Poem

Selma Meerbaum-Eisinger

(eigentlich Selma Merbaum; * 5. Februar 1924 in Czernowitz, damals Rumänien, heute Ukraine; † 16. Dezember 1942 im Zwangsarbeitslager Michailowka im rumänisch besetzten „Gouvernement Transnistrien“). Sie wurde 18 Jahre, 10 Monate und 11 Tage alt.

Poem

Die Bäume sind von weichem Lichte übergossen,
im Winde zitternd glitzert jedes Blatt.
Der Himmel, seidig-blau und glatt,
ist wie ein Tropfen Tau vom Morgenwind vergossen.
Die Tannen sind in sanfte Röte eingeschlossen
und beugen sich vor seiner Majestät, dem Wind.
Hinter den Pappeln blickt der Mond aufs Kind,
das ihm den Gruß schon zugelächelt hat.

Im Winde sind die Büsche wunderbar:
bald sind sie Silber und bald leuchtend grün
und bald wie Mondschein auf lichtblondem Haar
und dann, als würden sie aufs neue blühn.

Ich möchte leben.
Schau, das Leben ist so bunt.
Es sind so viele schöne Bälle drin.
Und viele Lippen warten, lachen, glühn
und tuen ihre Freude kund.
Sieh nur die Straße, wie sie steigt:
so breit und hell, als warte sie auf mich.
Und ferne, irgendwo, da schluchzt und geigt
die Sehnsucht, die sich zieht durch mich und dich.
Der Wind rauscht rufend durch den Wald,
er sagt mir, daß das Leben singt.
Die Luft ist leise, zart und kalt,
die ferne Pappel winkt und winkt.

Ich möchte leben.
Ich möchte lachen und Lasten heben
und möchte kämpfen und lieben und hassen
und möchte den Himmel mit Händen fassen
und möchte frei sein und atmen und schrein.
Ich will nicht sterben. Nein!
Nein.
Das Leben ist rot,
Das Leben ist mein.
Mein und dein.
Mein.

Warum brüllen die Kanonen?
Warum stirbt das Leben
für glitzernde Kronen?

Dort ist der Mond.
Er ist da.
Nah.
Ganz nah.
Ich muß warten.
Worauf?
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie und nie.
Ich will leben.
Bruder, du auch.
Atemhauch
geht von meinem und deinem Mund.
Das Leben ist bunt.
Du willst mich töten.
Weshalb?
Aus tausend Flöten
weint Wald.

Der Mond ist lichtes Silber im Blau.
Die Pappeln sind grau.
Und Wind braust mich an.
Die Straße ist hell.
Dann…
Sie kommen dann
und würgen mich.
Mich und dich
tot.
Das Leben ist rot,
braust und lacht.
Über Nacht
bin ich
tot.

Ein Schatten von einem Baum
geistert über den Mond.
Man sieht ihn kaum.
Ein Baum.
Ein
Baum.
Ein Leben
kann Schatten werfen
über den Mond.

Ein Leben.
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie
und
nie.

    1. 1941

Aus: Selma Meerbaum-Eisinger, Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen Freund. Hrsg. u. eingeleitet von Jürgen Serke. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch, 1990, 23.-26. Tsd., S. 50ff

Am 11. Oktober 1941 wurde ein Zwangsgetto in Czernowitz eingerichtet, in das sich alle Juden der Stadt einzufinden hatten. Auch Selma, ihre Mutter und ihr Stiefvater Leo Eisinger. Aus diesem Getto wurden innerhalb von sechs Wochen 28.700 Juden in das von Rumänien annektierte Gouvernement Transnistrien deportiert, bis die Züge durch den Wintereinbruch blockiert wurden. Deportationen und Seuchen hatten die jüdische Bevölkerung so dezimiert, dass die Gettoschranken aufgehoben werden konnten. Von den 20.000 überlebenden jüdischen Menschen konnten nur wenige in ihre alten Wohnungen zurückkehren, denn die waren verwüstet und geplündert worden. Im Juni 1942 setzten die Deportationen wieder ein, Selma, Mutter und Stiefvater wurden am 28. Juni abgeholt. Sie wurden in Viehwaggons verfrachtet und am Ufer des Flusses Dnjestr abgesetzt, am nächsten Morgen über den Fluss getrieben, erneut in Züge verladen und zum Lager Cariera de Piatra (Steinbruch am Bug) getrieben. Im August 1942 selektierte die SS eintausendeinhundertfünfzig Häftlinge für den Zwangsarbeitsdienst, mit 500 Leidensgenossen landeten Selma Merbaum und ihre Eltern im Zwangsarbeitslager Michailowka am Ostufer des Bug, das der deutschen SS unterstand. Die Häftlinge mussten bei Bau der Durchgangsstraße IV, einer Schotterpiste, die bis in den Kaukasus reichen sollte, Schwerstarbeit verrichten. Selma starb am 16. Dezember 1942 entkräftet vom Fleckfieber. / Wikipedia

4 Comments on “Poem

      • Für die Würdigung meiner Biografie unter dem genannten Link danke ich Ihnen nochmals – doch wäre es nicht möglich gewesen, dass man dann auch auf die neue Forschung verweist? Eben den umgekehrten Weg nimmt: Selma Merbaum (früher und zuweilen noch: Meerbaum-Eisinger). Jürgen Serke – schätze ich außerordentlich. Traf mich mit ihm, wir tauschten uns aus. Sein Verdienst ist in vielerlei Hinsicht groß. Aber doch sind im oben abgebildeten Buch seine Fakten veraltet, überholt. So wird dort z.B. Selmas Geburtstag immer noch mit 15. August angegeben…
        Ich weiß und sehe, dass Sie es oben im Vorspann berichtigt haben. Wissen Sie, der Kampf ermüdet, immer wieder auf Fakten zu verweisen, die man mit Dolmetschern in der Ukraine aufgespürt hat. Immer wieder die Belege und Dokumente aufzutischen, die man in Archiven gesichert hat … um dann zu sehen, dass doch wieder auf große Verlage verwiesen wird… ach.

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