Schmerzgedächtnis

Volker Braun

SCHMERZGEDÄCHTNIS

Es war eine erste Berührung,
                            ich scheute zurück
Wie ein Füllen. Von ihrem Hals, oder war es
Die Wange, ich weiß es nicht mehr, der Mund

Gut, ich gebe den Kuß zu. Niemand sah uns
Den Kuß, aus dem, warum, nichts folgte
Es waren normale Zeiten, angstlos zeigte man
Das nackte Gesicht. Es ist so lange her, dreißig, drei Jahre
Ich sehe noch genau ihr helles dünnes Kleid, aufgeknöpft
Von meinen Händen. Ich fuhr zurück, eine Scheu
In Kindertagen im Körper
                        bewahrt

Ihre Nüstern zitterten noch, sie hielt mich fest
Auf dem Steinweg, ich trabte hinab. Jetzt in den Zeiten der Pest
Wir trügen Masken, beide
Fest über Nase und Mund, der gehauchte
Kuß zungen- und zahnlos zärtlich
                                mit vorsichtshalber
Auch geschlossenen Augen. Es wäre leicht.

Aus: Volker Braun, Große Fuge. Berlin: Suhrkamp, 2021, S. 22

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