Kategorie: Andalusien
20. Zwei jüdische Dichterinnen aus Spanien
Die großen jüdischen Dichter des mittelalterlichen Spanien sind Teil des jüdischen Erbes, Namen wie Dunash ibn Labrat, Solomon ibn Gabirol, Moses ibn Ezra, Samuel Hanagid und Yehuda Halevi kommen einem in den Sinn. Doch es ist keine Überraschung, daß es alles Männer waren.
Umso erstaunlicher, daß es in dieser Zeit zahlreiche moslemische Frauen gab, deren Gedichte erhalten sind. Obwohl Moslems die Juden das “Volk des Buches” nennen, waren es moslemische Frauen, die dauerhafte poetische Werke schufen.
Wie ist diese Diskrepanz zu erklären? Es fällt schwer anzunehmen, daß die moslemischen Frauen im damaligen Spanien soviel besser ausgebildet waren als ihre jüdischen Zeitgenössinnen. Arabisch wurde die lingua franca nach der moslemischen Eroberung des Landes im Jahr 711. Wurden, als die jüdischen Dichter auf Arabisch und später auf Hebräisch zu dichten begannen, die Frauen völlig ausgeschlossen?
Nur sehr wenige Gedichte jüdischer Frauen aus dieser Zeit sind erhalten. Das muß nicht unbedingt bedeuten, daß nicht mehr geschrieben wurden. Die Gedichte sind von hoher Qualität, nur die geringe Menge ist das Problem.
Kasmunah (“die kleine Bezaubernde” oder “die mit dem hübschen Gesicht”) aus Andalusien war die Tochter von Isma’il ibn Bagdala “dem Juden”. Ihre arabischen Verse wurden in eine im 15. Jahrhundert von einem Ägypter zusammeegestellte Anthologie von Gedichten von Frauen aufgenommen. Man weiß wenig von ihr, die Forschung streitet sich, ob sie im 11. oder 12. Jahrhundert lebte. Manche von denen, die die frühere Variante vorziehen, vermuten, daß sie die Tochter Samuel Hanagids war, der auch ibn Nagrella genannt wurde und der tatsächlich eine Tochter hatte. Man vermutet, daß die Namen Bagdala und Nagrella verwechselt wurden.
Fest steht jedenfalls, daß Kasmunahs Vater sie auf dem Weg schöpferischer Zusammenarbeit unterrichtete. Er schrieb zwei Zeilen, auf die sie entsprechend antworten mußte.
Den Stil, den er verwendete, nennt man Muwwashah, eine schwierige Form, in der beide brillierten. Wenn man ihre Verse liest, spürt man enorme Originalität und Gewandtheit in arabischer Dichtkunst und die Sanftmut einer kultivierten Frau.
Die Frau des Dichters Dunash ibn Labrat lebte gegen Ende des 10. Jahrhunderts. Man weiß wenig von ihr. Ihr Mann wurde in Fez geboren, er studierte in Bagdad und lebte einige Zeit am Hof des bedeutenden Diplomaten Hasdai ibn Shaprut in Córdova. Nicht einmal ihr Name ist überliefert, aber ihre Fertigkeit in hebräischer Dichtung ist erstaunlich. / RENÉE LEVINE MELAMMED, Jerusalem Post 5.1.
A Jewish poetess, named Kasmunah, daughter of Isma’il the Jew, is also counted among the bright geniuses of that nation. Her father, who was himself a man of considerable learning and a good poet, had bestowed the greatest care on her education, and imparted to her all the science which he himself possessed. He used to compose part of an ode and then give it to her to finish. He once said to her,—” Tell me who is ”The master of beauty, who fights and vanquishes those who oppose him, “and yet whose trespasses are excused?” And she replied, almost immediately,
“The sun, which imparts its light to the minor constellations, and whose “face after this appears quite dark.”
Aus: The history of the Mohammedan Dynasties in Spain: extracted from the Nafhu-t-Tib Min Ghosni-l-Andalusi-r-Rattib … by Aḥmad b. Muḥammad al Makkari, Band 1.
Autor: Aḥmad Ibn- Muḥammad al- Maqqari
Herausgeber: Pascual de Gayangos
Übersetzt von Pascual de Gayangos
Verlag: Oriental Translation Fund, 1840
Original von Bayerische Staatsbibliothek
Von Google digitalisiert
544 Seiten
60. Lied Andalusiens
In ”Le Chant d’al-Andalus” (Das Lied Andalusiens), übersetzt und kommentiert von Hoa Hoï Vuong und Patrick Mégarbané, die bereits “Ors & saisons” et “Le Diwan de Bagdad” im gleichen Verlag veröffentlicht haben, finden sich 40 Dichter, Männer und Frauen, Leute von Adel und aus dem Volk, Kurtisanen und Weise.
In diesen Gedichten entdeckt der Leser den Gesang eines Volkes auf der Höhe seines Ruhms, das fern von rigiden Dogmen seine Wesensart und Sensibilität bewahrte, in Freiheit aufblühte und mit seinen Qualitäten Ruhm erwarb. / obiwi
“Le Chant d’al-Andalus” : Une anthologie de la poésie arabe d’Espagne,
de Patrick Mégarbané et Hoa-Hoï Vuong.
Edition bilingue arabe-français, Sindbad, Actes Sud, 23 €
110. Sephardische und jiddische Musik
Zum siebten Mal veranstalten Caroline von Bismarck und Eliah Sakakushev ein Internationales Kammermusikfestival im Schloss Wonfurt. Unter dem Titel „Jüdische Feste und Weisen“ präsentiert das Paar vom 23. Juni bis 3. Juli sephardische Musik und Lyrik des Mittelalters, hochkarätige Kammermusik des frühen 20. Jahrhunderts, Prosa und Dichtung jüdischer Autorinnen, Lieder des fränkischen Komponisten Jakob Schönberg und Klezmermusik. …
„Der Schwerpunkt liegt auf der Neuentdeckung der Tradition des spanischen (sephardischen) Judentums mit seinen geheimnisvollen Klängen eines goldenen Zeitalters“, so von Bismarck. „Dessen Musik und ihre modernen Interpreten, regionale Komponisten und Stars der klassischen Kammermusik werden in einem einzigartigen Rahmen vorgestellt.“ Die Schirmherrschaft hat Josef Schuster (Würzburg), Vizepräsident des Zentralrates der Juden Deutschlands, übernommen. Die Musik der Juden, schreibt Schuster in seinem Grußwort, sei im Mittelalter in Spanien, dem Sfarad, und dort in Andalusien entstanden. Nach der blutigen Vertreibung der Juden nahmen diese ihre Lieder, in Ladino gesungen, nach Nordafrika, Griechenland und in die Türkei mit.
Das „Jiddische“ wiederum, das die aus Deutschland stammenden Juden sprachen und sangen, sei mit den fliehenden Juden nach Polen und Russland gelangt. So bilde das Festival „Jüdische Feste und Weisen“ das Leben der Juden in vielfältiger Weise ab. / Mainpost
7. Andalusisches Paradies
Der Schriftsteller Saâdane Benbabaâli und der Interpret der andalusischen Musik Beihdja Rahal unternehmen gemeinsam eine musikalisch-poetische Reise. Das neue Buch “La Joie des âmes dans la splendeur des paradis andalous” (Die Seelenfreude in der Pracht des andalusischen Paradieses) setzt die Bewahrung und Überlieferung des andalusischen Musikerbes fort, die sie mit einem ersten Buch 2008 begonnen hatten. Das Buch ist mit Audio-CD und DVD ausgestattet. Es biete dem Leser ein paar Schlüssel zur Lektüre einer oft falsch verstandenen Poesie, sagt der Autor.
Bisher hat Benbabaâli mehr als 200 andalusische Gedichte aus dem 600 oder 650 Texte umfassenden Gesamtkorpus ins Französische übersetzt. / L’Expression 28.11.
86. Meine Anthologie 20: Abu Hafs, Vor Liebe irr
Vor Liebe irr
Ich sah ihr Antlitz an und ward vor Liebe irr.
- Wer starken Wein trinkt, dessen Kopf wird wirr.
Ihr Blick gab jedem Furcht ein, nur ihr selber nicht.
- Das Schwert erschlägt nicht den, der damit sticht.
Ich sah sie weinend an. Ihr Antlitz war voll Wonne.
- Die Wolke weint, darüber steht die Sonne.
Sie war so wohlgestalt. Stets schwebt ihr Bild mir vor.
- Die schöne Melodie bleibt lange noch im Ohr.
Ihr Scheiden schuf mir großes Herzeleid.
- Sobald die Sonne geht, herrscht Dunkelheit.
Aus: Andalusischer Liebesdiwan. Nachdichtungen Hispano-Arabischer Lyrik von Janheinz Jahn. Freiburg i. Breisgau: Verlagsanstalt Hermann Klemm, 1955, S. 31.
Abu Hafs, 12. Jahrhundert, Cordova
Über die andalusischen Dichter jener Zeit schreibt der Herausgeber: “Orient und Okzident fließen in Al-Andalus zusammen. Hier vermischen sich die Völker, denn der Islam kennt keine rassischen Vorbehalte. Araber, Iberer, Goten und Juden tragen, im neuen Glauben geeint, ihr Teil bei zur gemeinsamen hispano-arabischen Kultur, in der sie so völlig aufgehen, daß wir heute nur selten feststellen können, ob die frühen Vorfahren eines maurischen Dichters am Indischen Ozean, am Atlantik, an der Ostsee oder am Toten Meer gelebt haben.” (A.a.O. S. 29f) – An der Ostsee – voilà!
55. Jehuda Halevi
Jehuda Halevi ist vor allem als Dichter bekannt, eine der Leuchtgestalten des sogenannten Goldenen Zeitalters des jüdischen Spanien im 11. und 12. Jahrhundert. Aber wenn man Hillel Halkins neues Buch “Jehuda Halevi ” gelesen hat, wird klar, daß Halevi noch bedeutender ist, als seine Lyrik ahnen läßt.
Halevi, der um das Jahr 1070 geboren wurde, war vielleicht der beste hebräische Autor zwischen Bibel und Bialik*; der Schlüssel zu seinem Erfolg war die Einführung arabischer und islamischer Formen in einen hebräischen und jüdischen Kontext. Er lebte in einer Zeit, die man immer noch gern – und wie Halkin zeigt, ungenau – als ein Paradies des Miteinanderlebens in Erinnerung hat, in dem Christen, Moslems und Juden miteinander in Harmonie lebten. Im Gegenteil, seine Lebenszeit war geprägt von ständigen Kämpfen zwischen christlichen und islamischen Führern und regelmäßigen Judenverfolgungen von beiden Seiten. Sein klassischer Prosatext Kuzari plädiert für die Überlegenheit des Judentums über Christentum, Islam und die rationalistische Philosophie, aber er tut das in einer Weise, die manchen zeitgenössischen Juden unverzeihlich chauvinistisch, ja rassistisch vorkam. / Adam Kirsch, Tablet 9.2.
*) Chaim Nachman Bialik (1873-1934, Wolhynien/ Rußland, 1924 Israel)
1903 schockten die Pogrome von Kischinew die zivilisierte Welt. Nachdem Bialik mit einigen Ueberlebenden des Massakers gesprochen hatte, schrieb er das Gedicht „Al haSchechitah” („Auf der Schlachtbank”), in dem er den Himmel aufruft, entweder sofort Gerechtigkeit zu ueben oder die Welt zu zerstoeren, denn Vergeltung allein ist nicht genug.
Verflucht sei der, der sagt “Rache!”
Vergeltung fuer das Blut eines kleinen Kindes
Hat sich Satan noch nicht ausgedacht.
1904 entstand das Gedicht „Be Ir HaHaregah” („In der Stadt des Schlachtens”), in dem Bialik die laue Verurteilung des Massakers anprangert. Er ist erbittert wegen der fehlenden Gerechtigkeit und erschlagen durch die Gleichgueltigkeit der Natur: „Die Sonne schien, die Akazien bluehten, und die Schlaechter schlachteten.” / jafi.org
14. Sintflut
So ist das Recht. Das Recht, beschrieben, tröstet
Rainer Kirsch
Ich lese in einem Buch:
Scheich Raschad Hassan Chalil, ehemaliger Dekan der Fakultät für Islamisches Recht an der renommierten Kairoer Al-Azhar-Universität, hat Anfang 2006 eine öffentliche Debatte über erlaubte und unerlaubte Sexualpraktiken ausgelöst. Er hat eine Fatwa erklärt, wonach eine Ehe ungültig wird, wenn sich die Partner beim Akt ganz ausziehen.
Seyran Ateş, Der Multikulti-Irrtum. Wie wir in Deutschland besser zusammenleben können. Ullstein 2007, S. 166
Vielleicht werden manche bei Nennung der Quelle abwinken (ungelesen!), andere können fragen: was bedeutet das schon angesichts der täglichen Schreckensmeldungen über Mord- und Selbstmordanschläge, Willkür und Armut? Man kann auch sagen, daß vom Staat bezahlte Wissenschaft auch andernorts ihre Blüten treibt – alles richtig! Dennoch machen mich solche Nachrichten traurig. Eine einst große Zivilisation versucht seit fast 200 Jahren sich dem Niedergang entgegenzustemmen und es gelingt und gelingt nicht. Der 11. September – was für ein Rückschlag für den Islam, und viele bemerken es nicht einmal. “Ich denk nicht gern dran, aber leider oft” (Karl Mickel). Meist gehe ich dann zum Bücherregal und ziehe etwas Passendes heraus. Heute die von Khalid Al-Maaly herausgegebene kleine Anthologie “Die Flügel meines schweren Herzens. Lyrik arabischer Dichterinnen vom 5. Jahrhundert bis heute” (Manesse 2008). Ich lese darin, von AL-Khansa, Fadl, Wallada, Qasmona, Fadwa Tuqan. Lande bei der libanesischen Dichterin Joumana Haddad, die über “Liliths Wiederkehr” schreibt:
Der Flöte der beiden Schenkel entsteigt mein Gesang
Und aus meiner Wollust öffnen sich die Flüsse.
Wie könnte es keine Sintflut geben
Immer dann, wenn zwischen meinen senkrechten
Lippen ein Lächeln aufscheint?
53. Das zweite Wunder Andalusiens
Die bei uns noch kaum erschlossene Welt der großen jüdischen Dichtung des islamischen und christlichen Spanien zwischen 950 und 1492 präsentiert eine Anthologie von Peter Cole. Harold Bloom stellt sie in der New York Review ofBooks, Volume 54, Number 11 · June 28, 2007, vor:
Im Zentrum von Coles Anthologie stehen große Dichter nach jedem Standard: Shmu’el HaNagid, Shelomo Ibn Gabirol, Moshe Ibn Ezra, Yehuda HaLevi—alle aus dem muslimischen Spanien (circa 950 – 1140) — und Avraham Ibn Ezra, Yehuda Alharizi und Todros Abulafia, die im christlichen Spanien und der Provence lebten (circa 1140–1452). Diese sieben Dichter sind den Dichtern der spanischen Renaissance ebenbürtig, wie Garcilaso de la Vega, Fray Luis de León und San Juan de la Cruz. Luis de León stammte übrigens aus einer Konvertitenfamilie (Juden, die 1492 vor die Wahl gestellt wurden, zu konvertieren oder zu fliehen). Er gab die mystische Prosa der Heiligen Teresa von Ávila heraus. Teresa selbst, zum Teil jüdischer Abstammung, mußte eine Untersuchung der Inquisition erdulden, während Luis de León vier Jahre eingesperrt wurde,
Wäre er nur zwei Generationen früher geboren, er wäre einer der kanonischen jüdischen Dichter Spaniens geworden. …
Die außergewöhnliche Wiedergeburt einer großen jüdischen Dichtung bei den andalusischen Juden, die Peter Cole so brilliant präsentiert, muß teilweise als Antwort auf ihre komplexe sprachliche Situation gewertet werden. Im römischen Spanien war ihre Alltagssprache hauptsächlich Latein mit einigen Resten des Aramäischen, nicht Hebräisch. Im muslimischen Spanien nahmen sie größtenteils das Arabische an, die internationale Lingua franca. Zur selben Zeit entwickelte sich ein modifiziertes Latein, genannt Romanisch, zum Altkastilischen weiter, das die Hauptsprache des christlichen Spanien wurde, einschließlich der dort lebenden sephardischen Juden; in der Diaspora nach der Vertreibung des Juden 1492 wurde es Ladino genannt (ein Wort für Latein). Im muslimischen Spanien wurde das Arabische fast überall zur Sprache der Juden, ebenso Wissenschafts- wie Alltagssprache. Ohne die arabische Lyrik und ihre Traditionen hätte es die hebräischen Dichter Spaniens nicht gegeben. Eine Art Judäo-Arabisch, geschrieben mit hebräischen Buchstaben, wurde zum universalen jüdischen Verständigungsmittel – außer in der Lyrik, die auf Hebräisch geschrieben wurde.
The Dream of the Poem: Hebrew Poetry from Muslim and Christian Spain, 950–1492
translated, edited, and with an introduction by Peter Cole
Princeton University Press, 548 pp., $50.00; $19.95 (paper)
Schmuel (Samuel) HaNagid ist ein Kapitel in Raoul Schrotts Anthologie “Die Erfindung der Poesie” gewidmet. Die Anthologie “Das Wunder von al-Andalus. Die schönsten Gedichte aus dem maurischen Spanien” von Georg Bossong, C. H. Beck, München 2005, enthält auch hebräische Dichter.
Al-Andalus in L&Poe: 2002 Jul # Poet´s Choice; 2004 Dez #24. Geistige Erneuerung statt Vorbeter; 2004 Dez #53. Wie Frauen im Islam dichten; 2005 Mrz#77. Meddebs Palimpseste; 2005 Mai #32. Arabische und hebräische Lyrik aus Spanien; 2005 Jul #74. Das Wunder von al-Andalus;2005 Aug #12. Algerischer Malhoun-Dichter gestorben; 2005 Sep #51. A Muh a Muh; 2005 Sep #116. Zajal;2006 Feb #56. Leider kannte keiner; 2007 Mrz #57. Meister Eckhart & Al-Andalus; 2007 Mrz #73. Auch Marrakesch