Der Dichter an die Verleumder Russlands

Ich habe recherchiert. Der Band des slowakischen Dichters Hviezdoslav enthält eine ganze Reihe Anmerkungen, aber fast keine zum zweiten Sonettenband, „Blutige Sonette“, aus dem das Gedicht von gestern stammt. Aber ich fand, was ich suchte, in der Weltbibliothek des WWW. Hviezdoslavs Gedicht bezieht sich auf Puschkins Gedicht „An die Verleumder Russlands“. Ich las es nicht ohne Betroffenheit, weil es sich so aktuell liest. Mancher Streit, den ich in den letzten Jahren um Themen Russlands und der Ukraine mit Facebookfreunden und „-freunden“ hatte, findet sich bei Puschkin gespiegelt – meine „Gegner“ hätten Puschkin zitieren können, um mir zu antworten. Ich habe um 2014/15 manchmal auch auf russischen Seiten versucht, mitzudiskutieren. Puschkin: „Laßt uns: dies ist ein Streit … Von Slawen unter sich … Und eine Frage, der – ihr nicht gewachsen seid.“ Peng! Michael, du verstehst die slawische Seele nicht! oder auch: „Deine Seele ist viel zu klein“, wurde mir ein paar mal gesagt. Und ein Greifswalder Bekannter sagte zu meiner Frau: „Ihr Mann ist eben für die Ukraine, ich für Russland!“ (Sie hat ihn abblitzen lassen.) So schematisch Pro und Contra, wie „man“ eben heute diskutiert. (Ich glaube nicht, dass er viele russische Dichter gelesen hat, oder gar ukrainische. Er meinte eigentlich pro und contra Putin!)

Ein „innerslawischer Streit“, das war für Puschkin damals leider der polnische Aufstand von 1830/31, für Puschkin „des Polen Schändlichkeit“. Die Westler verstehen nichts davon und sollen den Mund halten, peng! Puschkin so: „Des Polen Dünkel, Rußlands Treu.“

Meine kleine Seele dazu: man muss natürlich auch die anderen Slawen, die Ukrainer, Polen oder Slowaken zum Beispiel, fragen, ob sie in das Russenmeer münden wollen.

Der Band „Puschkin, Gedichte Poeme Eugen Onegin“ von 1947 aus dem SWA-Verlag (ein Verlag der sowjetischen Militäradministration in Ostdeutschland) kommentiert das ausführlich. Puschkin meine nicht den Zaren, er spreche als „aufrichtiger Patriot“. In dem Gedicht umreisst er Russlands Grenzen von Polen bis zur chinesischen Mauer, von „Finnlands Eisgranit zu Kolchis‘ Sonnengluten“, „von Perm bis Tauris‘ Fluten“. Nicht alles „Slawen unter sich“, von Finnland bis Georgien, Tauris, das ist die Halbinsel Krim, wo zu Puschkins Zeit Krimtatarisch noch viel verbreiteter war als heute. Ismail war eine türkische Festung, die erst 1790 erobert wurde. Es war vermintes Gelände zu Puschkins Zeiten und das ist es geblieben.

Hier Puschkins Gedicht und die Anmerkungen von 1947.

AN DIE VERLEUMDER RUSSLANDS

Was soll das Wortgelärm, Tribunen fremder Staaten?
Warum mit Fluch und Bann wollt Rußland ihr verraten?
Was hat euch so empört? Des Polen Schändlichkeit?
Laßt uns: dies ist ein Streit – ein vom Geschick geweihter! –
Von Slawen unter sich, im eignen Haus der Streiter,
Und eine Frage, der – ihr nicht gewachsen seid.

Seit lange sich befeindend, prallten
Zusammen diese Stämme: oft
Erzwangen eifernde Gewalten,
Daß einer wankt, der andre hofft.
Wes Sieg wird diesen Streit beschließen:
Des Polen Dünkel, RußlandsTreu’?

Ob Slawenflüsse sich ins Russenmeer ergießen?

Ob es versiegt? – fragt man aufs neu‘.
Laßt uns: nicht lesen könnt, nicht streichen
Ihr dieser Tafeln blutige Zeichen;
Euch ist er fremd, unfaßbar ist
Euch dieser brüderliche Zwist;
Für euch der Kreml und Praga schweigen,
Doch der Versuchung Wahn erfaßt
Euch bei des Kampfes tollem Reigen
Und heimlich sind wir euch verhaßt,..
Warum? Darum, daß selbstvergessen,

Im roten Feuermeer von Moskaus Flammenbrand

Wir nicht den Willen anerkannt,
Dem ihr euch beugtet unterdessen?
Daß unsrem lohen Opfermut

Den Abgott eurer Welt zu stürzen war beschieden?

Daß knospend blüht aus unsrem Blut
Europas Freiheit, Ehre, Frieden?

Ihr führt das große Wort – versucht die großen Taten!
Meint ihr, der alte Held muß sich zuvor beraten,
Eh er das Bajonett von Ismail erfaßt?
Vermag das Russentum sein Recht nicht zu verfechten?

Nicht mit Europa mehr zu rechten?
Ward Siegen uns zu einer Last?

Sind wir gering an Zahl? Von Perm bis Tauris’ Fluten,
Von Finnlands Eisgranit zu Kolchis’ Sonnengluten,

Vom Kreml, der sturmerschüttert harrt,
Zur Mauer Chinas, des erstarrten,
Entrollte rauschende Standarten
Des Reußenheeres Reicheswart.
So sendet her, ihr Völkerführer,
Die Söldner eurer Niedertracht:
In Rußlands Feldern wartet ihrer
Nicht unbekannter Gräber Pracht.

Übersetzt von W. Groeger

Aus: Alexander Sergejewitsch Puschkin, Gedichte, Poeme, Eugen Onegin. Hrsg. W. Neustadt. Berlin: SWA-Verlag, 1947, S. 134f

AN DIE VERLEUMDER RUSSLANDS. — Geschrieben als Erwiderung auf die scharfe antirussische Kampagne in der ausländischen Presse und eine Reihe rußlandfeindlicher Reden im französischen Parlament zur Zeit des polnischen Aufstandes 1830/31. Damals wurde in den Spalten der französischen liberalen Presse die militärische Einmischimg Frankreichs in die russisch-polnischen Angelegenheiten erörtert. Obwohl nun die von Puschkin in seinem Gedicht zum Ausdruck gebrachte Auffassung sich mit der offiziellen Auffassung der Zarenregierung deckt, so kann man durchaus nicht sagen, daß Puschkin als Fürsprecher des konservativen Adels und der höfischen Kreise auftrat . Der Dichter setzte kein Gleichheitszeichen zwischen den nationalen Interessen Rußlands und dem im Zarenreich herrschenden politischen System. Er trat in seinem eigenen Namen auf, als aufrichtiger Patriot. Außerdem war er der Meinung, daß die Frage der Selbständigkeit Polens mit dem liberalen Programm überhaupt nicht in Verbindung stehe. In dieser Beziehung gesellten sich Puschkin viele Gleichgesinnte aus russischen liberalen Kreisen zu (z. B. Tschaadajew (…). Auch französische Liberale der älteren Generation trauten dem polnischen Nationalismus nicht, da sie der feudalen Vorrechte gedachten, die der polnische Adel zu erhalten bestrebt war. Andrerseits aber erfuhr Puschkins Auffassung , wie sie auch in diesem Gedicht zum Ausdruck kam, eine scharfe Verurteilung seitens mancher liberal gestimmten Freunde des Dichters. Der Widerhall des Gedichtes war gewaltig – nicht nur in Rußland, auch im Ausland. Noch im gleichen Jahr (1831) erschienen in deutscher Sprache mehrere Übersetzungen: von L. Schneider (als Einzelbroschüre), A. v. Königk, A. v. H-n (beide im »Russischen Merkur«) und eine anonyme im »WestBoten«. Übersetzungen dieses Gedichts figurieren sogar in den diplomatischen Akten jener Zeit. In späteren Jahren wurde das Gedicht übersetzt von F. Tietz (1838)/E.v. Oelsberg (1840), Fr. Bodenstedt, F. Fiedler und H.Gerschmann. In der 3. Strophe erwähnt Puschkin den Kreml und die Praga als zwei Symbole des alten Streites — »im eignen Haus der Streiter«. Damit hat es folgende Bewandtnis: 1612 nahmen die im Kampf mit Rußland stehenden Polen den Moskauer Kreml ein, aber 1794 zog Suworow … als Sieger in die Warschauer Vorstadt Praga ein. In der 4. Strophe ist die Rede von Napoleon. Ismail, eine starke türkische Festung, wurde von Suwotow 1790 eingenommen. Kolchis – antiker Name der kaukasischen Schwarzmeerküste.

Ebd. S. 496f.

Anmerkung zum russischen Text, gefunden im Netz. Ich kann jetzt nicht überprüfen, ob es von diesem Gedicht verschiedene Fassungen gibt oder ob dieser Text zuverlässig ist. In der untenstehenden Fassung steht in der ersten Strophe statt „Des Polen Schändlichkeit“: „Unruhen in Litauen“.

А.С. Пушкин

К ЛЕВЕТНИКАМ РОССИИ.

О чем шумите вы, народные витии?
Зачем анафемой грозите вы России?
Что возмутило вас? волнения Литвы?
Оставьте: это спор славян между собою,
Домашний, старый спор, уж взвешенный судьбою,
Вопрос, которого не разрешите вы.

Уже давно между собою
Враждуют эти племена;
Не раз клонилась под грозою
То их, то наша сторона.
Кто устоит в неравном споре:
Кичливый лях, иль верный росс?
Славянские ль ручьи сольются в русском море?
Оно ль иссякнет? вот вопрос.

Оставьте нас: вы не читали
Сии кровавые скрижали;
Вам непонятна, вам чужда
Сия семейная вражда;
Для вас безмолвны Кремль и Прага;
Бессмысленно прельщает вас
Борьбы отчаянной отвага –
И ненавидите вы нас…
За что ж? ответствуйте; за то ли,
Что на развалинах пылающей Москвы
Мы не признали наглой воли
Того, под кем дрожали вы?
За то ль, что в бездну повалили
Мы тяготеющий над царствами кумир
И нашей кровью искупили
Европы вольность, честь и мир?….

Вы грозны на словах – попробуйте на деле!
Иль старый богатырь, покойный на постеле,
Не в силах завинтить свой измаильский штык!
Иль русского царя уже бессильно слово?
Иль нам с Европой спорить ново?
Иль русской от побед отвык?
Иль мало нас? Или от Перми до Тавриды,
От финских хладных скал до пламенной Колхиды,
От потрясенного Кремля
До стен недвижного Китая,
Стальной щетиною сверкая,
Не встанет русская земля?…
Так высылайте ж нам, витии,
Своих озлобленных сынов:
Есть место им в полях России
Среди нечуждых им гробов.

1831

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