Is the new

Olga Stehlíková

Is the new

Alt ist das neue jung
Single ist das neue verheiratet
Vegan ist das neue vegetarisch
Remoska ist die neue Mikrowelle
Neomarxismus ist der neue Marxismus
Mama ist die neue Oma
Hipster ist der neue Dandy
DIY ist das neue Heimwerken
Schreiben ist das neue Lesen
Xanax ist das neue Gras
Midlifecrisis ist das neue Viagra
Klug ist das neue sexy
Letztlich ist das neue nichtsdestoweniger
Ich ist das neue du
Is the new

Staré je nové mladé 
Singles jsou noví manželé 
Veganství je nové vegetariánství 
Remoska je nová mikrovlnka 
Neomarxismus je nový marxismus 
Maminka je nová babička 
Hipster je nový dandy 
DIY je nové kutilství 
Psaní je nové čteni 
Neurol je nová tráva 
Krize středního věku je nová Viagra 
Chytré je nové sexy 
Koneckonců je nové nicméně 
Já je nové ty

Aus: Olga Stehlíková, Porträts, aus dem Tschechischen übersetzt von Lena Dorn. Leipzig: Hochroth, 2019 (OstroVers 04), S. 10f

Flieh, neidsche Zeit

John Milton 

(* 9. Dezember 1608 in London; † 8. November 1674 in Bunhill bei London) 

An die Zeit

Flieh neidsche Zeit, bis du dein Ziel erreichet,
Beschleunige der Stunden schweren Gang,
Des Eile nur dem Schritt des Senkbleis* gleichet,
Es sättige dich was dein Rachen schlang,
Das Eitle, Falsche, denn nur das wird dein,
Nur Erdentand und Staub;
So wenig ist dein Raub,
Und der Verlust so klein.
Wirst endlich alles Böse du begraben,
Zuletzt die eigne Gier verzehret haben,
Dann nahet Ewigkeit mit hohem Gruß
Und bringt den unteilbaren Kuss;
Und einer Flut gleich wird die Freude steigen,
Wenn jedes wahrhaft Gute sich wird zeigen,
Das Göttliche hell scheinen
Und Wahrheit, Friede, Liebe sich vereinen
Um dessen Thron zu schweben,
Zu dem wir uns im Himmelsflug erheben,
Ihn anzuschaun durch alle Ewigkeit,
Tief unter uns die dunkle Erdenbahn,
Ruhn ewig wir, in Sternen angetan,
Erhaben über Zufall, Tod und dich, o Zeit.

Aus dem Englischen von Arthur Schopenhauer, aus: Lyrik des Abendlands. Gedichte aller abendländischen Völker von den Homerischen Hymnen bis zu Lorca und Brecht. Gemeinsam mit Hans Hennecke, Curt Hohoff und Karl Voßler ausgewählt von Georg Britting. München: Hanser, 1978, S. 277

* ) Vgl. Anmerkung zum englischen Text

On Time

Fly, envious Time, till thou run out thy race,   
Call on the lazy leaden-stepping1 hours,   
Whose speed is but the heavy plummet's2 pace;   
And glut thyself with what thy womb3 devours,   
Which is no more then what is false and vain,  
And merely mortal dross;   
So little is our loss,   
So little is thy gain.   
For when as each thing bad thou hast entombed,   
And last of all, thy greedy self consumed,
Then long Eternity shall greet our bliss   
With an individual4 kiss;   
And joy shall overtake us as a flood,   
When every thing that is sincerely5 good   
And perfectly divine,  
With Truth, and Peace, and Love shall ever shine   
About the supreme throne   
Of Him t'whose happy-making sight6 alone,   
When once our Heav'nly-guided soul shall climb,   
Then all this earthy grossness quit, 7
Attired8 with Stars, we shall for ever sit,   
   Triumphing over Death, and Chance, and thee, O Time.

Aus: Milton’s Selected Poetry and Prose. Critical Edition. Ed. Jason P. Rosenblatt. New York, London: Norton, 2010, S. 21f

Worterklärungen aus dieser Ausgabe

  1. slow-moving
  2. Not a pendulum but the lead weight affixed to the newly invented lantern clock, whose graduated descent drove the movement. Vgl.
  3. stomach
  4. indivisible, everlasting
  5. wholly
  6. beatific vision
  7. having been left behind
  8. crowned

die bewegung der antillen unter der schädeldecke

Horst Samson

landregen

die tür fällt ins schloss
der Schlüssel steckt von außen 
und ich denke
dass die tür ins schloss gefallen ist
und der Schlüssel von außen steckt

das zimmer ist klein
es riecht nach Schimmel
in den ecken spinnweben
überall hat sich der staub breitgemacht 
und aus dem radio fehlt der lautsprecher

vier schritte dann bin ich beim fenster 
es ist vernagelt
die scheiben sind gesprungen
ich fahre mit der hand über das holz 
und die färbe blättert ab
der herbst denke ich

vor dem fenster steht der armstuhl
in dem großvater seine Zigaretten gedreht hat 
ich setze mich hin
und sehe die sonne steigen
und auch wieder verschwinden
in der dämmerung geht mein mädchen vorüber 
in die finsternis
mit offenem haar und glitzernden augen

die dunkelheit kommt schneller 
die dunkelheit bleibt länger
die letzte glühbirne in dieser gasse 
ist vorgestern ausgebrannt

es ist schon spät
noch zuckt kein blitz über den himmel 
plötzlich geht ein landregen nieder 
gleichmäßiges tropfen
einschläfernd

ich schlage die fensterscheiben ein und blute 
dann ist es wieder still ringsum
es ist nicht aufzuhalten das schweigen

Aus: die bewegung der antillen unter der schädeldecke. junge rumäniendeutsche lyrik zwischen 1975 und 1980. Eine (historische) Anthologie. Hrsg. Walter Fromm. Erweiterte, kritische Neuauflage 2022. Ludwigsburg: POP, 2022, S. 146f

Diese Anthologie wurde 1980 in Rumänien abgelehnt und daraufhin als kartoniertes Typoskript vervielfältigt. 9 von den 10 in dieser Anthologie versammelten Lyriker reisten zwischen 1981 und 1992 in die Bundesrepublik Deutschland aus. Horst Samson wurde 1954 in Salcimi in Rumänien geboren. 1987 emigrierte er und lebt heute bei Frankfurt am Main.

Wir sind doch keine Kommunisten

MEHDI MOUSAVI

ICH SAGTE, zieh dein rotes Kleid nicht an, 
             wir sind doch keine Kommunisten.
Ich sagte, zieh dein schwarzes Kleid nicht an, 
             wir sind doch keine Anarchisten.
Ich sagte, zieh dein grünes* Kleid nicht an, 
             wir sind doch auch keine Putschisten.
Ich sagte, hier in diesem Land
             verhaftet man nur Nackte nicht.
Dann kamen die,
die uns gesteinigt hatten. 
Den ersten Stein warf einer,
             bezüglich dessen Kleidung ich nicht sicher bin. 
Den letzten Stein warf einer,
der sich sicher war, hier in dem Land

verhaftet man nur die, die Steine werfen, nicht.

* Anspielung auf die „grüne“ Bewegung, d.h. den Protest gegen die gefälschte Wiederwahl von Ahmadinejad

Aus dem Persischen von Kurt Scharf. Aus: Kontinentaldrift. Das Persische Europa. Hg.von Daniela Danz und Ali Abdollahi. Heidelberg: Wunderhorn; Haus für Poesie. 2021, S. 160f

Sei nicht Saussure

Charles Bernstein 

(* 4. April 1950 in New York City)

Don’t Be So Sure 
(Don’t Be Saussure)

My cup is my cap
& my cap is my cup 
When the coffee is hot
It ruins my hat
We clap and we slap
Have sup with our pap 
But won’t someone please 
Get me a drink
Sei saublöd!
(Sei nicht Saussure)

Mein Topf ist mein Kopf
& mein Kopf ist mein Topf 
Zuviel Pfeffer und Salz
Verdirbt das Schmalz
Wir mampfen und bampfen
Wir schmatzen und patzen
Aber ich hätt jetzt gern
Ein Schweinernes mit Sauerkraut.

Deutsch von Julia Dengg. Aus: Charles Bernstein: Gedichte und Übersetzen. (Versatorium Band 1.1). Wien: Edition Korrespondenzen 2013, S. 29f

Ich bin ein Schrei aus dem Nebel

L&Poe Journal #02

Nach dem Start der Ausgabe 02 im zeitigen Frühjahr kam eine intensive Arbeitsphase im Zusammenhang mit dem zweiten Band meiner Edition der Barockdichterin Sibylla Schwarz. Die Paperbackausgabe ist erschienen, Hardcover ist noch im Satz. Zeit für den Schlussspurt des zweiten Journals. Heute eine Ergänzung zum Abschnitt NEUE TEXTE, der in dieser Ausgabe Gedichte von Autorinnen bringt. Nach Jayne-Ann Igel | Silke Peters | Mara Genschel | Kerstin Becker | Brigitte Struzyk | Odile Endres | Martina Hefter und Anna Hoffmann hier ein paar unveröffentlichte Gedichte von Sophie Reyer, die sie mir dankenswerterweise zur Verfügung stellte.

Sophie Reyer

:
Ich bin ein Schrei aus dem Nebel 
bin die die der Fremde spricht 
ganz ohne Nabel 
wo fange ich an 

Überland fährt mein Wind 
Schnee schlägt mein Leben dir ins Gesicht 
bleich die Sonne an meinem Rücken 

ich bin die Vollendete
das ist mein Leid:

kalt fall ich Flocke 
quelle als Schnee 
lös mich auf in deinen Augen 

dein Blick der trifft 
mir Lied und Trost aus eigenem Mund:
keinem

(du meine 
Wunde) 

:
Abend 
Abgrund 

ohne Knochen 
ohne Gelenke 
so eine fällt nicht 

durchsichtig werden 
Abschied 

:
Bekenntnis 

ich habe nie 
den Frühling 

verstanden die 
Sommer hasste ich 

von Kindheit 
an nur 

im Dunkel 
lasteten süß

die Träume auf mir 
immer da 

wo ich 
fror wo 

ich wegblieb 
wurde ich 

ganz 

:
Stiche brauchen 
die Klippen 

Schatten die Erde
ruh dich aus 

im letzten Lachen zieh 
deine Clownschuhe an:

Abschied 

:
wohin uns die 
Sonnen Strahlen nicht 
folgen konnten band 

uns der Regen 
zusammen:

Schmerz 

(der Schmetterling 
gehört nicht nur 

deinem Garten)

:
was Liebe ist:

der Schmetterling 
gehört nicht nur 

deinem Garten

:
Die Sonne 
ein Loch 
im Schädel 

der Welt:
wie lange 

noch? 
(Ozon.) 

:
Epitaph:

wohin 
klirrendes Mädchen 

weißt du noch 
damals: der Friede 

zerbrach

und am Rücken 
der Druck von Flügeln 

die Last ein Engel 
zu sein bis der Wind kam:

klirrendes Mädchen 
wohin

:
Kindheitserinnerung

Gedächtnis meiner Fusssohlen:
Gras du, dein irres

Grün

:
Narbe 

geh ans Ende 
um es zu Ende zu 
fürchten 

nur was man 
verliert wird 

nahe 

Narbe 

:
Drachin singt 

Drachin bin ich 
die sich anfreunden will 
mit jemandem der 

aus Angst vor ihr zittert 

ich belle so laut 
ich weine so zart 
ich speie Feuer 
ich nage Knochen 
ich bin aus Glas 

du meine Sehnsucht:
der Leuchtturm

schwer immer 
diese Flügel der 
Panzer so hart 

ich kreise um dich 
wie ein Sturm 
die Haut in Falten gelegt 
aber kein Brennen 
währt ewig 
gegen den See

auch wenn Schuppen 
nicht altern: du weichst nicht 
du kennst keine Furcht 

Drachin bin ich 
so halb 
so zart 

und du 
lässt dein Haar 
nicht herunter 

schau der Stern 
im Auge meines Sturms 
manche nennen ihn 
Krone der Welt:
ich habe Schmerzen 

Drachin bin ich 
die sich anfreunden will 
mit jemandem der 

aus Angst vor ihr zittert 

:
der Himmel 
Blicke ohne 

Augen an ihm:
es ist schwer 

dich mit der 
Präzision eines 

Lidschlags zu küssen 
wo alles vergeht dich weiter 

lieben mit milden Fingern 
und nichts als dem leeren 

Wind im Haar:
Unbehagen Sehnsucht

ungelüftet die Jahre 
Licht- Farb- und Wärmeerscheinung 
ich machte Karriere 
nie weit genug 
nie tief hinab 
zu hoch 
zu hell 
zu weh 

und mit dem nächsten 
Augenaufschlag des Fensters 
schon wieder 

andere Vögel 

:
Unzählige Male 
zergeht ein Jetzt 

und ich weiß nicht 
wer ich bin 

zerdrückte Früchte 
rote Flecken 

auf meinem Kleid.
Mein Wort heißt:

Keiner. Ich gieß Milch 
aus der Schale an 

einen Baum um 
ihn zu füttern. Und alles 

hab ich gestohlen: 
Gesichter und 

Gedichte. Ich sage es laut 
immer wieder:

wohin 

 
:
Ich bin 
der Möglichkeitssinn 

die multipolare Welt 
in Atem 

Sirenengesang
als schriller Schrei 
als Unerhörtes 

gerate ich in 
die Welt 

und weiß von 
Anfang an 

nicht weiter:
Mutters Massengrab 

in mir: es ist 
ein Menschheitsgrab 

ohne Namen 

Stein in mir 
mehr als bloss 

Materie oder 
Gewicht 

ich kippe 
werde von Wasser 
(deinem Blick) weich 

gewaschen 

mein Herz 
pocht steinern:

Mineral und 
Muskeln und nur 

deine Augen 
könnten mich 
irgendwann 

heilen 


:
Kiesel
Felsen 
Geröll
Schutt 
Mauer:

ich gehe 
in mir 

nicht mehr 
auf 

:
wie tief 
entwellt 

mein Falten Ich 
vom Leben gestaltet 

alt geworden 
atmet nicht mehr:

atme mich 
aus 

:
und ein neues 
Selbst gefaltet:

Tiefe der
Steine 

:
aufgeatmet 
nach dem Wellenschub

liegst du Land 
an Land mit mir 

wie Hagelkörner 
sind wir 

durchsichtig 
rein und 
hart dein 

Schwanz an 
meinem Abgrund 

ich folge 
dem Wesen des 

Wassers werd 
in dir 

ganz 

:
Liebeserklärung 

komm bekomm 
nie einen Körper sei 

Raum in mir 
Äther aus Blau 

ich will dich 
fingerlos lieben 

und mit dir sprechen 
wie Fische es miteinander 

tun und 
keiner kann uns 

hören 

:
Ich Verunfallte 

Friede ist 
das wunde Wort 

in mir 
das ich immer nur schrieb 

ohne es 
werden zu 

können 

:
Im Traum 
lachen die Bäume 

dich aus. Uns retten?
Auf diese 

Idee kommen nur 
Menschen, 

ehrlich! Sagen 
sie kichernd. (Und sogar 
ihr Lachen dauert tausend 

Jahre)

:
für Rainer Maria Rilke 

Licht 
Wasser und 
Sonne 

und die Klarheit 
die alles 

tötet:

was du heute 
noch 
an Worten brauchst 
heißt 

wachsende 
Ringe 

:
Wie der Blitz 
tauchst mein Zimmer 

ins Licht das selbst 
jeder Tote 

wegsehen muss:

:
Es ist Windzeit.
Deine Wangen spannen sich an.
Türme fallen überall um. 
Es ist Einsamkeit.
Dir fehlen keine 
Menschen- Du trauerst um etwas
das du nicht 

kennst.

Finger sprießen 
Vögel werden kommen 

und du 
wirst zu Tode 

gehungert sein:
Flügel 

Es ist Windzeit. 

:
Ich weiß 
je schneller ich die 

Phantasie von mir 
aufgebe desto leichter 

treffe ich 
auf das Leben 

doch ich will 
es nicht sein: dieses

faltige Gesicht 
vom Meißel des 

Intellekts behauen
ausdruckslos wie 

ein Stein 
und immer noch 

mit Augen 
aus 

Glas 

:
Du bist: Bilder:
die sorgfältig konstruierte Maschine 

der Gewalt. Du betriffst uns:
unmittelbar. Fängst uns 

in den Rastern 
der Manipulation: 

zu rühren: alles aus 
dem Wege fegst du 

(im Sinne des Konsens
von Opfer und Täter) Du machst 
Atomwaffen und 

Angst. Und die macht uns:
unlogisch: das 

ist deine Macht. 
Du bist 

die gewaltvolle Besetzung 
all unserer Lebenswirklichkeiten:

Kein Ein. Kein Aus. 
Ein endloses 

Enter. Die Reproduktion 
von Sinn. Eine Konstruktion 

als Gegenteil 
Von Ethos. Von Demokratie. Eine 

Institution bist. Des Rassistischen.
Wem du dienst? 

Den Eliten. Wie das Patriachat
sich einschreibt: Bist du

Reproduktionsmittel 
und Missbrauch aller. Die Ausbeutung

einer Philosophie 
der Verstellung. Die Welt 

deine Bühne. Performance
aus Schlagzeilen. Schaffst 

einen Rahmen. Bist 
im Handel mit Leben 

und Tod (it´s all 
a game for the ones 

in power game:)

over. Von Anfang an 
ein geschrieben: Rück 

Koppelungs Schleife & Rückfall 
in die archaischen 

Vorstellungen 
der Macht. Du kennst 

keine Liebe, keine Demut. 
Bist eine Erzählung 

ohne Leerstellen, da
wo Eliten Gott 

spielen behauptest du 
die Eroberung irgendeines 

Paradises: Krieg.
Krieg: du bist 

eine künstliche 
Psychose, ein Sprechen 

mit dem Anspruch 
des Allwissens: Krieg.

Nie bist du Freiheit. Gewalt 
& Unterhaltung deine 

Narrationen. Krieg: A 
performing Act: 

da Form 
über Zensur 

die Inhalte manipuliert: 
nie Ausblick. Bloss 

Behauptung 
des Erhabenen (not 

funny sagen die) 
bist Handel 

als Grammatik 
der Mächtigen, das Gegenteil von 

Leben. Ersetzt du 
Vernunft 

durch Gefühle (not funny!)
besiegt 

sind alle. Ohne Frieden.
In dir:

Krieg. 

:
der Himmel 
Blicke ohne 

Augen an ihm:
es ist schwer 

dich mit der 
Präzision eines 

Lidschlags zu küssen 
wo alles vergeht dich weiter 

lieben mit milden Fingern 
und nichts als dem leeren 

Wind im Haar:
Unbehagen Sehnsucht

ungelüftet die Jahre 
Licht- Farb- und Wärmeerscheinung 
ich machte Karriere 
nie weit genug 
nie tief hinab 
zu hoch 
zu hell 
zu weh 

und mit dem nächsten 
Augenaufschlag des Fensters 
schon wieder 

andere Vögel 

Schewtschenko an Gogol

Taras Schewtschenko 

(Taras Hryhorowytsch Schewtschenko, ukrainisch Тарас Григорович Шевченко, wiss. Transliteration Taras Hryhorovyč Ševčenko; * 25. Februarjul. / 9. März 1814greg. in Morynzi, Gouvernement Kiew, Russisches Kaiserreich; † 26. Februarjul. / 10. März1861greg. in Sankt Petersburg) 

Sehr viele der großen russischen Schriftsteller und Künstler stammen aus der Ukraine. Sind sie Ukrainer oder Russen? Beides. So wie Mozart Deutscher und Österreicher ist, der Prager Kafka deutscher, österreichischer und auch tschechischer Autor, Celan zu Rumänien, der Ukraine, Frankreich und der Sprache und Kultur nach zu Österreich-Ungarn und Deutschland „gehört“, so Achmatowa und Bulgakow, Babel und Gogol zu den beiden Ländern und Kulturen, Kafka, Celan und Babel obendrein zur jüdischen und damit womöglich israelischen Kultur.

Im heutigen Gedicht redet ein „Exilukrainer“ den anderen an. Taras Schewtschenko, der in ukrainischer Sprache dichtete (und dem der Zar die Sprache sowie Rückkehr in die Ukraine verbot) und als Nationalautor der Ukraine gilt, richtet sein Gedicht an Nikolai Gogol, der in russischer Sprache schrieb und in der russischen Literatur als Klassiker gilt. Obwohl die Fälle ziemlich unterschiedlich sind, weist das Gedicht auf gemeinsame Hintergründe und Vertrautheiten.

An Gogol

SCHWARM auf Schwarm entfliegen meine Lieder; 
Eins zerreißt mein Herz, das andre drückt es nieder, 
Leis beginnt ein drittes Tränen zu vergießen 
Tief im Herzen, wo Gott selbst sie nicht hört fließen.

Wer wird meine Lieder grüßen, 
Wem kann ich sie zeigen, 
Wer errät den Sinn der Worte? 
Alle, alle schweigen.
Sind ja taub, gebeugt in Ketten, 
Leben nur zum Scheine...
Ja, mein großer Freund und Bruder, 
Du lachst, doch ich weine.
Aber was erwächst dem Weinen? 
Dürres Gras, nichts Grünes...
Keine Freiheitssalven donnern 
In der Ukraine.
Keinen Sohn erschlägt ein Vater 
Mehr mit eigner Hand 
Für die Ehre, für die Freiheit, 
Fürs Ukrainerland.
Nein, er zieht sie auf, verkauft sie 
Stückweis dann dem Zaren.
Sieh, das ist der Witwe Scherflein, 
Damit muß sie zahlen 
An den Zaren und die Fremden, 
Die sich ihm vereinen.
Laß sie, Bruder. — Doch wir werden 
Lachen, werden weinen.

St. Petersburg, 30. Dezember 1844

Deutsch von Hans Rodenberg, aus: Taras Schewtschenko: Meine Lieder, meine Träume. Gedichte und Zeichnungen. Berlin: Verlag der Nation; Kiew: Verlag Dnipro, 1987, S. 132f

Begegnung

Ezra Pound

(* 30. Oktober 1885 in Hailey, Blaine County, Idaho; † 1. November 1972 in Venedig)

The Encounter

All the while they were talking the new morality 
Her eyes explored me.
And when I arose to go
Her fingers were like the tissue
Of a Japanese paper napkin.
Begegnung

Dieweil man über die neue Sittlichkeit sprach, 
Visitierten mich ihre Augen.
Und als ich aufstand, um wegzugehn,
Waren ihre Finger wie der Krepp
Einer japanischen Papierserviette.

Deutsch von Eva Hesse, aus: Ezra Pound, Personae/Masken. Gedichte. Englisch/Deutsch. Mit einem Nachwort von Eva Hesse. Ungekürzte Ausgabe. Von der Herausgeberin geringfügig revidierte Fassung der Ausgabe von 1959 (Arche, Zürich). München: dtv, 1992, S. 177

im kreis

Jayne-Ann Igel

Im kreis

wolltest nicht mehr im kreis gehen, nach anstalten, nie mehr, im kreise der familie das unausgesprochene ausbaden, in binnenseen, abtauchen und wieder auftauchen, mit nichts im maul als seetang, der sich in girlanden um die hüfte legt, den hals, ohne leuchtkraft, aber schnürend/ gehst alsdann doch im kreis, treibst die pumpe im brunnen an, aus dem nur die asche, kein stimmiges bild, keine metapher, nur asche –

[2021]

Aus: Mütze #34 (2022), S. 1752

Senryū über Corona

Gisbert Amm

VIER SENRYŪ ÜBER CORONA

În diesêm Sênryū 
ûber Corôna trâgen 
dîe Wôrter Mâsken.

In______diesem______Senryū 
über______Corona______halten 
die______Wörter______Abstand.

In diesem Senryū 
über Corona schert es 
die Wörter gar nicht.

In |||| diesem |||| Senryū 
über |||| Corona |||| wurde 
es |||| übertrieben.

Aus: Gisbert Amm: Das Fingerzeighaus. Gedichte. F.W. Bernstein: Zeichnungen. Berlin: Bübül Verlag, 2022, S. 55

Ghasel 15

August von Platen

(* 24. Oktober 1796 in Ansbach; † 5. Dezember 1835 in Syrakus, damals Königreich beider Sizilien)

Ghaselen 
15

Wer Gelder eingetrieben,
Durchbebt die Nacht vor Dieben;
Mir, der ich nichts besitze,
Vergeht sie nach Belieben.
Es dunkeln zwar die Lüfte,
Doch sind sie rein geblieben;
Da senkt des Himmels Wagen
Der Sterne heil'ge Sieben.
O lernt die Welt beschauen,
Dann lernt ihr auch sie lieben!
Bemächtigt euch der Tage,
Die Jedem schnell zerstieben!
Die Welt ist eine Tafel,
Noch viel ist unbeschrieben.

Aus: August von Platen, Gedichte (Ausgabe 1834)

Aus der Weißkohlmatrix

Kenah Cusanit 

(geboren 1979 in Blankenburg (Harz))

Weißkohl

Man braucht ein Messer, will man was über seinen Charakter erfahren. Einmal senkrecht durchtrennen bitte. Was sehen Sie: einen Engel, dessen Flügel in Flammen aufgehen oder eine Zypresse, die zu lang in einer Blumenpresse gelegen hat? Kohlschau ist I Ching für Anfänger. Geschwurbel, wie man heute sagt. Aber in die Küche zu den Fakten: Ziehen Sie das äußerste Blatt ab. Dann noch eins. Sehen Sie sich das an: weder stirbt's noch verändert's sich. Was ist das. Vegetative Palilalie? Aus der Weißkohlmatrix ist auch die Berliner Philharmonie gebaut, wirklich, ich hab’s erst auch nicht geglaubt.

Aus: Jahrbuch der Lyrik 2022. Hrsg. Matthias Kniep u. Nadja Küchenmeister. Frankfurt am Main: Schöffling, 2022, S. 138

Reim (Engl)

Konstantin Ames

Reim (Engl)

GOd today is too lazy
so an I choose to climb
a Schutthügel all the way
like an I planned to do such
a thing like other people perhaps
plan to murder s.o. of their own kind
on a Tier · Tiere waren da natürlich au
ch s war ja Neobarock in this era of pre-war

We were enemies before our friendship-play
began & hostile ones became my fellows
real friendship only comes from advers
city magdeburgisieren Make It New
I was that tree I sat next to in this
godforsaken Hasenheide I was
this heathen deeply ashamed
rasen und toben die Heiden
until in some sort of sun
light web a Kohlmeise
greeted me nodding

Manfred Winkler 1922-2014

(* 27. Oktober 1922 in Putilla, Bukowina, Rumänien; † 12. Juli 2014 in Jerusalem) 

Manfred Winkler wurde in der früher österreichischen Region geboren, als die zu Rumänien gehörte. Er ging zur Schule in der Kulturmetropole Czernowitz. 1940 wurde die Nordbukowina in der Folge des Hitler-Stalin-Pakts von der Sowjetunion besetzt. Eltern und Bruder wurden verhaftet und nach Sibirien deportiert. 1941 eroberten rumänische Truppen, die an der Seite Deutschlands gegen die Sowjetunion kämpften, das Gebiet zurück, und jetzt wurde er von den rumänischen Behörden deportiert. Nach Kriegsende fiel die Nordbukowina wieder an die Sowjetunion, und Winkler wurde nach Rumänien ausgesiedelt. 1959 konnte er nach Israel ausreisen. Außer Deutsch schrieb er auch Hebräisch.

Mein Bart hat Wurzeln geschlagen

Ich hol mir die Nacht zum Spielen 
wie einen entschlüpften Ball,
der Himmel wölbt sich uns entgegen. 
Von allen Wegen
scharen sich Vögel dem Morgen zu. 
Noch ist alles unbewegt und winterklar. 
Ich wart auf einer Bank
                                           schon tausend Jahr, 
mein Bart, den ich von Propheten ererbt,
hat Wurzeln geschlagen
und saugt aus der Tiefe das bittere Salz.

Aus: 40 Jahre Israel : Die deutsche Sprache, deutschsprachige Literatur und Presse in Israel / Eine Anthologie hrsg. von Paul Tischler. Mit e. Einl. von Margarita Pazi und e. Geleitw. von Paul Tischler. München : Paul Tischler, 1988 (ISBN 3-924047—01-4) (= Impressum Heft 4/5, 1988) S. 25

Vor 90 Jahren geboren: Sylvia Plath

Sylvia Plath 

(* 27. Oktober 1932 in Jamaica Plain bei Boston, Mass.; † 11. Februar 1963 in Primrose Hill, London)

An Appearance

The smile of iceboxes annihilates me.
Such blue currents in the veins of my loved one! 
I hear her great heart purr.

From her lips ampersands and percent signs 
Exit like kisses.
It is Monday in her mind: morals

Launder and present themselves.
What am I to make of these contradictions? 
I wear white cuffs, I bow.

Is this love then, this red material
Issuing from the steele needle that flies so blindingly? 
It will make little dresses and coats,

It will cover a dynasty.
How her body opens and shuts—
A Swiss watch, jeweled in the hinges!

O heart, such disorganization! 
The stars are flashing like terrible numerals. 
ABC, her eyelids say.
Eine Erscheinung

Das Lächeln von Kühltruhen vernichtet mich. 
Solch blaue Ströme in den Adern meiner Geliebten! 
Ich höre ihr großes Herz schnurren.

Wie Küsse springen Und- und Prozentzeichen 
Von ihren Lippen.
In ihrem Geist ist es Montag: Moral

Wäscht und präsentiert sich.
Was soll ich halten von diesen Widersprüchen? 
Ich trage weiße Manschetten, ich verbeuge mich.

Ist das also Liebe, dieses rote Material,
Das aus der Stahlnadel fließt, die so blendend dahinfliegt? 
Es wird kleine Kleider und Mäntel herstellen.

Es wird ein ganzes Geschlecht einhüllen.
Wie ihr Körper sich öffnet und schließt—
Eine Schweizer Uhr, an den Scharnieren Juwelen! 

Oh Herz, welche Unordnung!
Die Sterne funkeln wie schreckliche Ziffern. 
ABC, sagen ihre Lider.

Aus: Sylvia Plath: Übers Wasser. Nachgelassene Gedichte. Zweisprachig. Aus dem Amerikanischen von Judith Zander. Wiesbaden: Luxbooks, 2013, S. 36f