Elisabeth Borchers
(* 27. Februar 1926 in Homberg, Niederrhein; † 25. September 2013 in Frankfurt am Main)
Rette uns, sage ich zur eben gelesenen Zeile (Schön ist die Menschenvernunft und unbesiegbar. Czesław Miłosz) bevor es zu spät ist
Aus: Notizen. In: Elisabeth Borchers, Von der Grammatik des heutigen Tages. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1992, S. 11
Jayne-Ann Igel
Was war
zunächst war die fremde, aus der kehrte sie nach einem jahr heim, ohne begriff davon, was es bedeutete. Die familie oder das zuhause schien der ort, dem zu entsagen sie wenig mühe hatte. Wenn das nicht eine selbst erfundene legende ist, denn sie fühlte sich aufgehoben, nur erschien ihr das losgehen denkbar einfach. Fort von dieser familie, in der es so viele abgründe gegeben, vor 45, nach 45, vor 61, danach, über die man sich zu hangeln hatte, ohne oder mit alphabet, unter stößen von papieren im schrank oder in winkeln in der bodenkammer, all die unerlösten biographien, länger lebend als deren besitzer –
[22/II/2021 u. 11/III/2021]
Aus: Mütze #32, S. 1648
Auch die umfangreichsten Lexika haben ihre Grenzen. Der 22bändige Kindler kennt den Namen Hussein Ali Mirza nicht. Das Weltlexikon Wikipedia hat 5 Artikel bzw. 1 Artikel in 5 Sprachen zu diesem Namen (Google-Übersetzungen):
Persisch
از ویکیپدیا, دانشنامهٔ ازاد
حسينعلی میرزا فرمانفرما
HosseinAliMirzaFarmanfarma.jpg. Herrscher von Fars
Sultanat (حكمراني بر فارس) 1214 ه.ق – 1250 ه.ق
زادة 1 زيل الحجه 1204 ه. ق
26. Juni 1789
امل, استان مازندران
starb am 16. Ramadan 1250 H. ق
16. Januar 1835 (45 Jahre)
Teheran, Iran
Englisch
Hossein Ali Mirza (Persian: حسین علی میرزا, romanized: Ḥosayn-ʿAlī Mīrzā; 26 August 1789 – 16 January 1835), a son of Fath-Ali Shah (r. 1797–1834), was the Governor of Fars and pretender to the throne of Qajar Iran.
Russisch
Хоссейн Али Мирза Фарманфарма (перс. حسینعلیمیرزا فرمانفرما ,1846 – 1799) – наследник династии Каджаров, пятый сын Фетх Али-шаха и Бадр Джахан Ханум, родился в деревне Дехнавар в провинции Фарс на юге Персии.
Hossein Ali Mirza Farmanfarma (persisch: حسينعلیمیرزا فرمانفرما, 1846 – 1799) – der Erbe der Qajar-Dynastie, der fünfte Sohn von Feth Ali Shah und Badr Jahan Khanum, wurde im Dorf Dekhnavar in der Provinz Fars in Südpersien geboren.
Aserbaidshanisch
Hüseynəli mirzə Qovanlı-Qacar (1788-1835) — İran şahzadəsi, vali.
Huseynali mirza Govanli-Qajar (1788-1835) – iranischer Prinz, Gouverneur.
Katalanisch
Husayn Ali Mirza conegut com a Farman Farma (1789 – 1835) fou príncep qajar de Pèrsia i xa a Xiraz i Isfahan (1834-1835)
Husayn Ali Mirza, bekannt als Farman Farma (1789-1835), war ein Qajar-Prinz von Persien und Schah in Shiraz und Isfahan (1834-1835)
Die Lebensdaten herausgezogen (nicht so viel Ehrfurcht vor dem Weltwissen bitte):
Ob das eine Person oder mehrere ist, kann ich so nicht eindeutig herausfinden. Und schon gar nicht, ob einer von diesen mit der von mir gesuchten Person identisch ist. Im „Divan der persischen Poesie“, herausgegeben von Julius Hart, Halle: Hendel, 1887, gibt es Gedichte von einem Hussein Ali Mirza, verdeutscht von Julius Altmann. Über den Autor heißt es da:
Geboren1814 zu Schiras, dessen Statthalter er später war. Ein naher Anverwandter des regierenden Herrscherhauses von Iran, nahm er im Staate eine hervorragende Stellung ein. Sein „Alkoran der Liebe“, in zehn „Suren-Kränze“ eingeteilt, enthält 1001 Lieder, welche einen zusammenhängenden Liebesroman bilden: Erwachen der Liebe, Werbung, Erhörung, Vermählung, Ehe, Tod der Geliebten und einen Anhang: „Buch der Dichtung.“
Carl Friedrich Julius Altmann (* 1. März 1814 in Potsdam; † 10. Juni 1873 ebenda) war ein deutscher Archivar, Philologe, Schriftsteller und Übersetzer. (Wikipedia deutsch). Unter seinen Schriften eben dieser „Alkoran der Liebe. Neu-iranische Dichtungen von Hussein-Ali-Mirza, den Deutschen gewidmet von Julius Altmann, 1861″. Über sein Schaffen steht da:
Nach Erlangung des Doktorgrades (17. Februar 1838 in Berlin) lebte Altmann von 1838 bis 1843 als Schriftsteller in Dorpat, Sankt Petersburg und Moskau, wo er unter anderem geografische, statistische und philologische Studien betrieb.
In klösterlichen und staatlichen Bibliotheken in Moskau, Kasan, Kiew, Nischni Nowgorod und St. Petersburg entnahm er Handschriften russische, baltische, finnische und arabische Volkslieder und Lyrik, die er dann übersetzte und in Deutschland veröffentlichte.
Ob authentisch oder Mystifikation, werde ich heute mehr nicht herausfinden. Hier ein Gedicht aus dem „Buch der Dichtung“.
Ein Bachessturz aus Schaumeskatarakten, Entbrausend Felsen, kühnen, scharfgezackten, Mit Wellen, pfeilesschnellen, lichtglanzhellen, Die an die Ufer klettern wie Gazellen: So wogt die Poesie, die ihre Schleusen Eröffnet dem, der mit goldhellen Reusen Der Verse lichte Perlen weiß zu fischen, Und bunte Reimkorallen dreinzumischen.
A.a.O. S. 263
Johann Valentin Andreae
(* 17. August 1586 in Herrenberg; † 27. Juni 1654 in Stuttgart)
An den GrübIer Ohn Kunst, ohn Müh, ohn Fleiß ich dicht, Drum nit nach deinem Kopf mich richt, Bis du witzt, schwitzt, spitzt, schnitzt im Sinn, Hab ich angsetzt und fahr dahin. Bis du guckst, buckst, schmuckst, druckst im Kopf, Ist mir schon ausgeleert der Topf. Bis du flickst, spickst, zwickst, strickst im Hirn, Ist mir schon abgehaspt der Zwirn. Gfällst dir nu nit, wie ich ihm tu, Mach's besser, nimm ein Jahr dazu !
Aus: DEUTSCHE DICHTUNG DES BAROCK. Hrsg. Edgar Hederer. München: Hanser, 1954, S. 224
Rasha Habbal
(Geboren in Hama / Syrien, lebt in Trier)
Aus: Die letzte Frau Die im Kleid schlief diese Nacht ihre Schuhe anbehielt empfangsbereit lauerte. Am Morgen schreibt sie: Ich habe nicht gewartet. Die Nacht verging schnell. Deine Abwesenheit fiel gar nicht auf als wärst du nie gewesen. Ich habe in der Luft getanzt die du freigelassen hast habe Du-liebst—mich—du—liebst—mich—nicht gespielt mit den Herzen meiner Liebhaber. Das konntest du nicht sehen meine Traurigkeit auch nicht.
Deutsch von Anke Bastrop und Filip Kaźmierczak, aus: Die letzte Frau. Gedichte von Rasha Habbal. Berlin: Verlagshaus Berlin, 2021 (edition zwanzig), S. 14
Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(getauft 25. Dezember 1616 in Breslau; † 18. April 1679 ebenda)
Maschinelle Texterkennung und Rekonstruktion


Texterkennung nach der Ausgabe: C. H. v. H. Deutsche Übersetzungen und Gedichte. Breßlau 1704 (urn:nbn:de:gbv:3:1-210933-p0573-7)
SAuf Den Sinfall Der Stirden zu Elifaberly, Sonet. StartemRrachen brach Der?Bau DeszEr,tert ein / Die 9 feiler gaben nach / Die 2alcfen muften biegen / Die Zügel wolten fich nicht mebt zufammen fügen : Es trennte Ralc oon RalcE/ und riß fich Gtein von Ctein/ Der Mauren Dole racht / Der füffen Srgeln Echein/ Die hieß ein 2ugenblicf in einen Rlumpen liegen : Und was igund aus 2ngft mein bleicher Drund berefc)wiegen/ Duft abaethan/ zerfprengt/ und gant vertilget fern. S menich! Dißift ein Slucy/ Dernach Dem Simmet Schmeckt/ Det Die(er Sy aus getilrt/ und Dein Semuth erwectt. Es (pricht Der Seven S GOR9R: Du folt mich beffer ebien; Die Ginde Fommt von Dit/Das Gel eitern Fommtoon Und in Dein Sherse Gtein/ und Dein Semithetobt, Go müffen Dich itund Die toDten Steine lebren.
Auf den Einfall der Kirchen
zu St. Elisabeth.
Sonnet.
MJt starckem Krachen brach der Bau des HErren ein /
Die Pfeiler gaben nach / die Balcken musten biegen /
Die Zügel wolten sich nicht mehr zusammen fügen:
Es trennte Kalck von Kalck und riß sich Stein von Stein /
Der Mauern hohe Pracht / der süssen Orgeln Schein /
Die hieß ein Augenblick in einem Klumpen liegen :
Und was itzund aus Angst mein bleicher Mund verschwiegen /
Must abgethan / zersprengt / und gantz vertilget seyn.
O Mensch ! diß ist ein Fluch / der nach dem Himmel schmeckt /
Der dieses Haus gerührt / und dein Gemüth erweckt.
Es spricht der Herren HERR : Du solst mich besser ehren ;
Die Sünde kommt von dir / das Scheitern kommt von GOTT.
Und ist dein Herze Stein / und dein Gemüthe todt /
So müssen dich itzund die toten Steine lehren.
Zügel: Ziegel
Johann Wolfgang Goethe
An Belinden.
Warum ziehst du mich unwiderstehlich,
Ach! in iene Pracht?
War ich guter Junge nicht so seelig
In der öden Nacht!
Heimlich in mein Zimmerchen verschloßen,
Lag im Mondenschein,
Ganz von seinem Schauerlicht umfloßen –
Und ich dämmert ein.
Träumte da von vollen goldnen Stunden,
Ungemischter Lust!
Ahndungsvoll hatt’ ich dein Bild empfunden
Tief in meiner Brust.
Bin ich’s noch, den du bey so viel Lichtern
An dem Spieltisch hältst?
Oft so unerträglichen Gesichtern
Gegenüber stellst?
Reizender ist mir des Frühlingsblüthe
Nun nicht auf der Flur;
Wo du Engel bist, ist Lieb und Güte,
Wo du bist, Natur.
Text nach dem Erstdruck in der Zeitschrift von J. G. Jacobi: Iris, Zweyter Band; Düsseldorf: 1775; S. 240f
Umberto Saba
(* 9. März 1883 in Triest, Österreich-Ungarn; † 25. August 1957 in Gorizia, Italien)
LIBRERIA ANTIQUARIA Morti chiedono a un morto libri morti. Illusione non ho che mi conforti in questo caro al buon Carletto nero antro sofferto. Un tempo al mio pensiero parve un rifugio, e agli orrori del tempo. Ma quel tempo è passato oggi, e la vita con lui, che amavo. E di sentirmi inerme escluso piango come tu piangevi quando eri ancora un bambino e perdevi tra la folla la madre tua al mercato. BUCHANTIQUARIAT Tote fragen einen Toten nach Büchern von Toten. Illusionen habe ich keine, die mich trösten in dieser dunklen Höhle, die Carletto so sehr liebt. Einst schien sie meinem Denken Zuflucht, auch vor den Schrecken meiner Zeit. Die Zeit ist nun vergangen und mit ihr das Leben, das ich liebte. Wehrlos fühl ich mich und ausgeschlossen und weine, wie du weintest, als du noch ein Kind warst und du in der Menge deine Mutter auf dem Markt verlorst.
Deutsch von Gerhard Kofler, aus: Umberto Saba, Canzoniere. Gedichte italienisch/ deutsch. Übersetzt von Gerhard Kofler, Christa Pock und Peter Rosei. Nachwort von Peter Rosei. Stuttgart: Klett-Cotta, 1997, S. 200f
Agostinho Neto war ein angolanischer Arzt, Dichter und Politiker. Die Portugiesen steckten ihn ins Gefängnis. Nach der Unabhängigkeit seines Landes war er von 1975 bis 1979 erster Staatspräsident. Er starb in Moskau, wurde von sowjetischen Fachleuten einbalsamiert und (in Angola) in ein Mausoleum verbracht wie Lenin in Moskau. Zu seinem gestrigen 100. Geburtstag ein Gedicht aus einem Buch, das 1977 in der DDR erschien.
Agostinho Neto
(* 17. September 1922 in Catete, Kreis Ícolo e Bengo, Angola; † 10. September 1979 in Moskau)
Jenseits der Dichtung Dort am Horizont das Feuer und die schwarzen Silhouetten der Affenbrotbaume mit hochgereckten Armen In der Luft der grüne Geruch der verbrannten Palmen Afrikanische Poesie Auf der Landstraße die Reihe der Bailundo-Lastträger stöhnend unter der Last der Maniokkleie Im Zimmer das Mulattenmädchen mit zärtlichen Augen retuschierend ihr Gesicht mit Rouge und mit Reispuder Die Frau unter üppigen Tüchern schwingt ihre Hüften Im Bett der schlaflose Mann denkt daran Gabeln und Messer zu kaufen um zu essen am Tisch Am Himmel der Widerschein des Feuers und die Silhouette der schwarzen Batuque tanzenden Männer mit hochgereckten Armen In der Luft die heiße Melodie der Marimbas Afrikanische Poesie Und auf der Landstraße die Lastträger im Zimmer das Mulattenmädchen im Bett der schlaflose Mann Die Glut verzehrt verzehrt die Horizonte der heißen Erde in Feuer.
Bailundo : Stamm (Red).
Deutsch von Heinz Czechowski. Aus: Agostinho Neto: Gedichte. Leipzig: Reclam, 1977, S. 30
Günter Kunert
(geboren am 6. März 1929 in Berlin; gestorben am 21. September 2019 in Kaisborstel)
Aktfoto In den schwarzen Schattenspalten verröchelt das Licht. Fruchtlosigkeit birgt sich hinterm Kalk blitzgeknipster Haut. Die Technik kennt keine Scham und betont Zoologisches: Lippen, schnappend, lastendes Gehänge, Kugelhaftes, tiefgekerbt, teils gebeugt und teils gestreckt. Die Technik kennt nichts von dir als Abbilder, die dich nicht zeigen.
Aus: Günter Kunert, Notizen in Kreide. Gedichte. Leipzig: Reclam, 1970, S. 12f
Heiner Müller
(* 9. Januar 1929 in Eppendorf, Sachsen; † 30. Dezember 1995 in Berlin )
Altes Gedicht Nachts beim Schwimmen über den See der Augenblick Der dich in Frage stellt Es gibt keinen anderen mehr Endlich die Wahrheit Daß du nur ein Zitat bist Aus einem Buch das du nicht geschrieben hast Dagegen kannst du lange anschreiben auf dein Ausbleichendes Farbband Der Text schlägt durch
Aus: Heiner Müller, Warten auf der Gegenschräge. Gesammelte Gedichte. Hrsg. Kristin Schulz. Berlin: Suhrkamp, 2014, S. 38. Dort ausführlich über die lange Entstehungsgeschichte des Gedichts zwischen Anfang der 50er und Ende der 80er Jahre. Die frühen Fassungen waren viel länger. Eine spätere Fassung (vermutlich 70er Jahre) ist überschrieben: AUFFINDUNG EINES ALTENS GEDICHTS NACH ZWANZIG JAHREN.
Wassyl Stus
(ukrainisch Василь Семенович Стус, wiss. Transliteration Vasyl‘ Semenovyč Stus; * 6. Januar 1938 in Rachniwka, Oblast Winnyzja; † 4. September 1985 in Kutschino, Oblast Perm)
Zwischen Welt und Seele ist eine Mauer gewachsen. Spiele Verstecken, damit dich niemand erkennt im Dickicht der toten Erinnerungen, der erstarrten Gedanken und der Eisschollen der Gefühle. Die Erfrierungen der Seele brennen, und Unwille dämpft den Wunsch, einen Ausweg zu suchen in der stetigen Angst, daß die Welt dich sehen und mit ihrem tödlichen Gewicht erdrücken könnte. Der Wind bläst die Seelen aus den Leibern, knickt Bäume um und läßt die Gräser sinken, schafft bunte Leere, die sich in der Blüte erschöpft. Siechtum überall! Viele Schicksale verloren! Viele sind noch verschont, die der Tod sich auf die hohe Kante legt. Siechtum überall! Zwischen Welt und Seele ist eine Mauer gewachsen.
Deutsch von Anna-Halja Horbatsch, aus: Versensporn 51. Wassyl Stus. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2022, S. 19. Schon äußerlich sieht man den Unterschied zum darunterstehenden Original, das, soweit ich sehen kann, aus 18 reimlosen, ungefähr gleichlangen, rhythmisch organisierten Versen besteht. Die deutsche Fassung erstreckt sich auf 28 auf 5 Strophen eingeteilte Zeilen. Die erste Zeile, die am Schluß identisch wiederkehrt, ist im deutschen Text auf zwei Verse aufgeteilt. Unten die Biografie des ukrainischen Autors und Dissidenten, der vom sowjetischen Repressionsapparat ausgelöscht wurde.

Biografische Notiz aus dem Heft
Geboren am 6. Januar 1938 in Rachniwka. Von 1954 bis 1959 Student am Pädagogischen Institut von Stalino, anschließend Lehrer für ukrainische Sprache und Literatur, Militärdienst. Ab Ende März 1963 literarischer Redakteur der Zeitung Socjalisticeskij Donbass. Ab November Aspirantur am Literaturinstitut der Akademie der Wissenschaften in Kyjiw. Wegen Protests gegen die Inhaftierung ukrainischer Intellektueller wird er im September 1965 zwangsexmatrikuliert. 1965 vergeblicher Versuch, seinen ersten Gedichtband Kruhowert (Wirbel) zu veröffentlichen; auch die zweite Gedichtsammlung Symowi derewa (Winterbäume) wird abgelehnt, erscheint aber 1970 in Brüssel. Protest gegen das Wiedererstarken des Personenkults, die Politik der Russifizierung, die Beschränkung der Meinungsfreiheit. Am 12. Januar 1972 Verhaftung; Anklage wegen „antisowjetischer Agitation und Propaganda“, Verurteilung zu fünf Jahren Lagerhaft und drei Jahren Verbannung; in verschiedenen Arbeitslagern von Mordowien. Am 11. Januar 1977 Verschickung nach Matrosowo (Magadan), den Ort seiner Verbannung. 1978 Aufnahme in den PEN-Klub. Im August 1979 Rückkehr nach Kyjiw. Anschluss an die Ukrainische Helsinki-Gruppe. Im Mai 1980 erneute Verhaftung; Verurteilung zu zehn Jahren Lagerhaft und fünf Jahren Verbannung. Internierung in Kutschino (Perm 36). Am 28. August 1985 wird er wegen „Verletzung der Kleiderordnung“ mit Isolationshaft bestraft und protestiert dagegen mit einem Hungerstreik. In der Nacht vom 3. auf den 4. September 1985 stirbt Wassyl Stus in seiner Zelle, vermeintlich an Herzversagen.
http://www.poesieschmecktgut.de/versenspornstart.htm
Zwei Ergänzungen aus Wikipedia
„Während seiner Studien- und Armeezeit begann er zu schreiben und entdeckte Dichter wie Goethe oder Rilke für sich; er soll mehrere hundert Gedichte der beiden deutschen Dichter ins Ukrainische übertragen haben, sie sind durch Beschlagnahmung verschollen.“
„Er wurde auf dem Lagerfriedhof beerdigt; seiner Familie wurde eine Bestattung in der Heimat mit der Begründung verweigert, seine Haftzeit sei noch nicht abgelaufen.“
Hugo Ball
(* 22. Februar 1886 in Pirmasens; † 14. September 1927 in Sant’Abbondio-Gentilino, Schweiz)
Der Schizophrene Ein Opfer der Zerstückung, ganz besessen Bin ich – wie nennt ihr’s doch? – ein Schizophrene. Ihr wollt, daß ich verschwinde von der Szene, Um euren eigenen Anblick zu vergessen. Ich aber werde eure Worte pressen In des Sonettes dunkle Kantilene. Es haben meine ätzenden Arsene Das Blut euch bis zum Herzen schon durchmessen. Des Tages Licht und der Gewohnheit Dauer Behüten euch mit einer sichern Mauer Vor meinem Aberwitz und grellem Wahne. Doch plötzlich überfällt auch euch die Trauer. Es rüttelt euch ein unterirdischer Schauer Und ihr zergeht im Schwunge meiner Fahne. (1923/24)
Aus: Hugo Ball, Gesammelte Gedichte. Zürich: Verlag der Arche, 1963, S. 37
George Oppen
(* 24. April 1908 in New Rochelle, New York; † 7. Juli 1984 in Kalifornien)
A note to Pound in heaven: Only one mistake, Ezra: You should have talked to women
Eine Notiz an Pound im Himmel: Nur ein Fehler, Ezra: Du hättest mit Frauen reden sollen
Aus Mary Oppens Transkriptionen einiger später Aufzeichnungen ihres Mannes, Faksimile und Text in: Schwarzvers. George Oppens Dichtung der Negativität. Zusammengestellt von Rachel Blau DuPlessis. Mit Beiträgen und Übersetzungen von Lawrence S. Dembo, Rachel Blau DuPlessis, George Oppen und Stefan Ripplinger. Schreibheft 99 (August 2022), S. 104
Im Alter von beinahe 100 Jahren starb die Schriftstellerin Eva Zeller, geb. Feldhaus, verh. Dirks (* 25. Januar 1923 in Eberswalde; † 5. September 2022).
Frauen bei Kriegsende Wie haben wir schlafen können als wir vor Hunger nicht schlafen konnten weil Brot sich in Steine verwandelt Wie haben wir atmen können als Feuer und Schwefel wir waren Zeugen vom Himmel geregnet wir haben gesehen Eine jede von uns Lots Weib – aber Lot war vermißt – das sich umdreht da unter dem Schuttberg da das verkohlte Salzsäulentempel wir senkrecht auf dem Geschleiften zu bemeißelnde Grabsteine lagen zuhauf gehungert geatmet gesehen
Aus: Eva Zeller, Stellprobe. Gedichte. DVA Stuttgart 1989, S. 56, gefunden bei http://www.lyrikschadchen.de/html/zeller.html
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