich umzudrehen?
Was,
wenn ich mich neben dich legen
und die Decke über uns ziehen würde
ohne an die offene Tür zu denken?
Aus: Hier ist Iran! Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum. Hrsg. Gerrit Wustmann. Bremen: Sujet, 2011, S. 175
MARILYN DUCKWORTH
Ehrgeiziges Ziel

Ich habe genug von Exzessen
Aufgeplustert wie Eiderdaunen im Delirium
Wie Sahnetorten und wahre Liebe.
Ja.
Ich will auf Butter verzichten
Und Liebesbriefe
Ganz zu schweigen von
Französisch
Und der Pille.
Meine Gespräche werden
Wortkarg und präzise
Meine Beine werden mich weiter hinaustragen
Auf dem Lebensweg
Wachsam und aufrecht. Zurückgezogen. Vielleicht auch taub.
Und sterben werde ich
Sehr adrett und leise
Im Dämmerlicht, glaube ich,
Alle Papiere in Ordnung
Und die Wäsche gefaltet.
Ja.
Deutsch von Axel Vieregg, aus: Gedichte aus Neuseeland. Auswahl und Übertragung Axel Vieregg. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2014, S. 21
Klabund
(* 4. November 1890 in Crossen an der Oder; † 14. August 1928 in Davos)
MAN SOLL IN KEINER STADT
Man soll in keiner Stadt länger bleiben als ein halbes Jahr.
Wenn man weiß, wie sie wurde und war,
wenn man die Männer hat weinen sehen
und die Frauen lachen,
soll man von dannen gehen,
neue Städte zu bewachen.
Läßt man Freunde und Geliebte zurück,
wandert die Stadt mit einem als ein ewiges Glück
Meine Lippen singen zuweilen
Lieder, die ich in ihr gelernt,
meine Sohlen eilen
unter einem Himmel, der auch sie besternt.
Aus: Geliebte Verse. Die schönsten deutschen Gedichte aus der ersten Jahrhunderthälfte. Wiesbaden: Limes, 1951. 3. Auflage 1961, S. 158
Christine Lavant
(eigentlich Christine Habernig, geb. Thonhauser; * 4. Juli 1915 in Großedling bei St. Stefan im Lavanttal; † 7. Juni 1973 in Wolfsberg)

Die Nacht geht fremd an mir vorbei
in Mondlicht und in Finsternis,
der Wind, der mich vom Aste riß,
ließ mich verdrossen wieder frei
und gab mir keinen Namen.
Ein Stein mit Feuersamen
erzählt mir viel von einem Stern
und daß er selbst den großen Herrn
in seinem Innern hätte.
Da steh ich auf und glätte
ehrfürchtig jeden Bug an mir
und bitt den Stein: Laß mich bei dir
ein wenig wärmer werden!
Er aber sagt: Wärm dich allein!
und brennt verzückt in sich hinein
und ist nicht mehr auf Erden.
So geht es mir mit jedem Ding,
es mag mich niemand haben,
und selbst der Baum, an dem ich hing,
trägt lieber Kräh und Raben.
Aus: Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte. (Werke in 4 Bänden, 1). Göttingen: Wallstein, 2014, S. 108
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