Yaak Karsunke
(* 4. Juni 1934 in Berlin)
hohl form
»but the cup of white gold at Patara
Helen’s breasts gave that«
Ezra Pound
vermutlich gab
das weiße gold ihrer brust
der schale zu patara gestalt
& gab troja den tod
(gab den griechen den vorwand)
gab dem blinden Homer
atem für (mindestens)
fünfzehn gesänge
& dem verblendeten Pound
ein bild für zwei zeilen
:die fast so schön sind
wie Helenas brüste es waren –
– die patarische schale es ist –
& fast ebenso leer
Aus: Erotische Gedichte von Männern. Hrsg. Aldona Gustas. München: dtv, 1987, S. 148

Nach den Anmerkungen der Poundausgabe:
1 Und war ihre Tochter: Persephone, die Tochter der Demeter, Göttin des Getreides und der Fruchtbarkeit
4 Phlegethon: der feurige Fluss, Unterweltfluss
Ideogramme: kuan: regieren, tzu: Meister. Kuan Chu684-645 v. Chr.. chinesischer Staatsmann und Philosoph. Seine Schriften betonten die zentrale Rolle der Landwirtschaft
18: Patara: griech. Stadt in Kleinasien. Helena ist jene von Troja
20: gr. der Gott
40 Kuan: Tor, Gatter
42: Er schenkte der Nachwelt eine Stadt
Ein Gedicht zum Weltfahrradtag
Karl Mickel
(* 12. August 1935 in Dresden; † 20. Juni 2000 in Berlin)
Siebter, erster, zehnter Gang
7

Neulich sah ich vor mir einen Burschen
Aufm alten Rad, jedoch fünf Gänge
Ich fuhr heran, er sah mich kommen und
Trat ins Pedal, ich ruhig hinterher.
Der schuftete, der Oberkörper schwankte
Hätt ich ihn gesehn von vorn, ich hätte
Auf seiner Stirn den kalten Schweiß gesehn.
Dann trat ich an, nach einem Kilometer
Im siebten Gang, der war der günstigste
Zu groß nicht für den Antritt, nicht zu klein
Für hohes Tempo, vorsorglich geschaltet
Und zog vorbei. Ein Seitenblick belehrte
Mich über seine Jahre: zehn Jahre jünger
Mindestens, und ich bin fünfunddreißig.
Ich rollte aus, von ihm war nichts zu blicken
Ich schaltete auf meinen zehnten Gang
Der seinem fünften gleichkam, wartete
Bis er heran war, gab ihm eine Chance
Trat wieder an, er hielt nicht mit: im Windschatten!
Da war ich aber richtig stolz auf mich
All die Zigarren hatten nicht geschadet.
1
Und wo es ganz platt war
Niedrige Schonung und Fichten-Plantagen
Waren zwei Eichen
Aufgerichtet von der Natur
In langer Zeit
Die linke ein mächtiger Stumpf
In halber Höhe gesplittert
Und Äste um die ab’e Krone knotend
Die rechte ein mächtiger Baum
Kahl
Und ein Gegriesel nicht weiß aber körnig
Als Schnee auf dem Boden
Und locker der Sand unterm Schnee
10
Ab und zu fällt ein Blatt
Von rechts oben vorn nach links unten hinten
Das ist der Ort und die Zeit
Aus: Karl Mickel, Odysseus in Ithaka. Gedichte 1957-1974. Leipzig: Reclam, 1976, S. 118f
Wolfgang Hilbig
(* 31. August 1941 in Meuselwitz; † 2. Juni 2007 in Berlin)
›nach dem zweiten/krieg‹

nach dem zweiten krieg
vergaß man beim aufräumen
einige Vokabeln
aus der welt zu schaffen.
noch immer nicht sind aus der deutschen sprache verbannt
wörter wie
unverbrüchlich
unzertrennlich
uneinnehmbar
unbesiegbar.
rundfunk und presse, ach arme
beine zu allengutendingen –
Aus: Wolfgang Hilbig, Gedichte (Werke 1). Frankfurt/Main: S. Fischer, 2008, S. 14
Alma Johanna Koenig
(geboren 18. August 1887 in Prag, Österreich-Ungarn; ermordet 1. Juni 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez)
Brennende Sehnsucht dir ins Blut,
brennenden Traum in deine Nacht!
Brennende Wollust, hochentfacht,
in deine Seele, die nun ruht:
Tröpfelndes Gift in deinen Trank,
fressende Krankheit dir ins Mark,
lähmender Zauber, urweltstark,
dich zu versehren, lebenslang!
Täglich dies Lustermüdetsein,
nächtlich Gesicht, das süß versucht,
stündlicher Selbstverdammnis Pein.
Ewig Verlangen, schlaff, verrucht,
all dieser Hölle Qualen dein,
die ich erleide, ich, die flucht!
Aus: Windsbräute. Deutsche Lyrikerinnen. Hrsg. Armin Strohmeyr. Leipzig: Reclam, 2005, S. 110
Dagmar Nick (* 30. Mai 1926 in Breslau)
Zum gestrigen 95. Geburtstag von Dagmar Nick ein Gedicht aus ihrem ersten Gedichtband.
Die Überlebenden von Theresienstadt
Wir haben sie zerbrochen, ich und du.
Auch du. Warum willst du es nicht mehr wissen?
Wir alle haben schuld, daß sie zerrissen,
zermartert wurden, denn wir sahen zu.
Und schwiegen. Ich und du. Vergiß das nie!
Wir wandten uns von ihnen, kalt und träge,
und ließen sie die letzten, dunklen Wege
alleine gehn. Und dann verblaßten sie.
Sie starben uns. Doch nun verneinen wir
die schwere Schuld, die uns, nur uns gehörte,
da wir sie sehn, die nicht der Tod zerstörte,
sie, die ihn zwangen wie ein großes Tier.
Ihr Sein jedoch, das unerträgliche
Grauen verschüttet haben und zerkleinert,
lebt nur mehr leblos noch und wie versteinert
und bloß ihr Blick sagt das Unsägliche.
Aus: Dagmar Nick, Märtyrer. Gedichte. München: Drei Fichten, 1947, S. 12
Boris Pasternak
(Борис Леонидович Пастернак, * 29. Januar jul./ 10. Februar 1890 greg. in Moskau; † 30. Mai 1960 in Peredelkino bei Moskau)
Definitionen der Poesie

Wie ein jählings anschwellender Pfiff,
Wie das Knacken gepreßter Eisschollen,
Wie der Nachtfrost mit eisigem Griff,
Wie der Wettstreit von Nachtigallen.
Wie die süßwilde Erbse im Feld,
Wie die Tränen des Alls in den Schoten,
Wie der Figaro, der niederfällt
Auf das Beet als ein Hagel von Noten.
Was es wert macht, den schwimmenden Grund
Zu durchforschen, zu greifen die Nächte,
Und den Stern in die Reuse zu tun
Auf der zitternden, nassen Handfläche.
Wie ein Brett flach liegt Glut, wie ein Stein.
In den Himmel streun Erlen ihr Laub,
Wenn die Sterne nun lachten! Doch nein –
Dieses Weltall ist schweigend und taub.
1917
Deutsch von Günther Deicke.. Aus: Boris Pasternak, Initialen der Leidenschaft. Berlin: Volk und Welt, 1969, S. 36f
Определение поэзии
Это – круто налившийся свист,
Это – щелканье сдавленных льдинок,
Это – ночь, леденящая лист,
Это – двух соловьев поединок.
Это – сладкий заглохший горох,
Это – слезы вселенной в лопатках, 1)
Это – с пультов и флейт – Фигаро
Низвергается градом на грядку.
Всё, что ночи так важно сыскать
На глубоких купаленных доньях,
И звезду донести до садка
На трепещущих мокрых ладонях.
Площе досок в воде – духота.
Небосвод завалился ольхою,
Этим звездам к лицу б хохотать,
Ан вселенная – место глухое.
1917
1) В данной случае слово «лопатки» означает стручки горох
Für Interessierte noch zwei Computerübersetzungen
Google:
Definition von Poesie
Das ist eine coole Pfeife,
Das ist das Klicken zerstoßener Eisstücke,
Dies ist eine frostige Nacht
Dies ist ein Duell von zwei Nachtigallen.
Das sind süße alte Erbsen
Das sind die Tränen des Universums in den Schulterblättern, 1)
Dies – mit Fernbedienungen und Flöten – Figaro
Hagel fällt auf das Gartenbett.
Alles was die Nacht so wichtig ist zu finden
Auf tiefen Badeböden,
Und bring den Stern in den Käfig
Auf zitternden nassen Handflächen.
Das Wasser ist dicker als die Bretter.
Das Firmament ist mit Erle bedeckt,
Diese Sterne sollten laut lachen,
Ein Universum ist ein tauber Ort.
1) In diesem Fall bedeutet das Wort „Schulter“ Erbsenschoten
Deepl:
Definition von Poesie
Es ist ein steil gegossener Pfiff,
Es ist das Knacken von gequetschten Eiszapfen,
Es ist die Nacht, die das Blatt kühlt,
Es sind die beiden Nachtigallen, die sich duellieren.
Es sind die süßen Erbsen, die sich stauen,
Es sind die Tränen des Universums in Klingen, 1)
Es ist von den Plektren und Flöten, Figaro.
Tropfen im Hagel auf das Bett.
Alles, was die Nacht so wichtig ist, zu suchen
Auf den tiefen Badeböden,
Und den Stern zur Wiege zu bringen
Auf zitternden, feuchten Handflächen.
Fleischiger als Bretter im Wasser ist die Muffigkeit.
Die Erlen des Firmaments stehen am Himmel,
Die Stars sollten sich ins Fäustchen lachen,
Aber das Universum ist ein tauber Ort.
1) In diesem Fall bedeutet das Wort „Klingen“ Erbsenschoten
Übersetzt mit http://www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)
Reinhard Döhl
(* 16. September 1934 in Wattenscheid; † 29. Mai 2004 in Stuttgart)
Georg Rodolf Weckherlin
dankte seinem HErrn auf Knien
daß nach durchgezechter Nacht
er in London aufgewacht.
Georg Rodolf Weckherlin
(* 15. September jul./ 25. September 1584 greg. in Stuttgart; † 13. Februar jul./ 23. Februar 1653 greg. in London)
Von den Frawen A. Hahnin.
Botz Creutz/ wie ist ( O schand / O schmach!)
Der heurat ein verdöcktes essen!
O hertzleyd nimmer zu vergessen!
Mit seuftzen die Fraw hahnin sprach.
Ich hoffet / als man jhn mir gab /
Das einen hahnen ich genommen /
So hab ich / (ach weh! daß ich hab)
Nur einen copaunen bekommen.
Beides (und mehr) hier
Rumi
(Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī, geboren am 30. September 1207 in Balch, heute in Afghanistan, oder Wachsch bei Qurghonteppa, heute in Tadschikistan; gestorben am 17. Dezember 1273 in Konya, Türkei)
Ein selten Wild hab ich gefangen – was soll ich tun?
Mein armer Kopf ist rauschverhangen – was soll ich tun?
Ich bin ein Heuchler, ein gar frommer, doch wenn am Weg
Mich küßt ein Kind mit holden Wangen – was soll ich tun?
Aus: Dschalaluddin Rumi, Gedichte aus dem Diwan. Ausgewählt, aus dem Persischen übertragen und erläutert von Johann Christoph Bürgel. München: Beck, 2003, S. 91
Moritz August von Thümmel
Moritz August von Thümmel (* 27. Mai 1738 in Schönefeld; † 26. Oktober 1817 in Coburg)
ELEGIE AUF EINEN MOPS.
Das grosse Warnungsbild, das ich mit ihm verloren,
So weit mein Auge reicht, ersetzt kein andres nicht.
Belehrender war nie ein Sonderling geboren,
Und keiner trug, bei kürzern Ohren,
Ein philosophischer Gesicht.
Zwar sah’ ich manche Stirn von Königsberg bis Leiden
Mit diesem mystischen gelehrten Ueberzug:
Doch sah’ ich keine je, die, Runzeln so bescheiden,
Von allen Wesen zu beneiden,
Als meines Hundes Stirne, trug.
Der schönsten Stadt entführt, wo der Beruf zu schlafen,
Durch Lindenduft verstärkt, das Bürgerrecht ihm gab,
Ward er, wie Epiktet, vom ungestalten Sklaven
Mein Freund. Er wars, dem Polygraphen
Der Schweiz zum Trutz, bis an sein Grab.
Er warf den hohen Ernst der kritischen Geberde
Nie auf ein Mitgeschöpf, nie ausser sich herum.
Der Schnarcher suchte nie, so weit ihn Gottes Erde
Auch trug, dass er bewundert werde,
Ein grössres Auditorium.
Nur still erbaut’ er mich. Von seinem gelben Felle
Blickt’ ich gestärkter auf in die beblümte Flur:
Mein krankes Auge stieg von seiner Lagerstelle
Gemach vom Dunkeln in das Helle
bis zu dem Lichtquell der Natur.
Wenn er sich schüttelte, las ich in seinen Blicken
Den herrlichen Beweis vortrefflich kommentirt,
Den einst, vom Uebergang des Schmerzes zum Entzücken,
Aus gleicher Nothdurft sich zu jücken,
Der weise Sokrates geführt.
Kein unbequemer Freund, kein Trunkenbold, kein Fresser,
In richtiger Mensur, nicht stolz, nicht zu gemein,
Schlief er sein Leben durch, und wahrlich, desto besser!
Er schläferte, wie ein Professer,
Auch seinen klügern Nachbar ein.
Lebt wohl ein Menschenfreund, der sich nicht seiner Hunde,
Nicht ihrer Tugenden und ihrer Liebe freut?
Sucht nicht selbst den Friederich, kraft seiner Menschenkunde,
Das Spielwerk seiner Ruhestunde
In seines Hunds Geselligkeit?
Ulyss, von seinem Hof verkannt und ausgeschlossen,
Bewährt der Treue Ruhm, den sich sein Hund erwarb:
Alt, blind, kroch er dem zu, nach Jahren, die verflossen,
Von dem er Wohlthat einst genossen,
Zog seinen Dunst noch ein, und starb.
Wie hast du, guter Mops, nicht meiner Stirne Falten,
Sah’ ich dem Grillenspiel der deinen zu, gegleicht!
Gewarnter nun durch dich, frühzeitig zu veralten,
Sei immer dir mein Dank erhalten!
Auch dir sei Gottes Erde leicht!
Elegie auf einen Mops
aus: Lyrische Anthologie. Sechster Theil. S. 34–37
Herausgeber: Friedrich Matthisson
Erscheinungsdatum: 1804
Verlag: Orell Füssli
Erscheinungsort: Zürich
Jacob Regnart
(* zwischen 1540 und 1545 in Douai; † 16. Oktober 1599 in Prag)
Jedem der Music verstendigen Leser.
Laß dich darumb nit wenden ab /
Daß ich hierin nit brauchet hab /
Vil Zierligkeiten der Music /
Wiß das es sich durchauß nit schick /
Mit Villanellen hoch zubrangen /
Vnd dardurch wöllen preyß erlangen /
Wird seyn vergebens vnd vmb sunst /
An andre Ort gehört die Kunst.
Aus: Vor- und Frühbarock. Hrsg. Herbert Cysarz (Deutsche Literatur … in Entwicklungsreihen). Leipzig: Reclam, 1937, S. 91
Manfred Peter Hein
(* 25. Mai 1931 in Darkehmen / Ostpreußen)
L&Poe gratuliert zum 90.!
Ein nichtiger Vorgang
Ein nichtiger Vorgang –
Ich rede davon, übe mich im Sprechen.
Licht widerruft Licht.
Ameisen sind unterwegs an der Mauer.
Schwarzes Ameisenlicht.
Am Mittag die windlosen Blätter. Efeu.
Wer leuchtet ein Wort aus?
Weiße Punkte –
Blätter beschrieben mit Blindenschrift.
Aus: Manfred Peter Hein, Ausgewählte Gedichte 1956-1986. nachwort von Henning Vangsgaard. Zürich: Ammann, 1993, S. 15
Annette von Droste-Hülshoff
(* 12. Januar 1797 oder 10. Januar 1797 auf Burg Hülshoff bei Münster; † 24. Mai 1848 auf der Burg Meersburg)
Durchwachte Nacht
Wie sank die Sonne glüh und schwer,
Und aus versengter Welle dann
Wie wirbelte der Nebel Heer
Die sternenlose Nacht heran! –
Ich höre ferne Schritte gehn –
Die Uhr schlägt Zehn.
Noch ist nicht alles Leben eingenickt,
Der Schlafgemächer letzte Türen knarren;
Vorsichtig in der Rinne Bauch gedrückt,
Schlüpft noch der Iltis an des Giebels Sparren,
Die schlummertrunkne Färse murrend nickt,
Und fern im Stalle dröhnt des Rosses Scharren,
Sein müdes Schnauben, bis, vom Mohn getränkt,
Sich schlaff die regungslose Flanke senkt.
Betäubend gleitet Fliederhauch
Durch meines Fensters offnen Spalt,
Und an der Scheibe grauem Rauch
Der Zweige wimmelnd Neigen wallt.
Matt bin ich, matt wie die Natur! –
Elf schlägt die Uhr.
O wunderliches Schlummerwachen, bist
Der zartren Nerve Fluch du oder Segen? –
’s ist eine Nacht, vom Taue wach geküßt,
Das Dunkel fühl‘ ich kühl wie feinen Regen
An meine Wangen gleiten, das Gerüst
Des Vorhangs scheint sich schaukelnd zu bewegen,
Und dort das Wappen an der Decke Gips
Schwimmt sachte mit dem Schlängeln des Polyps.
Wie mir das Blut im Hirne zuckt!
Am Söller geht Geknister um,
Im Pulte raschelt es und rückt,
Als drehe sich der Schlüssel um.
Und – horch! der Seiger hat gewacht!
’s ist Mitternacht.
War das ein Geisterlaut? So schwach und leicht
Wie kaum berührten Glases schwirrend Klingen,
Und wieder wie verhaltnes Weinen steigt
Ein langer Klageton aus den Syringen,
Gedämpfter, süßer nun, wie tränenfeucht
Und selig kämpft verschämter Liebe Ringen; –
O Nachtigall, das ist kein wacher Sang,
Ist nur im Traum gelöster Seele Drang.
Da kollerts nieder vom Gestein!
Des Turmes morsche Trümmer fällt,
Das Käuzlein knackt und hustet drein;
Ein jäher Windesodem schwellt
Gezweig und Kronenschmuck des Hains; –
Die Uhr schlägt Eins.
Und drunten das Gewölke rollt und klimmt;
Gleich einer Lampe aus dem Hünenmale
Hervor des Mondes Silbergondel schwimmt,
Verzitternd auf der Gasse blauem Stahle;
An jedem Fliederblatt ein Fünkchen glimmt,
Und hell gezeichnet von dem blassen Strahle
Legt auf mein Lager sich des Fensters Bild,
Vom schwanken Laubgewimmel überhüllt.
Jetzt möcht‘ ich schlafen, schlafen gleich,
Entschlafen unterm Mondeshauch,
Umspielt vom flüsternden Gezweig,
Im Blute Funken, Funk‘ im Strauch
Und mir im Ohre Melodei; –
Die Uhr schlägt Zwei.
Und immer heller wird der süße Klang,
Das liebe Lachen; es beginnt zu ziehen
Gleich Bildern von Daguerre die Deck‘ entlang,
Die aufwärts steigen mit des Pfeiles Fliehen;
Mir ist, als seh ich lichter Locken Hang,
Gleich Feuerwürmern seh‘ ich Augen glühen,
Dann werden feucht sie, werden blau und lind,
Und mir zu Füßen sitzt ein schönes Kind.
Es sieht empor, so fromm gespannt,
Die Seele strömend aus dem Blick;
Nun hebt es gaukelnd seine Hand,
Nun zieht es lachend sie zurück;
Und – horch! des Hahnes erster Schrei! –
Die Uhr schlägt Drei.
Wie bin ich aufgeschreckt, – o süßes Bild,
Du bist dahin, zerflossen mit dem Dunkel!
Die unerfreulich graue Dämmrung quillt,
Verloschen ist des Flieders Taugefunkel,
Verrostet steht des Mondes Silberschild,
Im Walde gleitet ängstliches Gemunkel,
Und meine Schwalbe an des Frieses Saum
Zirpt leise, leise auf im schweren Traum.
Der Tauben Schwärme kreisen scheu,
Wie trunken in des Hofes Rund,
Und wieder gellt des Hahnes Schrei,
Auf seiner Streue rückt der Hund,
Und langsam knarrt des Stalles Tür –
Die Uhr schlägt Vier.
Da flammt’s im Osten auf, – o Morgenglut!
Sie steigt, sie steigt, und mit dem ersten Strahle
Strömt Wald und Heide vor Gesangesflut,
Das Leben quillt aus schäumendem Pokale,
Es klirrt die Sense, flattert Falkenbrut,
Im nahen Forste schmettern Jagdsignale,
Und wie ein Gletscher sinkt der Träume Land
Zerrinnend in des Horizontes Brand.
Friedrich Achleitner
(* 23. Mai 1930 in Schalchen, Oberösterreich; † 27. März 2019 in Wien)
dai schmoan
is a gedichd
sogd ea
und dai gedichd
is a schmoan
sogd sie
Aus: Friedrich Achleitner, Iwahaubbd, Dialektgedichte. Wien: Zsolnay, 2011
schmoan: Schmarr(e)n
1. süße Mehlspeise (Kaiserschmarren) (österreichisch, auch süddeutsch)
2. etwas, was bedeutungslos, minderwertig, ohne künstlerische Qualität ist. BEISPIEL:
diesen Schmarren lese ich nicht
3. unsinnige Äußerung, Unsinn. BEISPIEL
red keinen solchen Schmarren!
Ich bleibe noch einen Tag bei der goldenen Zeit der hebräischen Poesie im muslimischen Spanien. In seinem dritten Gedichtband, Romanzero (1851) gibt Heinrich Heine ein Lehrstück in westlicher Unwissenheit mit Gedanken, die uns sehr heutig vorkommen. Er, Heine, war ein deutscher Dichter, dem deutschen, westlichen Kulturkreis zugehörig. Aber er war Jude, man ließ es ihn spüren. So wurde er vielleicht unfreiwillig auf sein jüdisches Erbteil, ich sage nicht: zurückgeworfen, sondern er hatte den anderen etwas voraus. Freilich, Goethe wandelte auf west-östlichen Pfaden und beschäftigte sich intensiv mit der Poesie der Perser und Araber, Inder, Hebräer, Türken und Chinesen. Aber sein West-östlicher Divan blieb ein Ladenhüter.
Heine beschäftige sich in den 20er Jahren mit der jüdischen Tradition und erneut in der Krankheitsphase seiner letzten Lebensjahre. Davon zeugt auch der Zyklus Hebräische Melodien im Romanzero. Das lange Gedicht Jehuda ben Halevy erzählt die Geschichte eines hebräischen Dichters dieser Zeit – eigentlich nur eine Legende von seinem Tod vor Jerusalem. Der vierte Abschnitt dieses Gedichts trägt den Titel „Meine Frau ist nicht zufrieden“. In diesem Ausschnitt fragt sie und der Dichter gibt Antwort. In kommentierten Ausgaben kann man lesen, dass diese Figur Züge von Heines Frau Mathilde trage, und wird auf ihre mangelhafte Schulbildung verwiesen – was für ein Unsinn! Es ist nicht die Unwissenheit Mathildes und keineswegs nur die „Lakunen“, Bildungslücken „der französischen Erziehung“. Welcher Germanistikstudent heute hätte im Studium ein Gedicht von Ibn Gabirol oder Halevy gelesen? Oder wenigstens von ihren deutschen Kollegen? Seit 17 Jahrhunderten leben Juden in Deutschland, sie lasen und schrieben – Hebräisch, Jiddisch und Deutsch. Lesen wir sie? Übersetzen wir ihre Bücher? Ich habe meine Zweifel. Hören wir jetzt Heines Dichter-Ich.
»Sonderbar!« – setzt sie hinzu –
»Daß ich niemals nennen hörte
Diesen großen Dichternamen,
Den Jehuda ben Halevy.«
Liebstes Kind, gab ich zur Antwort,
Solche holde Ignoranz,
Sie bekundet die Lakunen
Der französischen Erziehung,
Der Pariser Pensionate,
Wo die Mädchen, diese künft’gen
Mütter eines freien Volkes,
Ihren Unterricht genießen –
Alte Mumien, ausgestopfte
Pharaonen von Ägypten,
Merowinger Schattenkön’ge,
Ungepuderte Perücken,
Auch die Zopfmonarchen Chinas,
Porzellanpagodenkaiser –
Alle lernen sie auswendig,
Kluge Mädchen, aber Himmel –
Fragt man sie nach großen Namen
Aus dem großen Goldzeitalter
Der arabisch-althispanisch
Jüdischen Poetenschule,
Fragt man nach dem Dreigestirn,
Nach Jehuda ben Halevy,
Nach dem Salomon Gabirol
Und dem Moses Iben Esra –
Fragt man nach dergleichen Namen,
Dann mit großen Augen schaun
Uns die Kleinen an – alsdann
Stehn am Berge die Ochsinnen.
Raten möcht ich dir, Geliebte,
Nachzuholen das Versäumte
Und Hebräisch zu erlernen –
Laß Theater und Konzerte,
Widme ein’ge Jahre solchem
Studium, du kannst alsdann
Im Originale lesen
Iben Esra und Gabirol
Und versteht sich den Halevy,
Das Triumvirat der Dichtkunst,
Das dem Saitenspiel Davidis
Einst entlockt die schönsten Laute.
Alcharisi – der, ich wette,
Dir nicht minder unbekannt ist,
Ob er gleich, französ’scher Witzbold,
Den Hariri überwitzelt
Im Gebiete der Makame,
Und ein Voltairianer war
Schon sechshundert Jahr‘ vor Voltair‘ –
Jener Alcharisi sagte:
»Durch Gedanken glänzt Gabirol
Und gefällt zumeist dem Denker,
Iben Esra glänzt durch Kunst
Und behagt weit mehr dem Künstler –
Aber beider Eigenschaften
Hat Jehuda ben Halevy,
Und er ist ein großer Dichter
Und ein Liebling aller Menschen.«
Fritz Naschitz
(Geb. 21. Mai 1900 Wien; 1940 Palästina. † 26. März 1989 Tel Aviv)
Außer das Gottesreich lobpreisenden hymnischen Gesängen beeinflußte die Tondichtung des Hohenlieds auch die weltliche Poesie, die im mittelalterlichen Spanien ihre Blütezeit erlebte. Jehuda Halevys Sehnsucht nach dem Heiligen Land sowie Abraham ben Meirs und Ibn Gvirols reizvoll gefärbte, von heiterer Magie beleuchtete Verse prägen ihre Schöpfer zu leidenschaftlichen Bildnern, deren Verwurzelung mit dem weltlichen und religiösen Ideengut ihres Volkstums einen Glanzpunkt jüdischer Schaffensfreude bildet.
Als Illustration der ungehemmt-menschlichen Innen- und Außenbeziehung diene folgendes, zeitzugeschnittene Gedicht Ibn Gvirols, betitelt:
Trinklied
Wenn die Weinvorräte weichen
gleichen Augen Tränenteichen
……………………………………………………. lauter Wasser,
……………………………………………………. Wasser nur,
Und wenn’s sich um Fleischmahl handelt,
schmeckt es Hostien-gewandelt
wenn der Schmaus des Trunks ermangelt
……………………………………………………. Wasserkrüge
……………………………………………………. rebenleer,
Moses hat viel Leid erlitten
mußte Abstinenz erbitten
jetzt liest er uns die Leviten
……………………………………………………. wetteifern mit
……………………………………………………. Flüssigkeit,
Froschgequak zur Morgenröte
klingt mein Lied ob großer Nöte
ich beschimpf, wie eine Kröte
……………………………………………………. Poseidon
……………………………………………………. den Wassergott
Und ich wünsch‘, daß meine nette
tief verhaßte Nässestätte
Schande mit Abscheu verkette
……………………………………………………. mög’ der Wasserrattenhaufen
……………………………………………………. in dem Wirbelschlund ersaufen!
Aus: Stimmen aus Israel Eine Anthologie deutschsprachiger Literatur in Israel. Hrsg. Meir M. Faerber. Stuttgart: Bleicher, 1979, S. 221
Solomon ibn Gabirol (geboren 1021 oder 1022 in Málaga; gestorben um 1070 in Valencia), jüdischer Philosoph und Dichter im muslimischen Spanien
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