John Förste
(* 26. Januar 1889 Mainz, † 21. März 1941 Berlin-Buch)
Dem Vorstand des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller gewidmet
Man denkt an Sauerkraut, Arteriosklerose, An weiche Birnen, Troddel, Greisenblick, An Wald- und Wiesenkitsch, an Pickeln im Genick. — Und sowas urteilt nun! — mit Händen in der Hose. Hier scheint der Geist bewegt in jener Sauce, Die bärtigen Männern pralle Westen garantiert; Durchschnitt marschiert! — zur Not genügt die Pose! — Und sowas richtert nun, — daß Dir der Arm gefriert! Kennst das Grauen, wenn schwammige Ziegenbärte im Kreise ihre morschen Hälse heben? Es dröhnt der Hinterbaß, verbeulte Brillen streben, Und alsbald sabbert es, mit Kunstjefühl und Härte! Du selbst wirst kaltgestellt und stehst allein. Nichtmitglied! Außerhalb von arrivierten Kitschern, Und schaust (teuflisch!) zur Nacht beim Läusezwitschern Das ewige Bild vom Greis mit lahmem Bein.
Aus: John Förste, Versensporn 23. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2016, S. 20f
Am 5. September vorigen Jahres starb die Schriftstellerin Eva Zeller im Alter von 99 Jahren. Begraben ist sie in Görzke im Fläming, ihr literarischer Nachlass wird in Marbach aufbewahrt.
Heute vor 100 Jahren wurde sie geboren.
Eva Zeller
(* 25. Januar 1923 in Eberswalde; † 5. September 2022).
WORT Trabant des Gedankens Gedankenmond Seine Oberfläche bekannter als sein schwankender Abstand von uns Auch wenn Traumtänzer Staub Fluß und Meer sagen es bleibt reine Beschreibung Staub Fluß und Meer entsprechen nicht den Bildern die wir meinen (am wenigsten der unbewegte Abgrund der im Trockenen ertrinkt) Nur der Leutseligkeit der Sprache ist es zuzuschreiben daß wir nicht verstummen
Aus: Neue Deutsche Hefte. Hrsg. Joachim Günther. Jahrgang 21 Heft 4 / 1974, S. 678
Tom de Toys, 13.1.2023
(* 24. Januar 1968 in Jülich-Nord; † 23. Januar 2069 in Eller-Süd)
Fürstliches Gedicht „NOBELPREIS MIT 75“ : IRONIE ODER DES SCHICKSALS?
„…was den Grad der Direktheit bestimmte, war die innere Notwendigkeit jedes einzelnen Gedichts…“
Michael Hamburger, 1969/1972 in: DIE DIALEKTIK DER MODERNEN LYRIK (VON BAUDELAIRE BIS ZUR KONKRETEN POESIE)
NOBELPREIS MIT 75
(inspiriert vom Film >I’M STILL HERE< von/mit Joaquin Phoenix 2008/2010)

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Erstveröffentlichung heute bei L&Poe, wird danach vom G&GN-INSTITUT (g-gn.de) übernommen.
Für dieses Gedicht von Léopold Sédar Senghor muss man vielleicht wissen, dass der Autor in Westafrika geboren wurde, als es eine französische Kolonie war, und seine Hochschulbildung in Frankreich erhielt. Und dass Frankreich die Bewohner der Kolonien für seine Kriege rekrutierte. Senghor wurde Soldat der französischen Armee und geriet 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft (wo er beinahe erschossen worden wäre). Nach Erlangung der Unabhängigkeit seiner Heimat wurde er Präsident der Republik Senegal.
Als Dichter begründete er zusammen mit Aimé Césaire und anderen das Konzept der „Négritude“, laut Verlagswerbung „der politischen und geistigen Einigkeitsbewegung aller Afrikaner, die Sartre als »eine liebevolle Einstellung zur Welt« definiert. »Négritude«, wie Senghor und Césaire sie begreifen, ist der Versuch. die Werte afrikanischer Kultur zusammenzufassen und dem Schwarzen Afrika Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein zurückzugeben.“
Über seine Poetik schreibt er:
»Lyrik ist Gesang, wenn nicht gar Musik. Ich bestehe darauf, daß das Gedicht nur vollendet ist, wenn es Gesang wird: Wort und Musik zugleich. Es ist Zeit, den Verfall der modernen Welt, vor allem der Dichtung, aufzuhalten. Die Dichtung muß wieder zu ihren Ursprüngen zurückfinden, zu den Zeiten, in denen sie gesungen und getanzt wurde, wie noch heute im schwarzen Afrika.“
(2. Umschlagseite der von mir benutzten Ausgabe, s.u.)
Worterklärungen aus dem Band:
Woi: Lied, Gedicht – entspricht genau der griechischen Ode
Kora: eine Art Harfe mit 16 oder 32 Saiten. Der Dyali (Dichter, Sänger) begleitet die große Ode oder das Preislied mit der Kora
Hinweis zur Übersetzung: Der deutsche Übersetzer Janheinz Jahn, der mit Senghor befreundet war, übersetzt „l’honneur catholique de l’homme“ (die katholische Ehre des Menschen) mit „die allgemeine Ehre des Menschen“.
Léopold Sédar Senghor
(* 9. Oktober 1906 in Joal, Senegal; † 20. Dezember 2001 in Verson, Frankreich)
Gebet der Senegalschützen
(Woi für zwei Koras)
I
Herr, wenn ich dich anspreche, Dich der Du dunkele Gegenwart bist,
so nicht deshalb weil die Republik mich zum guten König meines Volkes
ernannt hätte oder zum Deputierten der Vier Gemeinden.
Ich bin aufgewachsen in völlig afrikanischem Land, am Kreuzweg der Kasten,
der Rassen, der Straßen
Und gegenwärtig bin ich Soldat zweiter Klasse unter den einfachsten aller
Soldaten.
Du bist das Ohr für das kleinste Geflüster, Du hörst was man raunt des Nachts
in den Hütten
Daß man die Gehörlose hergeschickt hat, die Rekrutierungsmaschine zur Ernte
der hohen Köpfe
Du weißt es — und die Steppe wird still bis aufs schroffe Nein der freien Freiwilligen
Die ihren Gottkörper anboten, den Ruhm der Kampfbahn, für die allgemeine
Ehre des Menschen.
Prière des Tirailleurs Sénégalais
(Woï pour deux kôras)
I
Seigneur! si je Te parle, Toi qui es l'Obscure Présence
Ce n'est pas que la République m’ait nommé bon roi de mon peuple
ou député des Quatre Communes.
J'ai poussé en plein pays d'Afrique, au carrefour des castes des races et des routes
Et je suis présentement soldat de deuxième classe parmi les humbles des soldats.
Toi qui es l'oreille des souffles minimes, qui entends les Chuchotements nocturnes
au-dedans des cases
Que l’on a lancé la Sourde, la machine à recruter dans la moisson des hautes têtes
Tu le sais — et la plaine docile se tait jusqu'au non abrupt des volontaires libres
Qui offraient leurs corps de dieux, gloire des stades, pour l’honneur catholique de l'homme.
Aus: Léopold Sédar Senghor: Botschaft und Anruf. Sämtliche Gedichte. Frz. u. dt. Hrsg. u. übersetzt von Janheinz Jahn. München: Hanser, 1963, S. 105
Alfred Wolfenstein
(* 28. Dezember 1883 in Halle; † 22. Januar 1945 in Paris)
Zähne Wenn wir sprechen, ragen stumm Zähne, stumm wie Tier und Erde — Über ihren Rücken streichen Worte, herrisch abgewandt — Ungeduldig weiße Pferde, Klirrend meldet sich ihr Stand. Knirschend flockt um sie ein Zeichen Wie ein Wunsch, erlöst zu werden — Seele auch und Flug zu sein! Doch die Seele wünscht sie — Stein, Liebt die harten, schweigend bleichen, Mit der Erde wie ein Band.
Aus: Alfred Wolfenstein, Die Freundschaft. Neue Gedichte. Berlin: S. Fischer, 1917, S. 99
Eigentlich war ich auf der Suche nach dem Bauern-Astronomen Christoph Arnold (1650-1695). Der hatte sich autodidaktisch gebildet und auf seinem Bauernhof, den er bis zuletzt bewirtschaftete, ein kleines Observatorium gebaut, mit dem er am 15. August 1682 noch vor den Profis den Kometen entdeckte, den man später den Halleyschen nannte und der noch später sozusagen den Expressionismus einleitete.
In der Anthologie „Poetischer Hausschatz des deutschen Volkes. Vollständigste Sammlung deutscher Gedichte nach den Gattungen geordnet, begleitet von einer Einleitung, die Gesetze der Dichtkunst im Allgemeinen, so wie der einzelnen Abtheilungen insbesondere enthaltend…“ Hrsg. Oskar Ludwig Bernhard Wolff – 1. Aufl. 1836. 5. Aufl. Leipzig: Otto Wigand, 1843, fand ich seinen Namen:
Arnold, Christoph, geb. 1646, ein Bauer in Sommerfeld bei Leipzig, berühmt als Astronom, gest. 1695
A.a.O. S. 1146
Leider hat die über 1100 Seiten starke Anthologie kein Register, fast unmöglich, die über die vielen Kapitel des Buches verstreuten Gedichte zu finden. Das Unmögliche gelang mir doch, schon auf Seite 65 fand ich zwei Gedichte von Christoph Arnold. Leider aber sind sie nicht von ihm, sondern offensichtlich von einem Namensvetter und Dichter, der zwischen 1627 und 1685 lebte, der Herausgeber muss das verwechselt haben. Ich schließe das daraus, dass sich eins der Gedichte explizit auf den Friedensschluss bezieht, und da war unser Bauer noch gar nicht geboren oder nach anderen Angaben gerade mal 2 Jahre alt. Schade, ein Gedicht von diesem merk-würdigen Mann hätte ich gerne gefunden.
So aber ist das heutige Gedicht von einem anderen Christoph Arnold. Geboren am 12. April 1627 in Hersbruck, gestorben am 30. Juni 1685 in Nürnberg, evangelischer Theologe, Kirchenlieddichter und zugleich Dichter im Pegnesischen Blumenorden, ein veritabler Wortspieler. In diesen soeben gegründeten Orden wurde er nämlich 1645 mit gerade einmal 17 Jahren von Georg Philipp Harsdörffer als sechstes Mitglied aufgenommen, eine Art poetischer Ritterschlag. So scheint es zu passen, dass er 3 Jahre später dieses dichterkraftstrotzende Lied auf den gerade geschlossenen Frieden schrieb.
Deutsches Friedenslied
Freuet euch, maiet euch! Dichtet nun Lieder!
Ihr Deutschen, ihr Brüder!
Der Friede kommt wieder!
Freuet euch, maiet euch! Dichtet nun Lieder!
Euch soll der Sprachbaum jetzt Fülle bescheiden.
Ja, Früchte zum Neiden
In Frieden und Freuden
Soll euch nun der Sprachbaum in Fülle bescheiden!
Sehet, so nützt euch ein Dichter, ein Weiser.
Wie blühen die Reiser
Der geistigen Kaiser!
Sehet, so nützt euch ein Dichter, ein Weiser.
Laßt uns das Loben mit Lob auch beschließen,
Laßt Honigthau fließen
Zum Saiten-Versüßen!
Laßt uns das Loben mit Lob auch beschließen!
A.a.O. S. 65
Gestern war der 100. Geburtstag des portugiesischen Dichters Eugénio de Andrade
(eigentlich José Fontinhas, * 19. Januar 1923 in Póvoa de Atalaia; † 13. Juni 2005 in Porto)
Lissabon Da sagt jemand bedächtig: «Und Lissabon, weißt du. . . » Ich weiß. Sie ist ein Mädchen, mit bloßen Füßen und behende; ein rascher frischer Wind weht ihr durchs Haar, und ein paar feine Falten umlauern ihre Augen; die Einsamkeit ist sichtlich auf ihren Lippen, an den Fingern, wenn sie hinuntersteigt Stufen um Stufen bis zum Fluss. Ich weiß; und wusstest du es auch?
Deutsch von Maria de Fátima Mesquita-Sternal und Michael Sternal. Aus: Poemas Portugueses. Portugiesische Gedichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. München: dtv, 1999 (dtv zweisprachig. 2. verbess. Aufl.), S. 167
Lisboa Alguém diz com lentidão: «Lisboa, sabes. .. » Eu sei. É uma rapariga descalça e leve, um vento súbito e claro nos cabelos, algumas rugas finas, a espreitar-lhe os olhos, a solidão aberta nos lábios e nos dedos, descendo os degraus e degraus e degraus até ao rio. Eu sei. E tu, sabias?
Franz Kugler
(* 18. Januar 1808 in Stettin; † 18. März 1858 in Berlin)
An einen vergessenen Dichter Sprich, warum stets du mir erscheinst, Du armes, altermüdes Haupt? Mich dünkt, fürwahr! du warest einst Von grünem Lorbeer dicht umlaubt. Wohl schwand des Frühlings Licht und Glanz, Wohl hat gebrannt der Sommer heiß, 's ist Winter nun! und von dem Kranz Blieb nur ein dürres Dornenreis. Dein Name, als ein Knab' ich war, Erklang in hellem, vollem Ton; Wer heut ihn nennt, — er thut es gar Kaum anders als mit bitterm Hohn. Vergessen haben sie, — es flieht Ihr Geist vor Bildern, die so werth, — Vergessen, wie dein holdes Lied Der Liebe Sprache sie gelehrt; Vergessen, wie im heil'gen Streit Die Brust bei deinem Liede schwoll; Vergessen, wie im tiefsten Leid Die Tröstung deinem Lied entquoll. Doch wo noch Treu' im Herzen ist, Blüht fort auch deines Namens Preis: Und wenn du einst begraben bist, Treibt neuen Sproß dein Lorbeerreis!
Aus: Franz Kugler: Gedichte. Stuttgart: Cotta, 1840, S. 158f
Jorge Guillén
(* 18. Januar 1893 in Valladolid; † 6. Februar 1984 in Málaga)
GEGEN DEN STROM Dieser harte Stein vergeht nicht. Zart und flüchtig kehrt die Blume immer wieder. Die Wellen schau ich an, bewundre sie, die immer wiederkehren, weil sie auferstehn, und halte mich an dies Gesicht und bleibe da.
Aus dem Spanischen von Hildegard Baumgardt. Aus: Jorge Guillén, Berufung zum Sein. Ausgewählte Gedichte (Spanisch-Deutsch). München: Heyne, 1979, S. 103 (Heyne-Lyrik: eine wunderbare Buchreihe, Weltlyrik in hoher Auflage im Taschenbuch, gab es damals noch).
A CONTRACORRIENTE Esta muy dura piedra no se extingue. Esa flor, tan precaria, siempre torna. Mirando y admirando el oleaje, Que siempre torna porque resucita, Me apoyo en mi visión y permanezco.
Robert Gillett
Aus: Terroristisches Manifest IV Es ist Zeit, radikal zu werden. Zeit für Kettensägen—Gedichte. Alle, die Bäume morden, Gehören gefällt. Setzt die Klinge sachte An die Kehle, Durchtrennt schleppend Die Schlagader, Lasst Blut reichlich Spritzen, Seinen wahren Zweck zu erfüllen, Wurzelwerk—Trankopfer.
Aus dem Englischen von Andreas Lorenczuk, in: die horen 276 / 2019, S. 172
Konstantin Ames
hier gibz zwar bäum wie bei Huchel hier hat Düttmann geplant planifiziert hat Staat vater Staat da ist er wieder egal hat wohl so sollen sein : schauen wir weg : hat er da sein sein schaut er hin sind wir weg hier grüßt man sich ganz locker desintegriert na du jude na du hurensohn ey du schwuchtel sei auf dein preisschild nicht so stolz zwittschern zwischen Ulf und Dinçer nix als pinscher sein wir liberal uff pascha schalt in uns muschis videokameras ein kek
Dieter Mucke
(* 14. Januar 1936 in Leipzig; † 12. März 2016 in Halle (Saale))
Winter
Die Bäume kralln sich in den Himmel und die Erde
Wie schwarze Blitze, die am Horizont erstarrten
Gebannt auf einen Negativfilm in Totalvision
Wo sie auf Frühlingsstürme und -gewitter warten.
Doch eine weiße Krähe streift mit ihren Schwingen
Die ausgefranst quer durch die Landschaft fahren
Die letzte Hoffnung aus den totgehexten Bäumen.
Der nächste Frühling kommt erst wieder in zehn Jahren.
Aus: Dieter Mucke, Wetterhahn und Nachtigall. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1974, S. 46
Friedrich Müller
(Johannes Friedrich Müller, genannt Maler Müller oder Teufelsmüller, * 13. Januar 1749 in Kreuznach; † 23. April 1825 in Rom)
Der seraphische Dichter Für Engel, nicht für Menschen sang der Dichter sein Gedicht? Was Menschen nicht erfreuet, ergötzt auch Engel nicht.
Quelle:
Friedrich Müller (Maler Müller): Werke. Band 1, Mannheim und Neustadt/Hdt. 1918, S. 140-141,177.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005413192

Illustration von Friedrich Müller zu Ludvig Holberg: Niels Klims unterirdische Reise
Beim Blättern in einer Anthologie stieß ich auf ein kurzes Gedicht, aber es machte stutzig. Es war offensichtlich nur der Anfang eines Gedichts. Es waren provenzalische Trobadorlieder, der Verfasser, Guillem Anelier, lebte im 13. Jahrhundert in Toulouse. Er nennt gleich am Anfang die Gattung seines Gedichts: Sirventes (betont auf der letzten Silbe). Meyers Großes Konversations-Lexikon 1909 sagt darüber:
Sirventés (Rügelied), eine Gedichtgattung, die sich zuerst bei den Provenzalen findet, wo sein Inhalt sich auf Politik oder Sittenzustände bezieht, seine Form und Melodie nicht, wie die Form der Kanzone, in jedem Fall neu geschaffen zu sein braucht, sondern einer Kanzone entlehnt werden kann. Der Meister des politischen S. war Bertran de Born, des moralischen Peire Cardinal, des Kreuzliedes Pons de Capdolh. Der Name S. ist von sirvent, »Diener«, herzuleiten, also ursprünglich im Dienste eines Herrn verfaßtes Gedicht. – Das französische Serventois (spr. ßerwangtŭá) hat zunächst denselben Begriff wie das S. der Provenzalen; daneben bezeichnet es im 13. Jahrh. auch moralisierende Gedichte in Reimpaaren und im 14. Jahrh. besonders Kanzonen zum Lobe der Jungfrau Maria. Auch für das italienische Serventese (Sermintese) ist von der Definition des provenzalischen auszugehen. Doch wurde seit dem Ende des 13. Jahrh. die Benennung Serventese in Italien statt auf den Inhalt auf die Form bezogen und für Dichtungen in kurzen (meist 3–5zeiligen), durch Übergreifen der Reime und oft auch des Sinnes untereinander verketteten Strophen angewandt. Am häufigsten ist die Strophe aus drei Elfsilblern auf einen Reim und einem Fünfsilbler mit abweichendem Reime. Vgl. Witthöft, S. Joglaresc. Ein Blick auf das altfranzösische Spielmannsleben (Marburg 1891); Nickel, S. und Spruchdichtung (Berl. 1907).
Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 18. Leipzig 1909, S. 501. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20007481519
(Echt gute Konversationen führte man damals!)
Das Fragment in Kannegießers Übersetzung lautet:
Guillem Anelier Wohlan, nun halt ich mich nicht mehr, Und dicht’ ein fröhlich Sirventes, Auch dem Gedächtnis nicht zu schwer, Nur nicht zum Singen, ich gesteh’s. Die Reichen kümmert es nicht sehr, Sie, deren Sinn nach Gold nur giert, Drum vor so weltlichem Begehr All’ edle Tatkraft sich verliert.
Die fahrenden Sänger. Liebeslieder und Gesänge der Troubadours. Ausgewählt und übersetzt von Karl Ludwig Kannegießer. Köln: Anaconda, 2012, S. 465. Im Original: Gedichte der Troubadours im Versmaß der Urschrift, Tübingen 1852, 2. Aufl. 1855, S. 454
Leider hört Kannegießers Fragment auf, bevor es richtig zur Sache geht. Ehrlich gesagt ziemlich liederlich ediert. Zum Glück gibts die Weltbibliothek, und ich fand das Original und eine Prosaübersetzung, für heute hier die ersten drei Strophen.
Jetzt werde ich, nicht kann ich mich enthalten, ein Sirventes machen in diesem heitern Ton, mit guten Versen; die leicht zu behalten sind, obgleich Singen, wie es sonst zu geschehen pflegte, mir nicht behagt. Denn die Reichen sind so gleichgültig, dass sie darüber den Preis dieser Welt verlieren. Denn Habsucht gewinnt Herrschaft über sie, wesshalb Edelsinn sinkt und zu Grunde geht. Denn jetzt gereicht nicht zur Freude Lustbarkeit und Kurzweil und ächte Vorzüge; vielmehr wächst fürwahr Schlechtigkeit‚ und Falschheit tritt der Wahrheit entgegen. Und Adel zieht sich Schande zu durch gemeine Betrüger, wesshalb alles Gute zu Grunde geht; denn so sehr sind sie voll von schlechter Begierde, dass jede gute That sich vor ihnen verbirgt. Und wer von ihnen Gunst haben will, wird ohne Milde, von roher Gesinnung sein, und wird jede That um des Besitzes willen verrichten. wenn er nur solchen habe; denn alsdann wird er darum mehr geehrt und als ein Verwandter gehalten werden, und sei er auch gekommen, woher er wolle (ich weiss nicht woher); denn jetzt wird ein tüchtiger Mann nicht geschätzt, wenn er nicht viel hat, womit er sich helfen kann (könne).

Textfassung des Instituts für katalanische Studien aus Barcelona, dort auch das Bild der Handschrift:

Quelle des Originaltexts::
Der Troubadour Guillem Anelier von Toulouse: Vier provenzalische Gedichte. Herausgegeben und erläutert von Martin Gisi. Solothurn: J. Gassmann, 1877
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