L&Poe Rückblende: Februar 2002

Trakl-Preis an Andreas Okopenko

Es sah einmal so aus, als schriebe Andreas Okopenko seine Lyrik für eine kleine Minderheit. Als 1980 im Verlag Jugend & Volk Okopenkos Gesammelte Lyrik erschien, war das ein Unterfangen, das erhebliche Widerstände überwinden musste. Nie hatte sich Okopenko in den Vordergrund gedrängt, nie war er der Mann für die großen Auftritte. Er hatte einen guten Ruf, aber für die erste Liga schien ihn niemand vorgesehen zu haben. …
Es ist höchste Zeit, Okopenko herauszuholen aus der österreichischen Enge. Er verdient ein größeres Publikum, das allmählich findet, dass Robert Gernhardt zwar ein passabler Kasperl ist, aber keine große Literatur schreibt. Bei Okopenko findet der Leser Gedichte, die aus der Laune des Augenblicks geboren sind, und dem Kleinen, Unscheinbaren, Nebensächlichen Tiefe und Sinn verleihen. Der Lyriker spricht vom Fluidum, wenn er erklärt, was es mit jenen Momenten auf sich hat, die kurzfristig das Glück unverhoffter Schönheit feiern. Ihnen sucht er Dauer zu verschaffen: „Eine Straße im Grün / in das du trittst / und da schimmert es: / das sind Schienen.“ …

Am Montag wurde dem 1930 im slowakischen Kaschau / Kosice geborenen Andreas Okopenko in Salzburg der Georg-Trakl-Preis, eine der wichtigsten Lyrik-Auszeichnungen im deutschen Raum, überreicht. … Den Trakl-Förderungspreis für Lyriker unter 40 Jahren erhielt Martin Tockner, Jahrgang 1966. Tockner stammt aus dem Salzburger Land und ist bislang noch nicht literarisch hervorgetreten. / Anton Thuswaldner FR 6.2.02

Haiku on the euro

Die Briten waren noch „drin“, aber nicht im Euro. Sie probierens erst mal in der Poesie, schrieb ich als Kommentar zu einem britischen  Wettbewerb zum Thema (Preise übrigens in Euro!). Hier ein Beispiel:

Finally it’s here
Now used in all of Europe
‚Cept England of course.

Ganz viel Kling und kein Ende auch im Februar

Vier Beispiele.

In der NZZ-Reihe Kleines Glossar des Verschwindens schrieb Thomas Kling über die Totenrede. / NZZ 2.2.02

Manhattan Mundraum II

Vier Monate nach den Ereignissen [also 9/11], da die publizistische Hysterie längst wieder abgeflaut ist, veröffentlicht nun die österreichische Literaturzeitschrift „manuskripte“ (Nr. 154) in ihrer aktuellen Ausgabe ein Gedicht des Lyrikers Thomas Kling, das unmittelbar unter dem Eindruck der terroristischen Attentate entstanden ist, gleichwohl für die ästhetische Verarbeitung des Schocks eine gültige Form gefunden hat. Das Gedicht vermeidet den Fehler der meisten Texte, die mit großem Meinungsgefuchtel und Betroffenheitsbekundungen den „Schock“ vermeldeten, dass „nichts mehr so sei wie zuvor“. „Manhattan Mundraum zwei“ darf dagegen als erstes Gedicht zum 11. September gelten, das über die Bekundung unsagbaren Entsetzens hinausgelangt. Das Gedicht schreibt das phänomenale Großstadtpoem „Manhattan Mundraum“ fort, das Klings preisgekrönten Gedichtband „morsch“ (1996) eröffnete. Anstatt sich in larmoyanten Spekulationen zu ergehen, sucht Kling die Nähe zu den Verfahrensweisen des Dichters Paul Celan. Er arbeitet mit Techniken der extremen Engführung, verkürzt den Stoff auf wenige Schlüsselchiffren, die in ihrer Rätselstruktur unterschiedliche Deutungen zulassen. Die Ereignisse des 11. September werden im Text selbst nicht explizit; sie sind zurückgenommen in suggestive Chiffren: das „loopende auge“, der „algorithmen-wind“, die „lichtsure“, das „totnmehl“. Mitunter glaubt man Anspielungen auf Augenzeugenberichte zur Katastrophe zu vernehmen, nebst einem deutlichen Hinweis auf Celans „Todesfuge“, etwa im Begriff der „Luftsiedler“, denen bei Celan „ein Grab in der Luft“ geschaufelt wurde. / Michael Braun, Rheinpfalz Online 12.2.02

Thomas Kling über Petrarca

…er verlangt seinen Briefpartnern (Gelehrten, Dichtern, Adeligen) oft genug das Äußerste an Geduld ab. Typisch in der keine Widerrede duldenden Entschiedenheit ist diese Stelle, aus einem in Vaucluse verfassten Schreiben an den Florentiner Theologen Francesco Nelli vom August 1352 : „Ich will, dass mein Leser, wer es auch sei, nur an eines denkt: an mich, nicht an die Verheiratung seiner Tochter, nicht an die Nacht bei der Freundin, nicht an die Intrigen seiner Feinde, nicht an Bürgschaften, nicht an sein Haus oder Feld oder an seine Geldkasse, und dass er, zumindest solange er mich liest, bei mir ist. Wenn er mit Geschäften überbürdet ist, soll er das Lesen aufschieben, sobald er sich aber anschickt zu lesen – da soll er die Last der Geschäfte und die Sorge um seine Privatangelegenheiten von sich werfen und seinen Sinn auf das richten, was er vor Augen hat. Wenn ihm diese Bedingung nicht passt, soll er von diesen unnützen Schriften fernbleiben.“ / Süddeutsche 4.2.02

Sprachspeicher

Am Anfang war der Zauberspruch: „Eiris sazun idisi,…..sazun hera duoder,/ suma hapt heptidun, …..suma heri lezidun,/ suma clubodun….. umbi cuoniowidi:/ insprinc haptbandun, …..invar vigandun.“ …: „Einst sassen frauen …..sassen frauen hier und dort. / Einige hefteten stricke…..einige hinderten’s heer, / einige fingerten …..an fesseln: / entspringt den haftbanden! …..entkomm den feinden!“
Ob der aus dem Frühmittelalter stammende Zauber bei Thomas Kling gewirkt hat, muss offen bleiben, aber zumindest hat er ihn übersetzt und in seinen „Sprachspeicher“ aufgenommen, der die Ergebnisse seiner Reise durch Vergangenheit und Gegenwart der deutschen Lyrik zusammenfasst. In dem 360 Seiten starken Buch geht es dem auf Hombroich lebenden Lyriker nicht um die eigenen Gedichte, sondern darum, „zu zeigen, was die deutsche Sprache dichterisch zu bieten hat“. / Neuß-Grevenbroicher Zeitung 14.2.02

Österreichische Literatur ist keine Unterabteilung

der deutschen Literatur. Dazu gehören auch slowenische Autoren wie diese zwei, die sich selbstbewusst auf einen eigenständigen Weg begeben. ath / schreiben die Salzburger Nachrichten über eine Lesung der Kärntner Slowenen Maja Haderlap und Fabjan Hafner (2.2.02)

Borchardt im Dienste Dantes

Zwanzig Jahre hatte er an einer deutschen Version der «Divina Comedia» (immer unterschied er an der ungewohnten, aber historisch korrekten Schreibung des Wortes mit einem m den Kundigen vom Ahnungslosen) gearbeitet, mit der er nicht etwa Dante ins Deutsche hatte übersetzen, sondern die literarhistorische und sprachgeschichtliche Lücke hatte heilen wollen, die das Fehlen eines deutschen Dante im ausgehenden Mittelalter hinterlassen hatte.

So klang sein Dante, wie er hätte klingen können, wenn es einen solchen um 1300 denn gegeben hätte. Das Resultat seiner so stupenden wie vergeblichen Arbeit ist ein Werk in einem fiktiven Oberdeutsch, das er in einer eher peinlichen Audienz sogar dem Duce überreichen durfte. Bis 1943 lebte er einigermassen unbehelligt in Italien, seit 1943 aber, als die Macht de facto ganz an die Deutschen überging, war Borchardt wegen seiner jüdischen Vorfahren gefährdet. / Hans-Albrecht Koch, NZZ 5.2.02

In der „Welt“ plädiert Bernd Wagner für Skepsis

gegen literarisches Vereinswesen,

indem er auch an seine DDR-Lehrjahre erinnert:

Was habe ich nicht für Wege zurückgelegt, um Gespräche führen zu können, die über das stets etwas Konspirative des kleinen Kreises hinausgingen. Verbände und Vereine sind die Erben der Salons in der Massengesellschaft. Der erste, den ich kennen lernte, war der „Kreis junger Autoren“, der Anfang der siebziger Jahre in einem Hinterzimmer des „Hotel Newa“ in der Invalidenstraße tagte, deren Namen eines gewissen Symbolgehaltes nicht entbehrte, denn die jungen Autoren waren zwischen 50 und 70 und ihre Ansichten so verstaubt wie das Mobiliar des Hotels. Das Elend nahm ein Ende, als Sarah Kirsch als meine Mentorin dafür sorgte, dass ich an der Schlacht zwischen staatstreuen und kritischen Autoren im „Schriftstellerverband der DDR“ teilnehmen konnte. Doch kaum war ich in dem Verband drin, war sie draußen, und die freigewordene Mentorenstelle nahm Paul Wiens ein, der seine Zeit als Lyriker hinter sich, aber, wie ich inzwischen weiß, als „Offizier im besonderen Einsatz“ des MfS stets ein offenes Ohr für mich hatte. / Die Welt 2.2.02

Preis-Zoff in Großbritannen (und Kanada)

Neither rhyme nor reason

sagt der Kritiker Robert Potts zur Gewinnerin des Eliotpreises, der Kanadierin Anne Carson (“ a poetic injustice „, nach seiner Meinung). Er hat den furchtbaren Verdacht, daß die Autorin aus purem Unvermögen auf Metrik verzichtet – auf alles andere offenbar sowieso. Dabei hätte es einen über die Maßen würdigen Preisträger gegeben,
Speech! Speech! by Geoffrey Hill (Penguin, £9.99), one of the few truly major English poets since 1945 and a writer whose poetic career has been exemplary: a parsimonious release of wholly crafted volumes, each of which has advanced and amplified a sophisticated engagement with large questions of history, philosophy, theology and aesthetics (etc.),
aber die Juroren haben halt versagt bzw. eine Chance verpaßt).
Mehr im Guardian , Saturday January 26, 2002 (Dichter und Kritiker widersprechen Potts)

Auch anderswo fliegen die Fetzen (bzw. die Messer), wie ein Artikel in The Globe and Mail („Canada´s Most Trusted News Source“) vom 2.2. unter dem Titel „Who´s afraid of Anne Carson“ zeigt:

The knives were out even before Carson beat out Nobel Prize-winning poet Seamus Heaney earlier this month for the T. S. Eliot Prize for her latest book, The Beauty of the Husband: a fictional essay in 29 tangos. In a long screed in Books in Canada in July, 2001, Montreal poet David Solway says her „autistic performance“ is „all surface and no body.“
Another Montreal poet, Carmine Starnino , writing in Canadian Notes and Queries, sneered that Carson was „primitive “ and „unaccomplished“ and didn’t deserve to have her writing considered as poetry.

Die Wiederentdeckung eines lange verschollenen Kunstschatzes erregt in England Aufsehen. Eine Sammlung von neunzehn Aquarellen des frühromantischen Dichtermalers William Blake (1757 bis 1827), die dieser 1804 als Illustrationen für eine Neuausgabe des Versessays „The Grave“ des schottischen Geistlichen und Lyrikers Robert Blair (1699 bis 1746) gemalt hat, ist, nachdem sie 165 Jahre lang als vermißt galt, bei einem Kunsthändler in Swindon in der Grafschaft Wiltshire aufgetaucht. / FAZ 5.2.02

Afghanistan ohne Dogma

Die Gazette sprach mit dem afghanischen Schriftsteller Atiq Rahimi:

Unserer kulturellen Vergangenheit bis zum 17., 18. Jahrhundert. Ich liebe diese Literatur, ich verschlinge diese Bücher und bin stark beeinflusst davon. Es gab eine Offenheit, eine Insolenz allem gegenüber, die damaligen Autoren wagten es, von Gott anders zu sprechen, sie interpretierten den Koran und wandten ihn nicht wie eine starre Doktrin an. Der Islam bis zum 17., 18. Jahrhundert beruhte auf buddhistischer und zoroastrischer Basis, er gründete nicht auf der Angst vor Gott, sondern auf der Liebe zu Gott. Es war eine Philosphie, die sich fast schon zu einer humanistischen Philosophie des Menschen hin wandelte, eine vom Sufismus geprägte mystische Philosophie, die gegen die muslimischen Dogmen ankämpfte. Und dann gab es diese wunderbare Dichtung, die von der Frau und vom Wein, sprach; die Liebe des Menschen zu Gott wurde stets mit der Trunkenheit durch den Wein verglichen, ohne die spätere Sakralisierung. Fardusi, Khayyam, Rumi und Nezami , das sind meine Autoren.

Atiq Rahimi, Erde und Asche, Aus dem Persischen von Susanne Baghestani, Claassen-Verlag (www.claassen-verlag.de), München 2002, 112 Seiten, 13 Euro

Master from Deutschland

But which poets happen to translate well is unpredictable. Paul Celan , a German-speaking Romanian Jew, was long thought untranslatable, his deeply hermetic poetry depending on nuance, ambiguity and verbal duplicity. But Celan, who died in 1970, wrote one of the most famous of post-war poems, “Deathfugue”, a haunting incantation about the Holocaust:

black milk of daybreak we drink it at evening
we drink it at midday and morning we drink it at night
we drink and we drink
we shovel a grave in the air where you won’t lie too cramped

“Death”, he concludes, with German fugues in mind, “is a Master from Deutschland.” The quotation comes from a new translation by Celan’s distinguished biographer, John Felstiner. It is at least the fourth that this reviewer has read and, though not the best of them, it comes across as powerfully as any. Mr Felstiner’s ear is a shade less subtle than his rival Michael Hamburger ’s, but several of his readings are newly illuminating. “Selected Poems and Prose of Paul Celan” is the largest selection yet published and, along with the famous pieces, includes some essays, lectures and early poems. Despite his elusiveness, Celan seems to inspire English translators, so that he, like the much more accessible Czeslaw Milosz , must now be seen as a classic of world literature. / Über neue Übersetzungen von Czeslaw Milosz, Joseph Brodsky und Paul Celan ins Englische schreibt ein (online) Ungenannter in The economist , 24.1.02

Much of Christensen’s linguistic virtuosity

puts one in mind of the phenomenon known as reduplication, a morphological process in certain languages (such as Turkish, Indonesian, Somali, Greek, Nez Percé—but excluding English and Danish) which copies all or part of the base to which it applies, in order to mark a grammatical or semantic contrast. Whether full or partial, reduplication can serve to intensify an adjective, place a verb into the future or the past, pluralize a noun or scatter its distribution, render an action continuous, or simply imply repetition. Moreover, Christensen makes skillful use of compound noun constructions in a way that is not only pleasurable, perhaps onomatopoeic, but also hints at the strange marriages of earth and air, water and fire, that define the world by seeming to defy it: „knotgrass“ and „sweetgrass,“ „icelocked“ and „iceplant,“ „fireweed and mugwort,“ „brickworks,“ „stoneskies,“ „groundwater,“ „greylight,“ „morningpale“ and „summerwarm.“ Occasionally Christensen veers from verbal and visual acuity and lapses into preciosity or précis: „I write like winter,“ she states at the end of 13, „write like snow / and ice and cold / darkness death / write.“ But overall, her play with letters and numbers—units that assume signification only within a structured economy, by existing within a system—is seductive, how she uses them to reveal how „a drop of water falls // on a leaf on a branch on a tree / on an earth.“ In her authentic relationship to „earth as it is in heaven,“ Christensen can even imagine „a / door with no house standing wide open still“—and somehow she ushers us inside. / Andrew Zawacki, The Boston Review Feb/Mar 2002.

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