Andreas Koziol
Über die Guten
Wo sind die Guten wenn man sie braucht
Es heißt sie wären untergetaucht
Es heißt sie wurden sich selber zu schwer
und wären versunken wie Steine im Meer
Alles was gut ist im Grund muß verstehn
daß dies ein Grund ist zugrunde zu gehn
Die Guten mußten den Besseren weichen
Sie konnten ihnen das Wasser nicht reichen
und wurden verdrängt oder wollten nicht mehr
Das Glas ist halb voll das Glas ist halb leer
Das Glas ist doppelt so groß wie es sein muß
Doch Flaschen haben da größeren Einfluß
Wir sind die Guten – so prahlt die Fassade
Das falsche Leben kennt keine Gnade
Der schlechtere Teil macht den besseren Deal
Das war schon immer des Guten zuviel
Nein gar nichts ist gut weil alles ist besser
Vergütungen fischen in trübem Gewässer
Und wer die Guten zu schmerzlich vermißt
Der gehe ins Meer bis er bei ihnen ist
Aus: Das Zündblättchen. Überelbsche Blätter für Kunst und Literatur #92. Meissen: Edition Dreizeichen, 2019, S. 12
Kateb Yacine
(Katib Yasin; * 6. August 1929 in Constantine (Algerien); † 28. Oktober 1989 in Tronche bei Grenoble)
Kateb Yacine war ein algerischer Schriftsteller, der in drei Sprachen schrieb, Arabisch, Französisch und Tamazight (Berbersprache). Hier ein kleines Gedicht auf Französisch.
Toute beauté n’est qu’une expression
D’une beauté bien plus belle encore
C’est la verité
Alle Schönheit ist nur der Ausdruck
Einer noch schöneren Schönheit
Es ist die Wahrheit
Aus: Eclats de miroirs, ed. Edmond Chemin, 2019.
Mehr Gedichte auf Französisch.
Auf dem Bild ein anderes Gedicht von Yacine aus einem wunderschönen französischen Jugendbuch mit algerischer Lyrik.
Paul Verlaine
(* 30. März 1844 in Metz; † 8. Januar 1896 in Paris)
Dichtkunst
Musik, vor allen andern Dingen!
Und nur die Ungeraden zählen in der Kunst,
Die unbegreiflicher vergehn im Dunst
Und nicht mit Schwere, nicht mit Pose ringen.
Verachtungswürdig muß es dir erscheinen
Zu wägen auf der Zunge jedes Wort genau –
Was ist denn herrlicher als eines Liedes Grau,
Wo Ungewisses sich und Klares einen?
Es ist wie schöne Augen hinter einem Schleier,
Als ob ein heißer Tag in Mittagsglut erbebe,
Und unter einem herbstlich lauen Himmel schwebe
In blauem Durcheinand’ ein Sternenfeuer.
Nuancen, nur Nuancen! Singen wir von vorn,
Denn grelle Farben wären ganz verfehlt,
Und weiches Übergleiten nur vermählt
Die Träume miteinander, Flöte mit dem Horn.
Vermeide ängstlich mörderische Geistesblitze,
Und Pointen, Spitzen, jede noch so kleine,
Damit das milde Auge des Azurs nicht weine,
Und unterlasse scharfe Würze, leere Witze.
Zwing die Rhetorik schonungslos ins Knie!
Und alldieweil du grad im Zuge bist,
Schau, daß der Reim disziplinierter ist.
Was sonst noch werden könnte, weiß man nie.
O wieviel Torheit birgt der Reim, wie schlecht
Hat ein verrückter Mohr, ein taubes Kind
Geschmiedet diesen eitlen Tand geschwind,
Der unterm Feilen hohl erklingt und wenig echt?
Musik denn einzig, immer nur Musik!
Dein Vers sei wie ein Hauch, der leis entschwebt
Aus einer Seele, sich in freiem Fluge hebt
Zu jenen neuen Himmeln und zu neuem Glück.
Laß ihn auf ungewisser Abenteurerspur
Im frischen Morgenwind verwehn nach hier, nach dort,
Im Duft von Minz und Thymian treiben fort…
Das andere ist Literatenmache nur.
Deutsch von Eva Scheer, in: Französische Lyrik von Baudelaire bis zur Gegenwart. Frz./dt. Leipzig: Reclam, 1867, S. 68-71 (zuvor im Stahlberg Verlag Karlsruhe)
Art poétique
De la musique avant toute chose,
Et pour cela préfère l’Impair
Plus vague et plus soluble dans l’air,
Sans rien en lui qui pèse ou qui pose.
Il faut aussi que tu n’ailles point
Choisir tes mots sans quelque méprise :
Rien de plus cher que la chanson grise
Ou l’Indécis au Précis se joint.
C’est de beaux yeux derrière des voiles,
C’est le grand jour tremblant de midi ;
C’est par un ciel d’automne attiédi,
Le bleu fouillis des claires étoiles !
Car nous voulons la Nuance encor,
Pas la couleur, rien que la Nuance !
Oh ! la nuance seule fiance
Le rêve au rêve et la flûte au cor !
Fuis du plus loin la Pointe assassine,
L’Esprit cruel et le Rire impur,
Qui font pleurer les yeux de l’Azur,
Et tout cet ail de basse cuisine !
Prend l’éloquence et tords-lui son cou !
Tu feras bien, en train d’énergie,
De rendre un peu la Rime assagie.
Si l’on y veille, elle ira jusqu’où ?
Ô qui dira les torts de la Rime !
Quel enfant sourd ou quel nègre fou
Nous a forgé ce bijou d’un sou
Qui sonne creux et faux sous la lime ?
De la musique encore et toujours !
Que ton vers soit la chose envolée
Qu’on sent qui fuit d’une âme en allée
Vers d’autres cieux à d’autres amours.
Que ton vers soit la bonne aventure
Éparse au vent crispé du matin
Qui va fleurant la menthe et le thym…
Et tout le reste est littérature.
Paul Verlaine, Jadis et Naguère (1885)
Vor ein paar Jahren ging ich in Tel Aviv in eine Buchhandlung. Ich hatte begonnen, Hebräisch zu lernen, aber zum Bücherlesen reichte es noch lange nicht. Ich fragte mich zur Gedichtecke durch, klein wie in deutschen Buchhandlungen, nahm ein paar Bücher in die Hand und kaufte „blind“ ein Büchlein. Hauptsächlich wollte ich mit eigenen Augen sehen, wovon ich gelesen hatte: dass die Punktierung, mit der in der fast vokallosen hebräischen Schrift die Vokale angedeutet werden, im Alltag nicht verwendet wird, nur in der Bibel und in Gedichtbänden. (Es stimmt, siehe im Faksimile unten).
Zu Hause las ich ein wenig mit Wörterbuch, es war eine mir unbekannte Autorin „Chana Senesch“. Sie wurde als Anikó Szenes in Budapest geboren und wanderte nach Schulabschluß nach dem britischen Mandatsgebiet Palästina aus, wo sie sich einem Kibbuz anschloss. Sie starb als (britische) Partisanin bei einem Einsatz in Ungarn. 1950 wurden ihre sterblichen Überreste nach Jerusalem überführt.
Hannah Senesch
(חנה סנש)
(Hannah Szenes, Senesh, geboren am 17. Juli 1921 in Budapest; hingerichtet am 7. November 1944 ebenda)
Am 13. März 1944 sprangen 32 Palästina-jüdische Mitglieder der britischen Armee, unter ihnen als einzige Frau Hannah Senesh, mit dem Fallschirm über Jugoslawien ab. Sie waren von Brindisi, Italien, aus gestartet und hatten den Auftrag, alliierte Piloten zu befreien, die hinter den feindlichen Linien abgeschossen worden waren. Erst nach Erledigung dieser Mission durften sie sich ihrem eigentlichen Ziel widmen: Vom Untergrund aus wollten sie jüdische Menschen retten. Mehr als eine Million, so vermutete man, lebten noch in Rumänien, Ungarn und der Tschechoslowakei.
Kurz nach Überquerung der ungarischen Grenze wurde Hannah Senesh von den Deutschen gefaßt und zu Verhören nach Budapest überführt. Sie wurde grausam gefoltert, verriet aber auch dann nichts, als man ihr drohte, vor ihren Augen ihre Mutter zu foltern und zu töten. Ihre Festigkeit hat vermutlich der Mutter das Leben gerettet; hätte Hannah nachgegeben, hätten die Deutschen sie unweigerlich sofort exekutiert und ihre Mutter nach Auschwitz deportiert.
Ende Oktober kommt Hannah vor ein Militärgericht; am 7. November wird sie hingerichtet. / Aus: FemBio
Hier ein Gedicht in der Übersetzung von Wolf Biermann:
Der Span sei gepriesen da er verbraucht ward die Flamme zu entzünden Gepriesen sei die Flamme die sich verzehrt im heimlichen Schlag dem heftigen des Herzens Das Herz sei gepriesen das stark genug war, stille zu stehn um der Ehre willen Gepriesen sei der Span da er verbraucht ward die Flamme zu entzünden
Eine andere, wörtlichere Übersetzung findet sich im Wikipediaartikel über die Dichterin:
Gesegnet das Streichholz, das sich verbraucht, indem es die Flamme entzündet.
Gesegnet die Flamme, die immer brennt in den innersten Winkeln des Herzens.
Gesegnet das Herz, das Würde bewahrt auch in seiner letzten Stunde.
Gesegnet das Streichholz, das sich verbraucht, indem es die Flamme entzündet.
Und eine englische Version von der Website der Hannah Senesh Legacy Foundation:
Blessed Is The Match
(Serdice Yugoslavia May 1944)
Blessed is the match consumed
in kindling flame.
Blessed is the flame that burns
in the secret fastness of the hurts.
Blessed is the heart with strength to stop
its beating for honor’s sake.
Blessed is the match consumed
in kindling flame.

Tristan Corbière
Sonett an Sir Bob
Hund, einer leichtfertigen Dame,
englische Bracke reinen Bluts.
Wenn ich dich, Hündchen, deiner Herrin schmeicheln sehe,
Murr ich – warum? – Das ward dir niemals kund …
Deshalb – siehst du -–weil ich zu schmeicheln nicht verstehe.
Hab keine Herrin und … bin auch kein schöner Hund.
– Bob! – Stolzer Name, ach, vor Freude könnt ich weinen! …
Wenn sie mich riefe: Bob!… Sie sagt Bob allzulieb!
Bin reinen Blutes nicht. – O Ungeschick, sie meinen,
Ein Spürhund wär ich wohl… gescholten wie ein Dieb.
Wir tauschen, Bob, zur Seelenwanderung bereit:
Nimm mein Sonett, dein Glöcklein ich, geweiht,
Du meine Haut und ich dein Fell – mit Flöhen. Soll ich’s wagen?
Ich werde Bob sein und – ihr Liebling sicherlich!
Ich werd die Köter beißen und sie mich,
An meinem Halsband ihren kleinen Namen tragen.
Deutsch von Georg Schneider. Aus: Französische Lyrik von Baudelaire bis zur Gegenwart, zweisprachig. Hrsg. Kurt Schnelle. Leipzig: Reclam, 1967, S. 28
Sonnet à sir Bob.
Chien de femme légère,
braque anglais pur sang.
Beau chien, quand je te vois caresser ta maîtresse,
Je grogne malgré moi — pourquoi ? — Tu n’en sais rien.
— Ah ! c’est que moi — vois-tu — jamais je ne caresse,
Je n’ai pas de maîtresse, et… ne suis pas beau chien.
— Bob ! Bob ! — Oh ! le fier nom à hurler d’allégresse !…
Si je m’appelais Bob…. Elle dit Bob si bien !…
Mais moi je ne suis pas pur sang. — Par maladresse,
On m’a fait braque aussi… mâtiné de chrétien.
— Ô Bob ! nous changerons, à la métempsycose :
Prends mon sonnet, moi ta sonnette à faveur rose ;
Toi ma peau, moi ton poil — avec puces ou non….
Et je serai sir Bob — Son seul amour fidèle !
Je mordrai les roquets, elle me mordrait, Elle !…
Et j’aurai le collier portant Son petit nom.
Extrait de: Les Amours jaunes (1873)
Rainer Kirsch
(* 17. Juli 1934 in Döbeln/Sachsen; † 4. September 2015 in Berlin)
Dieses Gedicht handelt von der DDR-Kulturpolitik, gedruckt wurde es in der BRD.
Würdigung
Auch die Beamten, hör ich, sind nicht froh
Wenn sie uns Balken auf die Köpfe hauen
Ja, manche stört es ernsthaft beim Verdauen!
Und ehrlich hauen sie ja auch nicht so
Daß wir nicht spüren müßten: Mit Bedauern
(Obschon nach Kräften, denn das will die Pflicht)
Tun sie ihr Amt, doch böse sind sie nicht
Und wir verstehen es mit leichtem Schauern:
Hieben sie weniger, würden sie entsetzt
Was unser Schade war zuguterletzt;
Dann nämlich kämen die, die gerne prügeln
Welche mit ihrem Prügeln jene zügeln.
So, kaum erstaunt, seh ich, wie es gelingt
Den Stock zu schätzen, den man auf uns schwingt.
August 1973
Àxel Sanjosé
Streitigkeiten
Neulich warf ich einem wichtigen Herrn
einen dort herumliegenden Stein
der Weisen an den Kopf. Er war ungehalten
und schmiss mir damit das Fenster ein.
Jetzt regnet es raus,
und die Nachbarn beschweren sich.
Aus: Àxel Sanjosé, Gelegentlich Krähen. Gedichte. Weilerswist: Landpresse, 2004, 43
Abraham Sutzkever
(hebräisch אברהם סוצקבר , jiddisch אַבֿרהם סוצקעווער; auch Avrom oder Avrohom Sutzkever oder Sutzkewer; geboren 15. Juli 1913 in Smorgon, Russisches Kaiserreich, heute Weißrussland; gestorben 19. Januar 2010 in Tel Aviv)
Wer wird bleiben?
Wer wird bleiben, was wird bleiben? Bleiben wird ein Wind,
bleiben wird die Blindheit eines Blinden, die verrinnt,
bleiben wird ein Meereszeichen, nur ein Krönchen Schaum,
bleiben wird ein kleines Wölkchen, hoch auf einem Baum.
Wer wird bleiben, was wird bleiben? Bleiben wird ein Wort,
Schöpfungsgras, hervorzukeimen heut und immerfort.
Bleiben wird die Fiedelrose – ehrenfest und schön,
sieben Gräser all der Gräser werden sie verstehn.
Mehr als all die vielen Sterne über dieser Welt
jener Stern wird bleiben, der in eine Träne fällt.
Auch ein Tropfen Wein wird bleiben, hier in seinem Krug.
Wer wird bleiben? Gott wird bleiben. Ist dir’s nicht genug?
1974
Deutsch von Hubert Witt, aus: Abraham Sutzkever, Gesänge vom Meer des Todes. Zürich: Ammann, 2009, S. 173
ver vet blaybn? vos vet blaybn? blaybn vet a vint
ver vet blaybn? vos vet blaybn? blaybn vet a vint,
blaybn vet di blindkeyt funem blindn, vos farshvindt.
blaybn vet a simen funem yam: a shnirl shoym,
blaybn vet a volkndl fartshepet oyf a boym.
ver vet blaybn? vos vet blaybn? blaybn vet a traf,
breyshesdik aroystsugrozn vider zayn bashaf.
blaybn vet a fidlroyz lekoved zikh aleyn,
zibn grozn fun di grozn veln zi farshteyn.
mer fun ale shtern azh fun tsofn biz aher,
blaybn vet der shtern, vos er falt in same trer.
shtendik vet a tropn vayn oykh blaybn in zayn krug.
ver vet blaybn, got vet blaybn, iz dir nit genug?
װער װעט בלײַבן? װאָס װעט בלײַבן? בלײַבן װעט אַ װינט,
בלײַבן װעט די בלינדקײט פֿונעם בלינדן, װאָס פֿאַרשװינדט.
בלײַבן װעט אַ סימן פֿונעם ים: אַ שנירל שוים,
בלײַבן װעט אַ װאָלקנדל פֿאַרטשעפּעט אויף אַ בוים.
װער װעט בלײַבן? װאָס װעט בלײַבן? בלײַבן װעט אַ טראַף,
בראשיתדיק אַרויסצוגראָזן װידער זײַן באַשאַף.
בלײַבן װעט אַ פֿידלרויז לכּבֿוד זיך אַלײן,
זיבן גראָזן פֿון די גראָזן װעלן זיך פֿאַרשטײן.
מער פֿון אַלע שטערן אַזש פֿון צפֿון ביז אַהער,
בלײַבן װעט דער שטערן, װאָס ער פֿאַלט אין סאַמע טרער.
שטענדיק װעט אַ טראָפּן װײַן בלײַבן אין זײַן קרוג.
װער װעט בלײַבן? גאָט װעט בלײַבן, איז דיר ניט גענוג?
Gute Nachricht in eigener … und Sibyllens Sache. Sibyllen Schwarzin, Sibylla Schwarz, deren 400. Geburtstag wir heuer noch das ganze Jahr feiern. Gestern erfuhr ich, dass unser Band 1 in der Paperbackausgabe unter 179 Einsendungen auf die Longlist von 30 Titeln der HOTLIST aus unabhängigen Verlagen gesetzt wurde. Hier der Wortlaut der Meldung mit dem Link zur Abstimmung. Vielleicht mögen Sie unsere Ausgabe mit Ihrer Stimme unterstützen? (Das Gedicht des Tages heute ein Stück weiter unten, unter dem Aufruf!)
179 Verlage haben 2021 einen aktuellen Titel mit Hotlistniveau eingereicht. Eine Fundgrube erster Güte!
30 Bücher davon hat das Kuratorium als Kandidaten ausgewählt.
Jetzt geht es um die 10 Bücher der Hotlist 2021, und alle können mitentscheiden:
3 bestimmt die öffentliche Wahl auf dieser Website, 7 die diesjährige Jury.
Schon entschieden? Hier geht es direkt ins Wahllokal. VOTE HERE!
Erst informieren? Hier geht es zu den 30 Kandidaten.
Sie sind aus folgenden Verlagen:
weidle – wallstein – wunderhorn – urachhaus – unionsverlag – transit – text/rahmen – steidl – septime – schöffling – reinecke & voß – peter hammer – orlanda – nimbus – mairisch – limmat – krug & schadenberg – konkursbuch – kolchis – katapult – kanon – elsinor – fotoTapeta – edition moderne – edition korrespondenzen – edition atelier – culturbooks – berenberg – austernbank – aphaia
Und hier noch die Kandidaten als Liste zum Download:
Sibylla Schwarz
(* 24. Februar 1621 = 14. Februar alten Stils in Greifswald – † 10. August = 31. Juli jul. 1638 ebd.)
Auff Jhren Abscheid auß Greiffswald / Gesang. WEil dann der Unholdt gäntzlich mir Zum Greiffswald nicht will lenger leiden / So bleibt dennoch mein Hertz alhier / Undt wirdt sich nimmer von euch scheiden ! Wohin gedenckstu dann mein Sinn ? Jst doch Europa gantz voll Kriegen / Es ist ja warlich kein Gewinn / Von einem stets zum andern fliegen. Zu Fretow wehr es gut genug / Da Phebus mit den Töchtern sitzet / Drüm wirt auch Fretow in das Buch Der greisen Ewigkeit geschnitzet. Da wehr ich fro undt ausser leit / Da wolt ich lesen / tichten / schreiben / Undt so den Nachrest meiner Zeit Mit ohnverfälschter Trew vertreiben. Jtzt aber wil die Kriegerey Zu Fretow keinen Menschen dulden / Kein Ort ist von den Straffen frey / Die ich undt du / undt der vorschulden. Jch sag und klage für undt für / Das manche lange Nacht verflossen / ¶ Seit das ich auß der Frewden Thür Bin gantz undt gahr hinauß gestoßen. Was klag ich aber / weiß ich doch / Das meiner Augen heisse Zähren Nicht lindern dieses schwere Joch / Noch meinem Elend mögen wehren. Dan Trauren machet nur Verdruß ; Laß alle rauhe Winde wehen / Laß sterben / wer da sterben muß / Was wündscht man viel den Todt zusehen? Dem Menschen ist gesetzt ein Ziel / Das kan er auch nicht überschreiten / Drüm ruff nur nicht den Todt zu viel / Er schleicht dir nach auff allen seiten. Was Odem bläst wirt nun geplagt / Kein Mensche fült itzund genügen ; Man hört nicht mehr das einer fragt : Wo mag der Weg nach Fretow liegen ? Nun gute Nacht / mein Vaterlandt ! Da weylandt große Lust zu schawen / Jch muß mich nun Neptunus Handt / Und Thetis saltzen Schoß vertrawen. Gehab dich wol / du werte Schar Der Schwieger=und der Schwägerinnen ! Wer wirt nun mit euch übers Jahr Ins Dannenholtz spatzieren künnen? Wans euch nun geht / wie ihr begehrt / Wen euwer Weinen wirt zu Lachen / So denckt dan auch eins ohn beschwert : Was mag doch unsre Lybis machen ?
Miron Białoszewski
(* 30. Juni 1922 in Warschau; † 17. Juni 1983 ebenda)
ichbins ausführung

ich bin
ich bin dumm
was soll ich tun
ja was soll ich tun
wie nicht wissen
ach was weiß ich
was ich bin
ich weiß ich bin
so wie ich bin
vielleicht nicht dumm
aber das vielleicht nur weil ich weiß
dass jeder für sich der wichtigste ist
denn wenn man nicht auskommt mit sich
ist man dennoch so wie man ist
wywód jestem’u
jestem sobie
jestem głupi
co mam robić
a co mam robić
jak nie wiedzieć
a co ja wiem
co ja jestem
wiem że jestem
taki jak jestem
może niegłupi
ale to może tylko dlatego że wiem
że każdy dla siebie jest najważniejszy
bo jak się na siebie nie godzi
to i tak taki jest się jaki jest
Deutsch von Dagmara Kraus, aus: Miron Białoszewski, M’ironien. Gedichte und Prosa, ausgewählt und aus dem Polnischen übersetzt von Dagmara Kraus, hrsg./Vorwort Henk Proeme. roughbook 054, Strasbourg, Oegstgeest u. Schupfart 2021, S. 62f
Carles Riba
(* 23. September 1893 Barcelona, † 12 Juli 1959 ebd.)

Über uns das reine Gezweig…
Über uns das reine Gezweig
und in den Augen die Welt sich vergißt,
in deinen Armen die Hoffnung ist –
das Wasser fließt und still steht die Zeit.
Das Wasser leidet und die Zeit verdirbt.
Wir sind alt wie die Welle und das Blatt,
wie der Traum, der uns gefangen hat;
zwischen dir und mir eine Rose stirbt.
Der Rose und, Geliebte, dir
hab ich Herbst und Frühling gebracht,
so wie ein leichter Blick sich sacht
in der Nacht an Schatten verliert.
C1946)
Deutsch von Peter Brasch, aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. jahrhunderts. Katalanisch und deutsch. Hg. Tilbert Stegmann. Leipzig: Reclam, 1987, S. 43
Per amunt la brancada …
Per amunt la brancada pura
I en els ulls el món oblidant-se
I en els teus braços l’esperança
L’aigua corre i el temps s’atura
L’aigua sofreix i el temps sospira
Som vells com la fulla i com l’ona
Com el somni que ens empresona
Entre tu i jo una rosa expira
A la rosa i a tu estimada
He donat tardor i primavera
Com una mirada lleugera
En la nit a una ombra pensada.
Margret Kreidl
(* 2. Januar 1964 in Salzburg)
Getreide steht hoch im Kurs. Es ist heiß.
Expertisen wachsen auf der Wiese. Der Bauer weiß,
die Milchseen fließen vom Norden in den Süden. Die
Imker müssen in den Bunker. Sie träumen von
Cremeschnitten und Bienenstichen. Kinder wissen,
Hühner haben Flügel, die fliegen nach
Tansania und kommen als Flüchtlinge wieder.
Aus: Margret Kreidl, Schlüssel zum Offenen. Wien: Korrespondenzen, 2021, S. 68
Salvador Espriu
(Geb. 10. Juli 1913 Santa Coloma de Farners, Provinz Girona, gest. 22. Februar 1985 Barcelona)
Versuch eines Lobgesangs im Tempel

Oh, wie genug habe ich von meinem
feigen, alten, so ungeschlachten Land,
und wie gern würde ich davonlaufen,
weit nach Norden,
wo, wie man hört, die Leute reinlich sind,
anständig und gebildet, reich und frei,
wachen Sinnes und glücklich!
Dann würden, voll Mißbilligung, die versammelten Brüder
sagen: »Gleich einem Vogel, welcher sein Nest im Stich läßt,
ist der Mensch, der fortgeht von seinem Ort«,
während ich, weit entfernt schon, lachen würde
über das Gesetz und die abgestandene
Weisheit meines verstaubten Volkes.
Doch nie werde ich meinem Wunschtraum folgen,
und hier werde ich bleiben bis zum Tod.
Denn auch ich bin sehr feig und ungeschlacht
und liebe überdies mit einer
verzweifelten Trauer
dieses mein armes,
dreckiges, tristes, unglückliches Vaterland.
Deutsch von Fritz Vogelgsang, aus: Salvador Espriu, Obra Poètica. Das lyrische Werk in drei Bänden. Katalanisch und Deutsch. 1. Band. Zürich: Ammann, 2007, S. 355
Assaig de càntic en el temple
Oh, que cansat estic de la meva
covarda, vella, tan salvatge terra,
i com m’agradaria d’allunyar-me’n,
nord enllà,
on diuen que la gent és neta
i noble, culta, rica, lliure,
desvetllada i feliç!
Aleshores, à la congregació, els germans dirien
desaprovant: »Com l’ocell que deixa el niu,
aix l’home que se’n va del seu indret«,
mentre jo, ja ben lluny, em riuria
de la llei i de l’antiga saviesa
d’aquest meu àrid poble.
Però no he de seguir mai el meu somni
i em quedaré aquí fins a la mort.
Car sóc també molt covard i salvatge
i estimo a més amb un
desesperat dolor
aquesta meva pobra,
bruta, trista, dissortada pàtria.
Noch einmal Percy Bysshe Shelley.
England 1819
Ein König, alt, blind, irr, verachtet, nah am Tod –
Prinzen, Abschaum der stumpfen Kaste, die
Aus Dreckquell Dreck, treiben durch Straßenspott –
Regierer, die nicht wissen, sehn, noch fühln
Sondern wie Egel hängen an dem Land
Bis sie abfalln von selbst, blutblind und taub –
Ein Volk, erdolcht an leerer Äcker Rand –
Eine Armee, die Freiheitsmord und Raub
Zum Doppelschwert macht dem, der Waffen trägt –
Gesetz golden und blutig, das lockt und erschlägt;
Religion gottlos, ein versiegelt Buch
Ein Parlament – geringster Rechte Fluch
Sind Gräber, daraus ruhmvoll brechen mag
Ein Geist, zu leuchten unserm stürmischen Tag.
Deutsch von Rainer Kirsch, aus: EIN DING VON SCHÖNHEIT IST EIN GLÜCK AUF IMMER. Gedichte der englischen und schottischen Romantik, englisch und deutsch. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1980, S. 387
England in 1819
An old, mad, blind, despised, and dying King, –
Princes, the dregs of their dull race, who flow
Through public scorn,— mud from a muddy spring, –
Rulers who neither see, nor feel, nor know,
But leech-like to their fainting country cling
Till they drop, blind in blood, without a blow, –
A people starved and stabbed in the untilled field, –
An army, which liberticide and prey
Makes as a two-edged sword to all who wield
Golden and sanguine laws which tempt and slay;
Religion Christless, Godless — a book sealed;
A Senate, – Time’s worst statute, unrepealed, —
Are graves from which a glorious Phantom may
Burst, to illumine our tempestuous day.
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