Novalis

Karoline von Günderrode 

(* 11. Februar 1780 in Karlsruhe; † 26. Juli 1806 in Winkel)

Novalis deinem heilgen Seherblikken

Novalis deinem heilgen Seherblikken
Sind aufgeschlossen aller Welten Räume
Dir offenbahrt sich weihend das Geheime
Du schaust es in Prophetischem Entzükken.

Du siehst der Dinge Zukunftsvolle Keime
Und zu des Weltalls ewigen Geschikken
Die gern dem Aug der Menschen sich entrükken
Wirst du geführt durch ahndungsvolle Träume

Du siehst das Recht, das Wahre, Schöne siegen
Die Zeit sich selbst im Ewigen zernichten
Und Eros ruhend sich dem Weltall fügen

So hat der Weltgeist liebend sich vertrauet
Und offenbahret in Novalis Dichten,
Und wie Narziß in sich verliebt geschauet. 

Abenddämmerung. Crepúsculo

Manuel Altolaguirre 

(* 29. Juni 1905 in Málaga; † 26. Juli 1959 in Burgos) 

Abenddämmerung

Komm, ich will mich ausziehen!
Schon ist das Licht weg, und ich habe
diese Kleider satt.
Nimm mir das Gewand! Damit sie glauben,
ich sei gestorben, denn nackt
ruhe ich die ganze Nacht,
während sie meinen Schlaf bewachen; 
denn morgen früh,
meiner Nacktheit entkleidet,
gehe ich baden in einen Fluß,
während sie mein Gewand mit anderm Gewand
für immer verwahren.
Komm, Tod, ich bin ein Kind
und will, daß sie mich ausziehen,
das Licht ist weg, und ich habe
diese Kleider satt.

Aus: Poetas españoles. La generación del 27. Spanische Dichter. Die Generation von 1927. Hrsg. u. übersetzt von Erna Brandenberger. München: dtv, 1980 (dtv zweisprachig), S. 119ff

Crepúsculo

¡Ven, que quiero desnudarme!
Ya se fue la luz, y tengo
cansancio de estos vestidos.
¡Quítame el traje! Que crean
que he muerto, porque, desnuda,
mientras me velan el sueño,
descanso toda la noche;
porque mañana temprano,
desnuda de mi desnudo,
iré a bañarme en un río,
mientras mi traje con traje
lo guardarán para siempre.
Ven, muerte, que soy un niño,
y quiero que me desnuden,
que se fue la luz y tengo
cansancio de estos vestidos.

Auch ich war in Endivien

Àxel Sanjosé

Endivien

Wenn all die schönen Frauen
in Straßencafés sitzen
und mit den Augen schauen,
als würfen sie mit Blitzen,

wenn sie Salat bestellen,
ein Glas Prosecco trinken,
derweil die Hündlein bellen
und Freunde herzlich winken

(und Rom nur mäßig finden
und schwärmen von Bolivien),
dann denk ich beim Verschwinden:
Auch ich war in Endivien.

Aus: Àxel Sanjosé, Lebensmittellyrik. Nebst einem Anhang mit Büroartikellyrik. Illustriert von Gisela Messing. Wien: Edition Melos, 2022, S. 72

Meine eigne Klag

Christian Wagner 

(* 5. August 1835 in Warmbronn; † 15. Februar 1918 ebenda)

AM ABEND DES LEBENS

Ja, laßt mich klagen meine eigne Klag
Die eigne Klag des ausgebrannten Lichts,
Die eigne Klag, daß ich nicht mehr vermag
Lichtwellen neu zu werfen in den Tag,
Lichtsonnen neu zu streuen in das Nichts.

Aus: Christian Wagner, Eine Welt von einem Namenlosen. Das dichterische Werk. Hrsg. Ulrich Keicher. Göttingen: Wallstein, 2003, S. 193

Liebe Frau im Stein

Jesse Thoor 

(* 23. Januar 1905 in Berlin; † 15. August 1952 in Lienz/Osttirol) 

Rufe am Nachmittag

Liebe Frau im Stein.
Liebe Frau im Sonnenschein.
Liebe Jungfrau mein —
ich schmücke dein Kleid.
Ich schmücke den Mantel dir,
wenn ich übergossen bin
von Reif und Tau —
wenn ich ganz in mir
den ewigen Leib anschau.

Aus: Jesse Thoor, Gedichte. Hrsg. / Nachwort Peter Hamm. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2004 (2. Aufl.) (Bibliothek Suhrkamp), S. 62

Wo sind sie jetzt

Hugo Ball 

(* 22. Februar 1886 in Pirmasens; † 14. September 1927 in Sant’Abbondio-Gentilino, Schweiz) 

Memento
[Pfingsten 1924]

Wo sind sie jetzt mit ihren Epauletten
Die Feldmarschälle und von den Korvetten
Die Kapitäne mit den goldenen Tressen?
Wo sind sie jetzt, die prunkenden Maitressen?

Wo blieben sie, die wogenden Musiken?
Doktores und Gazetten und Fabriken?
Wo sind sie nun, die grimmen Rezensenten?
Die zarten Dandys mit den Priesterhänden?

Wer liest noch in den köstlichen Brevieren
Von dieser Zeit und ihren Aventüren?
Wer weiß noch von den magischen Phiolen,
Drin unser Herzblut glühte über Kohlen?

Wie heißen sie, die sich die Zeit verkürzten,
indem sie unsere Aschenurnen stürzten?
Verschollen und vergessen sind die Namen
Der hohen Herren und der edlen Damen.

Ein dünner Flugsand decket ihr Gebein.
Mit Wanderhügeln treibt ihr Leichenstein.
In blaue Meere rollten von den Dünen
Die Häupter der Zäsaren und Braminen.

Aus: Hugo Ball, Gesammelte Gedichte. Mit Photos und Faksimiles. Hrsg. Annemarie Schütt-Hennings. Zürich: Arche, 1963, S. 56

Beim Mondbetrachten

Saigyô

(1118-1190)

Ja, gerade weil
die Wolken von Zeit zu Zeit
darüber ziehen,
tun sie etwas für den Mond:
Sie sind ein Schmuck für ihn

Aus: Saigyô: Gedichte aus der Bergklause Sankashû. Ausgewählt und übersetzt mit Kommentar und Annotationen von Ekkehard May. Mainz: Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, 2021, S. 107

Und natürlich gilt Klopstocks Diktum, dass auch das Silbenmaß hin und wieder etwas mit ausdrücken müsse. Man beachte die doppelten Reduplikationen am Anfang des japanischen Texts:

naka-naka ni
toki-doki kumo no
kakaru koso
tsuki wo motenasu
kazari narikeri

Bashô (1644-1694), der Saigyô verehrte und häufig zitierte, machte ein Haiku zum Thema:

Wolken von Zeit zu Zeit
gönnen den Menschen Rast
beim Mondbetrachten

Aus: Ebd. S. 106

Fotos © Gratz

Hinter mir

Abi Anwari

HINTER MIR

Ich bin
hinter mir gelaufen.
Hörte nicht
schaute nicht.
Ich bin 
hinter mir gelaufen.

Aus: Abi Anwari: Sonnenvogel. Gedichte. Edition fundamental, 2008, S. 10.

Abi Anwari, geboren 1946 in Teheran, lebt seit 1972 in Köln.

Alkohol

Ágnes Nemes Nagy 

(* 3. Januar 1922 in Budapest; † 23. August 1991 ebenda)

Alkohol

In klirrend sich häufenden Knoten 
stirbt der Wald, sagt Lebewohl.
Die Grünsommerflamme verflogen. 
Was bleibt, ist der Rest-Alkohol.

Trink, trink. Was Trester geblieben, 
press aus und schluck ihn runter. 
Schnaps-Seele, dunkel, durchtrieben, 
mach uns die Kehlen munter.

Deutsch von Christian Filips und Orsolya Kalász, aus: Ágnes Nemes Nagy, Mein Hirn: ein See. Berlin, Budapest und Schupfart, 2022, S. 106f

Alkohol

Zörgő csomókban haldokol, 
kupac az erdő.
A nyár zöld lángja, mint az alkohol 
elszállt. Maradt a seprő.

Igyál, igyál. Ami maradt, 
sajtold ki, nyeld le.
Hadd melegítse torkodat 
sötét, komisz pálinka-lelke.

Hansgeorg Stengel 100

Hansgeorg Stengel 

(* 30. Juli 1922 in Greiz; † 30. Juli 2003 in Berlin) 

Antwort eines befragten Affen

„Als Affe bin ich gegen Fragebogen,
doch sage ich, wenn ich mich äußern soll,
daß mich die These eines Biologen 
sehr schlüssig dünkt und sehr gedankenvoll.

Der Mister Darwin, habe ich erfahren,
behauptete als erster kurz und knapp
in einer Schrift vor etwa hundert Jahren: 
Der Menschenaffe stammt vom Menschen ab,

Ich weiß schon: Viele kluge Artgenossen
aus meinem Affenstall und aller Welt
sind wegen dieser Ansicht sehr verdrossen, 
doch ich bin philanthropisch eingestellt.

Ich zürne nicht dem englischen Gelehrten, 
seitdem ich eruierte mittels Test, 
daß sich der Mensch durchaus zum Spielgefährten
von hoher Qualität entwickeln läßt.

Zwar wird der Mensch uns Affen niemals gleichen,
doch glaube ich, daß sich der Mensch bestimmt
in mittleren zoologischen Bereichen
noch relativ am affigsten benimmt.

Aus: Hansgeorg Stengel: Mit Stengelszungen [etc.]. Gedichte und Epigramme. Berlin: Eulenspiegel, 1980, S. 156

Der Rauch

Ingolf Brökel

Gedichtinterpretation zu „Der Rauch“ von Bertolt Brecht
Für Käthe Reichel

Das kleine Haus unter Bäumen am See.
(Hier wohnt das Käthchen.)
Vom Dach steigt Rauch.
(Zeichen, daß sie da ist, da ist für ihn: er (kurz) kommen kann.)
Fehlte er
(Schlüsselzeile: schwerwiegende Bedeutung des Rauches)
Wie trostlos dann wäre
(Es gäbe keine Trostspenderin. …)
Haus Bäume und See.
(…nicht einmal die ganze Natur drum herum.)
Summa Summarum: eines der schönsten deutschen Liebesgedichte.

Gefunden & geklaut (aber in bester Absicht) auf dem wunderbaren Planet(en) Lyrik.

Poem to end all poems

Nicanor Parra 

(* 5. September 1914 in San Fabián de Alico bei Chillán, Chile; † 23. Januar 2018 in Las Cruces, Provinz San Antonio, Chile) 

ENDPOEM

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Hab ich mich klar ausgedrückt?
Was ich sagen wollte, ist folgendes:

 
 
 
 
 
 

Deutsch von Ingolf Brökel, aus: Poesiealbum 362: Nicanor Parra. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2021

ÚLTIMO POEMA
 
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No sé si me explico:
Lo que quiero decir es lo siguiente:

 
 
 
 
 
 

Was kümmert mich

Rajzel Żychliński

(Rajzel Zychlinski, * 27. Juli 1910 in Gąbin, Polen, als Rajzla Żychlińska; † 13. Juni 2001 in Concord, Kalifornien)

WAS KÜMMERT MICH

Was kümmert mich der Wechsel der Jahreszeiten –
Frühling, Sommer, Herbst, Winter, 
in mir ist ständig eine Zeit –
namenlos.
Die Bäume wachsen hoch hinaus 
mit den Wurzeln zum Himmel –
die Blumen blühn und welken nicht 
und haben ständig dieselbe Farbe –
waches Dämmern.

Deutsch von Hubert Witt, aus: Rajzel Żychliński: di lider. Die Gedichte. 1928-1991. Jiddisch und deutsch. Frankfurt/Main: Zweitausendundeins, 2001, S. 642f

woss art mich

woss art mich der bajt fun di ssesonen –
friling, sumer, harbsst, winter, 
in mir is schtendik ejn sman –
on nomen.
di bejmer wakssn hojch arojf
mit di worden zum himl –
di blumen blien nit un wjanen nit, 
un hobn schtendik ejn kolir –
wacher driml.

Überall Liebe

Karoline von Günderrode 

(* 11. Februar 1780 in Karlsruhe; † 26. Juli 1806 in Winkel)

Überall Liebe

Kann ich im Herzen heiße Wünsche tragen?
Dabei des Lebens Blüthenkränze sehn,
Und unbegränzt daran vorüber gehn.
Und muss ich traurend nicht in mir verzagen?

Soll frevelnd ich dem liebsten Wunsch entsagen?
Soll muthig ich zum Schattenreiche gehn?
Um andre Freuden, andre Götter flehn,
Nach neuen Wonnen bei den Todten fragen?

Ich stieg hinab, doch auch in Plutons Reichen,
Im Schoos der Nächte, brennt der Liebe Glut,
Daß sehnend Schatten sich zu Schatten neigen.

Verlohren ist wen Liebe nicht beglücket,
Und stieg er auch hinab zur styg’schen Flut,
Im Glanz der Himmel blieb er unentzücket.

Aus: Karoline von Günderrode, Sämtliche Werke und ausgewählte Studien. Historisch-kritische Ausgabe. Hrsg. Walter Morgenthaler. Band 1: Texte. Basel, Frankfurt/Main: Stroemfeld / Roter Stern, 1990, S. 335.

Tantenmörder

Heute spiele ich Orakel. Ich nehme eine dicke Anthologie – die 19. Auflage des Echtermeyer (Cornelsen 2005) war am schnellsten zur Hand – und suche ohne hinzusehen eine Seite irgendwo im Innern. Und siehe, es ist schon wieder Wedekind. Auf der Seite stehn noch zwei Gedichte von Stefan George, aber der Finger war näher am Tantenmörder, also bitte.

Frank Wedekind

Der Tantenmörder

Ich hab meine Tante geschlachtet,
Meine Tante war alt und schwach;
Ich hatte bei ihr übernachtet
Und grub in den Kisten-Kasten nach.

Da fand ich goldene Haufen,
Fand auch an Papieren gar viel
Und hörte die alte Tante schnaufen
Ohn Mitleid und Zartgefühl.

Was nutzt es, dass sie sich noch härme –
Nacht war es rings um mich her –
Ich stieß ihr den Dolch in die Därme,
Die Tante schnaufte nicht mehr.

Das Geld war schwer zu tragen,
Viel schwerer die Tante noch.
Ich faßte sie bebend am Kragen
Und stieß sie ins tiefe Kellerloch. –

Ich hab' meine Tante geschlachtet,
Meine Tante war alt und schwach;
Ihr aber, o Richter, ihr trachtet
Meiner blühenden Jugend-Jugend nach.