Yan Jun
(严俊, geboren 1973, chinesischer Lyriker und Musiker)
3. juni ich parke in meinem körper wie eine elektrifizierte banane wickle ich rost ein verregneter tag fremde heben ihr bier oder ab und zu einen molotov-cocktail wer noch nicht vorbeigekommen ist hebt seinen kopf überall auf der welt wird irgendwann mozart gespielt (2012, berlin)
Aus dem Chinesischen von Lea Schneider, in: poetica7. Festival für Weltliteratur. Sounding Archives. Poesie zwischen Experiment und Dokument. Tübingen: konkursbuch, 2022, S. 101
Mehr Texte hier http://u.osu.edu/mclc/online-series/yanjun/

Dante Alighieri
(* Mai oder Juni 1265 in Florenz; † 14. September 1321 in Ravenna)
ALLEGORIE Mein Lied, ich glaube, daß es Wenige sind, Die deinen Sinn genau verstehen werden, So dunkel sprichst du und so mühevoll. Wofern es etwa dir begegnen sollte, Daß du vor solche Leute treten mußt, Die stumpf für deinen Sinn erscheinen, So bitt ich dich, mein liebliches Geschöpf, Beruhige dich, indem du ihnen sagst: So achtet wenigstens, wie schön ich bin!
Deutsch von Karl Voßler, aus: Lyrik der Welt. Dichtungen des Auslandes. Hrsg. Reinhard Jaspert. Berlin: Safari, 1960, S. 567
Was heißt schon Verstehen? Mal vorausgesetzt, das Lesen geschieht freiwillig. Man kann entzückt verharren, achselzuckend weitergehn, wieder lesen, Indizien sammeln, sätze / Stelzen auf kauernden stirnen? Was haben wir da, eine Beziehungskiste, du so, ich so?
du in der Sonne deines badezimmers du in der geöffneten tür ich betrüge Gewohntes: trinke Gewaschenes Haar
Wie wird es weitergehn? Gewohntes betrügen? Falsches trinken? Fliegen die Fetzen? Nein (noch nicht?), aber
blaupausen fliegen Am Augenwinkel vorbei sätze Stelzen auf kauernden stirnen
Wenn ich so weiter lese, wird das klarer?
Angesichts weißer wangen
blätter
schweigt die wünscherei hand: sie ist noch klein
Flieg Haar von deinem haar
leiser als Spinnenfäden
nasses Haar rotes Haar
Eben noch bei dir
Der Text in den Kästchen (das ist beim Lesen im Handy nicht sichtbar, die Verszitate zwischen den Kommentaren) ist ein fast vollständiges Gedicht, es stammt von Judith Zander. Hier noch einmal komplett mit Überschrift und in der Originalschreibweise.
du in der Sonne deines badezimmers/(okt)oberlicht
du in der Sonne deines badezimmers
du in der geöffneten tür
ich betrüge Gewohntes: trinke
Gewaschenes Haar
blaupausen fliegen
Am Augenwinkel vorbei sätze
Stelzen auf kauernden stirnen
Angesichts weißer wangen
blätter
schweigt die wünscherei hand: sie ist noch klein
Flieg Haar von deinem haar
leiser als Spinnenfäden
nasses Haar rotes Haar
Eben noch bei dir
Eben noch bei dir. Man könnte (da ist es aber nicht mehr freiwillig) Interpretationen schreiben lassen. Viele verschiedene sind denkbar, und das ist gut so. Dann bitte hier nicht weiterlesen (und nicht am Ende die schönen Interpretationen, die da entstehen könnten, korrigieren mit der „richtigen“ Bedeutung.
Ich schlage etwas anderes vor, Hinschauen statt Verstehen.
Die Sache mit der Beziehungskiste,
Eben noch bei dir
höchstens eine vage Ausgangshypothese sein lassen und wieder lesen (vielleicht fällt mir noch was auf? oder wenigstens ein?), beobachten und fragen statt antworten und interpretieren. Warum sind in fast jeder Zeile einzelne Wörter kursiv gedruckt? Warum wird die Sonne großgeschrieben, das Badezimmer aber klein,
du in der Sonne deines badezimmers
manchmal das gleiche Wort in der gleichen Zeile verschieden
Flieg Haar von deinem haar
Hier noch einmal das Gedicht, wobei alle kursiven Stellen zusätzlich unterstrichen sind zur besseren Sichtbarkeit.
du in der Sonne deines badezimmers/(okt)oberlicht du in der Sonne deines badezimmers du in der geöffneten tür ich betrüge Gewohntes: trinke Gewaschenes Haar blaupausen fliegen Am Augenwinkel vorbei sätze Stelzen auf kauernden stirnen Angesichts weißer wangen blätter schweigt die wünscherei hand: sie ist noch klein Flieg Haar von deinem haar leiser als Spinnenfäden nasses Haar rotes Haar Eben noch bei dir
Spoilerwarnung: wer weiterliest, wird das Gedicht nie mehr unbefangen lesen können.
WeiterlesenWILLIAM BLAKE
(1757—1827)
Blick und Lächeln Es gibt ein Lächeln der Liebe, Und es gibt ein Lächeln aus Trug, Und es gibt ein Lächeln des Lächelns, Drin trifft sich der zweifache Zug. Und es gibt einen Blick aus Haß, Und es gibt einen Blick aus Veracht, Und es gibt einen Blick des Blicks, Den nichts mehr vergessen macht. Denn er steckt in dem tiefen Herz, Und er steckt in dem tiefen Gebein. Und kein Lächeln ward je gelächelt, Als nur ein Lächeln allein. Und es ist zwischen Wiege und Grab Nur zu lächeln ein einzig Mal, Doch ward es einmal gelächelt, Hat's ein Ende mit aller Qual . . .
Deutsch von Alexander von Bernus, aus: Unsterbliches Saitenspiel. Die schönsten Gedichte der Weltliteratur. Ausgewählt von Johannes von Günther. Frankfurt/Main: Das Goldene Vlies (Ullstein Bücher 100), 1956, S. 77
[The Pickering Manuscript] The Smile There is a Smile of Love And there is a Smile of Deceit And there is a Smile of Smiles In which these two Smiles meet And there is a Frown of Hate And there is a Frown of Disdain And there is a Frown of Frowns Which you strive to forget in vain For it sticks in the Hearts deep Core And it sticks in the deep Back bone And no Smile that ever was smild But only one Smile alone That betwixt the Cradle & Grave It only once Smild can be But when it once is Smild Theres an end to all Misery
Jumoke Adeyanju
Tayari. Tuko tayari. Na wewe? Umejificha kwenye ndoto za kiume kimya unavaa kitenge cha askari aliyefariki
Through. We are through. And you? You hide in the dream of masculinity silently wearing the cloth of a dead soldier
Durch. Wir sind durch. Und du? Du versteckst dich im Traum von Männlichkeit still trägst du den Stoff eines toten Soldaten
Aus dem Englischen von Jumoke Adeyanju und Carla Cerda, in: Kontinentaldrift. Das Schwarze Europa. Hrsg. Fiston Mwanza Mujila. Heidelberg: Wunderhorn, 2021 (Wunderhorn | Haus für Poesie), S. 24f
Jumoke Adeyanju ist eine deutsche Autorin (denn sie wurde in Aachen geboren), aber auch eine englische, eine Swahili- und Yorubaautorin (denn in diesen Sprachen dichtet und performt sie). Die erste Fassung hier oben ist Swahili, weiß Google.
Horst Lange
(* 6. Oktober 1904 in Liegnitz; † 6. Juli 1971 in München)
Die Katzen Der Wind drängt die zerbrochnen Türen Ins leere Haus hinein, Der Wind will meine Schritte führen, Ich trete zögernd ein, Die kalten Wirbel schweifen Um Tisch und Stuhl und Spind Und rühren Band und Schleifen, Der Spiegel ist schon blind. In fahler Runde hallen Schüsse, Ich trag den Krieg mit mir, Ich sä den Krieg, als fielen Nüsse Auch in der Stille hier, Im Stall die toten Fohlen Warn ganz verrenkt und glatt, Jetzt lausche ich verhohlen, da raschelt nur ein Blatt. Der Frost zerfraß die grünen Pflanzen, Die in den Töpfen stehn, Bald werden graue Flocken tanzen Und durch die Fenster wehn, Schon stäubt die Winterasche Auf jedes bunte Bild Aus des Oktobers Tasche, Der ist nicht sanft und mild. Die Dämmrung füllt das trübe Zimmer, Wie Sporen den Bovist, Wo sonst am Ofen Feuerschimmer Und lauliches Genist, Da spinnt ein eisger Schatten Nun Bank und SchemeI ein, Ich fühl den Puls ermatten und hör die Katzen schrein. Die harte Krall in weichen Sohlen, So glitten sie heran, Lautlos, auf lockren Dielenbohlen, Mit einem bösen Bann, Ich lehne an dem Pfosten, In Händen das Gewehr, Die Katzen sind wie Posten Und dulden mich nicht mehr. Die Frauen aus den blassen Bildern, Sie lächeln ihnen zu, Der Bauer lacht, weil sie verwildern In Bett und Häckseltruh, Ich kann es nicht vernehmen, Doch spür ich, wie es lacht, Hier ist nichts mehr zu zähmen, Ich gehe in die Nacht. Für Alfred Kubin
Aus: Panorama moderner Lyrik deutschsprechender Länder. Von der Jahrhundertwende bis zur jüngsten Gegenwart. Herausgegeben von Wolfgang Hädecke und Ulf Miehe. Gütersloh: S. Mohn, o.J. (1965), S. 328f
Der ukrainische Dichter Bohdan-Ihor Antonytsch wurde in Österreich-Ungarn geboren und starb in Polen. Heute liegt der Geburtsort in Polen und der Sterbeort in der Ukraine. In der Sowjetzeit war er verboten, seine Werkausgabe erschien 30 Jahre nach seinem frühen Tod in den USA. Erst in der unabhängigen Ukraine wurde er breiter rezipiert und gilt seither als wichtige Stimme der ukrainischen Moderne. Juri Andruchowytsch schreibt über ihn und die Übersetzung:
Und schliesslich Bohdan Ihor Antonytsch, dieser wundersame, kurzlebige Besucher aus einer anderen Welt, ein Geschöpf seiner eigenen poetischen Fantasie. Wie kann man den schon fast übergrossen Reichtum seiner Metaphern, mehrstufig wie kosmische Raketen, übertragen? Oder diese ständige filigrane Reibung zwischen Phonetik und Semiotik? Oder die völlig unerwarteten Explosionen seiner surrealistischen Wortschwalle? (…)
Aber Adrian Wanner hat das Unmögliche getan.
A.a.O. S. 15
Bohdan-Ihor Antonytsch
(ukrainisch Богдан-Ігор Антонич; * 5. Oktober 1909 in Nowica, Uście Gorlickie, Galizien; † 6. Juli 1937 in Lwiw, Zweite Polnische Republik)
Über eine Strophe Vier parallele Linien auf der Herzenskarte erschaffen ein Quadrat der Freude und der Pein, zur Seite ohne Namen führen vier Gerade und trennen Sinnesreiz und Freiheit wie ein Keil. Egal, ob scharfe Spitzen meine Seele quälen, der Mond, der Dunst in kurzen Nächten — sie sind mein. Und wird der Kern auch eingehüllt von Wörterschalen ich lege stumme Lippen in den Strophen-Schrein.
Deutsch von Adrian Wanner, aus: Der Klang von Sonnenklarinetten. Drei Lyriker der ukrainischen Moderne. Hrsg. Adrian Wanner. Gedichte ukrainisch-deutsch mit einem Vorwort von Juri Andruchowytsch. Zürich: Pano, 2008, S. 99
Про строфу Чотири рівнобіжники на малі серця, чотирикутник радости та болю, чотири припрямки до боку, що не зветься, що входить клином - між чуття та волю. Дарма, дарма, що гостре вістря душу ятрить, серп і серпанок нам на ніч коротку. Хоч знаю, що лушпиння сдів закриє ядра, вкладаю тихість уст - в строфи коробку.
Englische Transkription von Google:
Pro strofu Chotyry rivnobizhnyky na mali sertsya, chotyrykutnyk radosty ta bolyu, chotyry prypryamky do boku, shcho ne zvetʹsya, shcho vkhodytʹ klynom - mizh chuttya ta volyu. Darma, darma, shcho hostre vistrya dushu yatrytʹ, serp i serpanok nam na nich korotku. Khoch znayu, shcho lushpynnya sdiv zakryye yadra, vkladayu tykhistʹ ust - v strofy korobku.
Sophie Reyer
: der Himmel Blicke ohne Augen an ihm: es ist schwer dich mit der Präzision eines Lidschlags zu küssen wo alles vergeht dich weiter lieben mit milden Fingern und nichts als dem leeren Wind im Haar: Unbehagen Sehnsucht ungelüftet die Jahre Licht- Farb- und Wärmeerscheinung ich machte Karriere nie weit genug nie tief hinab zu hoch zu hell zu weh und mit dem nächsten Augenaufschlag des Fensters schon wieder andere Vögel
Mit freundlicher Genehmigung. Zuletzt erschienen:
Zum Feiertag und zur Erinnerung an Eva Maria Hagen ein Lied von Wolf Biermann
Ich leb mein Leben, sagt Eva Marie
1
Als ich saß in meiner Mutter
dunklem Bauch
Sprang sie mit mir Treppen runter
schluckte auch
Rattengift, den Sud von Kippen
presste sich
In den Leib die elend lange
Wurzel. Ich
Kreischte, und mich hörte keiner
Zittrig mit der Fahrradspeiche
Hat sie nach mir rumgestochert
- immer rein! ins Dunkle Weiche
Doch ich lebe noch, ich lebe
Und so war das eben
– is nich traurig, is ja Wahrheit –
Und ich leb mein Leben
2
Aus dem Dorf in Polen hab'n wir
weggekonnt
Mutter schleppte mich im Schneematsch
durch die Front
Westwärts in den Osten ging's nach
Neuruppin
Russen nahmen alles, haben
alles hin
Schweiß und Fusel für die Weiber
Für uns Kinder Speck und Brote
Manche Weiber machten's gerne
Manche wehrten sich zu Tode
Doch ich lebe noch, ich lebe
Und so war das eben
– is nich traurig, is ja Wahrheit –
Und ich leb mein Leben
3
Vor dem Brandenburger Tor war
ein Gekreisch
Panzer machten da aus Menschen
Menschenfleisch
ach, was wussten schon die roten
Fahnen groß
Von dem Rot in meinem Hemde!
Ich war bloß
Jung und gierig nach dem Leben
Als die Panzerketter kreischten
Als sie meinen allerschönsten
Tag im Juni mir zerfleischten
Doch ich lebe noch, ich lebe
Und so war das eben
– is nich traurig, is ja Wahrheit –
Und ich leb mein Leben
4
Ja, ich war ein hübsches Ding und
wusste das
Und das Bonzenleben machte
auch mal Spaß
Wenn ich mit den Schweinen auch im
Bette lag
War ich darum lange noch kein
Schwein. ich frag
Frag mich bloß: wo kommt das her
Dass das Korn fault, eh' es reift
Dass das Leben fast vorbei ist
Eh' man was begreift
Doch ich lebe noch, ich lebe
Und so war das eben
– is nich traurig, is ja Wahrheit –
Und ich leb mein Leben
5
Doch als ich das Maul aufriss, gleich
war fini!
Spitzel - Ratten - Walkie-Talkie -
Hysterie
Und mein Mund ward zugenäht mit
Stacheldraht
Nix vonwegen Arbeiter- und
Bauernstaat!
Und so wurd ich abgetrieben
Meine Landesväter schmissen
Mich und andern Menschenabfall
Ihren Feinden vor die Füße
Doch ich lebe noch, ich lebe
Und so war das eben
– is nich traurig, is ja Wahrheit –
Und ich leb mein Leben
6
Schön ist Hamburg auch im Regen
und ich mag
Nicht zurück woher ich kam, nicht
einen Tag
Langsam seh ich durch und sehe
was hier läuft:
Dass man Kätzchen, die zuviel sind
auch ersäuft
Gute Leute gibt es drüben
- hier hab ich sie auch gefunden.
Und ansonsten: Nirgendwo
Mangelt es an Schweinehunden
Doch ich lebe noch, ich lebe
Und so war das eben
– is nich traurig, is ja Wahrheit –
Und ich leb mein Leben
Text aus: Wolf Biermann: Alle Lieder. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1991, S. 345ff
Florian Voß
Denkmal für den unbekannten Soldaten Foxhole, Fuchsloch, Voßkuhle so nennen sie es, wenn Soldaten im Boden liegen, eng und ungeschützt in Richtung Himmel, am Rand der Sphären Das Auge der Drohne scannt die Glieder die Köpfe, die Position der Waffen die ebenso in Schlaf gefallen sind Dann wird der Lichtschalter gedrückt Geschlossen die Augen, geschlossen der Kontakt des Drohnenmechanismus Die Granate klinkt sich aus und fällt fällt lange, derweil die Söldner dösen Dann die lautlose Detonation im Loch Schrapnelle zwitschern in das Fleisch ein Bein fliegt aus dem Bild Blut wirkt schwarz im Drohnenauge Der rechte Söldner zuckt kaum noch der linke ohne Bein schreckt hoch und fingert nach der Aderpresse und schlingt sie um den Stumpf Verblüffend schnell geht das vonstatten doch Kraft hat er nicht mehr genug die Torniquette festzuzurren Das Blut sammelt sich klamm unter ihm Noch immer Stille, kein Schrei, kein Ton die Drohne hat kein Mikrofon sie zoomt nur ran, dicht auf den Tod Der Rechte legt den Arm um ihn Der Linke drückt den Arm beiseite und versucht aus seinem Loch zu kriechen doch seine Glieder zucken schon zu stark, um in das Leben zu entfliehen Er sinkt zurück, sein heiles Bein, sein Arm schlingern konvulsivisch, gleich ist das Leid vorbei, der andere Landsknecht ist in seinen Tod gesunken, in den Sand Trost, er ist so kurz, die letzte Geste Im Himmel singt die Drohne geistliche Musik aus lang vergangener Zeit Sie wird der Menschheit bald enteilen
Florian Voß lebt in Berlin. Zuletzt erschienen:
Marco Kerler
Wir machen Witze darüber dass bald alles zu Ende sein könnte weil wir es uns nicht vorstellen können wir können uns keinen Krieg vorstellen keinen Rechtsruck keine Flüchtlingskrise nicht mal den Tod der Queen wir können uns kein Leben ohne Strom vorstellen kein Leben ohne Mensch auf dem Planeten vielleicht ist auch das das Problem
Johann Wolfgang Goethe
(1749-1832)
Hatem Locken! haltet mich gefangen In dem Kreise des Gesichts! Euch geliebten braunen Schlangen Zu erwiedern hab' ich Nichts. Nur dies Herz es ist von Dauer, Schwillt in jugendlichstem Flor; Unter Schnee und Nebelschauer Rast ein Aetna dir hervor. Du beschämst wie Morgenröthe Jener Gipfel ernste Wand, Und noch einmal fühlet Hatem Frühlingshauch und Sommerbrand. Schenke her! Noch eine Flasche! Diesen Becher bring ich Ihr! Findet sie ein Häufchen Asche, Sagt sie: der verbrannte mir.
Aus: Johann Wolfgang Goethe: West-östlicher Divan. Neue, völlig revidierte Ausgabe. Hrsg. Hendrik Birus. Teilband 1. Berlin: Deutscher Klassiker Verlag, 2010, S. 87
Kurt Marti
(* 31. Januar 1921 in Bern; † 11. Februar 2017 ebenda)
seelenwanderung? als handke noch rilke hieß zog ich george vor seit rilke sich handke nennt schlägt mir die stunde der wahren empfindung
Aus: Poesiealbum 372: Kurt Marti. Auswahl von Helmut Braun. Grafik Martin Goppelsröder. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2022, S. 19
Axel Reitel
Aufzeichnungen des Schauspielers R. Menschenkörper sind Krankenhäuser. Hamlet auf dem Weg zur Visite. Das Publikum stellt die Diagnose. Tun oder nicht tun, Wir kommen ohne Erwartungen nicht aus. Applaus, das Publikum stellt die Diagnose: Alle Vorhersagen bestätigen dein Leben
Aus: Poesiealbum 369: Axel Reitel. Auswahl Edwin Kratschmer, Grafik Hubertus Giebe. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2022, S. 6
Anmerkung des Autors: In der Originalausgabe* heißt der sechste Vers: Applaus, die Loreley öffnet den Vorhang – Nun ist es wenigstens hier wieder geradegerückt.
* Paris, Paris (mit Hubertus Giebe), Galerie Weise, Chemnitz 1998:14. Dem Buch ist eine CD mit den eigensprochenen 15 Gedichten, inklusive Titelchanson, zu den 15 abgebildeten Gemälden von Hubertus Giebe beigefügt).
Hans Bender
(* 1. Juli 1919 in Mühlhausen, Baden; † 28. Mai 2015 in Köln)
Überholt Selbst vom hochgelobten Benn Nicht jede Metapher preisen. Hochgehaltene Schwerter zählen längst zum alten Eisen.
Aus: Hans Bender, Hinter die dunkle Tür. Vierzeiler 2013-2015. Ludwigsburg: Pop, 2019, S. 77
Vergleiche Gottfried Benns Gedicht „Dennoch die Schwerter halten“:
Der soziologische Nenner, der hinter Jahrtausenden schlief, heißt: ein paar große Männer und die litten tief. (...) Und heißt dann: schweigen und walten, wissend, daß sie zerfällt, dennoch die Schwerter halten vor die Stunde der Welt.
In: Gottfried Benn, Gedichte in der Fassung der Erstdrucke. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1982, S. 245 (Erstdruck in Deutsche Allgemeine Zeitung Nr. 368/369 vom 27.8.1933)
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