Mein Brief an Puschkin

Heute ist der Tag der russischen Sprache – der Geburtstag Alexander Puschkins. Aber mir ist nicht danach, ein Gedicht des großen Dichters herauszusuchen. Der Krieg und auch ein aktuelles Geplänkel mit einem Putintroll oder „Putinversteher“ liegen mir auf der Seele. („Putinversteher“, ein furchtbares Wort! Nichts haben die damit Gemeinten verstanden! Nicht einmal seine Reden, in denen er bei allem Schmus über Bedrohung, NATO und „Völkermord im Donbass“ genau sagt, worum es ihm wirklich geht: dass die Ukraine als Staat kein Lebensrecht hat und nur – als „Kleinrussland“ – in der brüderlichen Umarmung des „großen“ Russland existieren darf. O, würden die „Putinversteher“ seine Reden lesen, im Wortlaut und nicht in den herausgesuchten Passagen, die ihre Vorurteile bestätigen, lesen und … verstehen! ). Die russische Sprache, die ich in Gedichten von Jessenin und Puschkin, Blok und Mandelstam lieben gelernt habe, sie klingt im Moment rauh und böse. Kurz nacherzählt jene Debatte auf Facebook. In einem Beitrag über die Ukraine hatte jemand eine russische Fahne (statt eines Kommentars) gepostet. Ich schrieb ein russisches Schimpfwort darunter, das sowas wie „zum Teufel“ oder „troll dich“ heißt. Jemand mit russischem Vor- und deutschem Nachnamen antwortete mir mit einem Wort: „pidaraz“. Ein beliebtes russisches Schimpfwort für Homosexuelle oder einfach für Westeuropäer, ungefähr „Päderast“. Ich antwortete ihm mit drei sarkastischen Worten: „wunderbare russische Sprache“. (Ja, dies ist ein Beitrag zum Tag der russischen Sprache!). Seine Antwort kam auf Deutsch: „weil du es nicht kannst. Du Lappen.“ Ich antwortete mit diesem Ausschnitt aus einem russischen sozialen Netzwerk:

Auf Deutsch etwa: „Krepierte Chochly sind immer was Schönes. Schlagt sie, Brüder“. Chochly ist ein russisches Schimpfwort für Ukrainer. Ich muss hinzufügen, es waren Kommentare zum Raketenangriff auf ein ukrainisches Kaufhaus und es waren vielleicht noch bösere darunter. Was genau ich neben der Übersetzung geschrieben habe, kann ich nicht mehr rekonstruieren, denn buchstäblich eine Minute später bekam ich die Meldung, mein Kommentar verstoße gegen die Gemeinschaftsstandards von Facebook und sei deshalb entfernt worden. Später bekam ich noch zwei Mails, die eine sagte, wenn ich noch einmal gegen die Standards verstoße, könne ich ausgeschlossen werden, und dann noch eine sozusagen mildere:

Uns ist bewusst, dass man manchmal
Fehler macht. Deshalb haben wir dein
Konto nicht eingeschränkt.

(Will sagen, noch nicht.) Also nicht zynische menschenverachtende Sprüche sind der Fehler, der gegen die Norm verstößt, sondern dass man diese Sprüche anprangert. Nichts Neues bei Facebook, viele haben die Erfahrung schon gemacht. Überraschend war vielleicht die Geschwindigkeit, mit der das geschah. Der Troll mit seinen taffen Sprüchen reagierte weinerlich und hat mich blitzschnell bei Facebook gemeldet. Und die haben sofort reagiert – ob die Trollfabrik ihre Leute bei Facebook hat? Ich vermute ja.

Das wäre sozusagen ein Beitrag zum Tag der russischen Sprache, ich finde: ehrlicher als es ein Puschkingedicht heute wäre. Ich will aber sozusagen versöhnlicher enden und präsentiere einen Beitrag vom November 2015 noch einmal. Die Annexion der Krim war da schon anderthalb Jahre her, Krieg war im Donbass und in den Schlachtfeldern der sozialen Netzwerke. (Eine unglückliche Metapher, weil hier noch nicht getötet wird, aber man versteht vielleicht, was ich meine.) Hier also mein Brief an Puschkin, den ich zuerst im November 2015 in der Lyrikzeitung veröffentlicht habe.

R., B., D., A. – Ihr wißt, ihr seid nicht gemeint. Gemeint sind T., Ch., B., M., N., F., O., P., G., M., M. und all die andern und alle, die sich angesprochen fühlen.

Liebster Alexander Sergejewitsch,

ich weiß schon. Ein Dutzend mal haben sies mir um die Ohren gehauen in diesen letzten Jahren. Ihre Landsleute und meine. Meine immer in der Form, wie sie die heutige Weltbibliothek hergibt, ohne Angabe von Quellen. (Ihre oft in der gleichen Form; denn sie, viele, leben heute in meiner Heimat, ihre Puschkinausgabe konnten sie nicht mitnehmen, wenn sie eine hatten. Aber sie verteidigen ihr Rußland gegen die Fremden, die auch ihre Freunde und Nachbarn sind. Und folgen den gleichen Algorithmen, benutzen die gleiche Maschinenbibliothek wie die eingebornen Deutschen.)

Es steht heute so, daß keiner mehr wissen will, ob das stimmt, woher es stammt, wer es übersetzt hat und was es mal bedeutet hat. Sie geben einfach die Worte „Heimat, Fremder“ in ihre Suchmaschine ein und die Maschine spuckt aus, zuverlässig immer in der gleichen Form:

Ja, ich verachte meine Heimat, aber es gefällt mir überhaupt nicht, wenn es ein Fremder tut.

Alexander Sergejewitsch Puschkin
(1799 – 1837), russischer Dichter, Erzähler, Dramatiker und Romanautor

Damit ist „Alles klar“, wie sie gern sagen. Sie „teilen“ es und „liken“ es, wie sie auch sagen. Bücher brauchen sie gar nicht mehr, die Maschine liefert immer gerade soviel, wie sie brauchen, um im Netz zu punkten.
Sie nehmen es mir nicht übel, Alexander Sergejewitsch, wenn ich ihnen [kleines i, 3. Person Plural!] ein Stück aus Ihrem Brief an Wjasemskij entgegenhalte. Für Sie ist es lange her und sie – sie lesen es sowieso nicht, es schlägt nicht an ihr Ohr, es ändert so und so nichts, da seien Sie nur ruhig.

27. Mai 1826

Im Umgang mit Ausländern haben wir weder Stolz noch Scham – wenn Engländer da sind, foppen wir Wassili Lwowitsch; vor Madame de Staël nötigen wir Miloradowitsch, sich mit Mazurka hervorzutun. Der russische Herr ruft: Junge! unterhalte Hektor (den dänischen Rüden). Wir lachen und übersetzen die herrschaftlichen Worte für den neugierigen Reisenden. All dies kommt in sein Journal und wird in Europa gedruckt – es ist ekelhaft. Natürlich verachte ich mein Vaterland von ganzem Herzen – aber es fuchst mich, wenn ein Ausländer mein Gefühl teilt.

А. С. Пушкин. Собрание сочинений в 10 томах. Том девятый. Письма 1815–1830. Государственное издательство ХУДОЖЕСТВЕННОЙ ЛИТЕРАТУРЫ, Москва 1962,  232/233

Ja, Sie erinnern sich. Und, liebster Freund, Ihre Russen haben es beherzigt! Sie beeilen sich nicht mehr, dem Fremden zu gefallen. Sie spucken auf ihn, sie schmähen ihn, sie tanzen nicht für ihn sondern auf ihm wenn er am Boden liegt. Ach! ich habe es gesehen. Sie verachten die Fremden, die Anderen, die Schwulen, die Dunkelhäutigen, die Flüchtlinge, die Europäer (sie sagen Gayropäer), die Schwächlinge, die Faschisten (das sind nicht nur meine Landsleute, sondern deine, ihre, wenn sie sich ihnen nicht unterordnen). Du bist tot, dich verehren sie, verleihen dir Orden, bauen Denkmäler. Aber wehe, du kämst heute nach Petersburg mit deinem Teint, deinen Locken. Die Patrioten würden dich beschimpfen und bespucken. Die Vornehmen unter ihnen schlagen und spucken nicht selbst, sie lassen es nur zu. Wenige treten ihnen entgegen, die leben gefährlich, ach! Ihr Chauvinismus, ihr Schwulen-, ihr Judenhaß, ihr Stolz, ihr Wegsehen, ihr Militarismus widern mich an. Und deshalb, lieber Alexander Sergejewitsch, muß ich Dir heute widersprechen. Nein, Alexander Sergejewitsch, das stimmt nicht. Vielleicht hat es nie gestimmt, heute ist es obsolet. Ich glaube, die Antwort, die Du gibst, paßt auch nicht zu Dir. Auch Du würdest mich zu recht für durchgeknallt halten, wenn nicht Schlimmeres, wenn ich einem Franzosen, Polen, Amerikaner, Russen, Syrer oder Israeli, der Pegida oder die deutsche Politik kritisiert, so antworten würde wie Du es hier vorschlugst. Nein, das geht überhaupt nicht. Man muß auch nicht in Hitlers Deutschland geblieben sein, um den Faschismus zu kritisieren, wie nach 1945 viele sagten. Man kann auch Bayer und Rheinländer sein und die DDR kritisieren. Warum soll ich nicht kritisch über Putins Politik oder die Haltungen mancher Russen oder was auch immer schreiben? Du kannst mir widersprechen, aber sag mir bitte nicht, ich soll nichts Schlechtes über Rußland sagen, weil es irgendjemandem nicht gefällt. Es reicht, daß manche meiner russischen Freunde und Nichtfreunde seit 2 Jahren zu mir sagen: das kannst du nicht verstehen, weil du keine russische (wahlweise eine flache) Seele hast / weil du BILD liest / Nazi bist etc. … Alles das und noch vielmehr ist oft passiert. Deshalb bin ich da empfindlich und widerspreche. Und zitiere einen meiner Landsleute: „ich kenne / Nicht mein und dein vor diesen verletzlichen Ländern / Die kleineren Kriege, die beschreiblichen / Waren. Mich schert / Diese lockere Erde jeglicher Landschaft (…) Und seis nur eine / Quadratmeile See unterm Raketenschiff: / Oder der Batzen Rhön, fern neben meiner Schulter / Das ist mein Land, das seh ich“ (Volker Braun: Wir und nicht sie. Gedichte. Frankfurt / Main: Suhrkamp, 1970, S. 25). Sie sind neue Aristokraten, ich bin dein alter Freund M.

2 Comments on “Mein Brief an Puschkin

  1. Aus ähnlichen Gründen lasse ich mein Facebook Konto ruhen. Im Banat, woher ich stamme, kreist ein Sprichwort: Mischt man sich unter die Kleie, wird man von den Schweinen gefressen.

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