Góngora

Am 11. Juli 1561 wurde der spanische Dichter Luis de Góngora in Córdoba geboren. Ins Gedächtnis gebrannt anderthalb Zeilen aus einem Gedicht Johannes Bobrowskis: „des Corduaners / Zeile löst dir die Herzhaut ab“.

GÓNGORA

Schwerthieb
im ersten Licht, des Corduaners
Zeile löst dir die Herzhaut ab:
dünn, Papier, bemalt
mit fliegenden Schwänen.

Ach, dunkelen Rufs,
der Schwäne Zug. Eine Feder,
weiß,
fällt auf dich zu. Du sollst
einen Namen schreiben
an den Himmel aus Feuer
— Don Luis’ Namen —
in das Schweigen des heißesten Tags.

Denn die Treppe hinab,
in einem Schwarm Jungen, kommt Lorca.
Ach, Andalusier, Kinder! Er singt: Iberien,
schwarze Stimme, verwittert,
alt von der Könige Tritt.
Freunde, kommt weiß!
Mädchen, Licht, labyrinthischer
Tanz, labyrinthischer Tanz,

Nacht
oder, schmal,
ein geschliffner Saphir,
Irrsinn stürz auf die Schläfe
— einst auf Don Luis’ Schläfe —
mitten im Schlaf.

Aus dem Band „Sarmatische Zeit“ (1961). Das Gedicht entstand am 14. Juni 1959. Es erschien zuerst in der Zeitschrift Merkur Nr. 7 / 1960. Des Corduaners: so nennt García Lorca den Barockdichter in der Übersetzung von Enrique Beck. Bobrowski bezieht sich auf den Vortrag „Das dichterische Bild bei Don Luis de Góngora“, der den Zusammenschluß der modernen spanischen Dichter zur „Generation von 1927“ beeinflußte. 1927 feierten sie den 300. Todestag des Dichters, der lange geringgeschätzt und von den Modernen wiederentdeckt wurde. Beide, Lorca und Góngora, waren Andalusier. Mit fliegenden Schwänen: Lorca sagt in seinem Vortrag über Góngora und Mallarmé: „Sie lieben dieselben Schwäne, Spiegel, harten Lichter, Traumfrisuren.“ Irrsinn stürz auf die Schläfe: L.-P. Thomas hatte 1911 die These aufgestellt, daß Góngora am Lebensende von „Irrsinn“ befallen worden sei. Dem wurde zwar widersprochen, aber die Meinung hält sich. Bobrowski wird ihr in den Büchern von Gustav René Hocke begegnet sein, die 1957/1959 in „Rowohlts Deutscher Enzyklopädie“ erschienen: Die Welt als Labyrinth / Manierismus in der Literatur.

Aus der Ausgabe der Soldedades von Reclam Leipzig 1982

10 Comments on “Góngora

  1. Johannes Bobrowski 1917 – 2017

    Es gibt einen alten Spruch:
    Musica est exercitium arithmeticae occultum – nescientis se numerare animi – die Musik ist eine geheimnisvolle Ausübung der Arithmetik, bei welcher die Seele ihres Zählens sich nicht bewusst wird.
    Setzen wir statt Musik – Dichtung, so trifft die Feststellung durchaus ebenso zu.

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  2. »Saphir« nimmt Bezug auf die erste Strophe von Góngoras opus magnum »Soledades« (Zeile 6):

    Era del año la estación florida
    en que el mentido robador de Europa,
    media Luna las armas de su frente
    y el Sol todo los rayos de su pelo,
    luciente honor del cielo,
    en campos de zafiro pace estrellas,
    cuando el que ministrar podia la copa
    a Júpiter mejor que el garzón de Ida,
    náufrago y desdeñado, sobre ausente,
    lagrimosas de amor dulces querellas
    da al mar, que condolido,
    fue a las ondas, fue al viento
    el mísero gemido
    segundo de Arión dulce instrumento.

    Góngora galt als ausgesprochen »dunkel«, und de facto ist es so, dass in Spanien die gängige Taschenbuchausgabe der »Soledades« eine erklärende und kommentierende Paraphrasierung von Dámaso Alonso enthält, weil für die/den – auch literarisch geübten – Leser/in die Komplexität der Metaphorik kaum entzifferbar ist. Insofern »dunkelen Rufs«.

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    • Dieser obscuritas Rechnung tragend und unter allem Vorbehalt eine Annäherung an den Beginn der »Soledades« auf deutsch:

      Es war des Jahres Zeit der Blüte,
      da der täuschende Räuber Europas,
      ein halber Mond die Waffen seiner Stirn
      und voll der Sonne Strahlen sein Haar,
      des Himmels Ruhm leuchtend,
      weidet Sterne auf saphirnen Fluren,
      als einer, der den Becher besser andienen könnte
      dem Jupiter als der Bursche vom Ida,
      schiffbrüchig und verschmäht, ja verlassen,
      Tränen der Liebe Zwist süß
      übergibt dem Meer, das, voller Mitleid,
      darbringt den Wellen, darbringt dem Wind
      das elende Klagen
      als ein zweites süßes Instrument Arions.

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  3. Und noch eine Variante mit leicht veränderten ersten Versen:

    Es war des Jahres blühende Zeit,
    in welcher der täuschende Räuber Europas,
    ein halber Mond die Waffen seiner Stirn
    und ganz die Sonne die Strahlen seines Haars,
    leuchtender Ruhm des Himmels,
    weidet Sterne auf saphirnen Fluren,
    als einer, der den Becher besser andienen könnte
    dem Jupiter als der Bursche vom Ida,
    schiffbrüchig und verschmäht, ja verlassen,
    Tränen der Liebe Zwist süß
    übergibt dem Meer, das, voller Mitleid,
    darbringt den Wellen, darbringt dem Wind
    das elende Klagen
    als ein zweites süßes Instrument Arions.

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  4. Paraphrase:

    Es war um die Frühlingsmitte (Z. 1–6). Ein gut aussehender Jüngling erleidet Schiffbruch und beklagt dabei laut seinen Liebeskummer, was zu seiner Rettung führt (Z. 7–14).

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    • Limerick:

      Es begab sich im schönen Maien,
      als Stier Zeus tat Europen freien,
      daß verlorn ein Knab
      ging im Meer, das gab
      ihn frei, weil er heult wie Schalmeien.

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  5. gefällt mir hier bei euch! wenn ich herausfinde wie es geht, stelle ich ein foto von der stelle aus der zweisprachigen ausgabe von reclam leipzig (übersetzung erich arendt) von 1982 dazu – mit meinen lesespuren. ich muß sagen, solche knappen paraphrasen hätten manche grübelei abkürzen können!

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  6. góngoras form der »silva« zeichnet sich durch eine recht flexible anordnung der reimpaare, nicht genau definierte zeilenanzahl pro strophe und freie folge von sieben- und elfzeiligen silben. das wirkt organischer und freier als die gängigen, sehr regelmäßigen formen der zeit, ist aber dennoch metrisch durchaus gebunden: es sind eben stets elf oder sieben silben pro zeile und es gibt durchgehend reime (die mal weit auseinanderliegen, mal überraschend als paarreim daherkommen). das so ins deutsche zu transportieren ist aussichtslos und auch nicht sinnvoll. als alternative zu den freien rhythmen wähle ich hier den jambus als gebundenheitssignal im deutschen (mit anáklasis hier und da), lasse die zeilen frei laufen und hoffe, dass die zeilenausklänge gelegentlich auch anklänge sind.

    Es war des Jahres Zeit der Blüten
    in der Europas lügenreicher Räuber
    – der halbe Mond die Hörner seiner Stirn,
    die Sonne ganz die Strahlen seiner Haare –,
    leuchtende Himmelsehre,
    auf Saphirfeldern Sterne grast,
    da jener, der wohl besser noch den Becher
    Jupiter reichen konnte als der Bursch aus Ida,
    schiffbrüchig, abgewiesen, in der Fremde
    voll Tränen Liebesklagen richtet süße
    ans Meer, bewegt es so,
    dass für die Wogen, für den Wind
    sein jammervolles Seufzen
    ein zweites wurde süßes Arion-Instrument.

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