das geht jetzt zu weit

Tom de Toys, 1.10.2022 ©POEMiE™ @poetryclip.de

SELBSTANALDÜSE
(FURZEN FÜR DEN FRIEDEN)

das geht jetzt zu weit - is schon klar denn:
es geht hier um literatur und nicht um selbstanalyse.
ich hätte schauspieler werden können und pianist
auch professor wäre eine option gewesen dann
hätte ich sogar beamtenstatus und wäre unkündbar
und das notwendige kleingeld käme immer
aus dieser zaubertasche die nie leer wird ich sage
NIE LEER was für ein paradies, was für ein para...
aber was is passiert?
ein poet is der junge jetzt trotzdem
oh welch eine schande! eine verschwendung von
naturtalent intelligenz und hochbegabung
aber es ist zu spät er hat bereits 1 gedicht VERÖFFENTLICHT
in einer zeitschrift die niemand kennt ich sage:
NIEMAND! die zeitschrift hat keine leser
der herausgeber is irgendein wahnsinniger
ein idealist träumer hartz4-empfänger
mir stand die welt offen als ich zu jung war um
mitzuspielen ich hatte fragen nicht irgendwelche
sondern die sogenannten "letzten" fragen
ich entschied instinktiv daß diese fragen zunächst
geklärt sein müssten bevor ich mir ein identitätskorsett
umschnüre und keine luft mehr vor lauter arbeit kriege
dieses sich totarbeiten bis zur rente um danach
nicht mehr atmen zu können vor lauter verzweiflung
über das verlorene leben im büro mit kollegen die
überhaupt keine fragen stellen die nie angefangen
hatten zu DENKEN geschweige denn FÜHLEN die
einfach nur abarbeiten was andere ihnen vorlegen
und nach der arbeit ihre seltsamen hobbys pflegen
über die wir hier besser nicht reden sollten nein nein
das geht alles zu weit, meine damen und herren
hier geht es um LITERATUR und um poesie und
ich sitze hier vor ihnen WEIL ich ein dichter bin
ein verfickter besoffener arschlochdichter
der keine reime verwendet der keine metaphern benötigt
der keine geheimnisse um irgendein sensationelles
originelles thema macht
ICH HABE KEIN THEMA. jetzt hab ichs verraten.
oh ja, schmeisst mich raus! und beschimpft mich!
verwehrt mir erfolg und den ruhm der institutionalisierten
ein zungenbrecher! I N S T I T U T I O N A L I S I E R T E N.
na geht doch. lange geübt. stimme warm gemacht.
immer wiederholt bis es sitzt sogar auswendig
sehen sie ich schaue noch nichtmal auf das manuskript:
institutionalisierten. nicht zu verwechseln mit internierten.
ich bin weder interniert noch institutionalisiert
meine werke wurden noch nicht verbrannt
(das kommt noch wenn ich so weiter mache)
wollen sie noch ein gedicht? ein schönes? richtiges?
ich hätte da noch was feines speziell für liebhaber von
guten gedichten ein gedicht für den literaturkanon
ein wahrhaftiges echtes erfolgsgedicht ein
nobelpreisgedicht ein ein förderungswürdiges
stipendiumsgedicht das in jeder zeitung gedruckt
wird und tausende leser erreicht ich hätte es schon
am anfang gebracht aber ich wollte das beste fürs ende
aufheben damit sie mit einem super gefühl heimgehen
der abend hat sich gelohnt die veranstaltung
war eine literarische offenbarung es bleibt leider
keine zeit mehr dafür aber ich schwöre ich hätte
da wirklich noch ein gedicht gehabt das ihnen allen
so richtig gefällt kommen sie wieder sie finden mich
immer hier auf der parkbank bei jedem wetter

2 Comments on “das geht jetzt zu weit

  1. dieses gedicht wird voraussichtlich am 12.5.2023 erstmals live intoniert: auf der „POESIEPANDEMIE“-lesung (www.LyrikLEBT.de) in der werstener zweigstelle der düsseldorfer stadtbücherei, eintritt frei, telefonische reservierung bereits jetzt möglich (nur ca. 70 sitzplätze) – es lesen: Marvin Chlada, Harald Kappel, Boris Kerenski und Tom de Toys. wir würden uns freuen, wenn auch andere lyriker*innen:innen im publikum säßen und uns, BESONDERS MICH (ich lese als letzter) mit allen möglichen klebrigen dingen:innen bewerfen wollten. ihr werdet dadurch auf dem doku-video verewigt und sogar berühmter als wir! 🙂

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  2. Pingback: das geht jetzt zu weit — Lyrikzeitung & Poetry News – DIGITALASSISTENZ

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