Salomon Geßner
(* 1. April 1730 in Zürich; † 2. März 1788 ebenda)
Mein Herr.
Ich fühl ein Vergnügen nur halb, wann sie es nicht mitgeniessen; werden sie hier nicht ein Lied mit Vergnügen lesen, das ich vorgestern in einem Band von uralten, ohne sonderliche Wahl zusammen geschriebenen Geschichten und Liedern gefunden? Es schildert die Empfindungen, die vor etwa 400 Jahren ein junger Schweitzer gefühlt, da er sein Mädgen, oder seine Buhlschaft im Harnisch sahe. Sie müssen wissen, daß die Mädgen jener Zeiten, wann sich ein Feind an ihre Mauern wagte, Scherz und Spiel verliessen, sich mit Helm und Harnisch bedeckten, und bewafnet an der Männer Seite fochten. Bedenken sie doch, wie schön diß muß gelassen haben, wann ein Heer von Mädgen unter blankem Harnisch den kleinen Fuß Glieder-weis durch die Stadt fortsetzte; wär ich Feind gewesen, ich hätte allemahl mein Leben gewagt, ein Paar von diesen Heldinnen zu meinen Kriegs-Gefangenen zu machen, oder ich hätte mich willig als ihr Gefangener hingegeben. Doch hier ist das Lied:
1. Wie seh ich, seh ich nicht mein Kind! Was blendt mein zweifelnd Aug? Ein zitterndes ein helles Licht, Blitzt von dem blanken Helm. 2. Ein weiß und rother Feder-Busch Fliegt rauschend in der Luft, Dein braunes Haar fließt aus dem Helm; Und flieget mit dem Busch. 3. Ein Harnsch deckt deinen weissen Leib, Und deine zarte Brust, O böser Harnsch, jetzt seh ich nicht, Wie sie sanft schmachtend steigt. 4. Doch froh! ich seh dein rundes Knie, Den wohlgemachten Fuß, Den sonst dem Aug ein langes Kleid Bis auf die Erd entzog. 5. Dem Engel der das Paradies Vor dem bewachet hat, Dem gleichest du mein schönstes Kind In dieser blanken Tracht. 6. Er drohte nur dem bösen Feind, Und lacht dem Frommen zu. Dein blaues Aug droht unserm Feind, Und mir mir lacht es froh. 7. Des frechen Feindes scharffer Pfeil Zisch neben dir vorbey, Dich treffe nur der sanfte Pfeil Vom kleinen Liebes-Gott.
Ich hab es in unsre Sprach übersetzt, weil sie der Alten nicht mächtig sind; gefällt es ihnen nicht recht wohl, so geben sie der Ubersetzung Schuld.
Wie leben sie mit ihrem Mädgen? In wenig Tagen werd ich sie besuchen: Ihr braunes Aug soll mich dann wieder schalkhaft anlachen, wann ich ihr noch einmahl sage, daß ein Kuß von ihr mich ganze Tage froh macht. Leben sie wohl!
Quelle:
Salomon Gessner: Idyllen. Stuttgart 1973, S. 148-152.
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Anne Carson
(* 21. Juni 1950 in Toronto)
Appendix 33 (a) über Metapher und Metonymie
Da die Frage aufgekommen ist, hier der Unterschied: Aufgefordert, auf das Wort Hütte zu reagieren, antworten einige Kinder aus einer Gruppe mit ein Häuschen, andere mit ist abgebrannt.
Appendix 33 (b) über Metapher und Metonymie
Jetzt, wo ich noch einmal darüber nachdenke, erhellt die Unterscheidung zwischen ein Häuschen und ist abgebrannt nichts über Metapher und Metonymie. Dafür enthüllt sie einiges über das Abenteuer des Denkens und seine Fragilität. An dem Tag, als ich beschloss, das mit der Metapher und der Metonymie ein für allemal kapieren zu wollen, ging ich in die Bibliothek, besorgte mir einen Stapel Bücher, las aus jedem einige Passagen und machte mir wild Notizen auf Papierschnipsel, um am folgenden Tag zu Hause meine Aufzeichnungen zu sortieren. Am folgenden Tag fand ich unter meinen mittlerweile zerfledderten und unverständlichen Notizen dieses mich seither verfolgende Urbild eines Häuschens, das vielleicht abgebrannt war, vielleicht auch nicht. Und obwohl ich mich an den Zusammenhang nicht mehr erinnern konnte, die Quelle zu notieren vergessen hatte und nicht begriff, was es für den Unterschied von Metapher und Metonymie bedeutete, rief mir das Häuschen zu, es nicht aufzugeben. Es bleibt ein sehr gutes Beispiel, nur wissen wir nicht wofür.
Deutsch von Marie Luise Knott, aus: Anne Carson, Albertine. 59 Liebesübungen + Appendices. Berlin: Matthes & Seitz, 2017, S. 39f.
Mark Strand
(Geboren am 11. April 1934 in Summerside, Prince Edward Island, Kanada, gestorben am 29. November 2014 in Brooklyn, New York)
Die Vorhersagung
In dieser Nacht trieb der Mond über den Teich,
verwandelte das Wasser in Milch, und unter
den Zweigen der Bäume, der blauen Bäume,
ging eine junge Frau, und für einen Augenblick
kam die Zukunft zu ihr:
Regen fällt auf ihres Mannes Grab, Regen fällt
auf die Rasenstücke ihrer Kinder, ihr eigener Mund
füllt sich mit kalter Luft, Fremde ziehen in ihr Haus,
ein Mann in ihrem Zimmer schreibt ein Gedicht, der Mond treibt
dort hinein,
eine Frau schlendert unter seinen Bäumen, denkt an den Tod,
denkt an den Mann, der an sie denkt, und der Wind kommt auf
und nimmt den Mond und läßt das Papier schwarz zurück.
Deutsch von Rainer G. Schmidt, aus: Mark Strand, Dunkler Hafen. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1997, S. 42
Jan Skácel
(* 7. Februar 1922 in Vnorovy; † 7. November 1989 in Brünn)
WER ZU EINER GEIGE PASST Hab keine Angst vor nichts hab Angst und wär’s auch noch so kraß denn immer findet sich ein Mensch der gut zu einer Geige paßt In dieser Welt gibt’s schöne Zeiten auch üble Zeiten gibt es zur Genüge zu guter Letzt finden wir alle Platz im Grab genauso wie in einer Geige Geige kleine Geige mit zwei Saiten wie wir sie als Kinder kannten mit Wiesensteg mit Schlüsselblume und ganz leicht angestoßen an den Kanten
Deutsch von Felix Philipp Ingold, aus: Jan Skácel, Ein Wind mit Namen Jaromír und andere Gedichte. Deutsch von Felix Philipp Ingold. Salzburg und Wien: Residenz, 1991 (2. Aufl.), S. 16
Serhij Zhadan
(ukrainisch Сергій Вікторович Жадан, englisch Serhiy Zhadan, wissenschaftl. Transliteration Serhij Viktorovyč Žadan, * 23. August 1974 in Starobilsk, Oblast Luhansk)
Wenn der Mond größer wird, wenn der Mond größer wird, geht die Frau durch den Garten, sieht nach den Blumen. Hinter ihr das Haus. Still und leer. Still am Tag. Still gegen Abend. Keine Kinderstimmen. Kein Gesang. Wenn der Mond größer wird, wenn der Mond größer wird, müssen die Fehler auf den Blumenbeeten korrigiert, muss das Gras erzogen werden. Keiner sagt dem Mond was, keiner sagt dem Mond was. Wenn er groß ist, wird er alles verstehen.
Deutsch von Claudia Dathe, aus: Serhij Zhadan: Antenne. Gedichte. Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 94
Hanshan
(vermutlich 7. Jh)
Poetische Kritzeleien Scharen armseliger Gelehrter: trotz nagenden Hungers und eisiger Kälte bemüßigt, sich völlig zu verausgaben beim Kritzeln von Gedichten. Wer aber will von solchen Kerlen schon etwas lesen? Hört also endlich auf mit dem Gegreine! Ihr könntet euch sogar auf Keksen verewigen und nicht einmal ein Hund würde daran knabbern.
Aus:
Erwartung & Melancholie. Sechzig Gedichte aus dem alten China übersetzt von Thomas O. Höllmann. Schupfart: Engeler, 2022, S. 9

Rachid Boudjedra
(arabisch رشيد بوجدرة, DMG Rašīd Būǧidra; * 5. September 1941 in Aïn Beïda, Algerien)
Dieses Mascarablau, woher hast du es in dem sich findet das Grün von Wassermelonen, Algen und Seegras Zwischen Keramiken – elegant und grazil wie ein Gedicht – und Versen von Baschar* und Farben von Wasiti** Da die porösen Tage zerfallen im Schleier deines Gewandes... Was herrscht für ein Wetter in der Tiefe deines dunklen Gefängnisses?
* Baschar ibn Burd, einer der größten arabischen Dichter, 784 in Bagdad hingerichtet (Anm.d.Hrsg)
** Yahya ibn Mahmud al-Wasiti, bedeutender Miniaturenmaler des 13. Jahrhunderts (Anm.d.Hrsg)
Deutsch von Issam Beydoun, bearbeitet von Donata Kinzelbach, aus: Rachid Boudjedra: Befruchtung. Gedichte aus dem Arabischen von Issam Beydoun, herausgegeben und bearbeitet von Donata Kinzelbach. Mainz: Kinzelbach, 1991, S. 24
Juliusz Słowacki
(* 4. September 1809 in Krzemieniec , Wolhynien ; † 3. April 1849 in Paris )
WIE ORPHEUS WERDE ICH VON FURIEN GEZERRT . . . Wie Orpheus werde ich von Furien gezerrt, Man sagt, ich sollte dem Verstand entsagen, Dann würd wie Perseus ich die Luft durchfliegen, Die Schönheit des schneeweißen Wellenrauschens Wird scheu dem blassen Morgenrot entsteigen, Mich ganz mit ihr erfüllen, — Ich brenn wie Feuer — Dort der Parnaß . . . es blitzt etwas im Finstern, Hüllt silberner Oliven weiße Rinde In goldne Panzer. — O ihr grimmen Hexen, Ihr solltet hier in diesem Wald als rote Feuer züngeln . . . zeigt mir doch das Gewebe Des Lebens, den Streifen, der gewoben ist Aus meinen Tränen — Schmerzen — Einsamkeiten, Epileptischen Sprüngen meines Herzen — Nah dem Ende. . .
Deutsch von Hermann Buddensieg, aus: POESIE DER WELT. POLEN. Auswahl u. Prosa-Übersetzungen von Peter u. Renate Lachmann. Berlin: Propyläen Verlag. 1987, S. 118f
Przez furye jestem targan ja, Orfeusz, Mówią mi, abym wyrzekł się rozumu, A będę latał niebem — jak Perseusz, A piękność z wody najbielszego szumu Przy bladym różu jutrzenki wytryśnie I da mi otchnąć się, — Płomieniem gorę — Tam Parnas... coraz coś w ciemnościach błyśnie I tę srebrzystych oliw białą korę Ubiera w złote pancerze. — O jędze, Jeśli jesteście w tym lesie czerwone Płomieniskami... pokażcie mi przędze Żywota, jeśli pasmo uprzędzione Z łez mych — boleści — targań się samotnych, Epileptycznych skoków mego serca — Blizkie już końca...
Prosübersetzung der Herausgeber (von mir zum leichteren Vergleichen in Verse aufgeteilt):
Von Furien bin ich hin und hergerissen wie Orpheus, Man sagt mir, ich solle dem Verstand entsagen, Und da werde ich über den Himmel fliegen – wie Perseus, Und die Schönheit aus dem Wasser des weißesten Rauschens Wird in blasser Morgenröte herausspritzen Und mir Ruhe gönnen. — Ich brenne wie eine Flamme — Dort der Parnaß . . . es blitzt etwas in Dunkelheiten auf Das dieses silbernen Ölbaums weiße Rinde In goldene Rüstungen kleidet. — O Hexen, Wenn ihr dieses Waldes rote Feuerstellen seid — weist mir das Garn Des Lebens, wenn das Band gesponnen ist Aus meinen Tränen — meinem Schmerz — der einsamen Zerrissenheit, Den epileptischen Sprüngen meines Herzens — Das bald am Ende ist . . .
Karl Simrock
(* 28. August 1802 in Bonn; † 18. Juli 1876 ebenda)
Tod der Poesie
Nach langem Leiden war gestorben
Die Himmelstochter Poesie.
Nie hat ihr Priester viel erworben,
Gewiß, am Hunger starb auch sie.
Und prächtig will man sie begraben
Im goldbeschlagnen Silberschrein,
Doch Gold noch Silber ist zu haben,
Erblindet all der lichte Schein.
Man schickt, den edeln Leib zu salben,
Nach Wein umher von Haus zu Haus,
Doch ach, es liefen allenthalben
Die Flaschen und die Fässer aus.
Nun müht man sich um Totenkränze,
Vergebens, Winter ist's umher:
Nach diesem letzten aller Lenze
Erblühen keine Blumen mehr.
Es eilt, den Leichenzug zu schauen,
Manch liebend Paar im Jugendschein;
Sie fühlen nicht, wie sie ergrauen,
Doch Greis und Greisin stellt sich ein.
Wie sie den Sarg zur Erde schicken,
Wird tiefe Nacht herabgesandt:
Die Sonne würdigt nicht, zu blicken
Hinfort auf ein verödet Land.
Die Leichenrede spricht ein Sänger,
Die Stimme schallt so dumpf und hohl:
»Auf Freuden hoffet nun nicht länger,
Sagt allem Glück ein Lebewohl.«
Nun wird das Trauermahl gehalten,
Die Fackeln scheinen trüb und bleich
Auf die verkümmerten Gestalten:
Sie sitzen wie im Totenreich.
Sie sitzen, stumm in Schmerz verloren,
Und harren auf des Tages Licht:
Laßt euch begraben, arme Toren,
Denn ihr seid tot und wißt es nicht.
Aus: Zoozmann, Richard (Hg.): Dichtergarten der Weltpoesie. Eine Sammlung, von mehr als 3000 lyrischen und epischen Dichtungen deutscher und fremdländischer Dichter und Dichterinnen aus der ältesten Zeit bis zur Gegenwart… Gesammelt und herausgegeben. Berlin: Globus, o.J. (1920), S. 379
Zum gestrigen Todestag des Dichters Rainer Malkowski (* 26. Dezember 1939 in Berlin; † 1. Dezember 2003 in Brannenburg) ein Gedicht von Andreas Köllner.
Lichtung Ein Gedicht von Malkowski in den Morgen gedacht: Das Nichtgesagte zwischen den Zeilen sich selbst aussprechen lassen Zuhören wie der Nebel sich lichtet
Andreas Köllner (*1992 in Leipzig)
Studium der Philosophie sowie Deutscher Sprache u. Literatur; Lyrik mit Grafik im Netz unter dem Pseudonym wortegewand; Veröffentlichungen in Anthologien, Kalendern u. Zeitschriften – „Saitenwechsel: Gedichte“ (tredition, Hamburg 2022)
Michał Sobol
GERICHTE In jedem von uns fließen ein paar Tropfen schwarzes Blut, und das Gericht spürt sie auf. In der Verhandlung gähnen wir heimlich, damit das Rasseln der Kette die Geschworenen nicht vom Prozeß ablenkt, oder betrachten stumm unsere hologrammartigen Spiegelbilder auf der Scheibe aus Plexiglas. Die Gerichte durchleuchten alles für uns. Manch einer merkt nicht einmal, wo die Grenze verläuft zwischen Gericht und Friseursalon — gut möglich, daß es gar keine gibt. In der Zelle wartet auf jeden von uns ein Handtuch und ein Stück Seife.
Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann, aus: Sinn und Form 5/2022, S. 590
Kasimir Edschmid
(* 5. Oktober 1890 in Darmstadt; † 31. August 1966 in Vulpera, Engadin)
DEM GEDÄCHTNIS DER TÄNZERIN ANGELIQUE HOLOPAINEN Über der stahlgrellen Straffung von tausend entflammten Gelenken, o wie liegt im Tanz ihr zweckloser Bizeps da kühl wie ein sänftiger Hund. Und alle die andern, die Muskeln, entzündete Sehnen schwenken Lächeln hinauf nach der Demut, die verzuckt an dem slavischen Mund. Und da befällt mich die wütende Angst, in diesen verzückten Posen sei nicht mehr Angelique, die bebt, wenn der Metro schrillt, die wie ein Dolchstoß süß sich erhob und den Ansturm verfaulter Leprosen, den zischenden Geifer zurückschlug und als glänzenden Schild einzig den Ordinat trug der Pflegerin über den kindlichen Brüsten . . . Apachenpfiffe zerrissen, Türme durchschwammen das Wetter, wie ein Blinkfeuer schlug Sacré Coeur zerspiegelte Blitze hinein in die Stadt, und unter der Donner verdunkelten Lüstern hing ihre madonnige Demut geneigt im Dächermeer. Und nun ist mir die einzige Lösung, während in blinden Exstasen ihrer Schenkel Bogen, ihre Brust ins Unermeßliche rollt: Der silberne Brand dieser Lippen, in dessen verrauschenden Phasen ein Monat der Liebe sich schaukelt bei Passy in Abend und Gold.
Aus: Kasimir Edschmid, Stehe von Lichtern gestreichelt. Gedichte. Hannover: Steegemann, 1919 https://www.gutenberg.org/files/40805/40805-h/40805-h.htm
Hart Crane
(* 21. Juli 1899 in Garrettsville, Ohio; † 26. April 1932 im Golf von Mexiko)
Fear The host, he says that all is well And the fire-wood glow is bright; The food has a warm and tempting smell,— But on the window licks the night. Pile on the logs . . . Give me your hands, Friends! No, — it is not fright . . . But hold me . . . somewhere I heard demands . . . And on the window licks the night. 1918
Angst Es steht zum besten, sagt der Wirt Und des Holzfeuers Glut, die lacht Das Essen riecht warm, sein Duft verführt — Doch an den Scheiben leckt die Nacht Legt Holz auf, Freunde, reicht die Hand Nicht Schreck ist’s‚ doch habt acht . Ich hört mich’s fordern von unbekannt . . . Und an den Scheiben leckt die Nacht
Deutsch von Dieter Leisegang. Aus: Hart Crane, Moment Fugue. Englisch-Deutsch. Darmstadt: Bläschke, o.J. [1966] (Das Neueste Gedicht Bd. 21), unpaginiert
Hedwig Lachmann
(* 29. August 1865 in Stolp, Provinz Pommern; † 21. Februar 1918 in Krumbach)
Unter der Schwelle Ich bin ein Weib, zag, furchtsam, feig wohl gar – Geschreckt von dem Gewühl auf lautem Markt; Kleinlaut vor jähem Männerzwist und bar Der Kampflust, die am Widerstand erstarkt. Blut macht mich schaudern. Schwach und hilflos bin Ich vor der Wunde, die im Fleische klafft, Und fremd und feindlich wendet sich mein Sinn Von Waffentaten, noch so heldenhaft. Weich schuf mich die Natur. In Tränen bricht Mein Unmut sich wohl leicht, nach Frauenart, Und traumhaft legt sich eine Zuversicht Mir oft verhüllend um die Gegenwart. Doch lebt in mir ein Etwas, eine Kraft, Mir selber kaum bewusst und unbewährt, Die gegen herrische Gewalt sich strafft Und eine Glut in ihrem Kerne nährt. Ich weiss: wenn einst ein kühneres Geschlecht, Von Machtbegehr und Ruhmsucht nicht verführt, Allein der Stimme seines Bluts gerecht, Die Freiheit forderte, die ihm gebührt – Dies Herz, das jetzt noch zittert vor dem Strahl, Es hielte stand, so fest und ungebeugt, Wie, trotz der Übermacht von Erz und Stahl, Ein Mannesherz für reine Wahrheit zeugt.
Quelle:
Hedwig Lachmann: Gesammelte Gedichte. Potsdam 1919, S. 98-100.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005229375
mit herzlichem Glückwunsch!
Gerd Adloff Immer das Mädchen am Nachbartisch Das Kleid schwarz mit Gold durchwirkt nur ein wenig Witwe des goldenen Zeitalters einer schon immer verheißenen Zukunft Die grüne Strähne im Haar, erschreckend wie ein vergessener Streifen Gras in toter Landschaft Augen, tief die nichts mehr glauben in die du fallen möchtest besser ein Sturz als gar kein Leben Du stehst auf während sie den Kaffee umrührt wieder und wieder rufst an und von der Bandschleife die Stimme gibt dir Auskunft: Wir erwarten die Zukunft in Kürze.
Aus: Gerd Adloff: Wir erwarten die Zukunft in Kürze (Schock Edition). Berlin: EdK / Distillery, 2012 (unpaginiert)
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