Hört endlich auf mit dem Gegreine

Hanshan

(vermutlich 7. Jh)

Poetische Kritzeleien

Scharen armseliger Gelehrter:
trotz nagenden Hungers und eisiger Kälte
bemüßigt, sich völlig zu verausgaben
beim Kritzeln von Gedichten. Wer aber
will von solchen Kerlen schon etwas lesen?
Hört also endlich auf mit dem Gegreine!
Ihr könntet euch sogar auf Keksen verewigen
und nicht einmal ein Hund würde daran knabbern.

Aus:

Erwartung & Melancholie. Sechzig Gedichte aus dem alten China übersetzt von Thomas O. Höllmann. Schupfart: Engeler, 2022, S. 9

Augen

Rachid Boudjedra

(arabisch رشيد بوجدرة, DMG Rašīd Būǧidra; * 5. September 1941 in Aïn Beïda, Algerien)



Dieses Mascarablau, woher hast du es
in dem sich findet das Grün von Wassermelonen,
                                                     Algen und Seegras
Zwischen Keramiken – elegant und grazil wie ein Gedicht –
und Versen von Baschar*
und Farben von Wasiti**
Da die porösen Tage
zerfallen im Schleier deines Gewandes...
Was herrscht für ein Wetter
in der Tiefe deines dunklen Gefängnisses?

* Baschar ibn Burd, einer der größten arabischen Dichter, 784 in Bagdad hingerichtet (Anm.d.Hrsg)

** Yahya ibn Mahmud al-Wasiti, bedeutender Miniaturenmaler des 13. Jahrhunderts (Anm.d.Hrsg)

Deutsch von Issam Beydoun, bearbeitet von Donata Kinzelbach, aus: Rachid Boudjedra: Befruchtung. Gedichte aus dem Arabischen von Issam Beydoun, herausgegeben und bearbeitet von Donata Kinzelbach. Mainz: Kinzelbach, 1991, S. 24

Wie Orpheus

Juliusz Słowacki

(* 4. September 1809 in Krzemieniec , Wolhynien ; † 3. April 1849 in Paris )

WIE ORPHEUS WERDE ICH VON FURIEN GEZERRT . . .

Wie Orpheus werde ich von Furien gezerrt,
   Man sagt, ich sollte dem Verstand entsagen,
Dann würd wie Perseus ich die Luft durchfliegen,
   Die Schönheit des schneeweißen Wellenrauschens
Wird scheu dem blassen Morgenrot entsteigen,
   Mich ganz mit ihr erfüllen, — Ich brenn wie Feuer —
Dort der Parnaß . . . es blitzt etwas im Finstern,
   Hüllt silberner Oliven weiße Rinde
In goldne Panzer. — O ihr grimmen Hexen,
   Ihr solltet hier in diesem Wald als rote
Feuer züngeln . . . zeigt mir doch das Gewebe
   Des Lebens, den Streifen, der gewoben ist
Aus meinen Tränen — Schmerzen — Einsamkeiten,
   Epileptischen Sprüngen meines Herzen —
Nah dem Ende. . .

Deutsch von Hermann Buddensieg, aus: POESIE DER WELT. POLEN. Auswahl u. Prosa-Übersetzungen von Peter u. Renate Lachmann. Berlin: Propyläen Verlag. 1987, S. 118f

Przez fu­rye je­stem tar­gan ja, Or­fe­usz,
   Mó­wią mi, abym wy­rzekł się ro­zu­mu,
A będę la­tał nie­bem — jak Per­se­usz,
   A pięk­ność z wody naj­biel­sze­go szu­mu
Przy bla­dym różu ju­trzen­ki wy­try­śnie
   I da mi otch­nąć się, — Pło­mie­niem gorę —
Tam Par­nas... co­raz coś w ciem­no­ściach bły­śnie
   I tę sre­brzy­stych oliw bia­łą korę
Ubie­ra w zło­te pan­ce­rze. — O ję­dze,
   Je­śli je­ste­ście w tym le­sie czer­wo­ne
Pło­mie­ni­ska­mi... po­każ­cie mi przę­dze
   Żywo­ta, je­śli pa­smo uprzę­dzio­ne
Z łez mych — bo­le­ści — tar­gań się sa­mot­nych,
   Epi­lep­tycz­nych sko­ków mego ser­ca —
Bliz­kie już koń­ca...

Prosübersetzung der Herausgeber (von mir zum leichteren Vergleichen in Verse aufgeteilt):

Von Furien bin ich hin und hergerissen wie Orpheus, 
Man sagt mir, ich solle dem Verstand entsagen, 
Und da werde ich über den Himmel fliegen – wie Perseus, 
Und die Schönheit aus dem Wasser des weißesten Rauschens 
Wird in blasser Morgenröte herausspritzen
Und mir Ruhe gönnen. — Ich brenne wie eine Flamme — 
Dort der Parnaß  . . . es blitzt etwas in Dunkelheiten auf
Das dieses silbernen Ölbaums weiße Rinde 
In goldene Rüstungen kleidet. — O Hexen, 
Wenn ihr dieses Waldes rote Feuerstellen seid — weist mir das Garn
Des Lebens, wenn das Band gesponnen ist 
Aus meinen Tränen — meinem Schmerz — der einsamen Zerrissenheit, 
Den epileptischen Sprüngen meines Herzens — 
Das bald am Ende ist  . . .

Tod der Poesie

Karl Simrock 

(* 28. August 1802 in Bonn; † 18. Juli 1876 ebenda)

Tod der Poesie

     	Nach langem Leiden war gestorben
Die Himmelstochter Poesie.
Nie hat ihr Priester viel erworben,
Gewiß, am Hunger starb auch sie.

Und prächtig will man sie begraben
Im goldbeschlagnen Silberschrein,
Doch Gold noch Silber ist zu haben,
Erblindet all der lichte Schein.

Man schickt, den edeln Leib zu salben,
Nach Wein umher von Haus zu Haus,
Doch ach, es liefen allenthalben
Die Flaschen und die Fässer aus.

Nun müht man sich um Totenkränze,
Vergebens, Winter ist's umher:
Nach diesem letzten aller Lenze
Erblühen keine Blumen mehr.

Es eilt, den Leichenzug zu schauen,
Manch liebend Paar im Jugendschein;
Sie fühlen nicht, wie sie ergrauen,
Doch Greis und Greisin stellt sich ein.

Wie sie den Sarg zur Erde schicken,
Wird tiefe Nacht herabgesandt:
Die Sonne würdigt nicht, zu blicken
Hinfort auf ein verödet Land.

Die Leichenrede spricht ein Sänger,
Die Stimme schallt so dumpf und hohl:
»Auf Freuden hoffet nun nicht länger,
Sagt allem Glück ein Lebewohl.«

Nun wird das Trauermahl gehalten,
Die Fackeln scheinen trüb und bleich
Auf die verkümmerten Gestalten:
Sie sitzen wie im Totenreich.

Sie sitzen, stumm in Schmerz verloren,
Und harren auf des Tages Licht:
Laßt euch begraben, arme Toren,
Denn ihr seid tot und wißt es nicht.

Aus: Zoozmann, Richard (Hg.): Dichtergarten der Weltpoesie. Eine Sammlung, von mehr als 3000 lyrischen und epischen Dichtungen deutscher und fremdländischer Dichter und Dichterinnen aus der ältesten Zeit bis zur Gegenwart… Gesammelt und herausgegeben. Berlin: Globus, o.J. (1920), S. 379

Lichtung

Zum gestrigen Todestag des Dichters Rainer Malkowski (* 26. Dezember 1939 in Berlin; † 1. Dezember 2003 in Brannenburg) ein Gedicht von Andreas Köllner.

Lichtung

Ein Gedicht von Malkowski
in den Morgen gedacht:

Das Nichtgesagte
zwischen den Zeilen
sich selbst aussprechen lassen

Zuhören
wie der Nebel
sich lichtet

Andreas Köllner (*1992 in Leipzig)

Studium der Philosophie sowie Deutscher Sprache u. Literatur; Lyrik mit Grafik im Netz unter dem Pseudonym wortegewand; Veröffentlichungen in Anthologien, Kalendern u. Zeitschriften – „Saitenwechsel: Gedichte“ (tredition, Hamburg 2022)

Gerichte

Michał Sobol

GERICHTE

In jedem von uns fließen ein paar Tropfen schwarzes Blut, und das Gericht
spürt sie auf. In der Verhandlung gähnen wir heimlich, damit das Rasseln

der Kette die Geschworenen nicht vom Prozeß ablenkt, oder betrachten
stumm unsere hologrammartigen Spiegelbilder auf der Scheibe

aus Plexiglas. Die Gerichte durchleuchten alles für uns. Manch einer
merkt nicht einmal, wo die Grenze verläuft zwischen Gericht

und Friseursalon — gut möglich, daß es gar keine gibt.
In der Zelle wartet auf jeden von uns ein Handtuch und ein Stück Seife.

Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann, aus: Sinn und Form 5/2022, S. 590

Der Tänzerin

Kasimir Edschmid 

(* 5. Oktober 1890 in Darmstadt; † 31. August 1966 in Vulpera, Engadin)

DEM GEDÄCHTNIS DER TÄNZERIN
ANGELIQUE HOLOPAINEN

Über der stahlgrellen Straffung von tausend entflammten Gelenken,
o wie liegt im Tanz ihr zweckloser Bizeps da kühl wie ein sänftiger Hund.
Und alle die andern, die Muskeln, entzündete Sehnen schwenken
Lächeln hinauf nach der Demut, die verzuckt an dem slavischen Mund.
Und da befällt mich die wütende Angst, in diesen verzückten Posen
sei nicht mehr Angelique, die bebt, wenn der Metro schrillt,
die wie ein Dolchstoß süß sich erhob und den Ansturm verfaulter Leprosen,
den zischenden Geifer zurückschlug und als glänzenden Schild
einzig den Ordinat trug der Pflegerin über den kindlichen Brüsten . . .
Apachenpfiffe zerrissen, Türme durchschwammen das Wetter, wie ein Blinkfeuer schlug Sacré Coeur
zerspiegelte Blitze hinein in die Stadt, und unter der Donner verdunkelten Lüstern
hing ihre madonnige Demut geneigt im Dächermeer.
Und nun ist mir die einzige Lösung, während in blinden Exstasen
ihrer Schenkel Bogen, ihre Brust ins Unermeßliche rollt:
Der silberne Brand dieser Lippen, in dessen verrauschenden Phasen
ein Monat der Liebe sich schaukelt bei Passy in Abend und Gold.

Aus: Kasimir Edschmid, Stehe von Lichtern gestreichelt. Gedichte. Hannover: Steegemann, 1919 https://www.gutenberg.org/files/40805/40805-h/40805-h.htm

Angst

Hart Crane

(* 21. Juli 1899 in Garrettsville, Ohio; † 26. April 1932 im Golf von Mexiko)

Fear

The host, he says that all is well
And the fire-wood glow is bright;
The food has a warm and tempting smell,—
But on the window licks the night.

Pile on the logs . . . Give me your hands,
Friends! No, — it is not fright . . .
But hold me . . . somewhere I heard demands . . .
And on the window licks the night.

1918

Angst

Es steht zum besten, sagt der Wirt
Und des Holzfeuers Glut, die lacht
Das Essen riecht warm, sein Duft verführt —
Doch an den Scheiben leckt die Nacht

Legt Holz auf, Freunde, reicht die Hand
Nicht Schreck ist’s‚ doch habt acht . 
Ich hört mich’s fordern von unbekannt . . .
Und an den Scheiben leckt die Nacht

Deutsch von Dieter Leisegang. Aus: Hart Crane, Moment Fugue. Englisch-Deutsch. Darmstadt: Bläschke, o.J. [1966] (Das Neueste Gedicht Bd. 21), unpaginiert

Wenn einst ein kühneres Geschlecht

Hedwig Lachmann

(* 29. August 1865 in Stolp, Provinz Pommern; † 21. Februar 1918 in Krumbach)

Unter der Schwelle

Ich bin ein Weib, zag, furchtsam, feig wohl gar –
Geschreckt von dem Gewühl auf lautem Markt;
Kleinlaut vor jähem Männerzwist und bar
Der Kampflust, die am Widerstand erstarkt.

Blut macht mich schaudern. Schwach und hilflos bin
Ich vor der Wunde, die im Fleische klafft,
Und fremd und feindlich wendet sich mein Sinn
Von Waffentaten, noch so heldenhaft.

Weich schuf mich die Natur. In Tränen bricht
Mein Unmut sich wohl leicht, nach Frauenart,
Und traumhaft legt sich eine Zuversicht
Mir oft verhüllend um die Gegenwart.

Doch lebt in mir ein Etwas, eine Kraft,
Mir selber kaum bewusst und unbewährt,
Die gegen herrische Gewalt sich strafft
Und eine Glut in ihrem Kerne nährt.

Ich weiss: wenn einst ein kühneres Geschlecht,
Von Machtbegehr und Ruhmsucht nicht verführt,
Allein der Stimme seines Bluts gerecht,
Die Freiheit forderte, die ihm gebührt –

Dies Herz, das jetzt noch zittert vor dem Strahl,
Es hielte stand, so fest und ungebeugt,
Wie, trotz der Übermacht von Erz und Stahl,
Ein Mannesherz für reine Wahrheit zeugt.

Quelle:
Hedwig Lachmann: Gesammelte Gedichte. Potsdam 1919, S. 98-100.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005229375

Gerd Adloff zum 70.

mit herzlichem Glückwunsch!

Gerd Adloff

Immer das Mädchen am Nachbartisch

Das Kleid schwarz
mit Gold durchwirkt
nur ein wenig
Witwe des goldenen Zeitalters
einer schon immer verheißenen Zukunft

Die grüne Strähne im Haar, erschreckend
wie ein vergessener Streifen Gras
in toter Landschaft

Augen, tief
die nichts mehr glauben
in die du fallen möchtest
besser ein Sturz
als gar kein Leben

Du stehst auf 
während sie den Kaffee umrührt
wieder und wieder
rufst an
und von der Bandschleife die Stimme
gibt dir Auskunft: 
Wir erwarten die Zukunft in Kürze.

Aus: Gerd Adloff: Wir erwarten die Zukunft in Kürze (Schock Edition). Berlin: EdK / Distillery, 2012 (unpaginiert)

Wir sind die Moorsoldaten

Am 27. August 1933 wurde im Konzentrationslager Börgermoor bei Papenburg im Emsland das „Moorsoldatenlied“ aufgeführt (es wurde 2 Tage später von der Lagerleitung verboten).

Texter des Liedes waren der Bergmann Johann Esser und der Schauspieler und Regisseur Wolfgang Langhoff, die Musik stammt von dem kaufmännischen Angestellten Rudi Goguel. Das Lied wurde am 27. August 1933 bei einer Veranstaltung namens Zirkus Konzentrazani von 16 Häftlingen, überwiegend ehemaligen Mitgliedern des Solinger Arbeitergesangvereins, aufgeführt. (Wikipedia)

Lied vom Börgermoor

1. Wohin auch das Auge blicket.
Moor und Heide nur ringsum.
Vogelsang uns nicht erquicket,
Eichen stehn kahl und krumm.
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

2. Hier in dieser öden Heide
ist das Lager aufgebaut,
wo wir fern von jeder Freude
hinter Stacheldraht verstaut.
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

3. Morgens ziehen die Kolonnen
in das Moor zur Arbeit hin,
graben bei dem Brand der Sonne,
doch zur Heimat steht der Sinn.
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

4. Heimwärts, heimwärts! Jeder sehnet
sich nach Eltern, Weib und Kind.
Manche Brust ein Seufzer dehnet,
weil wir hier gefangen sind.
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

5. Auf und nieder geh´n die Posten,
keiner, keiner kann hindurch,
Flucht wird nur das Leben kosten,
vierfach ist umzäunt die Burg.
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

6. Doch für uns gibt es kein Klagen,
ewig kann´s nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen: Heimat,
Du bist wieder mein!
Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit dem Spaten in´s Moor!
Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit dem Spaten in´s Moor!
Gesungen von Ernst Busch in der Bearbeitung von Hanns Eisler

Das war Meer

Dieter Roth

(* 21. April 1930 in Hannover; † 5. Juni 1998 in Basel)

Man sah, das Meer war, wie man sah,
das Meer, war, als man Wellen dachte,
doch sah man Wellen nicht. Man machte
aus Wellen Meer. Doch was man sah

war Meer. Das war geworden was man sah,
was nicht in Wellen sachte
sich selbst zu Meer aus Wellen machte,
aus Wellen Wellen machte. Das

war Meer. Das war geworden was
man sah, was nicht in Wellen dachte,
was selbst sich auf sich selber machte,
aus Wellen Wellen machte, das,

da man in Wellen machte (was
man machen darf so man es dachte),
so sagt : Das waren Wellen was man sah,

nicht was man dachte. Ach, so sachte
man auf den Wellen die man sah
in Wellen machte. War das was ?

Aus „Roth, Scheisse“-Büchern, in: Zwei Jahrzehnte Rainer Verlag. Ein Almanach, hrsg. Rainer Pretzell. Berlin 1986, S. 117

Zwielicht

Robert Gray 

(* 23. Februar 1945 in Port Macquarie, Australien) 

Twilight

These long stars
on

stalks
that have grown up

early
and are like

water
plants and that stand

in all
the pools and the lake

even
at the brim

of
the dark cup

before
your mouth these

all of them are
the one

slit
star

Zwielicht

Diese langen Sterne
auf

Stengeln
die früh

hoch wuchsen
und gleich

Wasser-
pflanzen in all

den Weihern
und im See stehen

selbst
am Rand

des
dunklen Kelchs

vor
deinem Mund diese

alle sind
der eine

aufgeschlitzte
Stern

Deutsch von Joachim Sartorius, aus: Robert Gray, Schwindendes Licht. Gedichte. Neumarkt / Oberpfalz: Thomas Reche, 2007, S. 56f

Sommer

Georg Trakl 

(* 3. Februar 1887 in Salzburg; † 3. November 1914 in Krakau) 

Sommer

Am Abend schweigt die Klage
Des Kuckucks im Wald.
Tiefer neigt sich das Korn,
Der rote Mohn.

Schwarzes Gewitter droht
Über dem Hügel.
Das alte Lied der Grille
Erstirbt im Feld.

Nimmer regt sich das Laub
Der Kastanie.
Auf der Wendeltreppe
Rauscht dein Kleid.

Stille leuchtet die Kerze
Im dunklen Zimmer;
Eine silberne Hand
Löschte sie aus;

Windstille, sternlose Nacht.

Aus: Georg Trakl, Sebastian im Traum. Leipzig: Kurt Wolff, 1915, S. 68

Abschied vom Frieden 1913

Vor 100 Jahren war ein heißer Sommer und soweit Frieden in Europa. Viele und namentlich auch viele der von uns „Expressionisten“ genannten Dichter empfanden die relative Ruhe als bedrückend und erhofften im Gedicht einen Sturm. Den bekamen sie auch bald. Viele verloren das Leben, andere die Freunde oder das Land. (Wir im 21. Jahrhundert sind auch nicht besser). Wie dem sei, mit diesem unbehaglichen Gedicht geht die Lyrikzeitung in eine kurze Sommerpause. In fünf Tagen gehts weiter.

Albert Ehrenstein 

(* 23. Dezember 1886 in Ottakring, Österreich; † 8. April 1950 in New York, USA)

Sommerfrische

Der Himmel ist wie eine blaue Qualle.
Und rings sind Felder, grüne Wiesenhügel –
Friedliche Welt, du große Mausefalle,
entkäm ich endlich dir .. O hätt ich Flügel –

Man würfelt. Säuft. Man schwatzt von Zukunftsstaaten.
Ein jeder übt behaglich seine Schnauze.
Die Erde ist ein fetter Sonntagsbraten,
hübsch eingetunkt in süße Sonnensauce.

Wär doch ein Wind .. zerriß mit Eisenklauen
die sanfte Welt. Das würde mich ergötzen.
Wär doch ein Sturm .. der müßt den schönen blauen
ewigen Himmel tausendfach zerfetzen.

Aus: Die Aktion. Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst. 3. Jg., Nr. 40, 4. Oktober 1913, Sp. 945