Lyrikzeitung & Poetry News

26. Mai 2012

99. Uninformiert

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In dem gleichen FAZ-Artikel versuchte Krüger seinem griechischen Freund “unsere Debatte um Urheberrechte zu erklären, die ich selbst kaum verstehe”. So seine Erklärung:

Hier wird, sagte ich schüchtern, gerade über das Verschwinden des Autors im Netz diskutiert. Eine kleine politische Gruppe, die sich Piraten nennt, hat der Gesellschaft eine Diskussion aufgezwungen, an der sich alle beteiligen müssen. Was im Netz steht, soll allen gehören, der Begriff „geistiges Eigentum“ wird abgeschafft, er sei „ekelhaft“. …

Und wer sind die Schurken? Die Schurken sind Verlage, die Bücher drucken, und Autoren, die sich einbilden, dafür ein Honorar verlangen zu dürfen. Wieder ein langes Schweigen.

Er: Also wirst du in Zukunft die von dir verlegten Bücher nicht mehr ins Netz stellen? Ich: Das geht leider nicht, weil wir und die Autoren auf das Geld für elektronische Bücher angewiesen sind. Und wenn wir die Bücher nicht ins Netz stellen, werden sie von Piraten ins Netz gestellt. Das Telefonat wurde langsam ungemütlich, auch weil ich mich zunehmend schämte, einem armen griechischen Schlucker die neuen Spielregeln des Netzes erklären zu müssen.

… Was sagen eigentlich die deutschen Buchhändler dazu?, kam es aus Athen. Ach, rief ich, die sind verzweifelt! Je mehr Menschen sich Texte herunterladen, desto heikler werden die Überlebenschancen für die Buchhandlungen. Manche behelfen sich schon mit Non-Book-Angeboten. Non-Book-Angebote?, kam es durch den Äther. Ja, Kerzenständer, Vasen, Geschenkartikel.

Erschrocken (oder vielmehr hoffnungsfroh) ging ich zur Homepage des Verlags. Vielleicht könnte ich einen  Gedichtband des Verlegers runterladen, um meine kleine Krügersammlung aufzustocken. Es gibt nur einen, von 1982, Respekt, immer noch lieferbar, Klick auf “Inhalt” bringt nichts, aber auf “Warenkorb” kann man klicken. Runterladen geht gar nicht. Worüber redest du eigentlich, Väterchen?

Gut, suchen wir nach Neuerscheinungen. Derek Walcott, Weiße Reiher, erschienen Februar 2012, will ich haben, aber wo? Lizenz erwerben wär möglich, aber wieso, braucht man jetzt eine Lizenz zum Gedichtelesen? Warenkorb geht auch hier, ich probiers, aber das mach ich nicht, dann geht es über DHL vom Verlag, und die deutschen Buchhändler gehn leer aus. Nein, das will ich nicht.

Haben die nichts zum Runterladen? Nicht maln kleinen Kerzenständer, gar nix?

Aber eBooks wird es doch geben? Ja, gibt es. 20 von 179 werden angezeigt:

ALEXANDER ACIMAN, EMMETT RENSIN
Twitteratur
Weltliteratur in 140 Zeichen

Interessiert mich zwar nicht, aber mal sehn. Klickt man darauf, kommt:

Fester Einband, 208 Seiten
Preis: 12.90

Wie, fester Einband? Nein, das ist garkein eBook, jetzt muß ich noch mal “ebook” klicken, da kann mans bei Libri oder Thalia herunterladen? nein,  auch nicht, erst mal ordern. Es ist sogar billiger als gedruckt, 9,99 €, aber wieviele Seiten hat es denn? Das steht nicht dabei, da muß ich Herrn Krüger noch mal fragen. Herr Krüger, wieviel Seiten hat denn das ebook von Twitteratur? Nicht daß das ne Mogelpackung ist mit dem Billigpreis!

Ach was, ich muß mich mit einem Zitat aus der Scheiße retten. Da ist es. Volker Braun hilft. Volker Braun, was sagen Sie zur Debatte?

Na also, ist das nicht dummes Geschwätz?

Jaja, beeile ich mich, aber …   aber er ist gar nicht zu bremsen:

Und das wird gequasselt unterm stupiden Beifall des Auditoriums und sogleich mehrfach wiedergekaut. So schnell geht die Eskalation des Blödsinns.

(Volker Braun: Es genügt nicht die einfache Wahrheit. Notate. Leipzig: Reclam 1975, S. 65)

Und ich denke da, das waren noch Zeiten, als die Schriftsteller klare Worte fanden. Heute unterzeichnen sie zu zehntausend eine Petition, schon mal vorsorglich, bevor die Piraten die Macht übernehmen und ihnen ihre Villen im Tessin wegnehmen.

15. November 2011

63. Wie es dazu kam

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Wolf Biermann im Gespräch mit dpa aus Anlaß seines 75. Geburtstages, Berliner Kurier:

Wie konnte es eigentlich überhaupt so weit kommen? Immerhin waren Sie Regieassistent am renommierten Berliner Ensemble und hatten prominente Förderer.

Das „Unglück“ in den Augen der Politbürokraten begann 1962 mit einer von Hermlin initiierten Lesung junger und noch weitgehend unbekannter Lyriker wie Volker Braun und Sarah Kirsch, zu denen ich auch gehörte, in der Ost-Berliner Akademie der Künste. Sie endete mit einem Eklat, als ich naiv und völlig ahnungslos mein doch gut gemeintes neues Gedicht „An die alten Genossen“ vortrug. Darin heißt es: „Seht mich an Genossen, mit euren müden Augen, den verhärteten. Seht mich unzufrieden mit der Zeit, die ihr mir übergebt… Setzt eurem Werk ein gutes Ende indem ihr uns den neuen Anfang lasst!“ Und plötzlich war von ‘Konterrevolution’ die Rede und Hermlin verlor seinen Posten in der Akademie. (1976 war Hermlin dann aber auch der Initiator der Protestresolution zahlreicher DDR-Künstler und Schriftsteller gegen die Ausbürgerung Biermanns).

24. Oktober 2011

106. Lyrisches Gespür

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Burkhard Meyer-Sickendiek

Lyrisches Gespür.
Vom geheimen Sensorium moderner Poesie

(Inhaltsverzeichnis siehe unten)

Burkhard Meyer-Sickendiek ist Privatdozent am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der FU Berlin. Das Buch erscheint Ende dieser Woche im Fink-Verlag.

Hier als Leseprobe das Vorwort

Das vorliegende Buch entstand in den Jahren 2010 und 2011 auf der Basis eines Heisenberg-Stipendiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Es verdankt seine stark interdisziplinäre Perspektive zudem den intensiven Gesprächen, welche ich als Mitglied des Exzellenz-Clusters Languages of emotion an der Freien Universität Berlin führen konnte. Eine der zentralen Fragen, die mich im Rahmen dieses Clusters interessierten, war diejenige nach dem kultur- bzw. literaturwissenschaftlichen Emotionswissen: Gibt es eine Thematik innerhalb des Emotionalen, die sich bevorzugt, ja vielleicht ausschließlich aus der Sicht der humanities erschließt? Insbesondere die in der Emotionsforschung stets erwähnten, aber niemals wirklich eigens untersuchten „background emotions“ Damasios schienen mir diesbezüglich einschlägig: Sie sind als Atmosphären, Stimmungen oder aber stimmungsvolle Situationen die eigentlichen Themenfelder der hier vorgelegten Lyriktheorie. Danken möchte ich in eben diesem Zusammenhang einer ganzen Reihe von Forschern, die sich in ähnlicher Weise wieder dem Begriff und Phänomen der Stimmung zuwendeten: Allen voran natürlich Hermann Schmitz, dem ich in zwei wunderbaren Gesprächen viele wertvolle Einsichten in diese Thematik verdanke. Auch die am Cluster unter der Aufsicht von Winfried Menninghaus erforschten Zusammenhänge zwischen „ästhetischen Emotionen“ und lyrischen Prosodien sind an dieser Stelle zu nennen: Wertvolle Anregungen kamen in diesem Zusammenhang von Jana Lüdtke, Lars Korten, Julian Hanich und Dietmar Till, die auf je unterschiedliche Art und Weise inspirierend auf die hier verfolgte Theorie eines „lyrischen Gespürs“ einwirkten. Weitere wertvolle Hinweise ergaben sich zudem aus Gesprächen mit David Wellbery, Friederike Reents, Sandra Poppe, Thomas Anz, Stefan Willer und Claude Haas.

Berlin, im Juni 2011 Burkhard Meyer-Sickendiek

Einleitung

Wer sich die Schönheiten des Terenz, Virgils, Horaz und Juvenals, bekannt und geläufig gemacht hat, wer den Boileau, Racine, Corneille und Moliere mit Verstande gelesen, und ihre natürliche Schönheit der Gedanken kennen gelernet; wer endlich den Longin vom Erhabenen, den Bouhours von der Art in den sinnreichen Schriften wohl zu denken, den Werenfels, (de meteoris orationis) des Pope Art of Criticism, den Harleqium-Horace, und den deutschen Antilongin mit Bedacht gelesen hat; der wird gewiß unmöglich auf eine so seltsame Art des poetischen Ausdrucks verfallen: gesetzt, daß er noch so erhaben zu schreiben gesonnen wäre.1

Spätestens seit dieser Kritik Johann Christoph Gottscheds am „Schwulst“ der Lyrik Klopstocks gibt es in der Theorie der „Dichtkunst“ das Problem der Diskrepanz. Wie reagieren am historisch-klassizistischen Paradigma entwickelte Poetiken auf den Tonfall der zu ihrer Zeit aktuellen Dichtung, wie sehr sind sie in der Lage, diesen Tonfall in ihr an der Tradition gewonnenes Dichungsverständnis zu integrieren? Gottsched gelang dies offensichtlich nicht, denn seine enge und normative Orientierung am französischen Klassizismus führte bekanntlich dazu, zwei große Werke des 18. Jahrhunderts – Hallers Alpen und Klopstocks Messias – in ihrem Wert zu unterschätzen bzw. als barocken „Schwulst“ zu verkennen. Man könnte vermuten, dass Lyriktheorien seit diesem berühmten Beispiel einer regelpoetischen Fixierung sensibilisiert wären für die Notwendigkeit, sich von allzu klassizistischen Gattungskriterien stets aufs Neue zu lösen, um so der Dichtung ihrer Zeit gerecht zu werden. Dass dem nicht so ist, verdeutlicht das Beispiel Wilhelm Dilthey, der zwar 1906 in Das Erlebnis und die Dichtung betonte, wie sehr „diese Grundrichtung unserer Literatur, wie sie in Klopstock kulminierte, in ihrem Recht gegenüber den gelehrten Experimenten der Leipziger Schule“2 gewesen sei. Wenngleich Dilthey jedoch die Loslösung der Lyrik Klopstocks und später Goethes von den strengen Vorgaben der Gottschedschen Regelpoetik begrüßte und bekanntlich in seinem Begriff des „Erlebnisses“ bzw. der „Erlebnislyrik“ theoretisch zu fassen suchte, so hinderte ihn dieses Wissen dennoch nicht daran, in die nämliche Falle zu tappen, also erneut im Namen der „zeit- und raumlosen Ideale“ der goethezeitlichen Ästhetik die „Bevorzugung der anomalen Seelenzustände und des Seelisch-Complexen“ in der naturalistischen Literatur seiner Zeit scharf zu kritisieren.3

So sehr sich daher der Diltheysche Dichtungsbegriff in den Lyriktheorien etwa Emil Staigers, Max Kommerells oder Käte Hamburgers verfestigte, so erwartbar war die Wiederholung dieser Problematik in der Lyriktheorie des 20. Jahrhunderts. Denn gegen eben diesen von Dilthey entwickelten Begriff der Erlebnislyrik, bezogen auf die mit Klopstock einsetzende Lyrik der Goethezeit bzw. der Romantik, richtete sich die Kritik Hugo Friedrichs, der 1956 in Die Struktur der modernen Lyrik betonte, das moderne Gedicht sehe „ab von der Humanität im herkömmlichen Sinne, vom ‚Erlebnis’, vom Sentiment, ja vielfach sogar vom persönlichen Ich des Dichters.“4 Mit Autoren wie Baudelaire, Rimbaud oder Mallarmé habe sich in der Lyrik der Moderne die „radikalste Abkehr von der Erlebnis- und Bekenntnislyrik“5 vollzogen, also von eben jenen von Dilthey geprägten Kategorien.

Hugo Friedrich meinte mit Blick auf Arthur Rimbaud vor allem „die abnorme Trennung des dichterischen Subjekts vom empirischen Ich“, weshalb er etwa davor warnte, „moderne Lyrik als biographische Aussage zu verstehen.“6 Nach der Goetheschen Erlebnislyrik verloren in der Folge jedoch auch die an der romantischen Lyrik etwa Eichendorffs und Brentanos gewonnenen Paradigmen ihre Gültigkeit. Dies verdeutlicht die Absage an den von Emil Staiger und Max Kommerell entwickelten Begriff der Stimmungslyrik, der wohl erstmals in Kurt Leonhards Studie über Moderne Lyrik theoretisch distanziert wurde. Demnach sei der Begriff „Moderne Lyrik“ nur dann gerechtfertigt, „wenn wir ‚Lyrik’ nicht auf ‚schöne Verse’ oder auf subjektive, passiv erlebten Stimmungen gehorchende Ergüsse beschränken.“7 Zwar hatte noch Clemens Heselhaus in seiner Studie über Deutsche Lyrik der Moderne von Nietzsche bis Yvan Goll mit Blick auf expressionistische Autoren wie etwa van Hoddis oder Lichtenstein weiterhin von deren „Stimmungsgedichten“ gesprochen.8 Dagegen vermerkte jedoch schon Jürgen Link, gerade die zeitgenössische Lyrik schärfe den Blick dafür, „dass Gedichte nicht aus ‚Stimmungen’ und ‚Gefühlen’ zusammengesetzt sind, sondern ganz konkret aus Worten, aus Sprache.“9 Ähnlich betonte Dieter Lamping mit Nachdruck, dass sich die Lyrik der Moderne von der „Erlebnis- und Stimmungslyrik“ des 18. und 19. Jahrhundert gelöst habe, indem sie „neuartige, zunächst betont nicht-realistische, verfremdende Darstellungsweisen“ verwende.10 Und Dieter Burdorf betonte eben deshalb, der Begriff der Stimmung gehöre wie der des Erlebnisses und des lyrischen Ichs zu den „problematischen Kategorien“.11

Zu den neuen und anderen Merkmalen der Lyrik des zwanzigsten Jahrhundert zählten stattdessen die „Diskontinuität“ sowie die „Simultanität“ der Wahrnehmung, das Spiel mit Paradoxie und Verfremdung, der A-mimetismus, sowie ein genereller Ich- bzw. Identitätsverlust.12 Mario Andreotti etwa bemerkte eine Verschiebung von festem Ich und kohärenter Gesamtsicht der Wirklichkeit hin zu Dissoziation in Einzelbilder, ein Vorgang, der in der modernen Lyrik anhand der „Entpersönlichung des lyrischen Ichs“ ersichtlich sei. Demnach sei moderne Lyrik „spezifisch gestisch“13: Nicht mehr der Bezug auf eine aussersprachliche Wirklichkeit, sondern die Sprache selbst als eigenständige Realität bzw. die Reduktion des Sprachzeichens „auf seine materiale Funktion“14 stehe im Zentrum, was Andreotti an Beispielen vom dadaistischen Montagegedicht bis zur Textcollage und konkreten Poesie gezeigt hat.15 Wie sehr diese Diskrepanz zwischen klassisch-romantischer und moderner Lyrik eine grundlegende Neuorientierung der Lyriktheorie notwendig erscheinen ließ, verdeutlicht etwa die These Dieter Lampings, nach welcher ein „Begriff des Lyrischen, der an klassischen und romantischen Gedichten gewonnen wurde,“ – das Beispiel ist hier die Lyrik-Theorie Emil Staigers – „für eine Beschreibung der modernen Lyrik kaum etwas hergibt.“16

Das vorliegende Buch bezweifelt diese These und will den Gegenbeweis antreten: Es behauptet, dass ein an klassischen und romantischen Gedichten gewonnener Begriff des Lyrischen sehr wohl etwas hergibt für die Beschreibung moderner und postmoderner Poesie. Zu diesem Zweck macht es den Vorschlag, den Begriff des Gespürs in die Lyriktheorie einzuführen.

(weiterlesen…)

103. Eberhard Häfner 70

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Exemplarisch für viele Häfner-Texte werden hier mehrere Signalketten verknüpft: eine astronomische („sternhagelvoll“, „Milchstraße“, „schwarzes Loch“), eine sexuell konnotierte („Nagel“, „schwarzes Loch“), eine mythologisch-geschichtliche („Engel“, „Hieroglyphen“) und eine computertechnische („Portal“, „runtergeladen“). Das Wort Sehnsucht rahmt in der ersten und letzten Zeile das Geschehen, und auf der Mittelachse („sternhagelvoll“) funkelt doppelbödiger Humor. So entsteht ein Flechtwerk unterschiedlicher Sprachstränge in rätselvoller Verdichtung. Diese für Häfner charakteristische Methode hat durchaus mit seinen früheren Tätigkeiten zu tun. Bis Mitte der achtziger Jahre arbeitete Häfner als Silberschmied, Metallgestalter und Restaurator in Erfurt, bevor er wie so viele Künstler nach Berlin-Prenzlauer Berg übersiedelte. Zunächst publizierte er in Undergroundzeitschriften, nach 1989 trat er mit Künstlerbüchern, Romanen und immer wieder mit Gedichtbänden an die Öffentlichkeit.

Am heutigen Tage wird der mocking bird, wie auf Englisch jene Spottdrossel heißt, die immer wieder seine Gedichte durchschwirrt, siebzig Jahre alt. Da zu seinen Tugenden neben einem scharfen Verstand, außerordentlicher Belesenheit, Neugier auf das Schaffen jüngerer Kollegen auch eine herzöffnende Freundlichkeit und schamanesker Charme gehören, nimmt es nicht wunder, dass viele gratulieren wollen. / Peter Geist, Tagesspiegel

Zu Ehren von Eberhard Häfner lesen am Samstag, den 29. Oktober ab 19 Uhr in der Villa Elisabeth (Invalidenstr. 3b) unter anderem die Schriftsteller Volker Braun, Kurt Drawert, Bert Papenfuß, Björn Kuhligk und Steffen Popp. Der Gedichtband „Per Anhalter durch den Verstand“ (100 Seiten, 9,50 €) ist im Münchner Allitera Verlag erschienen.

6. September 2011

28. Zwei Dresdner in concert

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Es sind wohl auch Fragen von Haltung, hellwachem Geist und einer besonderen Art von Widerspenstigkeit, die Braun und Sommer in eine künstlerische Verwandtschaft rücken. Höchste Zeit also, dass sie sich mal aufeinander einlassen sollten!

Ausgerechnet zur Bardinale, dem nun zum 10. Mal ausgerichteten Treffen der Poesie im sehr selbstbewusst als Dresdner Literaturhaus apostrophierten Alfred-Kästner-Museum am Albertplatz, ist dies nun am ersten September-Sonntag geschehen. Vor vollem Haus im Roten Salon gab es Musik und Text, Jazz und Lyrik, Rhythmus und Wort. Weil Sommer ja nicht nur seine Maschinerie aus Becken, großer Trommel, Gongs und kleinen Trommeln zu bedienen hatte, sondern Brauns Texte auch mitlesen musste, machte er ein „Brillenkonzert“ daraus. Normalerweise konzertiert er ja ohne Sehhilfe. Doch auch hier nutzte er nicht nur das „klassische“ Instrumentarium, sondern ging zu einem sehr melodiösen Ausflug ans Hang und nutzte für einen 360-Grad-Rundumschlag alles, was sich irgend betrommeln oder mit dem Trommelbesen bestreichen ließ. Da musste selbst der Körper des Dichters für rhythmischen Klang herhalten. Volker Braun nahm es mit Vergnügen.

Das Spektrum seiner Texte war ähnlich breit wie der Einfallsreichtum dieses musikalischen Giganten, der das gemeinsame Publikum auch mal zu einem ausgedehnten Solo mitnahm. Braun erinnerte sowohl an seine frühesten Kindheitserinnerungen und musste dazu nur ein Wort wie „Trümmerflora“ bedienen. Er zitierte Texte, die im philosophischen Reibungsprozess am untergegangenen DDR-Staat entstanden – aber beim Wiederhören von beachtenswerter Gültigkeit geblieben sind. Natürlich sezierte der kluge Kopf auch die sogenannte Wende mit all ihren Folgen, schilderte eine Begegnung von Künstlern und Politik im Sächsischen Landtag, tummelte sich gedankenreich über den Dorotheenstädtischen Friedhof von Berlin, brachte die aktuelle Krise ins Spiel, angesichts derer zu fragen wäre, wo all der Mut und das Aufbegehren von 1989 denn hin sind?

Bei vielen, vielen Sentenzen horchten die Gäste zustimmend auf, schmunzelten bei trefflichen Feststellungen („Das Sein und bestimmt das Bewusstsein im Eimer“) und mochten sich mit Volker Braun gefragt haben, wieso angesichts zerfallender Banken im Volk denn nicht mehr Zorn aufkommen möge? „Am Ende des Tages bist du ein Produkt“, resümierte der Dichter bitter, doch ohne verbittert zu sein. / Michael Ernst, Musik in Dresden

28. Juni 2011

139. “Böhmen am Meer”

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gilt seit Ingeborg Bachmanns Gedicht als zumeist literarische Projektion eines utopischen Idealzustands, aber in der Realität grenzte Böhmen bereits unter Ottokar II. Premysl an die Adria und das Böhmen Karls IV. an die Ostsee. / Ö1

(Shakespeare nicht zu vergessen. In dessen “Wintermärchen” gibt es ein Land “Bohemia. A desert country near the sea.” 3. Akt, Szene 3. Die Briten waren schon immer fern von Europa.)

Vgl. auch hier und hier.

„Böhmen am Meer“ heißt auch ein Stück von Volker Braun, uraufgeführt 1992 am Schiller-Theater Berlin, Regie Thomas Langhoff

(Und schon 1974 steht in seinem Gedicht “Prag”, bezogen auf die Niederschlagung des “Prager Frühlings” von 1968: “Böhmen/ Am Meer/ Von Blut?”, Volker Braun: Gegen die symmetrische Welt. Halle 1974)

24. März 2011

108. Silvia Schlenstedt gestorben

Zum Tod der Germanistin Silvia Schlenstedt schreibt Georg Fülberth in der Tageszeitung junge Welt:

Die junge Germanistikstudentin versuchte, wie sie sich 2004 in einem Interview erinnerte, »marxistisch zu arbeiten, ohne Lukács zu folgen«. Eine Gegenposition fand sie bei Brecht, über dessen »Svendborger Gedichte« sie promovierte. Literaturwissenschaft hatte für sie eine operative Aufgabe. »Eingreifen«: das galt für beides – die Arbeit der Schriftsteller und ihrer interpretierenden Begleiter. Da dies Kritik und Veränderung bestehender Zustände – auch des Sozialismus, damit er einer werden konnte – bedeutete, mußte das literarische Material Werkzeug sein, das auf Hindernisse stieß. Diese Auseinandersetzung hat die gesamte wissenschaftliche Arbeit Silvia Schlenstedts geprägt. Zusammen mit ihrem Mann, Dieter Schlenstedt, suchte und fand sie die Nähe der jungen Dichter, die zum Aufbau einer neuen Gesellschaft beitragen wollten. »Wir waren fast von Anfang an mit der in den frühen sechziger Jahren neu entstehenden Lyrik verbunden, mit Volker Braun, Karl Mickel, Heinz Czechowski usw. Die kannten wir alle, haben sie interviewt, über sie geschrieben, die waren bei uns zu Hause.« Der Arbeitskontakt reichte über Generationen, bis zu Steffen Mensching und Hans-Eckardt Wenzel.

 

23. März 2011

107. Das Ungeahnte

Im Freitag bespricht Thomas Wagner das Zeit-Projekt politische Lyrik und kritisiert es zu Recht:

Nun wäre nichts dagegen einzuwenden, wenn eine auflagenstarke Zeitung ein weithin wahrnehmbares Forum für politische Lyrik schüfe, so wie man es begrüßen konnte, als der Deutschlandfunk sein „Gedicht des Tages“ einführte. Was stutzig macht, ist jedoch die Art und Weise, mit der die Zeit-Redakteure ihr Projekt begründen. Sie gehen davon aus, dass es das politische Gedicht eigentlich gar nicht mehr gibt. „Das ideologische Zeitalter ist vorbei, Gedichte mit parteipolitischer, gar agitatorischer Absicht sind passé“, behaupten die Journalisten.

Das klingt zunächst plausibel. Für ein nennenswertes parteigebundenes Engagement der Dichter fehlt heute tatsächlich die Grundlage.

Aber das bedeutet doch nicht, dass die politische Lyrik verschwunden ist. So erschien 2009 im Rotbuch-Verlag eine Sammlung mit neuen politischen Gedichten, die das genaue Gegenteil belegt. Gerade jüngere Lyrikerinnen und Lyriker hätten sich in den letzten Jahren verstärkt Themen wie Globalisierung oder Ausbeutung angenommen, schreibt Tom Schulz, der Herausgeber der Anthologie alles außer tiernahrung. Und die Art und Weise, wie sich der shooting-star der Szene Björn Kuhligk dem brutalen Grenzregime der EU nähert, ist zwar keineswegs agitatorisch, politisch sind seine poetischen Zugriffe auf die komplexe Wirklichkeit aber allemal. Ganz zu schweigen an dieser Stelle von den vielen Hip-Hop-Künstlern und Mundart-Dichtern, die auf zahlreichen Demonstrationen der vergangenen Jahre – zuletzt in Stuttgart – eine manchmal auch literarisch überzeugende Alternative zum oft eher drögen Agitationsjargon vieler Redefunktionäre boten. Und last but not least hat die Affäre Guttenberg gezeigt, wie twitter eine gewaltige poetische Energie zu entfesseln vermag.

Von solchen Einsichten ist die Zeit aber weit entfernt. Es fehlen ja schon weitgehend die „klassischen“ linkspolitischen Schriftsteller; ein Dietmar Dath oder ein Wiglaf Droste, von einem weniger bekannten Autor wie Michael Mäde ganz zu schweigen. Nein, das Projekt „Politische Lyrik in der Zeit“ lässt nicht erkennen, dass eine substanzielle, poetische Kritik der Verhältnisse erwünscht ist. Denn statt die Lyriker hierzu zu ermutigen, köderte man sie mit dem Angebot, große Politik aus der Nähe zu erleben. Was viele ambitionierte Journalisten auf gefährliche Abwege gebracht hat, dürfte in der Lyrik vor allem Murx zeitigen.

– Ob das Fehlen von Dath, Droste und Mäde per se bedeutet, daß substanzielle poetische Kritik nicht erwünscht sei, stehe dahin. Der Autor setzt hier Liste gegen Liste, als gäbe es auch nur annähernd Konsensmöglichkeiten oder zumindest klare Kriterien für Pro und Contra. Selbst die Akzentuierung von Björn Kuhligk als “der shooting-star der Szene” täuscht Urteil nur vor. (Ungefähr so sprechen Zeit-Rezensenten ja auch.) Sein Kriterium scheint zu sein “Ästhetische Wertschätzung durch das (bürgerliche) Feuilleton” bei den von der Zeit ausgewählten Dichtern hier und “klassisch linkspolitische” Autoren da. Eine vielleicht etwas einäugige Klassifizierung, die Übersicht vortäuscht, wo genaueres Hinsehen und Fragen erwünscht ist. Wenn darüber etwas gewußt werden soll, muß man die eigenen Scheuklappen in die Betrachtung einbeziehen. Eine Kartierung gegenwärtiger Lyrik und Politik müßte anders ansetzen, jenseits eigener Gewißheiten doch. Weder sind die Zeit-Autoren ein “Lager” (poetisch gewiß nicht, und politisch? das Raster wär eh zu eng), noch sind “klassisch linkspolitische” die einzige Alternative. Da müßte man hinsehen, finden wollen, statt nur Gewisses zu verkünden. Der Feuilleton-Kritiker gleicht darin dem Feuilleton ganz und gar. Wer darüber nicht nachdenken will, verläßt den herablassenden Blick der Feuilleton-Generalisten auf die Lyrik-Spezialisten ebensowenig wie es das Zeit-Projekt tut.

Ob die von der Zeit ausgewählten LyrikerInnen leichter oder genauso leicht wie Journalisten auf ausgelegte Köder hereinfallen, muß sich erst zeigen. Wer da “vor allem Murx” erwartet, tut uns ja leid.

Und als gäb es sonst keinen Murx auf den großen Blättern, oder Bühnen. Als wären die großgeplanten Problemlösungen der wirtschaftlichen, sozialen, außenpolitischen oder technologischen … Probleme zwischen Hartz 4 und Moratorium anderes als bestenfalls Murx. Oder schlimmstenfalls Mafia. Als würden sich die Journalisten oder wenigstens Kulturkritiker da murxfrei wacker schlagen. Hah, was müssen wir jeden Tag hören oder lesen!

Neinnein, ruf ich, nein! Und zitiere, wenn sogar schon die Zeit auf dem Titelblatt der vorigen Woche mit einer Herbst-89-Wendelosung aufmacht, déjavue: “KEINE LÜGEN MEHR!”, ein paar Zeilen von Volker Braun, der vor und nach der “Wende” klarsichtige politische Lyrik schrieb, lechts und rinks wär da zu eng:

Das fein Geplante
Ist doch zum Schrein.
Das Ungeahnte
Tritt eisern ein.

(Aus: Gemischter Chor. In Volker Braun, Langsamer knirschender Morgen, Halle-Leipzig 1987, S. 7)

Das Ungeahnte, Unsichtbare  kommt, ist vielleicht schon da. Erst mal freu ich mich auf ungeahnte Gedichte Woche für Woche in der sicheren Erwartung, daß auf dieser Seite nicht allemal der Murx der Woche stehn wird. Ob eisern oder welchen Materials immer.

Die Zeit 12 / 2011

Frommer Wunsch

 

14. März 2011

60. Verlagsranking

Die kleinen Lyrikverlage sind die Träger der neuen Lyrikszene, das ist oft gesagt worden und richtig. Auch unser Rankingspiel belegt das. Urs Engeler und Kookbooks befüttern die Szene seit Jahren, neuere wie Poetenladen, Luxbooks, Fixpoetry, Reinecke und Voß drängen nach. Die großen Traditionsverlage sind weit zurückgetreten – freilich mit einer Ausnahme. Suhrkamp ist auch nach dem Umzug voll im Geschäft. In diesem Jahr führen sie klar vor allen anderen, und auch in den letzten Jahren war Suhrkamp mit Büchern von Ann Cotten, Barbara Köhler, Katharina Hacker präsent, mit Oswald Egger, Friederike Mayröcker und Marion Poschmann gewann der Verlag in 5 Jahren dreimal den Huchelpreis. Die kleine Liste zeigt zweierlei: Suhrkamp hält “seinen” Autoren die Treue über Jahrzehnte, und der Verlag setzt in jedem Jahrzehnt seit den 50er Jahren immer auch auf Lyrik-Debütanten. Der Verlag Brechts, Eichs, Huchels, Celans, Enzensbergers oder der Bachmann verlegte auch Robert Schindel, Volker Braun, Thomas Brasch, Werner Söllner, Thomas Rosenlöcher, Ulrike Draesner, Uwe Kolbe,  Durs Grünbein, Thomas Kling, Marcel Beyer… Das muß man auch mal loben.

Hier die Auswertung unseres Rankingspiels (Zahl der vertretenen Titel / Zahl der Stimmen):

  • Suhrkamp  (4/42)
  • Berlin Verlag (2/26)
  • Poetenladen (2/25)
  • roughbook (2/25)
  • Reinecke und Voß (1/10)
  • Kiepenheuer & Witsch (1/8)
  • Hanser (1/6)
  • Kookbooks (1/5)
  • Peter Engstler (1/5)

11. März 2011

49. “Politische Lyrik muß sofort sitzen und ziehen”

Politische Gedichte will die Zeit drucken, nein sogar veranlassen. Gestern begann die Serie. DLF befragte Dirk von Petersdorff, der nicht so angetan ist, denn:

Und heute? – Ja, das ist dann teilweise etwas verklausuliert, man muss lange überlegen, versteht es nicht. Ich glaube, politische Lyrik muss auch eingängig sein, das muss sofort sitzen und ziehen.

Über Monika Rinck:

Es ist vielleicht kein im ganz engen Sinne politisches Gedicht, aber ein schönes Gedicht, was, finde ich, eine ganz anders gestaltete Welt vorstellt.

Zu Marion Poschmann:

Ich muss dann zugeben, ich habe das Gedicht nicht so genau verstanden, was diese zwei Körper eigentlich sind. Ich würde sagen, schlicht zu kompliziert für politische Lyrik.

Jan Wagner:

Der macht es ja eigentlich so, dass er sagt, ja, ich erfülle eure Erwartungen nicht, ich schreibe ein Naturgedicht, was man dann indirekt auf Politik beziehen kann, aber es ist kein in direkter Weise politisches Gedicht.

(Verständlich waren gewiß die Stalinhymnen Bechers und tausend anderer, die Führergedichte Agnes Miegels. – Zum Thema Verstehen siehe Volker Brauns Aufsatz “Rose Paal und der Aufstieg der Lyrik”! Kernaussage: Wenn heute wieder etwas gewußt werden soll über uns, muß es nicht “verständlich” wie bei Brecht, sondern so geschehen wie in zeitgenössischer Lyrik: auch wenn es die Landarbeiterin Rose Paal dann erst mal nicht versteht.)

– Und Braun zitiert (meint) da nicht Braun, Enzensberger oder Rühmkorf, wir es Germanisten tun würden. Er hätte Elke Erb nennen können, nennt aber Hölderlin:

Der Winkel von Hahrdt.

Hinunter sinket der Wald,
Und Knospen ähnlich, hängen
Einwärts die Blätter, denen
Blüht unten auf ein Grund,
Nicht gar unmündig
Da nämlich ist Ulrich
Gegangen; oft sinnt, über den Fußtritt,
Ein groß Schicksal
Bereit, an übrigem Orte.

Ist das politisch? Braun scheint zu meinen: politischer als Brecht, wenn man ihn heute imitierte.

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