Nachrichten von der Hauptstadt der Sonne 1919 – 1984

Das von dem deutschen Sinologen Wolfgang Kubin herausgegebene und aus dem Chinesischen übersetzte Buch Nachrichten von der Hauptstadt der Sonne – moderne chinesische Lyrik, 1919 – 1984, das der Verlag Suhrkamp zum ersten Mal 1985 herausbrachte, ist in diesem Jahr erneut erschienen, diesmal beim Bacopa Verlag. Während die alte Suhrkamp-Version einsprachig, deutsch war, ist die neue Bacopa-Version zweisprachig, deutsch-chinesisch: diese Erneuerung nennt Professor Kubin im Vorwort zur Neuauflage„einen offensichtlichen Unterschied“ – „Die chinesischen Originale sind den deutschen Übertragungen nun zur Seite gestellt.“ Es stellt sich die Frage: Was kann das Motiv für Bacopa sein, eine Neuauflage zu drucken? Vielleicht gilt es den deutschsprachigen Sinologen, oder auch den chinesischen Germanisten? Natürlich hat sich auch der Auftritt erneuert: Aus dem typisch suhrkampisch (r)einfarbigen, hellblauen Umschlag wird einer des Bacopa, worauf das Gelb des Sonnenlichtes von oben her allmählich auf dem Grün in Form eines Daches weich landet. Als Chinese assoziiere ich damit das Tian’an Men (das Tor des Himmlischen Friedens), das die Stadt Beijing symbolisiert. Wenn schon Kubin in dem 1984 verfassten Vorwort schrieb, dass der Buchtitel auf Bei Daos Gedichtszyklus Nachrichten von der Hauptstadt der Sonne zurückgehe, und obwohl er zu Recht meinte, dass Bei Dao damit auf Campanellas Sonnenstaat anspiele, entspricht das Design des Bacopa-Verlags wohl eher, was Bei Dao vor allem meinte: die Hauptstadt Chinas, Wohnsitz des Vorsitzenden Mao, der von den Chinesen mit der Sonne verglichen wurde, als der Gedichtszyklus entstand.

(…)

Erst aus Liebe zum Gedicht kann man beim Übersetzen lauschen, wo des Gedichtes Herz schlägt, wie es atmet. Sobald das zu übersetzende Gedicht dem dichtenden Übersetzer begegnet, ergibt sich eine gute Übersetzung, an der der Zuwachs an Sprachkunst durch Übersetzung leicht erkennbar wird.

Gu Cheng:

                     远和近                                      Fern und Nah

 

你,                                          Du
一会看我,                                Schaust bald mich
一会看云。                                Bald die Wolken.
 

我觉得,                                   Als
你看我时很远,                         Sei ich fern,
你看云时很近。                         Die Wolken nah.

 

Wenn man als zweisprachiger (im Fall eines chinesischen Germanisten) Liebhaber moderner chinesischer Lyrik Kubins Übersetzung – beispielsweise eines beliebten Gedichtes von Bei Dao – liest, ist die Freude doppelt so groß, als ob man sich selbst nicht un-narzisstisch im Spiegel betrachtet. / WANG Yanhui, cri.cn

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