Das Leben ist ein Kürbis

Daniel Casper von Lohenstein

(* 25. Januar 1635 in Nimptsch, Schlesien; † 28. April 1683 in Breslau)

Ο ΒΙΟΣ ΕΣΤΙ ΚΟΛΟΚΥΝΘΗ *

  Dis Leben ist ein Kürbs / die Schal' ist Fleisch und Knochen;
Die Kerne sind der Geist / der Wurmstich ist der Tod;
Des Alters Frühling mahlt die Blüthe schön und roth /
Jm Sommer / wenn der Saft am besten erst sol kochen /
So wird die gelbe Frucht von Kefern schon bekrochen /
Die morsche Staude fault / der Leib wird Asch' und Koth;
Doch bleibt des Menschen Kern der Geist aus aller Noth /
Er wird von Wurm' und Tod und Kranckheit nicht gestochen.
  Er selbst veruhrsacht noch: Daß eine neue Frucht /
Ein unverweßlich Leib aus Moder Asch' und Erde /
Auf jenen großen Lentz im Himmel wachsen werde.
Warumb denn: daß mein Freund mit Thränen wieder sucht
Die itzt entseel'te Frau? die Seel' ist unvergraben /
So wird Er auch den Leib dort schöner wieder haben.

  Der Hofnungs-Bau ist Fall / die Blüthe faulend Most /
Eis / Trübsand ist das Feld / wo unser Muth ausblühet.
Wenn man den Ehren-Zweck beym Lichten recht besiehet /
Hat Erde / Sand und Sarch Uns so viel Müh gekost.
Wir etzen** Marmel aus nur für der Zeiten Rost /
Der Wurm ist / was er spinnt / der Mensch / was er erziehet /
Ja was er betet an / selbst zuzerstörn bemühet /
Und unser Sonnenschein hegt morgen Haß und Frost.
  So wendet sich das Blatt. Wol dem der ihm nicht traut!
Mein Freind / der nichts als sich im Leben wolln besiegen /
Muß durch den gift’gen Hauch des Todes zwar erliegen.
Wol aber ihm! daß er kein Luft-Schloß hat gebaut!
Denn seiner Seele Bau / worinnen er itzt wohnet /
Bleibt von der Zeit und Tod / und Untergang verschonet.
  • griech.: Das Leben ist ein Kürbis

** ätzen: wir ätzen Marmor, um ihn zu reinigen

Aus: Epochen der deutschen Lyrik Bd. 4: 1600-1700. Hrsg. Christian Wagenknecht.  München: dtv, 1969, S. 303f (Unveränderter Reprint 2001 u.d.T.: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart)

Dieses Gedicht besteht im Original aus 28 Zeilen ohne Leerzeile. Lediglich die 1., 9., 15. und 23. Zeile sind eingerückt. Dadurch entstehen vier Blöcke von abwechselnd 8 und 6 Zeilen. Nimmt man noch das Reimschema hinzu, abbaabba cddcee, und dann von vorn mit neuen Reimen, stellt man fest, dass es sich um ein Doppelsonett handelt. Um das Lesen etwas zu erleichtern, habe ich eine Leerzeile zwischen die beiden Teilsonette eingerückt, so kann  man jedes Sonett in Ruhe für sich lesen, das zweite als Weiterführung und Vertiefung des ersten. Man verstünde auch dann leicht, dass es um Leben und Tod, Leib und Geist geht, wenn die vier Worte nicht sowieso als Gerüst im Text stünden.

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