Hugo Ball
(* 22. Februar 1886 in Pirmasens; † 14. September 1927 in Sant’Abbondio-Gentilino, Schweiz)
Memento [Pfingsten 1924] Wo sind sie jetzt mit ihren Epauletten Die Feldmarschälle und von den Korvetten Die Kapitäne mit den goldenen Tressen? Wo sind sie jetzt, die prunkenden Maitressen? Wo blieben sie, die wogenden Musiken? Doktores und Gazetten und Fabriken? Wo sind sie nun, die grimmen Rezensenten? Die zarten Dandys mit den Priesterhänden? Wer liest noch in den köstlichen Brevieren Von dieser Zeit und ihren Aventüren? Wer weiß noch von den magischen Phiolen, Drin unser Herzblut glühte über Kohlen? Wie heißen sie, die sich die Zeit verkürzten, indem sie unsere Aschenurnen stürzten? Verschollen und vergessen sind die Namen Der hohen Herren und der edlen Damen. Ein dünner Flugsand decket ihr Gebein. Mit Wanderhügeln treibt ihr Leichenstein. In blaue Meere rollten von den Dünen Die Häupter der Zäsaren und Braminen.
Aus: Hugo Ball, Gesammelte Gedichte. Mit Photos und Faksimiles. Hrsg. Annemarie Schütt-Hennings. Zürich: Arche, 1963, S. 56
Saigyô
(1118-1190)
Ja, gerade weil die Wolken von Zeit zu Zeit darüber ziehen, tun sie etwas für den Mond: Sie sind ein Schmuck für ihn
Aus: Saigyô: Gedichte aus der Bergklause Sankashû. Ausgewählt und übersetzt mit Kommentar und Annotationen von Ekkehard May. Mainz: Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, 2021, S. 107
Und natürlich gilt Klopstocks Diktum, dass auch das Silbenmaß hin und wieder etwas mit ausdrücken müsse. Man beachte die doppelten Reduplikationen am Anfang des japanischen Texts:
naka-naka ni toki-doki kumo no kakaru koso tsuki wo motenasu kazari narikeri
Bashô (1644-1694), der Saigyô verehrte und häufig zitierte, machte ein Haiku zum Thema:
Wolken von Zeit zu Zeit gönnen den Menschen Rast beim Mondbetrachten
Aus: Ebd. S. 106








Fotos © Gratz
Abi Anwari
HINTER MIR Ich bin hinter mir gelaufen. Hörte nicht schaute nicht. Ich bin hinter mir gelaufen.
Aus: Abi Anwari: Sonnenvogel. Gedichte. Edition fundamental, 2008, S. 10.
Abi Anwari, geboren 1946 in Teheran, lebt seit 1972 in Köln.
Ágnes Nemes Nagy
(* 3. Januar 1922 in Budapest; † 23. August 1991 ebenda)
Alkohol In klirrend sich häufenden Knoten stirbt der Wald, sagt Lebewohl. Die Grünsommerflamme verflogen. Was bleibt, ist der Rest-Alkohol. Trink, trink. Was Trester geblieben, press aus und schluck ihn runter. Schnaps-Seele, dunkel, durchtrieben, mach uns die Kehlen munter.
Deutsch von Christian Filips und Orsolya Kalász, aus: Ágnes Nemes Nagy, Mein Hirn: ein See. Berlin, Budapest und Schupfart, 2022, S. 106f
Alkohol Zörgő csomókban haldokol, kupac az erdő. A nyár zöld lángja, mint az alkohol elszállt. Maradt a seprő. Igyál, igyál. Ami maradt, sajtold ki, nyeld le. Hadd melegítse torkodat sötét, komisz pálinka-lelke.
Hansgeorg Stengel
(* 30. Juli 1922 in Greiz; † 30. Juli 2003 in Berlin)
Antwort eines befragten Affen „Als Affe bin ich gegen Fragebogen, doch sage ich, wenn ich mich äußern soll, daß mich die These eines Biologen sehr schlüssig dünkt und sehr gedankenvoll. Der Mister Darwin, habe ich erfahren, behauptete als erster kurz und knapp in einer Schrift vor etwa hundert Jahren: Der Menschenaffe stammt vom Menschen ab, Ich weiß schon: Viele kluge Artgenossen aus meinem Affenstall und aller Welt sind wegen dieser Ansicht sehr verdrossen, doch ich bin philanthropisch eingestellt. Ich zürne nicht dem englischen Gelehrten, seitdem ich eruierte mittels Test, daß sich der Mensch durchaus zum Spielgefährten von hoher Qualität entwickeln läßt. Zwar wird der Mensch uns Affen niemals gleichen, doch glaube ich, daß sich der Mensch bestimmt in mittleren zoologischen Bereichen noch relativ am affigsten benimmt. Aus: Hansgeorg Stengel: Mit Stengelszungen [etc.]. Gedichte und Epigramme. Berlin: Eulenspiegel, 1980, S. 156
Ingolf Brökel
Gedichtinterpretation zu „Der Rauch“ von Bertolt Brecht Für Käthe Reichel Das kleine Haus unter Bäumen am See. (Hier wohnt das Käthchen.) Vom Dach steigt Rauch. (Zeichen, daß sie da ist, da ist für ihn: er (kurz) kommen kann.) Fehlte er (Schlüsselzeile: schwerwiegende Bedeutung des Rauches) Wie trostlos dann wäre (Es gäbe keine Trostspenderin. …) Haus Bäume und See. (…nicht einmal die ganze Natur drum herum.) Summa Summarum: eines der schönsten deutschen Liebesgedichte.
Gefunden & geklaut (aber in bester Absicht) auf dem wunderbaren Planet(en) Lyrik.
Nicanor Parra
(* 5. September 1914 in San Fabián de Alico bei Chillán, Chile; † 23. Januar 2018 in Las Cruces, Provinz San Antonio, Chile)
ENDPOEM …………………………………………. …………………………………………. …………………………………………. …………………………………………. …………………………. …………………………………….. …………………………. Hab ich mich klar ausgedrückt? Was ich sagen wollte, ist folgendes:
Deutsch von Ingolf Brökel, aus: Poesiealbum 362: Nicanor Parra. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2021
ÚLTIMO POEMA …………………………………………. …………………………………………. …………………………………………. …………………………………………. …………………………. …………………………………….. …………………………. No sé si me explico: Lo que quiero decir es lo siguiente:
Rajzel Żychliński
(Rajzel Zychlinski, * 27. Juli 1910 in Gąbin, Polen, als Rajzla Żychlińska; † 13. Juni 2001 in Concord, Kalifornien)
WAS KÜMMERT MICH Was kümmert mich der Wechsel der Jahreszeiten – Frühling, Sommer, Herbst, Winter, in mir ist ständig eine Zeit – namenlos. Die Bäume wachsen hoch hinaus mit den Wurzeln zum Himmel – die Blumen blühn und welken nicht und haben ständig dieselbe Farbe – waches Dämmern.
Deutsch von Hubert Witt, aus: Rajzel Żychliński: di lider. Die Gedichte. 1928-1991. Jiddisch und deutsch. Frankfurt/Main: Zweitausendundeins, 2001, S. 642f
woss art mich woss art mich der bajt fun di ssesonen – friling, sumer, harbsst, winter, in mir is schtendik ejn sman – on nomen. di bejmer wakssn hojch arojf mit di worden zum himl – di blumen blien nit un wjanen nit, un hobn schtendik ejn kolir – wacher driml.
Karoline von Günderrode
(* 11. Februar 1780 in Karlsruhe; † 26. Juli 1806 in Winkel)
Überall Liebe Kann ich im Herzen heiße Wünsche tragen? Dabei des Lebens Blüthenkränze sehn, Und unbegränzt daran vorüber gehn. Und muss ich traurend nicht in mir verzagen? Soll frevelnd ich dem liebsten Wunsch entsagen? Soll muthig ich zum Schattenreiche gehn? Um andre Freuden, andre Götter flehn, Nach neuen Wonnen bei den Todten fragen? Ich stieg hinab, doch auch in Plutons Reichen, Im Schoos der Nächte, brennt der Liebe Glut, Daß sehnend Schatten sich zu Schatten neigen. Verlohren ist wen Liebe nicht beglücket, Und stieg er auch hinab zur styg’schen Flut, Im Glanz der Himmel blieb er unentzücket.
Aus: Karoline von Günderrode, Sämtliche Werke und ausgewählte Studien. Historisch-kritische Ausgabe. Hrsg. Walter Morgenthaler. Band 1: Texte. Basel, Frankfurt/Main: Stroemfeld / Roter Stern, 1990, S. 335.
Heute spiele ich Orakel. Ich nehme eine dicke Anthologie – die 19. Auflage des Echtermeyer (Cornelsen 2005) war am schnellsten zur Hand – und suche ohne hinzusehen eine Seite irgendwo im Innern. Und siehe, es ist schon wieder Wedekind. Auf der Seite stehn noch zwei Gedichte von Stefan George, aber der Finger war näher am Tantenmörder, also bitte.
Frank Wedekind Der Tantenmörder Ich hab meine Tante geschlachtet, Meine Tante war alt und schwach; Ich hatte bei ihr übernachtet Und grub in den Kisten-Kasten nach. Da fand ich goldene Haufen, Fand auch an Papieren gar viel Und hörte die alte Tante schnaufen Ohn Mitleid und Zartgefühl. Was nutzt es, dass sie sich noch härme – Nacht war es rings um mich her – Ich stieß ihr den Dolch in die Därme, Die Tante schnaufte nicht mehr. Das Geld war schwer zu tragen, Viel schwerer die Tante noch. Ich faßte sie bebend am Kragen Und stieß sie ins tiefe Kellerloch. – Ich hab' meine Tante geschlachtet, Meine Tante war alt und schwach; Ihr aber, o Richter, ihr trachtet Meiner blühenden Jugend-Jugend nach.
Frank Wedekind
(* 24. Juli 1864 als in Hannover; † 9. März 1918 in München)
Mahnung Greife wacker nach der Sünde! Nur die Sünde bringt Genuss. Ach, Du gleichest einem Kinde, Dem man alles zeigen muss; Einem unschuldsvollen Kinde, Das den Satan noch nicht kennt, Nein, wahrhaftig, nur die Sünde Ist der Freuden Element. Warum liebst Du nicht die Schönen, Die sich Dir so reizend nahn? Sieh doch, Bester, sie verhöhnen Dich als einen Grobian; Dich als einen argen Flegel, Der sich voller Hochmut ziert; Oder dann die erste Regel Seines Lebens nicht kapiert. – Meide nicht die ird'schen Schätze! Wo sie liegen, nimm sie mit. Hat der Mensch doch nur Gesetze, Dass er sie mit Füßen tritt! Um die Lust zu raffinieren, Zu begrüßen unsern Tod, Schrieb der Herrgott an die Türen Des Genusses ein Verbot. – Nein, wir wollen gerne sterben, Sterben für die Ewigkeit, Wenn den Himmel wir erwerben Schon zu unserer Lebenszeit! –
Marceline Desbordes-Valmore
(* 20. Juni 1786 in Douai; † 23. Juli 1859 in Paris)
Erinnerung.
Als eines Abends plötzlich er erblaßte,
Als seine Stimme unverhofft verstummte
Im halbgesproch’nen Wort, als seine Augen
So brennend heiß, mich schwer verwundeten
Mit Leiden, die ihm eigen, wie ich wähnte –
Als seine Züge von der Gluth durchflammt,
Die nimmermehr erlischt, sich lebend prägten
In meiner Seele tiefsten, tiefsten Grund,
Da liebt’ er nicht, ich liebte, ich allein.
Deutsch von Oskar Ludwig Bernhard Wolff, aus: Poetischer Hausschatz des Auslandes. Leipzig: Otto Wiegand, 1848, S. 108. Hier bei Wikisource
SOUVENIR .
Quand il pâlit un soir, et que sa voix tremblante
S'éteignit tout à coup dans un mot commencé;
Quand ses yeux, soulevant leur paupière brûlante,
Me blessèrent d'un mal dont je le crus blessé;
Quand ses traits plus touchants, éclairés d'une flamme
Qui ne s'éteint jamais,
S'imprimèrent vivants dans le fond de mon âme,
Il n'aimait pas : j'aimais !
Christine Hume
(* 1968 in Alaska, lebt in Ypsilanti, Michigan)
VARIOUS READINGS OF AN ILLEGIBLE POSTCARD Horny or Harm seems the ordinary home. Or Having seen the orchard and hives, I'm satisfied I’ve picked the dark pocket pink or satisfied, pickled larks protect the jinx. You know I'm trouble with dixie cups, croquet and wicker or humble with desire for (cough) the wicked. Ago? A queer little dog grazing or gazing lives in my room or ivys my noun. They have a saying here about your duct-taped boots or They keep savvy bees in case the butcher balks which is not cool is nautical is nonsensical. Attention trick eye! A tension trickles or After swimming we found the housekeeper dead I sing or swing, Let’s keep her, dear! All day an unmade bed. One day I’ll be young or going as he who homesteads in foreign castles deserves or whose domain feigns, casts designs say, like shadows on the outhouse door or the outskirts humoring me or out-skirting rumors last as long as keeping honey or homey or phone me, money?—Yours
Deutsche Version von Uljana Wolf LESARTEN EINER LOTTERLICHEN POSTKARTE geiz oder geil scheint die ganz normale weise oder eingeschneite gärten glanz nomadeneis, es ist genug, ich wollte die dunkle tasche behalten oder betrug, die wollenen flaschenunken behaart. du weißt ja, ich hasse diese abwaschwannen, golf und schweiß oder fasse fieses schwammverlangen für (rolf) alles verschlammte, vorbei? ein schwuler kl. hund hatz oder platz oder pudelt meinen kernsatz wund. man spricht hier oft von deinen zugetapten botten oder speichelt hier auf beine zappeliger boten was nicht nötig ist nautisch ist neurotisch ist. achtung feierabend! acht und freibad oder nach unsrer leiber feier war die putzfrau tot ich lache oder leide, liebes, war sie zum benutzen? die laken tagelang ungeglättet. tags nägel lackieren oder auftakeln wie gelegentlich gäste in fremden villen oder wessen gelände legt sich räkelnd oder rillen werfend, wohl wie schatten auf dem vorderen hoftor oder wo mich vororte poussieren oder verordnetes parkieren solang als unsre süße hält oder hütte oder handy, hast du geld? – grüße
Aus: Schwerkraft. Junge amerikanische Lyrik. Hrsg. Ron Winkler. Salzburg und Wien: Jung und Jung, 2017, S. 162 und 200. Zu diesem Gedicht gibt es da auch Versionen von Monika Rinck und Ron Winkler.
Hans Fallada
(Rudolf Ditzen, * 21. Juli 1893 in Greifswald; † 5. Februar 1947 in Berlin)
Tagziel Die Bäume johlen mit geschloßnem Mund Sinnlos in eines Autos hingeklirrte Raschheit, Die Luft am Straßenrand pfeift hoch und rund Und ist haarspitz, doch auch von trüber Laschheit. Die Straße ist von Irrsinn längst gepackt Und Angst, sie flieht mit langem Sprung, Sie wird in raschem Strudel neu zerhackt Von runder Räder längst entglittnem Schwung. Der Mann am Steuer fühlt den feinen Staub Wie Maske sich in seine Falten hocken, Sein Antlitz wurde längst der Raschheit Raub Und Hirn ist – halb versiegt – nur stammelnd Stocken. Aus seines Mundes fahlen Winkeln schlingt, Es ringt sich aus den Flügeln seiner Nase Blutregenwurm und wurmt und dringt Der Kehle zu, die glashart von Gerase. Die Straße traf ein Schlagbaum an der Stirn, Sodaß sie totenstill gestreckt nun liegt, Das Auto ruckt und endlich spult das Hirn: „Das Ziel – ich bin der einz'ge, der gesiegt." Ein Weib springt auf das Trittbrett, faßt ihn an. Sie küßt besessen Staub und Haut und Blut, Sie küßt den automatendummen Mann Und fühlt es wild: „Das Blut schmeckt gut"
Aus: Versensporn 32, Rudolf Ditzen. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2018, S. 19
Reinhard Johannes Sorge
(* 29. Januar 1892 in Rixdorf, heute Berlin-Neukölln; † 20. Juli 1916 in Ablaincourt, Département Somme)
Meere! Neu-Meere! Nie betretene Küsten! Menschen! Licht-Menschen! Nie geliebte Liebe! Stern-Sterben! Tod-Rausch! Nie geschluchztes Lied! Zu fremden Ufern biege mir die Segel, Du meines Schweigens wundersame Macht!
Aus dem 4. Aufzug des Dramas „Der Bettler. Eine dramatische Sendung“ (1912)
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