Konstantin Ames, Jg. 1979, erlebt Berlin als Dichter und Poesieschützer; sucht und findet Gedichte, die nicht meritokratisch ticken.
Kristin Bischof, Jg. 1984, lebt als Pädagogin und Philologin in Berlin; ihre „Lektüre mit Wissenschaftsgeschichte von Rainer Maria Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ (zgl. Diss. an der Universität Osnabrück) erschien 2020 bei Wallstein. Bischof forscht schwerpunktmäßig zur Gegenwartsdichtung und ist Mitbegründerin der polyglotten Zeitschrift Limen.
Crauss, Jg. 1971, lebt in Siegen als Dichter, Kulturpädagoge und Medienkünstler. Zuletzt erschien das Poesiebuch „die harte seite des himmels“ (Verlagshaus Berlin 2019) und der Sammelband „blackbox“ mit Gedichten und Übersetzungen seiner Gedichte ins Englische und Mazedonische (Slavokult 2021), Crauss war langjährig Redakteur der Kritischen Ausgabe; sein Appell an uns: „poetisiert euch!“
www.crauss.com
Wolfram Malte Fues, Jg. 1944, er war von 1994 an bis 2011 Extraordinarius für Neuere dt. Literatur und Medienwissenschaft an der Universität Basel; zahlreiche Forschung zur literarischen Moderne sowie zeitkritische Essayistik. Sein dichterisches Werk umfasst sieben Gedichtbände, zuletzt erschien 2019 „Unsanfte Bilder“ (Lyrikedition 2000). Fues ist Mitinitiator des Lyrikfestivals Basel.
Wolfram Malte Fues
Michael Gratz, Jg. 1949, ist Herausgeber von Lyrikzeitung & Poetry News (seit 2001) und Lyrikwiki und war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Literaturtheorie der E.M.A.U. Greifswald und im Wolfgang-Koeppen-Archiv. Zum 400. Geburtstag der Greifswalder Barockpoetin Sibylla Schwarz hat Gratz ihr Werk editiert, es erscheint beim Verlag Reinecke & Voß.
Norbert Gutenberg, Jg. 1951, lebt in Saarbrücken im Department Grand-Est. Als Lehrstuhlinhaber für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung der Universität des Saarlandes (bis 2016) initiierte er die Reihe „Gedicht des Monats“ und zuvor das „Poesietelefon“; zahlreiche Forschung zum Gedichtsprechen und zur ästhetischen Kommunikation.
Simone Kornappel, Jg. 1978, lebt als Medizinerin, Autorin-Künstlerin und Übersetzerin (u.a. der Lyrik Leonard Cohens) in Berlin. Sie ist Mitbegründerin des stilprägenden Magazins randnummer.
Kerstin Preiwuß, Jg. 1980, lebt als Autorin in Leipzig. Sie promovierte ebendort mit einer onomasiologischen Arbeit zur „Semiose von Ortsnamen in Zeit, Raum und Kultur: die Städte Allenstein/Olsztyn und Breslau/Wrocław“ (Timme & Frank 2012). Zuletzt erschienen im Berlin Verlag der Roman „Nach Onkalo“ (2017) und der Gedichtband „Taupunkt“ (2020).
Kerstin Preiwuß
Zé do Rock, Jg. 1956, Autor und Kosmopolit. Zé do Rocks Live-acts sind Kult. Verkrustungen und Kulturklischees setzt er sein Ultradoitsh entgegen. Buchveröffentlichungen (u.a.): „Deutsch gutt sonst geld zuruck“ (Kunstmann) und „fom winde ferfeelt“ (Piper). Even Jörg Drews was amused. Zé do Rock lebt z.B. in Stuttgart und München.
Zé do Rock
Armin Steigenberger, Jg. 1965, ist Dichter, Literaturkritiker, Ex-Architekt in München und seit zwanzig Jahren Redakteur des dort erscheinenden Literaturmagazins außer.dem; letzte Buchveröffentlichungen sind die Gedichtbücher „das ist der abgesägte lauf der welt“ (edition offenes feld 2020) und „die fortsetzung des glücks mit anderen mitteln“ (horlemann 2014).
Armin Steigenberger
Elisabeth Wandeler-Deck, Jg. 1939, studierte Architektur, lebt am Rand von Zürich und stellt zentrale Fragen zu diesem zentralen Thema (Rand, nicht Zürich). Wandeler-Deck ist Autorin, Reisende, und durchführende Künstlerin, (und all das) auch in ihren Büchern, zuletzt erschienen „attacca holdrio“ (edition sacré 2019) und „visby infra-ordinaire“ (edition taberna kritika 2018)
Elisabeth Wandeler-Deck
Markus R. Weber, Jg. 1963, lebt in Mannheim, wurde mit einer Arbeit über Paul Kornfeld promoviert. Zuletzt erschienen die Bücher: „vor augen: Gedichte“ (Brueterich Press 2017) und „Extremisten: 16 Augenzeugenberichte“ (Rhein-Mosel-Verlag), lexikographische Arbeiten für das Kritische Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.
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Von Christian Morgenstern
ECCE CIVIS
Ein bürgerliches Drama
Um 1898
HANDELNDE
Eine Kiste Zigarren
Eine Schachtel Zigaretten
Ein mit zwei Kuverts gedeckter Esstisch
Eine grosse gedeckte Gesellschaftstafel
Ein Tablett mit Kaffeegeschirr
Ein Tablett mit Wein
Ein Tablett mit Bier
Parfümflaschen, Tüten mit Konfekt, Löffel, Messer, Gabeln, Kohlenschaufeln, Schmapsservice, große und kleine Brotkörbe, Ausguß, Wasserhähne, Putzlappen, Korkzieher, Zuckerdose usw. usw. nach Bedarf und Belieben. Dazugehörige Personen.
ERSTER AKT
Ein hübsches Junggesellenzimmer.
ERSTE ZIGARRE läßt Ringel zur Decke steigen. Der dazugehörige Herr sagt etwa : Wo nur die Fanny heut so lang bleibt! Läßt sich vom Zimmer zu schaffen machen.
MEHRERE TELLER klappern.
GABELN klirren.
EINE TÜTE MIT DATTELN wird irgendwo versteckt.
EINE FLASCHE SEKT knallt. Der dazugehörige Diener sagt etwa‘: Bleibt heut das Fräulein aber lang!
Nach einer Weile klopft es, und die Erwartete kommt.
EINE ZIGARETTE fängt an zu brennen. Der dazugehörige weibliche Mund sagt etwa: Du hast wohl heut etwas warten müssen, Fredi.
DIE ZIGARRE: Du machst dir eben nichts aus mir.
DIE ZIGARETTE: Ach geh, was du dir auch immer einbildst; Komm, eß mer. Man setzt sich zu Tisch.
DAS GESAMTE TISCHGERÄT entwickelt eine lustige Musik, durch welche hindurch man hie und da einige Namen von Speisen und Personen sowie allerlei auf diesen und jenen Lebensausschnitt Bezügliches vernimmt. Nach einer Weile fällt der Vorhang.
ZWEITER AKT
Ein Salon.
Eine Menge Zigarren und Zigaretten mit dazugehörigen Personen beiderlei Geschlechts kommt aus dem im Hintergrund durch eine breite Flügeltür sichtbaren Speisesaal, nicht jedoch ohne des öftern dahin zurückzukehren, ein Glas Wein, ein Stück Torte zu sich zu nehmen, einen Toast auszubringen oder dergleichen.
ERSTE ZIGARRE: Das mit der Huber soll also wirklich wahr Sein?
ZWEITE ZIGARRE: Meine Frau hat die zwei mit eignen Augen –
EINE ZIGARETTE: Mit eignen Augen!
EIN STÜCK TORTE: Um Gottes willen, seid still! Dort kommt er!
MEHRERE ZIGARREN UND ZIGARETTEN: Pst! pst! pst!
DRITTE ZIGARRE in Begleitung des Herrn Alfred Müller tritt auf: Guten Abend, meine Damen und Herren!
SÄMTLICHE ZIGARREN UND ZIGARETTEN: Guten Abend, Herr Müller.
ZWEITE ZIGARRE UND DRITTE ZIGARETTE zugleich: Bitte, meine Herrschaften, der Kaffee!
EIN TABLETT MIT KAFFEETASSEN beherrscht auf längere Zeit die Situation.
Unter mannigfachen mehr oder minder hörbaren und wichtigen Gesprächen der zu den verschiedenen Requisiten gehörigen Personen vergeht die vorgeschriebene Zeit, bis der Vorhang wiederum fallen kann.
DRITTER AKT
Ärmliche Giebelstube.
EINE ZIGARETTE sitzt mit dem dazugehörigen Fräulein Fanny vor einem Tisch.
LÖFFEL, MESSER, GABELN lassen sich von ihr putzen und führen eine Weile das Wort.
EINE ZIGARRE in Begleitung des Herrn Alfred Müller tritt auf: Grüß dich Gott, Fanny!
DIE ZIGARETTE: Jessas, Fredi, wo kommst denn du jetzt her?
DIE ZIGARRE: Es mußte sein. Aber erst schaff mir was zu trinken, ich bin wie ausgedorrt.
DIE ZIGARETTE: Ich hab bloß Bier da.
DIE ZIGARRE: Schadt nichts. Gib nur her! Fanny – zwischen uns muß Es aus sein. Schenkt Bier ein.
DIE ZIGARETTE zitternd: Ich hab mir’s ja gedacht.
DIE ZIGARRE paFFend: Also machen wir’s kurz.
DIE ZIGARETTE liegt mit dem Kopf auf dem Tisch.
DAS BIERGLAS trommelt.
DIE LÖFFEL, MESSER UND GABELN machen einen nervösen Lärm. Dazwischen spielt sich eine Art von Szene ab, an deren Schluß das Ende des Stückes steht.
DIE ZIGARRE MIT ZUBEHÖR verschwindet von der Bühne.
DIE ZIGARETTE erlischt.
Der Vorhang fällt.
Ende.
Aus: Christian Morgenstern, Ausgewählte Werke. Hrsg. Klaus Schuhmann. Leipzig: Insel, 1975, S. 455-457
war die Frau des Greifswalder Bürgermeisters Christian Schwarz oder auch Schwartz hochschwanger. Man schrieb den 14. Februar 1621, aber nur in Rom, Köln oder Berlin, wo bereits seit vielen Jahren der gregorianische Kalender galt. Anderswo, in London, Stockholm oder Greifswald, wo man den neumodisch-papistischen Kalender nicht mitgemacht hatte, schrieb man nach dem guten alten julianischen Kalender erst den 4. Februar.
Da es sich kompliziert anhört, hier eine vereinfachte Tabelle:
| Heute | Sonntag, 14. Februar 2021 |
| Vor 400 Jahren | Sonntag, 14. Februar 1621 greg. / 4. Febr. jul. |
(In Klammern lesen nur ganz Hartgesottene weiter! Vereinfacht ist diese Tabelle deshalb, weil das julianische Jahr länger war als das gregorianische – so sehr, dass er in 100 Jahren um einen ganzen Tag weiter war. Heute vor 400 julianischen Jahren war Mittwoch, der 10. greg. / 1. jul. Verwirrung komplett?)
Also noch einmal, heute vor 400 Jahren war Regina Schwarz, geb. Völschow, hochschwanger, der Hausarzt sagte eine Geburt in etwa zwei Wochen voraus. Wir Heutigen aber, wir erklären das ganze 400. Jahr zum Jubeljahr.. In Greifswald wird man das ganze Jahr hindurch feiern, und vielleicht nicht nur hier. Vor vier Wochen erschien der erste Band einer zweibändigen kritischen Werkausgabe, heute gedenken wir der Jubilarin erneut. Dirk Uwe Hansen, der zusammen mit Berit Glanz eine Anthologie mit dem schönen Titel „… und bey den Liechten Sternen stehen. Gedichte zu Sibylla Schwarz‘ 400. Geburtstag“ herausgibt (sie erscheint im Mai bei Reinecke & Voß), war so freundlich, mir schon einmal eine Kostprobe zu geben.
Lara Rüter
will in den wald und mit dianen jagen
übern brüsten fell von feinden tragen, gras am boden
bürstet den bogen. diana chillt im pool, verhext den spiegel.
ihre nymphe sein, cool. ich bin nur ich. mir fehlt der rand
an meiner hemmungslosen weiblichkeit, doch wie viele
brüste stützen mich. wie nackt das eigne auge blickt
auf einen embryo, der hinterm nabel zwickt. auf fretow’s rosen
toll, aus ihrem rot entrollt sich das theaterstück. krieg. trolle.
göttinnen und mama, die weint um mich. ist lieben keusch? —
wie sterben. zurück, wohin ich flieh. nicht zum friedhof
wo ich brav sein wollte zu soldaten. in leisem glück ein netzlein
stricken, ehekeusch. oh, love, no. lacht mir ins maul, diana
dabei will ich doch auf schlangen schlafen, basilisken reiten, ja
faul und matt in den wald geworfen. bin bäume, bogen, fell.
bin hirsch, bin hund, bin wind, bin zahn, bin blind, bin spannerin
bin meine beute, jägerin, bin wind, bin wind, bin wind, bin wind
zu Sibylla Schwarz’ 400. Geburtstag
Mit Dank an Lara Rüter und die Herausgeber.
Sergej Jessenin
(Сергей Александрович Есенин, * 21. September jul./ 3. Oktober 1895 greg. in Konstantinowo, Gouvernement Rjasan, Russisches Kaiserreich; † 28. Dezember 1925 in Leningrad)
Ja, blutrotes Traumpferd, erscheine
In die Gabeldeichsel der Welt
eingespannt! Ach, selbst die reine
Milch ist mir lang schon vergällt.
Streu über pazifische Ferne
dein Wiehern und – zögere nicht!
Als Glöckchen nimm dir die Sterne,
kaltes und klirrendes Licht.
Greif als Kummet den Regenbogen,
den Polarkreis als Sattelschnur.
Dann los!, die Erde gezogen
auf eine andere Tour!
An unseren Erdball, den schweren,
gefesselt mit Mähne und Schwanz,
spreng durch die Wolkenbarrieren
in jenes Land voller Glanz …
O ihr Guten im Paradiese!
Schockiert sieht die ölige Schar
der Seligen von ihrer Wiese:
Wir stürmen den Himmel sogar!
Februar 1919
Deutsch von Adolf Endler
Aus: Sergej Jessenin, Gedichte. russ./dt. Leipzig: Reclam, 1975 (3., veränd. u. erw. Aufl.), S. 91
Pantokrator (griech. παντοκράτωρ, dt. auch Pankrator) bedeutet All- oder Weltenherrscher. (Wiki)
In der 1. Auflage stand eine ältere Übersetzung:
PANTOKRATOR IV
Steig hernieder zu uns, rotes Pferd,
und dann spann dich ein ins Geschirr der Erde!
Wie bitter wurde all unsre Milch
unterm brüchigen Dach der Zeit.
Weit übers Wasser daher
o gieße uns dein dumpfes Geschnaub
und glockenhell mit dem Stern gieße aus
seinen kalten Glanz ohne Stemenstaub!
Häng dir den Regenbogen als Krummholz um,
den Polarkreis ans Geschirr geschnallt,
so zieh unsere Erde nur bald
heraus auf eine andere Spur.
Fahr los mit der Mähne des Morgenrots,
häng die Erde dir an den Schwanz,
in die Höhen, über den Wolkenkranz
jag hinein in ein glückliches Land!
Mögen, die selig sind mit der Lampe,
im Himmel uns trinken lind
auf ihren Feldern von weitem schon sehen,
daß wir zu ihnen als Gäste kommen und winken.
Deutsch von Adelheid Christoph.. Jessenin, Gedichte russ./dt. 1. Aufl. 1965, S. 95
Пантократор 4
Сойди, явись нам, красный конь!
Впрягись в земли оглобли.
Нам горьким стало молоко
Под этой ветхой кровлей.
Пролей, пролей нам над водой
Твое глухое ржанье
И колокольчиком-звездой
Холодное сиянье.
Мы радугу тебе — дугой,
Полярный круг — на сбрую.
О, вывези наш шар земной
На колею иную.
Хвостом земле ты прицепись,
С зари отчалься гривой.
За эти тучи, эту высь
Скачи к стране счастливой.
И пусть они, те, кто во мгле
Нас пьют лампадой в небе,
Увидят со своих полей,
Что мы к ним в гости едем.
1919
Else Lasker-Schüler
(* 11. Februar 1869 in Elberfeld; † 22. Januar 1945 in Jerusalem)
DÄMMERUNG
Ich halte meine Augen halb geschlossen
Graumütig ist mein Herz und wolkenreich
Ich suche eine Hand der meinen gleich
Mich hat das Leben, ich hab es verstoßen
Und lebe angstvoll nun im Übergroßen
Im irdischen Leibe schon im Himmelreich.
Und in der Frühe war ich blütenreich
Und über Nacht froh aufgeschossen
Vom Zauber eines Traumes übergossen
Nun färben meine Wangen meine Spiegel bleich.
Aus: Else Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte. Hrsg. Friedhelm Kemp. München: Kösel, 1984, S. 259
Eine Art kommunistischer Utopie aus dem Gedicht „Hoffnung 3000“ von Margarete Hannsmann, die heute vor 100 Jahren geboren wurde.
Margarete Hannsmann
(* 10. Februar 1921 in Heidenheim an der Brenz; † 29. März 2007 in Stuttgart)
(…)
Jede Frau darf zwei Kinder haben
von wem sie mag und ihr Recht aufs Gebären
abtreten an eine die mehr haben möchte
und sich zusammentun oder nicht mit dem Mann
und muß die Kinder nicht aufziehen doch
wenn sie es will läßt man sie’s ohne Not tun
Keinesfalls seh ich Geld noch Vergleichbares
Wein und Korn und alle Früchte
baut jeder an der Freude dran hat
gibt und nimmt
ein Gewand
einen Tisch immer wird bleiben daß welche was gern tun
mit der Hand
mit dem Kopf
eine Laute schlagen
Bücher auf alten Maschinen drucken
immer wird da einer sein der schreibt
(…)
Aus: Margarete Hannsmann, Spuren. Ausgewählte Gedichte 1960-1980. Mit 8 Holzschnitten von HAP Grieshaber. Leipzig: Reclam, 1981, S. 114
Amy Lowell
(* 9. Februar 1874 in Brookline, Massachusetts; † 12. Mai 1925 ebenda)
Ich machte ein Lied am Morgen –
Ich saß im Schatten der Weißdornhecke,
ich spielte es auf meiner Pfeife –
die hellen Töne entzückten mich,
und die kleinen Spatzen und Eichhörnchen
schienen auch zufrieden.
Da war ich stolz, daß ich ein so schönes Lied gemacht hatte.
Möchtest du’s hören, mein Lied?
Ich will es spielen für dich,
so wie ich’s heut abend meiner Liebsten spielte –
Da stand ich auf den mondhellen Steinen
unter ihrem Fenster.
Du aber bist nicht meine Liebste,
du mußt mir einen Silberschilling geben,
rund und glänzend wie der Mond.
Kupfer nehme ich nicht, –
Kupfer wäre keine Bezahlung
für ein Lied, das ich ganz alleine gemacht –
ganz aus gar nichts!
und so schön!
Aus: Julius Bab, Amerikas neuere Lyrik. Ausgewählte Nachdichtungen. Bad Nauheim: Christian-Verlag, 1953, S. 57
Erika Burkart
(* 8. Februar 1922 in Aarau; † 14. April 2010 in Muri AG)
Falsch, zu glauben, sie haben
sich nichts mehr zu sagen;
vieles wäre noch auszusprechen,
doch die Worte kehren
um auf den Lippen.
Erschöpfung, Entfremdung, Verletzung:
Leben heißt dieses Stück, oder Zeit,
das auskommt fast ohne Worte
und stumm verweist
auf verworrene Muster
und das Recht eines jeden,
mit nicht zu wortenden Bildern
hineinzuragen ins Schweigen.
Aus: Die skeptische Landschaft. Deutschsprachige Lyrik aus der Schweiz seit 1900. Hrsg. Klaus-Dieter Schult. Leipzig: Reclam, 1988, S. 133
Heinz Czechowski
(* 7. Februar 1935 in Dresden; † 21. Oktober 2009 in Frankfurt am Main)

Flußfahrt
1
Frühnebel. Die Dörfer
Eingegrenzt vom Fluß und den Bergen.
Gutgestimmte Hähne
Wechseln den Morgengruß.
Uferzonen,
Besetzt von wiederkäuendem Vieh,
Treiben dahin. Die Sonne,
Ein randloses Licht,
Erscheint dem Tag:
Brandsätze falln, da
Ist die Welt gegenwärtig
In sächsisch-böhmischen Dörfern.
2
Jetzt sprich deine Sprache, Land,
Verschweig nichts
Mit postkartenreifen Idyllen.
Geschrieben wird nicht
Der Gruß aus dem Nichts:
Stehn sprachlos und kalt
Noch die Städte, zensieren
Zerbrochene Brücken
Noch die Geschichte ?
3
Nach einer anderen Sprache verlangen
Die nicht geschriebenen Sätze:
Zu beiden Seiten des Flusses
Nehmen Autokolonnen
Mit tödlichem Blei
Das Grün unter Beschuß.
Und die Sprache –
Jetzt ist sie ein Schlager:
Nimm den Sonnenstein
In dein Herz hinein.
(Und das Gedicht,
Gedankenlos fast,
Ist eine Arabeske,
An den Rand der Geschichte
Gezeichnet.)
4
Größers wolltest auch du! –
Ein Echo,
Zurückgeworfen
Von Felsen.
Hier nicht
Ist der Winkel von Hardt,
Wenn auch der Wald
Hinunter sinket und sinnt
Über den Fußtritt des
Schicksals.
5
Uns bleibt,
Im Bilde zu bleiben,
Unsere Losung,
Auch wenns die Gedanken
Zu Grund zieht
Wie überfrachtete Kähne.
Aus: Heinz Czechowski, Auf eine im Feuer versunkene Stadt. Gedichte und Prosa 1958-1988. Auswahl und Nachwort von Wulf Kirsten. Zeichnungen von Claus Weidensdorfer. Halle, Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1988, S. 62f
Perlentaucher vorgestern über das in Vorbereitung befindliche neue Urheberrecht:
Es ist ein Kompromiss, jetzt kann man ihn nur ausprobieren, meint Andrian Kreye in der SZ zum jüngsten Entwurf für ein neues Urheberrecht: „Im letzten Entwurf sollten 20 Sekunden Audio oder Video, 1000 Zeichen Text und 250 Kilobyte für Fotos und Grafiken unter eine sogenannte Bagatellgrenze fallen. Die neuen Grenzwerte sind 15 Sekunden, 160 Zeichen und 125 Kilobyte. Der Zaun ist also zumindest für Autoren, Buch- und Presseverlage wieder deutlich höher.“ Ohne Leerzeichen besteht dieses Zitat aus 269 Zeichen. Wir werden künftig nur noch im Telegrammstil debattieren.
160 Zeichen, das sind 100 weniger (!) als ein Tweet, nach dem deutschen Recht dürfte man keinen Tweet mehr zitieren. L&Poe fühlt sich inspiriert und kreiert eine neue Gedichtform, eine Abart des Cutup, das 160-Zeichen-Gedicht. (auch Bagatellgedicht), 160 Zeichen aus copyrightgeschützten Büchern deutscher Verlage. Die neue Form sucht ihre Form(en). Tut mir leid für die Autoren, aber so ist das Recht, mehr geht nicht, der Zaun ist für euch zu hoch.
Heute: Francis Ponge

Selma Meerbaum-Eisinger
(eigentlich Selma Merbaum; * 5. Februar 1924 in Czernowitz, damals Rumänien, heute Ukraine; † 16. Dezember 1942 im Zwangsarbeitslager Michailowka im rumänisch besetzten „Gouvernement Transnistrien“). Sie wurde 18 Jahre, 10 Monate und 11 Tage alt.
Die Bäume sind von weichem Lichte übergossen,
im Winde zitternd glitzert jedes Blatt.
Der Himmel, seidig-blau und glatt,
ist wie ein Tropfen Tau vom Morgenwind vergossen.
Die Tannen sind in sanfte Röte eingeschlossen
und beugen sich vor seiner Majestät, dem Wind.
Hinter den Pappeln blickt der Mond aufs Kind,
das ihm den Gruß schon zugelächelt hat.
Im Winde sind die Büsche wunderbar:
bald sind sie Silber und bald leuchtend grün
und bald wie Mondschein auf lichtblondem Haar
und dann, als würden sie aufs neue blühn.
Ich möchte leben.
Schau, das Leben ist so bunt.
Es sind so viele schöne Bälle drin.
Und viele Lippen warten, lachen, glühn
und tuen ihre Freude kund.
Sieh nur die Straße, wie sie steigt:
so breit und hell, als warte sie auf mich.
Und ferne, irgendwo, da schluchzt und geigt
die Sehnsucht, die sich zieht durch mich und dich.
Der Wind rauscht rufend durch den Wald,
er sagt mir, daß das Leben singt.
Die Luft ist leise, zart und kalt,
die ferne Pappel winkt und winkt.
Ich möchte leben.
Ich möchte lachen und Lasten heben
und möchte kämpfen und lieben und hassen
und möchte den Himmel mit Händen fassen
und möchte frei sein und atmen und schrein.
Ich will nicht sterben. Nein!
Nein.
Das Leben ist rot,
Das Leben ist mein.
Mein und dein.
Mein.
Warum brüllen die Kanonen?
Warum stirbt das Leben
für glitzernde Kronen?
Dort ist der Mond.
Er ist da.
Nah.
Ganz nah.
Ich muß warten.
Worauf?
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie und nie.
Ich will leben.
Bruder, du auch.
Atemhauch
geht von meinem und deinem Mund.
Das Leben ist bunt.
Du willst mich töten.
Weshalb?
Aus tausend Flöten
weint Wald.
Der Mond ist lichtes Silber im Blau.
Die Pappeln sind grau.
Und Wind braust mich an.
Die Straße ist hell.
Dann…
Sie kommen dann
und würgen mich.
Mich und dich
tot.
Das Leben ist rot,
braust und lacht.
Über Nacht
bin ich
tot.
Ein Schatten von einem Baum
geistert über den Mond.
Man sieht ihn kaum.
Ein Baum.
Ein
Baum.
Ein Leben
kann Schatten werfen
über den Mond.
Ein Leben.
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie
und
nie.
Aus: Selma Meerbaum-Eisinger, Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen Freund. Hrsg. u. eingeleitet von Jürgen Serke. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch, 1990, 23.-26. Tsd., S. 50ff
Am 11. Oktober 1941 wurde ein Zwangsgetto in Czernowitz eingerichtet, in das sich alle Juden der Stadt einzufinden hatten. Auch Selma, ihre Mutter und ihr Stiefvater Leo Eisinger. Aus diesem Getto wurden innerhalb von sechs Wochen 28.700 Juden in das von Rumänien annektierte Gouvernement Transnistrien deportiert, bis die Züge durch den Wintereinbruch blockiert wurden. Deportationen und Seuchen hatten die jüdische Bevölkerung so dezimiert, dass die Gettoschranken aufgehoben werden konnten. Von den 20.000 überlebenden jüdischen Menschen konnten nur wenige in ihre alten Wohnungen zurückkehren, denn die waren verwüstet und geplündert worden. Im Juni 1942 setzten die Deportationen wieder ein, Selma, Mutter und Stiefvater wurden am 28. Juni abgeholt. Sie wurden in Viehwaggons verfrachtet und am Ufer des Flusses Dnjestr abgesetzt, am nächsten Morgen über den Fluss getrieben, erneut in Züge verladen und zum Lager Cariera de Piatra (Steinbruch am Bug) getrieben. Im August 1942 selektierte die SS eintausendeinhundertfünfzig Häftlinge für den Zwangsarbeitsdienst, mit 500 Leidensgenossen landeten Selma Merbaum und ihre Eltern im Zwangsarbeitslager Michailowka am Ostufer des Bug, das der deutschen SS unterstand. Die Häftlinge mussten bei Bau der Durchgangsstraße IV, einer Schotterpiste, die bis in den Kaukasus reichen sollte, Schwerstarbeit verrichten. Selma starb am 16. Dezember 1942 entkräftet vom Fleckfieber. / Wikipedia
Henriette Hardenberg
(* 5. Februar 1894 in Berlin; † 26. Oktober 1993 in London)
Zwei Dichterinnen, die am morgigen 5. Februar Geburtstag haben. Deshalb die ältere der beiden schon heute.
Hände

Wie seltene Tiere gehn sie auf und nieder
Und liegen tief im Meeresgrunde,
Mondfarben ist der Stein, wie eine Wunde
Hineingesetzt ins blühende Gefieder.
Ich fürchte dies verborgene Bewegen,
Als hänge Wind in Zweigen aufgehalten,
So werden wenig Finger in Gestalten
Meine Gedanken mir erregen.
Das Meer zerteilt sich, daß ich sie erreichte
Im wankenden Gestrüpp kristallner Nacht,
Die Hand, lang hingestreckt und doch versunken sacht,
Vor meinem Antlitz, das erbleichte.
Ich weiß nicht, ob im Meer verspült
Die kleinen Knochen durcheinandertreiben
Oder von Wolken eingehüllt
Sie greifen nach Musik und Reigen.
Ich weiß, daß Träume ohne Duft
Wie tote Finger starr in den Gelenken
Keine verhüllten Zauber schenken,
Nach denen der Lebendige schlafend ruft.
Aus: Henriette Hardenberg, Südliches Herz. Nachgelassene Dichtungen. Hrsg. Hartmut Vollmer. Zürich: Arche, 1994, S. 32
Ich habe recherchiert. Der Band des slowakischen Dichters Hviezdoslav enthält eine ganze Reihe Anmerkungen, aber fast keine zum zweiten Sonettenband, „Blutige Sonette“, aus dem das Gedicht von gestern stammt. Aber ich fand, was ich suchte, in der Weltbibliothek des WWW. Hviezdoslavs Gedicht bezieht sich auf Puschkins Gedicht „An die Verleumder Russlands“. Ich las es nicht ohne Betroffenheit, weil es sich so aktuell liest. Mancher Streit, den ich in den letzten Jahren um Themen Russlands und der Ukraine mit Facebookfreunden und „-freunden“ hatte, findet sich bei Puschkin gespiegelt – meine „Gegner“ hätten Puschkin zitieren können, um mir zu antworten. Ich habe um 2014/15 manchmal auch auf russischen Seiten versucht, mitzudiskutieren. Puschkin: „Laßt uns: dies ist ein Streit … Von Slawen unter sich … Und eine Frage, der – ihr nicht gewachsen seid.“ Peng! Michael, du verstehst die slawische Seele nicht! oder auch: „Deine Seele ist viel zu klein“, wurde mir ein paar mal gesagt. Und ein Greifswalder Bekannter sagte zu meiner Frau: „Ihr Mann ist eben für die Ukraine, ich für Russland!“ (Sie hat ihn abblitzen lassen.) So schematisch Pro und Contra, wie „man“ eben heute diskutiert. (Ich glaube nicht, dass er viele russische Dichter gelesen hat, oder gar ukrainische. Er meinte eigentlich pro und contra Putin!)
Ein „innerslawischer Streit“, das war für Puschkin damals leider der polnische Aufstand von 1830/31, für Puschkin „des Polen Schändlichkeit“. Die Westler verstehen nichts davon und sollen den Mund halten, peng! Puschkin so: „Des Polen Dünkel, Rußlands Treu.“
Meine kleine Seele dazu: man muss natürlich auch die anderen Slawen, die Ukrainer, Polen oder Slowaken zum Beispiel, fragen, ob sie in das Russenmeer münden wollen.
Der Band „Puschkin, Gedichte Poeme Eugen Onegin“ von 1947 aus dem SWA-Verlag (ein Verlag der sowjetischen Militäradministration in Ostdeutschland) kommentiert das ausführlich. Puschkin meine nicht den Zaren, er spreche als „aufrichtiger Patriot“. In dem Gedicht umreisst er Russlands Grenzen von Polen bis zur chinesischen Mauer, von „Finnlands Eisgranit zu Kolchis‘ Sonnengluten“, „von Perm bis Tauris‘ Fluten“. Nicht alles „Slawen unter sich“, von Finnland bis Georgien, Tauris, das ist die Halbinsel Krim, wo zu Puschkins Zeit Krimtatarisch noch viel verbreiteter war als heute. Ismail war eine türkische Festung, die erst 1790 erobert wurde. Es war vermintes Gelände zu Puschkins Zeiten und das ist es geblieben.
Hier Puschkins Gedicht und die Anmerkungen von 1947.
AN DIE VERLEUMDER RUSSLANDS

Was soll das Wortgelärm, Tribunen fremder Staaten?
Warum mit Fluch und Bann wollt Rußland ihr verraten?
Was hat euch so empört? Des Polen Schändlichkeit?
Laßt uns: dies ist ein Streit – ein vom Geschick geweihter! –
Von Slawen unter sich, im eignen Haus der Streiter,
Und eine Frage, der – ihr nicht gewachsen seid.
Seit lange sich befeindend, prallten
Zusammen diese Stämme: oft
Erzwangen eifernde Gewalten,
Daß einer wankt, der andre hofft.
Wes Sieg wird diesen Streit beschließen:
Des Polen Dünkel, RußlandsTreu’?
Ob Slawenflüsse sich ins Russenmeer ergießen?
Ob es versiegt? – fragt man aufs neu‘.
Laßt uns: nicht lesen könnt, nicht streichen
Ihr dieser Tafeln blutige Zeichen;
Euch ist er fremd, unfaßbar ist
Euch dieser brüderliche Zwist;
Für euch der Kreml und Praga schweigen,
Doch der Versuchung Wahn erfaßt
Euch bei des Kampfes tollem Reigen
Und heimlich sind wir euch verhaßt,..
Warum? Darum, daß selbstvergessen,
Im roten Feuermeer von Moskaus Flammenbrand
Wir nicht den Willen anerkannt,
Dem ihr euch beugtet unterdessen?
Daß unsrem lohen Opfermut
Den Abgott eurer Welt zu stürzen war beschieden?
Daß knospend blüht aus unsrem Blut
Europas Freiheit, Ehre, Frieden?
Ihr führt das große Wort – versucht die großen Taten!
Meint ihr, der alte Held muß sich zuvor beraten,
Eh er das Bajonett von Ismail erfaßt?
Vermag das Russentum sein Recht nicht zu verfechten?
Nicht mit Europa mehr zu rechten?
Ward Siegen uns zu einer Last?
Sind wir gering an Zahl? Von Perm bis Tauris’ Fluten,
Von Finnlands Eisgranit zu Kolchis’ Sonnengluten,
Vom Kreml, der sturmerschüttert harrt,
Zur Mauer Chinas, des erstarrten,
Entrollte rauschende Standarten
Des Reußenheeres Reicheswart.
So sendet her, ihr Völkerführer,
Die Söldner eurer Niedertracht:
In Rußlands Feldern wartet ihrer
Nicht unbekannter Gräber Pracht.
Übersetzt von W. Groeger
Aus: Alexander Sergejewitsch Puschkin, Gedichte, Poeme, Eugen Onegin. Hrsg. W. Neustadt. Berlin: SWA-Verlag, 1947, S. 134f
AN DIE VERLEUMDER RUSSLANDS. — Geschrieben als Erwiderung auf die scharfe antirussische Kampagne in der ausländischen Presse und eine Reihe rußlandfeindlicher Reden im französischen Parlament zur Zeit des polnischen Aufstandes 1830/31. Damals wurde in den Spalten der französischen liberalen Presse die militärische Einmischimg Frankreichs in die russisch-polnischen Angelegenheiten erörtert. Obwohl nun die von Puschkin in seinem Gedicht zum Ausdruck gebrachte Auffassung sich mit der offiziellen Auffassung der Zarenregierung deckt, so kann man durchaus nicht sagen, daß Puschkin als Fürsprecher des konservativen Adels und der höfischen Kreise auftrat . Der Dichter setzte kein Gleichheitszeichen zwischen den nationalen Interessen Rußlands und dem im Zarenreich herrschenden politischen System. Er trat in seinem eigenen Namen auf, als aufrichtiger Patriot. Außerdem war er der Meinung, daß die Frage der Selbständigkeit Polens mit dem liberalen Programm überhaupt nicht in Verbindung stehe. In dieser Beziehung gesellten sich Puschkin viele Gleichgesinnte aus russischen liberalen Kreisen zu (z. B. Tschaadajew (…). Auch französische Liberale der älteren Generation trauten dem polnischen Nationalismus nicht, da sie der feudalen Vorrechte gedachten, die der polnische Adel zu erhalten bestrebt war. Andrerseits aber erfuhr Puschkins Auffassung , wie sie auch in diesem Gedicht zum Ausdruck kam, eine scharfe Verurteilung seitens mancher liberal gestimmten Freunde des Dichters. Der Widerhall des Gedichtes war gewaltig – nicht nur in Rußland, auch im Ausland. Noch im gleichen Jahr (1831) erschienen in deutscher Sprache mehrere Übersetzungen: von L. Schneider (als Einzelbroschüre), A. v. Königk, A. v. H-n (beide im »Russischen Merkur«) und eine anonyme im »WestBoten«. Übersetzungen dieses Gedichts figurieren sogar in den diplomatischen Akten jener Zeit. In späteren Jahren wurde das Gedicht übersetzt von F. Tietz (1838)/E.v. Oelsberg (1840), Fr. Bodenstedt, F. Fiedler und H.Gerschmann. In der 3. Strophe erwähnt Puschkin den Kreml und die Praga als zwei Symbole des alten Streites — »im eignen Haus der Streiter«. Damit hat es folgende Bewandtnis: 1612 nahmen die im Kampf mit Rußland stehenden Polen den Moskauer Kreml ein, aber 1794 zog Suworow … als Sieger in die Warschauer Vorstadt Praga ein. In der 4. Strophe ist die Rede von Napoleon. Ismail, eine starke türkische Festung, wurde von Suworow 1790 eingenommen. Kolchis – antiker Name der kaukasischen Schwarzmeerküste.
Ebd. S. 496f.
Anmerkung zum russischen Text, gefunden im Netz. Ich kann jetzt nicht überprüfen, ob es von diesem Gedicht verschiedene Fassungen gibt oder ob dieser Text zuverlässig ist. In der untenstehenden Fassung steht in der ersten Strophe statt „Des Polen Schändlichkeit“: „Unruhen in Litauen“.
А.С. Пушкин
К ЛЕВЕТНИКАМ РОССИИ.
О чем шумите вы, народные витии?
Зачем анафемой грозите вы России?
Что возмутило вас? волнения Литвы?
Оставьте: это спор славян между собою,
Домашний, старый спор, уж взвешенный судьбою,
Вопрос, которого не разрешите вы.
Уже давно между собою
Враждуют эти племена;
Не раз клонилась под грозою
То их, то наша сторона.
Кто устоит в неравном споре:
Кичливый лях, иль верный росс?
Славянские ль ручьи сольются в русском море?
Оно ль иссякнет? вот вопрос.
Оставьте нас: вы не читали
Сии кровавые скрижали;
Вам непонятна, вам чужда
Сия семейная вражда;
Для вас безмолвны Кремль и Прага;
Бессмысленно прельщает вас
Борьбы отчаянной отвага –
И ненавидите вы нас…
За что ж? ответствуйте; за то ли,
Что на развалинах пылающей Москвы
Мы не признали наглой воли
Того, под кем дрожали вы?
За то ль, что в бездну повалили
Мы тяготеющий над царствами кумир
И нашей кровью искупили
Европы вольность, честь и мир?….
Вы грозны на словах – попробуйте на деле!
Иль старый богатырь, покойный на постеле,
Не в силах завинтить свой измаильский штык!
Иль русского царя уже бессильно слово?
Иль нам с Европой спорить ново?
Иль русской от побед отвык?
Иль мало нас? Или от Перми до Тавриды,
От финских хладных скал до пламенной Колхиды,
От потрясенного Кремля
До стен недвижного Китая,
Стальной щетиною сверкая,
Не встанет русская земля?…
Так высылайте ж нам, витии,
Своих озлобленных сынов:
Есть место им в полях России
Среди нечуждых им гробов.
1831
Hviezdoslav
(Pavol Országh, * 2. Februar 1849 in Vyšný Kubín; † 8. November 1921 in Dolný Kubín)
Manche Lyrikfreunde erschraken, als der große russische Dichter Joseph Brodsky (Jossif Brodskij) nach der Unabhängigleit der Ukraine ein Schmähgedicht auf das „abtrünnige“ Land schrieb; andere verbaten sich Kritik am Dichter aus politischen Gründen (Nachrichten im Archiv der Lyrikzeitung). Heute ein anderes Beispiel aus etwa umgekehrter Perspektive. Der große slowakische Dichter Hviezdoslav kritisiert den verehrten russischen Dichter Alexander Puschkin, den er ins Slowakische übersetzt hatte, wegen einer politischen Haltung.
Bei Wikipedia steht: „Sein Werk wurde noch nicht ins Deutsche übersetzt, was aber auch aufgrund seiner zahlreichen Neubildungen und Wortspiele eine große linguistische Herausforderung sein dürfte.“ Das stimmt nicht ganz. 1983 erschien in der DDR ein zweisprachiger Band der Insel-Bücherei mit Sonetten, übersetzt von Dietmar Zirnstein.
Als ich darin das folgende Sonett las, war ich erstaunt, dass die DDR-Zensur es durchgelassen hatte, weil sie bei solchen nationalen Fragen heikel war. Das Sonett steht übrigens als einziges in diesem Band auch im Original in Klammern, wie nebenbei gesprochen.
(Auch du, mein Puschkin, irrst in deinem Denken,
als ob dein Geist hier krank gewesen wär:
Du willst, daß in ein großes Russisch-Meer
die Slawen-Ströme ihre Wasser lenken,
sonst trocknete das Meer-Bett aus. Wir schenken
uns nicht den Streit mit der Natur: Denn wer
lenkt wohl die schnellen Flüsse einzeln her,
und läßt sie doch in eine Richtung schwenken?
Ich sag: der Geist steigt wie das Wasser auf
als Dunst und kehrt als Regen dann zurück;
genauso nimmt Verbindendes den Lauf
und reinigt so den Sumpf von allem Schlick.
Ins saubre Meer fließt frischer Geist zuhauf,
doch jeder Strom behält auch sein Geschick.)
Hviezdoslav: Mit dem Olivenzweig kehr bei uns ein. Sonette. Leipzig: Insel, 1983, S. 111
Eine Anmerkung zur zweiten Strophe. Die zweite Zeile, im Original ohne Enjambement, die hier mit „Wir schenken uns nicht den Streit mit der Natur“ übersetzt ist, könnte wörtlich etwa heißen: „die Natur selbst streitet mit dir“ (Google führt hier in die Irre und Deepl kann nicht Slowakisch. Ich auch nicht, aber aus der Kenntnis anderer slawischer Sprachen vermute ich das – beim Adverb bin ich unsicher, aber s tebou heißt: mit dir. Man versteht den Reimzwang, aber mir scheint die Aussage hier etwas verschoben. Nicht wir streiten mit der Natur, sondern auch die Natur streitet mit Puschkin. (Hat es deshalb der Zensor durchgelassen?)
(Nie, Puškine môj, mysľou vysoký,
ty mýlil si sa, podráždením chór)‘:
Vraj, musejú sa stiecť-zliať v ruskom mori
tie naše bystré slavian-potoky,
alebo ono – vyschne ráztoky.
Už príroda, vidz! sama s tebou sporí:
má osve ich, vždy čerstvé bytia vzory;
no trvá aj ich poťah hlboký . . .
Ja myslím: duch sa rovná vode, hore
čo parou stúpa, prší návratom;
tak, vzájomstva prúd, teká po priestore,
zhŕdajúc lieňou v bahne stojatom .. .
Nuž, vyschnúť nemusí ni ducha more,
ni potoky zájsť ducha v mori tom!)
Ebd. S. 110. Original aus dem Band Krvavé sonety (1914, Blutige Sonette)
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