Im Februar kommt als (hoffentlich nicht nur) Greifswalder Großereignis der 400. Geburtstag von Sibylla Schwarz (24.2.1621 – 10.8.1638 unseren Kalenders (julianisch 14.2. – 31.7.). Sonst noch dies und das, wichtig der 200. Todestag von Keats (23.), vielleicht der 100. Geburtstag von Margarete Hannsmann und … Der Monat aber fängt an mit Raoul Hausmann, dem „Dadasophen“, der heute vor 50 Jahren gestorben ist.
Raoul Hausmann
(* 12. Juli 1886 in Wien; † 1. Februar 1971 in Limoges)
Für Friederike Mayröcker
Wiener Wald 1896
Als ich jung war, führte man mich in den Wiener Wald. Warum, wußten nur die Parzen, die Vater und Mutter spielten.
Man kam hin durch lange Straßen mit vielen Häusern. Das war mir unbekannt, und hieß Leopoldstadt. Ich erkannte es gar nicht, denn ich wohnte am Rennweg.
Ich kam an eine sehr lange Brücke, mit einem blauen Band nach beiden Seiten. Man sagte mir, das sei die Donau und das sei tausend Meter breit. Das konnte sein, aber ich erkannte gar nichts.
Von einem Wald war keine Rede. Was sich da ausbreitete hieß der Prater.
Man kam an ein großes rundes Gestell, das war das Große Rad. Es hingen hässliche kleine Waggons daran herum.
Die Parzen beschlossen, einzusteigen. Nach einer Weile hob sich zitternd langsam das Rad mit seiner Kiste.
Der Anblick von oben war so nach allen Seiten ausgedehnt, daß ich nicht sagen konnte, welchen Eindruck das machte. Ich erkannte gar nichts.
Auf der einen Seite waren eine Unmenge Dächer, auf der anderen Seite schien ein Wald zu sein.
Die aufgeschwebte Kiste begann langsam wieder sich zu senken. Unten angelangt, stieg man aus und ging fort, um sich an einen Tisch zu setzen. Da aß man dünn geschnittene Salami und trank Bier dazu.
Als ich jung war, führte man mich in den Wiener Wald.
Warum, wußten nur die Parzen, die Eltern spielten.
Auf mich machte das keinen Eindruck, denn ich erkannte gar nichts.
Heute bin ich alt und Niemand führt mich in den Wiener Wald.
Die Parzen, die Eltern spielen, sind längst verschwunden, und ich glaube der Wiener Wald auch.
20.II.68
Aus: Raoul Hausmann, Geist im Handumdrehen. Dadasophische Poesie. Hrsg. Uta Brandes u. Michael Erlhoff.
Hamburg, Zürich: Edition Nautilus und Edition Moderne, 1989, S. 11f
Heute vor 100 Jahren wurde der Schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti geboren. Er starb vor vier Jahren, wenige Tage nach seinem 96. Geburtstag.
Kurt Marti
(* 31. Januar 1921 in Bern; † 11. Februar 2017 ebenda)
äs chunnt
äs geit
ganz zerscht
chunnt meh
als geit
doch gly
chunnts so
wies geit
und bald
geit meh
als chunnt
bis
alles geit
und nüt me chunnt
Aus: Die schönsten Gedichte der Schweiz. Hrsg. Peter von Matt u. Dirk Vaihinger. München, Wien: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, 2002, S. 123
Richard Brautigan
(* 30. Januar 1935 in Tacoma, Washington; † September 1984 in Bolinas, Kalifornien)
Critical Can Opener
There is something wrong
with this poem. Can you
find it?
From: Richard Brautigan. Rommel Drives on Deep Into Egypt (1970)
Kritischer Büchsenöffner
Etwas stimmt nicht
mit diesem Gedicht. Kannst du es
finden?
Edward Lear
(* 12. Mai 1812 in Highgate; † 29. Januar 1888 in Sanremo)
Vier Buchstaben mit den Zeichnungen von Edward Lear und den alphabetisch verschobenen Verdeutschungen von Hans Magnus Enzensberger
Der Edelmütige Esel,
der in einem Essigfaß wohnt
und sich von Selterswasser und Gurken nährt.
DerJugendliche Juni-Käfer,
der einen Japanischen Schirm trug bei Sonnenschein
und ihn Jedesmal vergaß, wenn es regnete.
Das Alte Ängstliche Auerhuhn,
das sein Tabakspfeifchen
auf dem Teekessel raucht.

Das Zick-Zack-laufende Zebra,
das auf seinem Rücken fünf Zapplige Affen trug
bis an die jumbumbische Grenze.
Die deutschen Texte aus: Edward Lears Kompletter Nonsens. Ins Deutsche geschmuggelt von Hans Magnus Enzensberger. Leipzig: Insel, 1980, S. 137ff
Vor 150 Jahren wurde das Deutsche Kaiserreich gegründet und der Dichter Christian Morgenstern geboren. Letzteres am 6. Mai. Zeit, das Morgensternjahr einzuläuten.
Christian Morgenstern
(* 6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914 in Untermais, Südtirol)
Der mittelmäßige Übersetzer rechtfertigt sich
Wähle saure Mienen
draußen oder daheim.
Du kannst nur einem Herrn dienen,
dem Original oder dem Reim.
»So heb’s in eine dritte Sphäre!« –
Als ob’s dann noch das Alte wäre.
Laßt alle Überschätzungen.
So spricht der Gerechte:
Es gibt nur schlechte Übersetzungen
und weniger schlechte.
(1902/03)
Aus: Christian Morgenstern, Ausgewählte Werke. Hrsg. Klaus Schuhmann. Leipzig: Insel, 1975, S. 127
Bernd Jentzsch
(* 27. Januar 1940 in Plauen)
Heimatkunde
Wenn Mutter nicht Hindenburg gewählt hätte: hätte Hindenburg nicht Hitler zum Reichskanzler bestellt, hätte Hitler die Welt nicht mit Krieg überzogen, hätte Stalin nicht zum Großen Vaterländischen Krieg aufgerufen, hätte der Rotarmist nicht die Hammer-und-Sichel-Fahne auf dem Reichstag gehißt, hätte der Deutsche Volkskongreß nicht die keinen Deut demokratische Republik proklamiert, hätte die Wismut im Erzgebirge kein Uran abgebaut, hätte der Abraum nicht die Gegend verstrahlt, hätte die Krebsrate im Erzgebirge nicht zugenommen: Wenn Mutter nicht Hindenburg gewählt hätte, der eine so vertrauenserweckende tiefe Stimme gehabt hat im Radio, hätte es im Erzgebirge ebenso kommen können, wie es gekommen ist, nur heimatlich anders.
1992
Aus: Bernd Jentzsch, Die alte Lust, sich aufzubäumen. Lesebuch. Leipzig: Reclam, 1992, S. 18
Ulrich von Liechtenstein (auch: Lichtenstein, * um 1200; † 26. Januar 1275)
Gepriesen der sinn, der mich lange schon lehrt, 
dass ich sie liebe von herzen, je länger, je mehr,
dass ich sie verehre,
wie ein wunder, besonders, so sehr
sie liebe und meine, nur sie, die reine, glückliche, hehre.
wie glücklich wär ich, wie reich und an freuden der frohste,
wollte sie meinen kummer bedenken, die hochgelobte,
vorm falschen bewacht.
mit singen möchte ich schaffen,
dass sie mich hüte, mit güte, die liebe, die gute.
ich falte die hände in echtem verlangen, zu ihren füßen,
dass sie – als Isolde, Tristan, mich – trösten müsse,
was hieße, dass sie mich grüßte,
dass eine geste den kummer versüßte,
sie mich vom leid befreite, die liebe, die süße.
mein sehnliches denken, das all meine sinne vereint,
ohne zu irren, besorgt nur um das eine,
wie ich ihr beweise,
dass ich schon lange mit singen sie meine
in stetem verlangen, sie gute, sie liebe, sie reine.
ich wünsche, ich glaube an eines: dass, bevor ich vergreise,
mit singen mir mehr gelinge, als jetzt ihre geste beweist,
trost meiner jahre
ist wahrlich ihr anblick, sie wahrhafte dame:
ihr lachen soll mich beglücken, das schöne, das klare.
Übertragung: Birgit Kreipe
Aus: Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen. Hrsg. Tristan Marquardt u. Jan Wagner. München: Hanser, 2017, S. 178f

Wol mich der sinne· die mir ie gerieten die lere·
dc ich si minne· von herzen ie langer ie mere·
dc ich ir ere·
rehte[WS 1] als ein wunder· so svnder· so sere·
minne vnd meine· si reine· si selig si here·
Selden ich were· vil rich vnd an froͤiden der frůte·
wolde min swere· bedenken dú vil hoh gemv̊te·
dv́ wol behv̊te·
vor valschen dingen· mit singen· ich mv̊te·
dc si min hv̊te· mit gv̊te· si liebe si gv̊te·
Min hende ich valde· mit trúwen al gernde vf ir fuͤsse·
dc si als ýsalde· tristanden mich troͤsten mvͤsse·
vnd also gruͤsse·
dc ir gebere· min swere· noch bvͤsse·
den si mich scheide· von leide· si liebe si svͤsse·
Min sendes denken· da bi min sinne algemeine·
gar ane wenken· besorgen besvnder das eine·
wie ich ir bescheine·
dc ich nv lange· mit sange· si meine·
in stetem mv̊te· si gv̊te· si liebe si reine·
Ich wúnsche ich dinge· des einen dc vor grawem hare·
mir da gelinge· bas danne ir genade gebâre·
trost miner iare·
dc ist ir schǒwe· si frǒwe zeware·
mich sol ir lachen· fro machen· dú schone dú clare·
Quelle: Wikisource
Daniel Casper von Lohenstein
(* 25. Januar 1635 in Nimptsch, Schlesien; † 28. April 1683 in Breslau)
Ο ΒΙΟΣ ΕΣΤΙ ΚΟΛΟΚΥΝΘΗ * Dis Leben ist ein Kürbs / die Schal' ist Fleisch und Knochen;Die Kerne sind der Geist / der Wurmstich ist der Tod; Des Alters Frühling mahlt die Blüthe schön und roth / Jm Sommer / wenn der Saft am besten erst sol kochen / So wird die gelbe Frucht von Kefern schon bekrochen / Die morsche Staude fault / der Leib wird Asch' und Koth; Doch bleibt des Menschen Kern der Geist aus aller Noth / Er wird von Wurm' und Tod und Kranckheit nicht gestochen. Er selbst veruhrsacht noch: Daß eine neue Frucht / Ein unverweßlich Leib aus Moder Asch' und Erde / Auf jenen großen Lentz im Himmel wachsen werde. Warumb denn: daß mein Freund mit Thränen wieder sucht Die itzt entseel'te Frau? die Seel' ist unvergraben / So wird Er auch den Leib dort schöner wieder haben. Der Hofnungs-Bau ist Fall / die Blüthe faulend Most / Eis / Trübsand ist das Feld / wo unser Muth ausblühet. Wenn man den Ehren-Zweck beym Lichten recht besiehet / Hat Erde / Sand und Sarch Uns so viel Müh gekost. Wir etzen** Marmel aus nur für der Zeiten Rost / Der Wurm ist / was er spinnt / der Mensch / was er erziehet / Ja was er betet an / selbst zuzerstörn bemühet / Und unser Sonnenschein hegt morgen Haß und Frost. So wendet sich das Blatt. Wol dem der ihm nicht traut! Mein Freind / der nichts als sich im Leben wolln besiegen / Muß durch den gift’gen Hauch des Todes zwar erliegen. Wol aber ihm! daß er kein Luft-Schloß hat gebaut! Denn seiner Seele Bau / worinnen er itzt wohnet / Bleibt von der Zeit und Tod / und Untergang verschonet.
** ätzen: wir ätzen Marmor, um ihn zu reinigen
Aus: Epochen der deutschen Lyrik Bd. 4: 1600-1700. Hrsg. Christian Wagenknecht. München: dtv, 1969, S. 303f (Unveränderter Reprint 2001 u.d.T.: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart)
Dieses Gedicht besteht im Original aus 28 Zeilen ohne Leerzeile. Lediglich die 1., 9., 15. und 23. Zeile sind eingerückt. Dadurch entstehen vier Blöcke von abwechselnd 8 und 6 Zeilen. Nimmt man noch das Reimschema hinzu, abbaabba cddcee, und dann von vorn mit neuen Reimen, stellt man fest, dass es sich um ein Doppelsonett handelt. Um das Lesen etwas zu erleichtern, habe ich eine Leerzeile zwischen die beiden Teilsonette eingerückt, so kann man jedes Sonett in Ruhe für sich lesen, das zweite als Weiterführung und Vertiefung des ersten. Man verstünde auch dann leicht, dass es um Leben und Tod, Leib und Geist geht, wenn die vier Worte nicht sowieso als Gerüst im Text stünden.
Albin Zollinger
(* 24. Januar 1895 in Zürich; † 7. November 1941 in Zürich)
Advent der Fabrikmädchen
Die Arbeiterinnen kommen in einem Geruche von Mandarinen. 
Ihr Feierabend neigt in das Dunkel hinein.
Wenn sie, die Augen noch blaß vom Gebraus der Maschinen,
Über die Stege gehn, blakt im Kanal der verlassene Fensterschein.
Mit zehntausend Lichtern sinkt die Spinnerei wie ein Schiff
Und brennt in ihrem Gerippe geisterhaft glosend.
Dennoch hören die Mädchen schon ihren nebligen Pfiff
Zum Gesang der Hähne früh, durch Ohren, von Schlummer tosend.
Man sieht nicht recht, will es schnein, die Schwärze steht windstill und vage.
Einmal im Schilfe streift sie ein Falter Gas.
Einmal, ein Vogel, ein Mensch der ertrinkt, eine Klage
Seufzt, schaurig unter den Schuhen das pfeifende Gras.
Vielleicht wird es regnen. Faucht nicht der laue Föhn
Über das Brachfeld? Weich trägt er ihnen die Schürzen wie Schwangern.
Wie Fischerinnen im Winde lehnen, so gehn
Sie gebrechlich und sehnlich am Grunde von starrenden Angern.
Ach, sie sind ja nicht so! Aber die Lippen, versengt von Zoten,
öffnen sich bläulich den hauchenden Schauern der Nacht.
Ihre Gesichter, dämmernde Jenseitsgesichter von Toten
Stöbern im Sternenschein wunderlich aufgewacht.
Wie sie jetzt sind, kleine Mägdlein, schauern sie unter dem Dunkel,
Das eine schwankende Höhe von Gassen türmt
Und unaussprechlich wie in der Kindheit mit Schneegefunkel
Glocken und Kerzenbrand auf die Erde stürmt.
Aus: documenta poetica deutsch. Hrsg. Hans Rudolf Hilty. München: Kindler, 1962, S. 161
Jesse Thoor
(* 23. Januar 1905 als Peter Karl Höfler in Berlin; † 15. August 1952 in Lienz/Osttirol)
Dankrede
Dies ist die Rede des Einzigen und aus Jesse und Lob und Dank. 
Der viel gesehen hat, mancherlei gehört und mehr noch erfahren.
Und zur Bestätigung und Zeugnisablegung dem Gesicht des Herrn.
(Sein Wille geschieht in Einfältigkeit und in Gerechtigkeit.)
Und zur Freude der Abgestorbenen und des Himmels und der Erde.
Und nach beiden Seiten.. der Auferstandenen und der Lebendigen.
Und der Tiere.. vor allem den Pferden, den Kühen, den Schafen.
Und der Sonne.. und dem Mond.. und dem Wind .. dem Regen..
Und Dame Jo.. die mich verborgen.. die meine Flucht vorbereitet hat.
Und Friederike.. die auf allen meinen Wegen mich begleitet hat.
Und Wolfgang Langhoff.. der mir Geld und gute Worte mitgegeben hat.
Und Max Pfänder.. der mich aufgenommen und gesund gepflegt hat.
– Und Hubertus, der ohne Erwarten meinen Glauben gerettet hat.
(– Und gib ihnen ein langes Leben und ein seliges Ende..)
Aus: documenta poetica deutsch. Hrsg. Hans Rudolf Hilty. München: Kindler, 1962, S. 234f
Die Poeten, wenn sie Poesie machen, die hinter ihrem und unserem Bewußtsein zurückbleibt, sperrt man nur darum nicht ein, weil der Schaden, den sie anrichten, nur sie selber trifft; sie entlassen sich sozusagen selber: indem kein Zeitgenosse, kein bewußter, sie ernst nehmen kann.
Max Frisch (1947) Zit. nach documente poetica deutsch. Hrsg. Hans Rudolf Hilty. München: Kindler, 1962, S. 5
Bolesław Leśmian
(* 22. Januar 1877[1] in Warschau; † 5. November 1937 ebenda)
Der Wind weiß gut, wie die Stimme taut …
Die Dämmerung schaukelt die Föhre.
Man sieht keine Welt, man hört keinen Laut,
Doch ich sehe etwas und höre …
Das Schicksal schickt mir ein Traumgesicht,
Es streckt die Hand aus den Tiefen!
Ich kenne die Qual, doch ich kenne nicht
Die fremden Stimmen, die riefen.
Sie singen ein trauervolles Lied,
Ich laufe hinaus in die Gasse
Und finde dort nichts, was man hört und sieht.
Und finde nichts, was ich fasse!
Der Nebel dunkelt im Birkenlaub.
Ich gehe zurück in mein Zimmer.
Ein Niemand ist für den Niemand taub!
Er hilft einem Niemand nimmer!
Deutsch von Karl Dedecius, aus: Polnische Poesie des 20. Jahrhunderts. Hrsg. u. übertragen von Karl Dedecius. München: dtv, 1968, S. 9
Mascha Kaléko
(Golda Malka Aufen, * 7. Juni 1907 in Chrzanów, Galizien, Österreich-Ungarn; † 21. Januar 1975 in Zürich)
Sie wissen nichts von Schmutz und Wohnungsnot,
Von Stempelngehn und Armeleuteküchen.
Sie ahnen nichts von Hinterhausgerüchen,
Von Hungerslöhnen und von Trockenbrot.
Sie wohnen meist im herrschaftlichen Haus,
Zuweilen auch in eleganten Villen.
Sie kommen nie in Kneipen und Destillen,
Und gehen stets nur mit dem Fräulein aus.
Sie rechnen sich schon jetzt zur Hautevolée
Und zählen Armut zu den größten Sünden.
– Nicht mal ein Auto . . .? Nein, wie sie das finden!
Ihr Hochmut wächst mit Pappis Portemonnaie.
Sie kommen meist mit Abitur zur Welt,
– Zumindest aber schon mit Referenzen –
Und ziehn daraus die letzten Konsequenzen:
Wir sind die Herren, denn unser ist das Geld.
Mit vierzehn finden sie, der Armen Los
Sei zwar nicht gut. Doch werde übertrieben – –.
Mit vierzehn schon! – Wenn sie noch vierzehn blieben.
Jedoch die Kinder werden einmal groß . . .
Aus: Mascha Kaléko, Das lyrische Stenogrammheft. Kleines Leseheft für Große. rororo-Taschenbuch, 1956, S. 22
Worte können töten. Gerade wieder haben wir es im Fernsehen gesehen, aus Washington D.C.. Vor 60, 70 Jahren hatten es die Menschen gerade erlebt und – unterschiedliche – Schlußfolgerungen daraus gezogen. Nach Auschwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben, schrieb A. B (in einem Gedicht): „Zeichen, Farben, es ist ein Spiel. Ich bin bedenklich, es möchte nicht enden gerecht.“ C: „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch / beinahe ein Verbrechen ist, / weil es soviel Gesagtes / mit einschließt.“
(Keine Gewähr für den Wortlaut, nur für den Sinn: ich zitiere beim Schreiben aus dem Gedächtnis, daher verbürgt.)
Die drei Herren heißen Adorno, Bobrowski, Celan, ich könnte mich durch das Alphabet hangeln, wenn ich mir Zeit nehme und die Bücher hinzuziehe. Ich könnte Frauen hinzunehmen, spontan fallen mir ein für A: Ausländer, Aichinger, für B: Bachmann, Busta, für C jetzt keine auf die Schnelle. Ich springe zu G, wieder ein Mann, ich schlage nach: „Die populäre Einfachheit, das lustvolle Bejahen und Spielen, das Buch als buntes Gesamtkunstwerk und die universale, über Länder und Sprachen ausgreifende Haltung: all dies, von Eugen Gomringer einst eingeleitet, ist erst heute wirklich aktuell.“ Das Zitat stammt von dem amerikanischen Germanisten Reinhold Grimm, es gilt dem Begründer der „konkreten Poesie“ und der „Konstellation“.
Eine von Gomringers Konstellationen hat vor ein paar Jahren heftiges Pro und Contra ausgelöst, eine der laut Grimm populären, einfachen, lustvollen, bunten, spielerischen, universalen Konstellationen musste von einer Berliner Hauswand entfernt werden. (Die eine Vorliebe für die einfache Erklärung haben, sagen „Cancel culture“ – als ob es so einfach wäre.)
Grimm, als er das schrieb, es war 1970, kritisierte eine Meinung Helmut Heißenbüttels (der in den Worten das kritische Potential betonte) und erlag selber einer utopischen Verzeichnung, als er glaubte, „nun“ sei die Zeit, die Konstellationen unideologisch als einfaches, fröhliches Spiel zu nehmen, als das sie vielleicht gemeint waren. Er übersah, dass Worte, wie lustvoll-spielerisch man sie auch montiert haben kann, mit Bedeutungen einhergehen und deshalb je verschieden interpretierbar sind. Die StudentInnen, die jene Debatte um Gomringers kleine Konstellation in spanischer Sprache auslösten, führten es selbst vor in ihrer ersten Stellungnahme: das Gedicht war ja schon eine ganze Zeit an der Wand präsent, aber erst jetzt in den Semesterferien hätten sie sich die Zeit genommen und das Gedicht interpretiert mit dem bekannten Resultat. (Sie hatten vielleicht nicht gelernt, dass auch die Interpretation ein Spiel ist.)
Heute, zum 96. Geburtstag Gomringers, hier eine andere Konstellation aus den 50er Jahren, erschienen in dem Band „33 konstellationen“ (1960).
EUGEN GOMRINGER
sonne mann
mond frau
sonne frau
mond mann
sonne mond
mann frau
kind
Es sind nur vier Worte, vier Substantive, die in drei Zeilenpaaren unverbunden nebeneinandergestellt und permutiert werden und dann ein fünftes Substantiv „gebären“.
„Sprich im ganzen Satz“, sagen Lehrer vielleicht noch immer zu Kindern, dabei weiß jeder aus der Alltagsrede und gegebenenfalls aus Poesie, dass Rede auch ohne ganze Sätze funktioniert. Wenn wir die Wörter Sonne und Mann unverbunden und in Kleinschreibung finden, erkennen wir blitzschnell, a) dass es trotz Kleinschreibung Substantive sind und b) dass man das als verkürzte Definition lesen kann: Die Sonne ist ein Mann, der Mond ist eine Frau. Wozu 10 Wörter, wenn zwei bzw. vier genügen? Aber was stimmt nun. Die Sonne ist ein Mann? Im Spanischen ja, im Deutschen nein; und beim Mond gerade anders herum.
Soweit eine mögliche Interpretation. Ich glaube nicht, dass es die einzig mögliche ist. Das ist ja gerade der Spaß an (verkürzter oder poetischer) Rede, dass man verschiedenes herauslesen kann. Oder der Spaß hört auf, wenn man eine der möglichen Interpretationen als einzig richtige nimmt und die Schlussfolgerung zieht, also zum Beispiel irgendeine Tendenz herausliest und anschließend das Ergebnis der eigenen Interpretation bekämpft. Dieses Gedicht, heißt es dann, ist friedens- oder gesellschafts- oder gottes- oder männer- oder frauen- oder konsum- oder – …-feindlich: Wand ab! Kopf ab! Es geschah oft und wird wieder geschehen. Am 6. August 1992 wurde der iranische Dichter Fereydun Farrochsad im Exil in Bonn erstochen und enthauptet, ich nehme das Beispiel, weil ich gerade gestern davon las.
In Gomringers Konstallation aber kreisen die Wörter friedlich umeinander, bis das Kind da ist.
Werner Riegel
(* 19. Januar 1925 in Danzig; † 11. Juli 1956 in Hamburg)
Stirn und Scheitelknochen
Inseln unter dem Wind,
Wo tief die Zitterrochen
Meiner Gedanken sind.
Thule und beide Sizilien
Hinter Heu irgendwo.
Ich schweige im Blau, ich spiele
Träumerisch mein Jo-Jo.
Still geht der Tag zur Neige,
Mir liegt nichts daran.
Ich halte mit meinem Zeige-
Finger die Zeiten an.
Länger wird der Schatten,
Vita brevis est.
Was war, das wir bejahten?
Es gibt uns den Rest.
Jabos, fliegende Fische,
Treiben ins Wolkennetz.
Die Nacht, die zauberische,
Erfüllt ihr Gesetz.
Rotliegendes über den Gärten –
Ihr Hunde, geht in die Knie!
Abends beim Dunkelwerden:
To be or not to be!
Aus: Panorama moderner Lyrik deutschsprechender Länder. Von der Jahrhundertwende bis zur jüngsten Gegenwart. Hrsg. Wolfgang Hädecke und Ulf Miehe. Gütersloh: S. Mohn, o.J. (ca. 1965), S. 432
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