Das Stalin-Epigramm („Ich habe nichts gehört, und Sie haben nichts rezitiert“)

Nicht jedem gefällt der Lubjankajargon. Der Fernsehsender Doshd veröffentlicht auf seiner Facebookseite ein Foto, das Stalins „Sicherheitsorgane“ von dem Häftling Mandelstam machten, und das Gedicht, das zur ersten Verhaftung des Dichters führte, das sogenannte „Stalin-Epigramm“. Es ist die kürzere Version von 16 Zeilen – von dem Text gibt es eine schärfere Variante mit zwei zusätzlichen Zeilen, die Mandelstams Frau Nadeshda im Gedächtnis aufbewahrt hat.

Häftling Mandelstam
Häftling Mandelstam

Мы живём, под собою не чуя страны,
Наши речи за десять шагов не слышны,
А где хватит на полразговорца,
Там припомнят кремлёвского горца.
Его толстые пальцы, как черви, жирны,
А слова, как пудовые гири, верны,
Тараканьи смеются усища,
И сияют его голенища.

А вокруг него сброд тонкошеих вождей,
Он играет услугами полулюдей.
Кто свистит, кто мяучит, кто хнычет,
Он один лишь бабачит и тычет,
Как подкову, кует за указом указ:
Кому в пах, кому в лоб, кому в бровь, кому в глаз.
Что ни казнь у него – то малина
И широкая грудь осетина.

Hier die ersten beiden Verse in verschiedenen Varianten und anschließend die Verse 5-8 der längeren Fassung in der Übersetzung Ralph Dutlis (die ersten zwei davon fehlen in den meisten Übersetzungen).

Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr,
Wir reden, dass uns auf zehn Schritt keiner hört,

(Kurt Lhotzky)

Und wir leben, doch die Füße, sie spüren keinen Grund,
Auf zehn Schritt nicht mehr hörbar, was er spricht, unser Mund,

(Ralph Dutli)

Our lives no longer feel ground under them
At ten paces you can’t hear our words.

(Clarence Brown and W. S. Merwin)

We live without feeling the country beneath us,
our speech at ten paces inaudible,

(David McDufff)

We live, deaf to the land beneath us,
Ten steps away no one hears our speeches,

(John Simkin)

Nous vivons sans sentir sous nos pieds de pays,
Et l’on ne parle plus que dans un chuchotis,

(François Kérel)

We live without feeling our country’s pulse,
We can’t hear ourselves, no one hears us,

(Ian Probstein)

Verse 5-8:

Nur zu hören vom Bergmenschen im Kreml, dem Knechter,
Vom Verderber der Seelen und Bauernabschlächter.

Seine Finger wie Maden so fett und so grau,
Seine Worte wie Zentnergewichte genau.

(Ralph Dutli)

Dutli merkt zu diesem Gedicht in dem Band „Mitternacht in Moskau. Die Moskauer Hefte“ (Ammann 1986 / S. Fischer 1990) an:

Vgl. zu diesem Gedicht die Erinnerungen der letzten Lebensgefährtin Boris Pasternaks, Olga Iwinskaja (deutsch 1978 unter dem Titel »Lara. Meine Zeit mit Pasternak«): »Ende April 1934 traf er  / Mandelstam / eines Abends Boris Leonidowitsch / Pasternak / auf dem Twerskoj-Boulevard und rezitierte ihm sein Gedicht /. . ./.  >Ich habe nichts gehört, und Sie haben nichts rezitiert<, sagte Boris Leonidowitsch. >Sie wissen, es gehen jetzt seltsame, schreckliche Dinge vor, Menschen verschwinden; ich fürchte, die Wände haben Ohren, vielleicht können auch die Pflastersteine hören und reden. Halten wir fest: Ich habe nichts gehört.< Auf die Frage, was Mandelstam zu diesem Gedicht veranlaßt habe, erklärte er, er hasse nichts so sehr wie den Faschismus, in welcher Form er auch auftrete.

PennSound link of Probstein reading this poem in Russian: MP3 
Ian Probstein über 3 englische Übersetzungen (mit Link zu weiteren Versionen)

Freie Pdf mit Übersetzungen Ilya Bernsteins ins Englische

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