Günter Kunert
(geboren am 6. März 1929 in Berlin; gestorben am 21. September 2019 in Kaisborstel)
Tücke des Feindes Nichts erfuhr auf der Insel Ioa eine japanische Kompanie vom Ende des Krieges, vom Stillstehn der Waffen, von der Verwundeten Austausch, Befreiung der Gefangenen, dem beginnenden Aufbau zerstörter Häuser und Städte, sondern zog morgens auf Wache, spürte hinter jedem Gesträuch nach, erschreckt vom Ruf wilder Hirsche, mißtrauisch gegenüber der Nachtigall, ob sie nicht etwa ein getarntes Signal, vor Wachsamkeit schlaflos und völlig zermürbt und hielt, daß kein Feind kam, für eine besondere Tücke des Feindes.
Aus: Günter Kunert: Notizen in Kreide. Gedichte. Leipzig: Reclam, 1970, S. 64
Jiří Kolář
(* 24. September 1914 in Protivín; † 11. August 2002 in Prag)
| Würden fliegen sie Eier Bäume könnte Möbel wären eßbar ich ein aus Schrank aus gebratene auf Furnier Essig druckte die auf erschiene Zeitung einem schriebe mit Peitsche den schriebe mit Peitsche den führen Leute der führen Leute der ginge endlich Lebendige es | Bäume legten auch legten Eier man essen Möbel machte mir Rippchen einem Salat Stühlen Hobelspäne Sägmehl mit und man Zeitung Beefsteak die auf Beefsteak man der auf Rücken man der auf Rücken die aus Haut die aus Haut es ins ginge endlich |
Aus dem Tschechischen von Konrad Balder Schäuffelen und Tamara Kafková. Aus: Jiří Kolář, Das sprechende Bild. Poeme – Collagen – Poeme. Mit einem Nachwort von Konrad Balder Schäuffelen. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1971, S. 63f
August von Platen
(* 24. Oktober 1796 in Ansbach; † 5. Dezember 1835 in Syrakus, damals Königreich beider Sizilien)
Sonette 35. Wer möchte sich um einen Kranz bemühen, Den unsre Zeit, die feile Modedirne, Geschäftig flicht für jede flache Stirne, Aus Blumen flicht, die zwo Sekunden blühen? Wer wollte noch für das Vollkommne Glühen, Wo man willkommen ist mit leerem Hirne? Wer wollte fliegen gegen die Gestirne, Wo Funken bloß aus faulem Holze sprühen? Gereimten Aberwitzes Propaganden, Fahrt ruhig fort, euch wechselseits zu preisen, Und stellt euch nur, als wär ich nicht vorhanden! Ein Zeitungsblatt ist leider nicht von Eisen, Und wenn posaunt ihr seid in allen Landen, Eins fehlt euch doch – es ist das Lob der Weisen.
Aus: August von Platen, Gedichte (Ausgabe 1834)
Tone Avenstroup
tyskland under merkel menn mater svaner i havel ensomme menn fisker på hver sin bredde av kanalen snørene henger i grå dis falmede blad driver forbi
deutschland unter merkel männer füttern die schwäne auf der havel einsame männer fischen jeder an seiner uferkante die schnüre hängen im grauen dunst verblasste blätter treiben vorbei
Aus: Tone Avenstroup, Silene. fünf serien und vier vereinzelte. fem serier og fire løse. Oberwaldbehrungen: Engstler, 2016, S. 11. Übersetzung aus dem Norwegischen von Tone Avenstroup mit Dank an Henryk Gericke
Heinrich Leuthold
(* 9. August 1827 in Wetzikon; † 1. Juli 1879 in Zürich)
Im sichern Hafen land ich nie; Mich selber überwand ich nie; Des Lebens Wechsel sucht ich auf, Doch seinen Reiz empfand ich nie; Mein Herzblut rieselt hin im Lied, Dies wunde Herz verband ich nie. Wohl hab ich oft geklagt, jedoch Mein herbstes Weh gestand ich nie: Die Schönheit, die ich früh geliebt, Die göttliche, umwand ich nie; Da wollt ich folgen der Vernunft, Doch ihren Wink verstand ich nie; Wieviel ich in der Welt erstrebt, Den Stein der Weisen fand ich nie.
Aus: Die Krokodile. Ein Münchner Dichterkreis. Hrsg. Johannes Maar. Stuttgart: Reclam, 1987, S. 353
Günther Deicke
(* 21. Oktober 1922 in Hildburghausen; † 14. Juni 2006 in Mariánské Lázně, Tschechien)
Nacht Da ist nur Stille. Eine Frau, ein Mann. Kein Spiel der Finger und kein Spiel der Zehen. Die nichts als ihre eigne Nacht ansehen, vergehn und gehn einander nichts mehr an. Da ist der Wind gleichgültig und der Regen, der vor dem Fenster hart herniederschlägt. Da ist nur Nacht, die schwer am Dunkel trägt, kein Feuer flammt, kein Zeichen auf den Wegen. Gedanken wolln gesagt sein. Doch kein Wort. Und ihre Nähe kennt nicht die Berührung. Zwei Boote, steuerlos und ohne Führung. Die Nacht ist wie ein Meer und schwemmt' sie fort.
Aus: Wulf Kirsten & Wolfgang Trampe (Hrsg.): Don Juan überm Sund. Liebesgedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1975 (Edition Neue Texte), S. 55
Theodor Storm
(* 14. September 1817 in Husum; † 4. Juli 1888 in Hanerau-Hademarschen)
Hyazinthen Fern hallt Musik; doch hier ist stille Nacht, Mit Schlummerduft anhauchen mich die Pflanzen; Ich habe immer, immer dein gedacht; Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen. Es hört nicht auf, es rast ohn Unterlaß; Die Kerzen brennen und die Geigen schreien, Es teilen und es schließen sich die Reihen, Und alle glühen; aber du bist blaß. Und du mußt tanzen; fremde Arme schmiegen Sich an dein Herz; o leide nicht Gewalt! Ich seh dein weißes Kleid vorüberfliegen Und deine leichte, zärtliche Gestalt. – – Und süßer strömend quillt der Duft der Nacht Und träumerischer aus dem Kelch der Pflanzen. Ich habe immer, immer dein gedacht; Ich möchte schlafen; aber du mußt tanzen.
Tom de Toys, 1.10.2022 ©POEMiE™ @poetryclip.de
SELBSTANALDÜSE (FURZEN FÜR DEN FRIEDEN) das geht jetzt zu weit - is schon klar denn: es geht hier um literatur und nicht um selbstanalyse. ich hätte schauspieler werden können und pianist auch professor wäre eine option gewesen dann hätte ich sogar beamtenstatus und wäre unkündbar und das notwendige kleingeld käme immer aus dieser zaubertasche die nie leer wird ich sage NIE LEER was für ein paradies, was für ein para... aber was is passiert? ein poet is der junge jetzt trotzdem oh welch eine schande! eine verschwendung von naturtalent intelligenz und hochbegabung aber es ist zu spät er hat bereits 1 gedicht VERÖFFENTLICHT in einer zeitschrift die niemand kennt ich sage: NIEMAND! die zeitschrift hat keine leser der herausgeber is irgendein wahnsinniger ein idealist träumer hartz4-empfänger mir stand die welt offen als ich zu jung war um mitzuspielen ich hatte fragen nicht irgendwelche sondern die sogenannten "letzten" fragen ich entschied instinktiv daß diese fragen zunächst geklärt sein müssten bevor ich mir ein identitätskorsett umschnüre und keine luft mehr vor lauter arbeit kriege dieses sich totarbeiten bis zur rente um danach nicht mehr atmen zu können vor lauter verzweiflung über das verlorene leben im büro mit kollegen die überhaupt keine fragen stellen die nie angefangen hatten zu DENKEN geschweige denn FÜHLEN die einfach nur abarbeiten was andere ihnen vorlegen und nach der arbeit ihre seltsamen hobbys pflegen über die wir hier besser nicht reden sollten nein nein das geht alles zu weit, meine damen und herren hier geht es um LITERATUR und um poesie und ich sitze hier vor ihnen WEIL ich ein dichter bin ein verfickter besoffener arschlochdichter der keine reime verwendet der keine metaphern benötigt der keine geheimnisse um irgendein sensationelles originelles thema macht ICH HABE KEIN THEMA. jetzt hab ichs verraten. oh ja, schmeisst mich raus! und beschimpft mich! verwehrt mir erfolg und den ruhm der institutionalisierten ein zungenbrecher! I N S T I T U T I O N A L I S I E R T E N. na geht doch. lange geübt. stimme warm gemacht. immer wiederholt bis es sitzt sogar auswendig sehen sie ich schaue noch nichtmal auf das manuskript: institutionalisierten. nicht zu verwechseln mit internierten. ich bin weder interniert noch institutionalisiert meine werke wurden noch nicht verbrannt (das kommt noch wenn ich so weiter mache) wollen sie noch ein gedicht? ein schönes? richtiges? ich hätte da noch was feines speziell für liebhaber von guten gedichten ein gedicht für den literaturkanon ein wahrhaftiges echtes erfolgsgedicht ein nobelpreisgedicht ein ein förderungswürdiges stipendiumsgedicht das in jeder zeitung gedruckt wird und tausende leser erreicht ich hätte es schon am anfang gebracht aber ich wollte das beste fürs ende aufheben damit sie mit einem super gefühl heimgehen der abend hat sich gelohnt die veranstaltung war eine literarische offenbarung es bleibt leider keine zeit mehr dafür aber ich schwöre ich hätte da wirklich noch ein gedicht gehabt das ihnen allen so richtig gefällt kommen sie wieder sie finden mich immer hier auf der parkbank bei jedem wetter
Andrea Zanzotto
(* 10. Oktober 1921 in Pieve di Soligo; † 18. Oktober 2011 in Conegliano)
… werde ich euch so gut es geht und im Vertrauen ein sehr heiteres Gedicht vorlesen, das das Thema von Leopardis Quiete dopo la tempesta (Ruhe nach dem Sturm) aufgreift. Die Heiterkeit ist hier wie ein inneres Feuer, ich identifiziere mich sogar mit der Sonne und stelle mir vor, dass ich die Ursache des Widerscheins in den Fenstern bin; denn nach dem Gewitter tauche ich wieder auf, und die Heiterkeit entspringt dem kurzen Moment der Wiederversöhnung. Ich habe Leopardi nicht direkt imitiert, aber wenn man die Freude beschreiben will, die man empfindet, wenn nach dem Gewitter wieder die Sonne scheint, muss man sich unweigerlich mit dem langen Schatten Leopardis auseinandersetzen, der im Grunde ja auch kein Schatten, sondern ein leuchtendes Phantasma ist.
IN MEINEM DORF Zierlich sind nunmehr die Träume die mich allesamt lieben mit ihnen bleibe ich in meinem Dorf, mich gelüstet nach Zucker; jenseits des Platzes und des roten Salbei findet der Regen Unterschlupf es ersterben die Geräusche auch der dumme Kummer der dich fürchten gelehrt hat diesen Alptraum-Tag und sein Schwarz einer harmlosen Schlange Von meiner Rückkehr glitzern die Fenster Und die Äpfel bei mir zuhaus, die Anhöhen sind die ersten benetzten Ziele der Himmel, lauter Wasser aus Gold füllt den Eimer lauter Sand meinen Hof und mit den Anhöhen reimen sie sich Von Tor zu Tor wird Liebe geschrieen in der süßen Verwüstung und die Sonne unsichtbar neigt sich über eine neue Seite des Sturms.
Deutsch von Karin Fleischanderl, aus: Andrea Zanzotto, Die Welt ist eine andere. Poetik. Holderbank: Engeler / Wien und Bozen: Folio, 2010, S. 117
NEL MIO PAESE Leggeri ormai sono i sogni, da tutti amato con essi io sto nel mio paese, mi sento goloso di zucchero; al di là della piazza e della salvia rossa si ripara la pioggia si sciolgono i rumori ed il ridevole cordoglio per cui temesti con tanta fantasia questo errore del giorno e il suo nero d’innocuo serpente Del mio ritorno scintillano i vetri ed i pomi di casa mia, le colline sono per prime al traguardo madido dei cieli, tutta l’acqua d’oro è nel secchio tutta la sabbia nel cortile e fanno rime con le colline Di porta in porta si grida all’amore nella dolce devastazione e il sole limpido sta chino su un’altra pagina del vento.
Paul Zech
(* 19. Februar 1881 in Briesen, Westpreußen; † 7. September 1946 in Buenos Aires)
Café Auch hier ist alles nur Betrug und Schein: Die Geige lügt, die Kellner gehn gemein. Das Wort noch, in Gesprächen ausgetauscht, macht uns nicht heiß. Wir sind belauscht. Wir haben eine Aristokratie aus uns gemacht, gelenkig unser Knie. Wir wissen von der Nacht nur, daß sie tanzt, nicht, daß sie unsere Existenz zerfranst. Den Bettler vor dem windigen Portal sehn wir nicht an, das Bild ist schal und doch im steten Trotz der Wiederkehr der Spiegel: wie verkalkt sind wir und leer! . . . Da stürzt ein Pferd, der Damm schluckt schwarzes Blut Und niemand hat mehr einen Funken Mut, dem Schmerzgeschmetter das Pistol zu ziehn. Was hilft dies uns, daß wir vor Ekel fliehn? Es stürzen Tausend diese Nacht noch hin, die sich mit Faust und ausgetrotztem Kinn ein Dasein zimmerten. Wofür noch sind wir da? Wir fechten in den Wind. Wir häufen einen Chimborasso von Papier, nicht Waffen und sind immer noch nur vier, nicht Millionen wider diese Zeit. Der Strom der Not wächst bald zu breit. Eh’ nicht ein Wall von Fleisch die Brücke baut –: seid auf der Gasse laut, auf allen Kanzeln zeigt das rote Tuch, durch jede Gurgel müssen wir den Fluch hindonnern: „alte Ordnung stirb !“ . . . . . . ich höre nur Gezirp. Das Herz in unserem Tun gefror. Mit krummen Hörnern stößt der Morgen vor.
Aus: Gedichte des Expressionismus. Hrsg. Dietrich Bode. Stuttgart / Reclam, 1991, S. 86f (1. Aufl. 1966)
Ich bleibe noch einen Tag bei Handrij Zejler. Ein Gedicht des deutschen und sorbischen Dichters Kito Lorenc, der als Christoph Lorenz aufwuchs, bis er seine sorbische Herkunft entdeckte. Kito Lorenc war einer aus dem mächtigen Haufen der „sächsischen Dichterschule“. Hier huldigt er dem Vorfahren Seiler/Zejler.
Huldigung für den Fabeldichter Handrij Zejler
Ein Wagen ohne Deichsel, Rad
und ohne Beispiel ein Traktat,
sie seien noch so fabelhaft:
mit beiden hast du nichts geschafft.
Vorspruch zu den Fabeln, 1855
So fabulös war alles erdacht: Die Weisheit
muß man unter die Leute fahren, zu Markte
karren fuderweis, und damit es fährt, das
Fuhrwerk, braucht es als Beispiel das Rad.
Da rollt nun das Wägelchen immer gemächlich
im Trochäus oder auch munter im Daktylus
fein brav den Heideweg lang holterdipolter
Versfuß um Versfuß im Schritt hin über
Wurzel und Stock und Stein sechs Strophen
weit bis zum Ziel, wo dann beim Reimgewend
die Lehre, sprichwörtlich gebündelt, vom Wagen
kippt mit einem Ruck. Doch unterwegs, so
Verszeile drei, bricht, unter der Schwere
der Ladung, das Rad ab der Fuchs, will sagen
das Beispiel, und tippel tappel, ach laßt doch
den Wagen, es hinkt jetzt, das Bild also
der Fuchs, dies zum Beispiel, läuft Ähren
lesen ins Feld und alle Leser wie Mäuse
ihm nach — weg sind sie strophenlang. Item
der Wolf, da rennt er gleich Brennholz sammeln
im Wald, der Dachs macht sein Nickerchen
am Wegrand, der Hase spielt Geige, es schwätzt
der Hamster mit dem Bauer im Haustor, seinen
Kuhflatsch erblickt der Mistkäfer, zur Kirmes
ins Dorf eilt die Feldmaus, der Bär lädt
zum Schlachtfest, der Aberglaube hinwiederum
und was seine Braut ist, die Faulheit, die beiden
feiern Hochzeit elf Strophen durch, vor
sie sich ersäufen lassen in der Moral. Folglich
das Traktatwägelchen, jetzt brauchen wir's wieder,
kommt nicht vom Fleck, verstreut sind die Leser
in der Zeit, die Räder zu suchen, zum Beispiel
den Fuchs, der lief tippel tappel –
Und überall wartet der Dichter verschmitzt
schon mit seinem Wagen, auf dem Heideweg
in der Vergangenheit hinten oder vorn in der Zukunft
auf der Asphaltstraße‚ und deichselt die Wahrheit.
Aus: Poesiealbum 143: Kito Lorenc. Berlin: Neues Leben, 1979, S. 18f

Handrij Zejler
(gesprochen wie Seiler, deutsche Namensform Andreas Seiler; * 1. Februar 1804 in Salzenforst bei Budissin / Bautzen; † 15. Oktober 1872, heute vor 150 Jahren in Lohsa, Oberlausitz) gilt als Vater der modernen sorbischen Dichtung.
Gedankensplitter Gott, den Meister, will ich preisen, daß nicht alle Vögel Meisen! * Was bist? Was kannst? So fragt man dich, doch niemand wägt die Müh’ an sich. * Der Narr verrät sich unbedacht, so er nicht spricht, dann, wenn er lacht. * Wo man hadert laut, wenig wird gebaut. * Gute Happen vor ein Schwein man warf — aus lauter Liebe, schloß es messerscharf. * Wer Krieg führt mit dem großen Leid, der hat für Kleinkram keine Zeit. * Alles Gute kann sich selbst empfehlen, ihren Klumpfuß nicht die Wut verhehlen. * Wie eine Schwalbe leicht, so fliegt es fort, Vier Pferde zieh’n es nicht zurück: das Wort.
Deutsch von Kito Lorenc, aus: Kito Lorenc (Hrsg.): Das Meer. Die Insel. Das Schiff. Sorbische Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Mit einem Geleitwort von Peter Handke und einem Nachwort von Christian Prunitsch. Heidelberg: Wunderhorn, 2004, S. 113
Saul Tschernichowski
(hebräisch שאול טשרניחובסקי; ukrainisch Саул (Шауль) Гутманович Черниховський, Saul Hutmanowitsch Tschernichowski; geboren am 20. August 1875 in Michailiwka im Süden der Ukraine; gestorben am 14. Oktober 1943 in Jerusalem)
Wem gehört der Dichter? Geboren in einem Ort im Süden der Ukraine, der zum Russischen Reich gehörte. Exiliert nach Deutschland und dann nach Palästina, damals britisches Mandatsgebiet, heute Israel. Sowohl russische als ukrainische Wikipedia nennen ihn einen jüdischen Dichter hebräischer Sprache. Ist er, als Jude, staatenlos? Sein Geburtsort ist seit 7 Monaten russisch besetzt und seit Anfang des Monats der Russischen Föderation angeschlossen.
Und wem gehört der Friedhof von Bachtschisaraj? Das ist eine tatarische Stadt, sie liegt auf der Krim, die 2014 auf dem gleichen Weg heim ins Reich geholt wurde wie jetzt die nur wenige Tage existierende „Volksrepublik Saporishshja“. Tschernichowskis Gedicht nennt „Grusier“ (die russische Bezeichnung für Georgier) und Deutsche. Ob die Tataren nicht genannt werden, weil sie auf einem eigenen islamischen Friedhof begraben wurden? Ich vermute es. Jedenfalls kommt auch Allah im Gedicht vor. Ich erwähne noch, dass der Türke (Osmane) Çelebi, der Russe Puschkin und der Pole Mickiewicz über die Stadt schrieben. Und nun der „Hebräer“ Tschernichowski.*
Der Friedhof neben dem Palast von Bachtschisaraj Ein Gott des Gartens hat den Garten hier gepflanzt! Hier erntet Azrael. Im Schatten weinen Eschen, Zypressen, Weiden und das welke Laub der Pappel. Und zwischen Halmen des Getreides auf den Pfaden — ruhen dort ewig bei den blauen Herbstzeitlosen die Töchter Grusiens, Germaniens und Töchter der Inseln, braun vom Licht der Sonne, Handelsware gleich wurden sie gepflückt nach Lust des dumpfen Herrn. Wer weiß, ob nicht erst jetzt, posthum, aus fremdem Auge, das selbst die Lettern in den Namen nicht erkennt, die Träne fließt, nach der sich jene Töchter sehnten. Denn Allahs Hand bestimmt: Wer nur gefangen wird und wessen Antlitz rot wird unter dem Florett, und wessen Angesicht verfluchte Schönheit küsst... Odessa 8. April 1921

Deutsch von Jörg Schulte, aus Saul Tschernichowski: Dein Glanz nahm mir die Worte. Band I. Sonette, Idyllen, Gedichte. Aus dem Hebräischen von Jörg Schulte. Mit einem Vorwort von Aminadav Dykman. Berlin: Edition Rugerup, 2020, S. 92f
*) Jedenfalls sollten wir die versimpelnde, die Propagandaerzählung von den „ethnischen Russen“, die nichts sehnlicher wünschen als zurück zu Mütterchen Russland, mal als solche wahrnehmen.
János Rimay
(Um 1573 — 9. Dezember 1631)
Gedicht, in dem er den Verderb der ungarischen Nation beklagt Oh, du armes Ungarvolk, entkräftet und verfallen, Einst warst du durch Heldentum und Mut gerühmt von allen. Weh, jetzt mahnst du an gestürzte Heldenbildgestalten, Keiner deiner Wege blieb dir unversehrt erhalten. Dein Geblüt, einst hoch gepriesen, wird nicht mehr geachtet, Dein soviel begehrter Säbel wird billig verpachtet, Deine alte Größe ist entadelt und zertreten, Dort, wo du einst glücklich warst, wirst du nicht hingebeten. Deine jungen Herrn, zur Hoffnung für die Welt erzogen — Wie gerupfte Hähne sind sie auf den Mist geflogen. Mästen nun mit ihrem Fett die Söhne fremder Schinder, Die nicht besser zu dir sind als Satans wahre Kinder. Alle festen Burgen deiner Grenzen sind zerfallen, Und dein schönes Heer ist nun das schwächste Heer von allen. Treu ist nur die Not geblieben, schläft in deinem Bette, Deine weitgerühmten Speisen sind entblößt vom Fette. Keiner hat für dich ein Mitleid, mußt dich selbst beklagen, Der dir auf dem Rücken reitet, hat dich so geschlagen Der aus deinem Reichtum soviel Schönheit schaffen könnte, Macht aus deinen Schätzen seine feile Lebensrente. Weder Geld noch Grund, noch Tuch, noch alle Alimente Sind ein Lohn, der dich zu seinem Dienst verführen könnte. Und du wunderst dich, daß dich nicht alle Stände plündern — Alle hängt der große Dieb, die seine Beute mindern. Vaterland, geliebtes Ungarn, meine lieben Schwäher, Eure Liebe bringt im Winter mir den Frühling näher. Klagt und weint und ruft mit mir, den Himmel zu erweichen — Diese Verse nehmt als Botschaft und als Liebeszeichen.
Deutsch von Heinz Kahlau, aus: Ungarische Dichtung aus fünf Jahrhunderten. Hrsg. Stephan Hermlin und György Mihály Vajda. Berlin und Weimar: Aufbau, 1970, S. 21f
KIBEN KESEREG A MAGYAR NEMZETNEK ROMLÁSSÁN S FOGYÁSSÁN Nóta: Legyen jó idő Ó, szegény megromlott s elfogyott magyar nép, Vitézséggel nevelt hírrel vagy igen szép, Kár, hogy tartatol úgy, mint senyvedendő kép, Elémenetedre nincs egy utad is ép. Kedvelt, böcsült véred lett csúfoltságossá, Szablyádnak bév zsoldja nagy olcsóságossá, Megcsorbult nemzeted változott korcsossá, Neved ékessége utálatságossá. Föld reménségére felnevelt úrfiak Szemétre vettetnek úgy, mint köz tyúkfiak, Zsírokkal hízódnak az idegen fiak, Hozzád nem különbek, mint az ördögfiak. Hazádnak szép vége mindenütt csonkán áll, Sereged szép száma fogy, romol s szállton száll, Ínséged nő s árad, veled egy ágyban hál, Bév étkeid helyett rakódik apró tál. Ki szánhat? bánd magad nyomorúságidot, Mert nézi s nem érzi az csak romlásodot, Aki építhetné te szép országodot, Könnyen múlatja el csak zálaglásidot. Sem pénz, jószág mostan, s méltó árú posztó Nem indít, hogy szolgálj, megszűkült az osztó, Csudáld, hogy minden rend nem kóborló s fosztó, Az nagy orv mert kicsint szörnyebb felakasztó. Ó, kedves nemzetem, hazám, édes felem, Kivel szerelmetes mind tavaszom s telem, Keseregj, sírj, kiálts Istenedhez velem; Nálad, hogy szeretlek, legyen ez vers jelem.
Stefan Döring
das gedicht das gedicht das notizbuch bleibe das notizbuch das telefon bleibe das telefon die zigarette die zigarette und das gedicht das gedicht das wetter sei nicht wetterbericht die strasse nicht strassenverkehr das leben sei nicht lebenslauf und der weg nicht strecke gestürmt werde nicht der himmel ausgelotet nicht die tiefe zerstückelt nicht der tag nicht durchleuchtet der schlaf die sprache bleibe die sprache die ferne bleibe die ferne die zeit die zeit und das gedicht das gedicht die welt sei nicht weltall der schritt nicht fortschritt die gelegenheit nicht käuflich die billigung nicht wohlfeil bewacht werde nicht die wachheit beäugt nicht der augenblick abgehört nicht das schweigen nicht ruhiggestellt die stille der mensch bleibe der mensch die krankheit die krankheit der tod der tod und das gedicht das gedicht
Aus der neuesten Ausgabe der Berliner Zeitschrift Abwärts! („Zweite Stufe der Vorarbeit“), Nr. 45, August 2022
(BasisDruck Verlag, 40 Seiten, 7 Euro. Beiträge von Jörg-Michael Koerbl, El Loko, Astrid Beutel, Li Po, Adam Ważyk, Emily Dickinson, HEL Toussaint u.v.m..)
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