L&Poe ’17-06

Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,

img_4431seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound.  In der heutigen Ausgabe: Kritik der Kritik, Arten der Kritik nach Borges, ferner Drawert und Campbell, Shakespeare, Eva Strittmatter, Clemens Schittko und manches andere. Lesen!

[✺] 

Die Themen in dieser Ausgabe

[✺]

Das neue Gedicht

Katerina Angelaki-Rooke

POETISCHES POSTSCRIPTUM

Die Gedichte können nicht mehr schön sein,
 seit die Wahrheit hässlich geworden ist.
 Die Erfahrung ist jetzt der einzige Körper der Gedichte,
 und je reicher die Erfahrung wird,
 desto mehr nährt und stärkt sich das Gedicht.
 Meine Knie schmerzen
 und ich kann mich der Dichtung nicht mehr
                                    zu Füßen werfen,
 nur meine erfahrenen Wunden kann ich ihr schenken.
 Die Adjektive sind verblüht:
 Ich kann jetzt nur noch mit meinen Phantasien
 die Dichtung ausschmücken.
 Und doch werde ich ihr dienen,
 immer und solange sie mich will,
 denn nur sie kann mich ein wenig
 den verschlossenen Horizont meiner Zukunft
                             vergessen machen.

(2011)

Aus: Katerina Angelaki-Rooke, Die Engel sind die Huren des Himmelreichs. Gedichte, übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen mit einem Nachwort von Spyros Aravanis. Leipzig: Reinecke & Voß, 2017

[zurück]
[✺]

Kritik der Kritik

Vermutlich soll man froh sein, daß Gegenwartslyrik, junge zumal, überhaupt besprochen wird. Vielleicht soll man nicht an den zarten Pflänzchen der Kritik herumzupfen. Ich lobe an Kurt Drawert, daß er sich für junge Autoren einsetzt. Schließlich, selbst eine schlechte Kritik ist besser als gar keine.
Ist das eine schlechte Kritik?  Mehr über Kurt Drawerts zu Recht lobende Kritik zu Gedichten Paul-Henri Campbells.

[zurück]
[✺]

Arten von Literaturkritiken nach Borges
  • Schlechte Literaturkritiken
  • Gute Literaturkritiken
  • Literaturkritiken die mit „Ich“ beginnen
  • Selbstanzeigen
  • Getarnte Selbstanzeigen
  • Literaturkritiken in denen ein Autor gelobt wird um den Rest der Szene niederzumachen
  • Literaturkritiken in denen ein Autor niedergemacht wird um den Rest der Szene zu loben
  • Gefälligkeitsgutachten
  • Kurze Literaturkritiken
  • Literaturkritiken im Internet
  • Literaturkritiken in der Qualitätspresse
  • Schlechte Literaturkritiken in der Qualitätspresse
  • Literaturkritiken von mir
  • Nacherzählende Literaturkritiken
  • Ideologische Literaturkritiken
  • Kritiken von Marcel Reich-Ranicki
  • Essays
  • Schlechte Essays
  • Schlechte Literaturkritiken

An der Systematik wird weitergearbeitet

[zurück]

[✺]

Mittelfinger

Clemens Schittko streckt der Welt den Mittelfinger entgegen: Im Gedichtband „Ein ganz normales Buch“ klagt er den Kapitalismus als Grundübel der Menschheit an. Seine Texte sind frei von Metaphern. Er poltert lieber mit der Kunst der Übertreibung. / DLR

Clemens Schittko: Ein ganz normales Buch
Freiraum-Verlag, Greifswald 2016
128 Seiten, 14,95 Euro

[zurück]
[✺]

Wer kennt Ales Rasanau?

Wer kennt Ales Rasanau? Der bedeutendste zeitgenössische Dichter weissrussischer Sprache lebt zurückgezogen in Minsk, macht von seiner Person kein Aufhebens, schreibt jedoch beharrlich an seinem Œuvre, das mittlerweile rund zwei Dutzend Bände umfasst. Seine jüngste poetische Arbeit stellt einen Dialog mit den Schriften des Buchdruckers Franzisk Skaryna dar, der vor fünfhundert Jahren den Psalter ins Altbelarussische übertrug. / Mehr
[zurück]

[✺]

Gestorben
  • 3.2. Dritëro Agolli, albanischer Schriftsteller (85) Mehr (frz.)
  • 5.2. Thomas Lux, poet and professor at Georgia Tech, published 14 collections of poetry, and influenced a generation of writers. † Mehr
  • 7.2. Der französische Philosoph und Essayist Tzvetan Todorov starb in Paris im Alter von 77 Jahren. Er hat sich als Sprachwissenschafter einen Namen gemacht, publizierte aber auch zu gesellschaftspolitischen Themen. Mehr
  • 8.2. Tom Raworth, britischer Dichter und visueller Künstler (78) (Nachricht in Vorbereitung)
  • [zurück]

[✺]

Die Shakespeare-Leseecke

geht weiter mit Sonett #24: MIne eye hath play’d the painter and hath steeld, deutsch von Karl Simrock: Mein Auge wird zum Maler, und geschickt

fullsizerender-58

Hier die aktuelle und alle bisherigen Folgen

[zurück]
[✺]

Eva Strittmatter

Ihre Bücher waren begehrt, wurden teilweise als Bückware gehandelt, die Auflagen gingen in die Hunderttausende. Eva Strittmatter legte 1973 mit „Ich mach ein Lied aus Stille“ ihren ersten Gedichtband vor. Da hatte sie schon über viele Jahre Lyrik geschrieben, zunächst im Verborgenen. / Mehr

[zurück]
[✺]

Neue Zeitschriften
  • Eleven Eleven 21. Poetry. Fiction. Drama. Literary Nonfiction. California Interest. Asian & Asian American Studies. African & African American Studies. Latino/Latina Studies. Native American Studies. Jewish Studies. Middle Eastern Studies. Women’s Studies. Gay. Lesbian and Transgender Studies. Art. Featuring Michael McClure, Erín Moure, Uri Zvi Greenberg, Philippe Soupault, Abraham Sutzkever et al. Mehr

[zurück]
[✺]

Kurz gesagt
  • «Der Verlust der eigenen Sprache ist etwas, was einem spätestens beim Gedichteschreiben als ein Handicap auffällt, weil es hier nicht nur darum geht, eine Sprache zu beherrschen, sondern auch umgekehrt: von der Sprache beherrscht zu sein»  Kathy Zarnegin, bzbasel
  • Γ􀎍α 􀎑α γε􀎑􀎑􀎋􀎌εί έ􀎑α 􀎔􀎓ί􀎋􀎐α 􀎌έ􀎏ε􀎍 / 􀎑α 􀎘􀎓 γε􀎑􀎑ή􀎗ε􀎍 􀎐􀎍α 􀎔􀎏􀎋γή.  Damit ein Gedicht entstehen kann, / muss es eine Wunde geben. Katerina Angelaki-Rooke, Motto in dem gerade erschienenen zweisprachigen Band von Katerina Angelaki-Rooke: Die Engel sind die Huren des Himmelreichs. Gedichte, übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen mit einem Nachwort von Spyros Aravanis. Leipzig: Reinecke & Voß, 2017
  • Als Leser sehe ich es gar nicht ein, mich auf eine bestimmte Art von Literatur festzulegen. Jan Kuhlbrodt, Postkultur
  • Most meanings of / the word [irascible] descend from clunky antonyms / found only in Spanish- English dictionaries or in authoritive / archival audio recordings of forum discussions in proto-Catalan. Mark Young , in: Ygdrasil. Journal of the Poetic Arts. January 2017
  • Equations are the cornerstone on which the edifice of science rests. Yet, argues Graham Farmelo, they can be as exquisite as the finest poetry. / The Guardian 26.1. 2002

[zurück]
[✺]

Kurz berichtet
  • Zum Wettbewerb um den Leonce-und-Lena-Preis in Darmstadt, der am 17. und 18. März stattfindet, sind eingeladen: Jennifer de Negri, Sebastian Hage-Packhäuser, Natascha Huber, Mario Osterland, Tobias Pagel, Sigune Schnabel, Andra Schwarz, Jan Skudlarek und Christoph Szalay
  • Die Sylt Foundation schreibt bereits zum 18. Mal das „Sylt-Quelle Literaturstipendium Inselschreiber“ für deutschsprachige Autorinnen und Autoren aus. Mehr hier
  • Zum 14. Mal wird in Lana der Lyrikpreis vergeben, der nach dem Südtiroler Dichter N.C. Kaser benannt ist. Diesmal kommt er dem irischen Dichter Trevor Joyce (*1948) zu und wurde am 6. Februar 2017 um 18.00 im Vigilius Mountain Resort mit dem Preisträger, seiner Übersetzerin Swantje Lichtenstein und der Preisstifterin Ursula Flora gefeiert. Vorgeschlagen hatte ihn der vorige Preisträger Tom Raworth. Mehr
  • Der südkoreanische Dichter Ko Un erhält den Preis der italienischen Fondazione Roma. Seit 2006 organisiert sie ein internationales Poesiefestival, und seit 2014 vergibt sie einen Preis in diesem Rahmen. Ko Un ist der vierte Preisträger nach Adam Zagajewski (Polen), Jacobo Cortines (Spanien) und Carol Ann Duffy (Großbritannien). Mehr
  • Hier gibts 10 Anti-Love poems zum Valentinstag (Englisch)

[zurück]
[✺]

Lyrikkalender

Am 11. ist Tag der vietnamesischen Poesie, am 12. Darwin Day, am 14. Valentinstag. Am 11. feiert Britannien (bzw. die anglikanische Kirche) den ältesten englischen Dichter, den man mit Namen kennt: Cædmon, der nicht von Poesie wußte, bis ihm im Traum die Dichtergabe erschien, das war im 7. Jahrhundert. Am 14.2. 1989 ruft Ayatollah  Chomeini zur Tötung des Schriftstellers Salman Rushdie auf. .Geburtstage haben: am 11. Karoline von Günderrode (1780), Else Lasker-Schüler (1869), Hans-Georg Gadamer (1900), Gerhard Kofler (1949), am 12. Friedrich de la Motte Fouqué, (1777), Abraham Lincoln (1809), Lou Andreas-Salomé (1861), am 13. Elijah Levita (deutsch-jüdischer Dichter, 1469), Sigmund Jähn (1937 – 80. Geburtstag), F.C. Delius (1943), Katja Lange-Müller (1951), am 15. Carl Michael Bellman (1740), am 16. Victor von Scheffel (1826), Alfred Kolleritsch (1931), Makoto Ōoka (1931), Aharon Appelfeld (1932), am 17.  Minamoto no Sanetomo (1192), Friedrich Maximilian Klinger (1752), Max Schneckenburger (1819) (Die Wacht am Rhein), Lola Montez (1821), Georg Weerth (1822), Gustavo Adolfo Bécquer (1836), Banjo Paterson (1864),  Emmy Hennings (1885), Georg Britting (1891).

Todestage: am 11. 1795: Carl Michael Bellman, 1798: Karl Wilhelm Ramler, 1829: Alexander Sergejewitsch Gribojedow, 1905: Otto Erich Hartleben, 1960: Victor Klemperer, 1963: Sylvia Plath, 1978: Harry Martinson, am 12. Henjō, japanischer Priesterdichter (890), Muriel Rukeyser (1980), Julio Cortázar (1984), Thomas Bernhard (1989), am 13. 1142: Fujiwara no Mototoshi, 1798: Wilhelm Heinrich Wackenroder, 2004: Selimchan Abdumuslimowitsch Jandarbijew (tschetschenischer Dichter, Separatistenführer), am 14. 869: Kyrill von Saloniki, griechischer Slawenapostel, 1826: Johannes Daniel Falk (O du fröhliche), am 15. 1781: Gotthold Ephraim Lessing, am 16. 1656: Johann Klaj, 1907: Giosuè Carducci, 1938: Otto zur Linde, 1939: Jura Soyfer, 2003: Aleksandar Tišma, 2011 – Justinas Marcinkevičius, am 17. 1647: Johann Heermann, 1856: Heinrich Heine, 1970: Shmuel Yosef Agnon, 1998 – Ernst Jünger, 2010: Lucille Clifton, 2015: Philip Levine
[zurück]
[✺]

Rückblende: Januar 2002

Das niedre Pack, das miese Gesocks schreit ja nur so laut, weil es nichts anderes kann als schreien“, schreibt Hermann Lenz am 25. März 1959 an Paul Celan. Manifest eines ägyptischen Dichters vor 3800 Jahren: „O dass ich unbekannte Sätze hätte, seltsame Aussprüche, / neue Rede, die noch nicht vorgekommen ist, / frei von Wiederholungen, / keine überlieferten Sprüche, die die Vorfahren gesagt haben“. Was Israels Rechte gegen Lyrik hat. Warum Silke Scheuermann gegen das Unverständlich-Verpickelte ist. Benn, ein krasser Fall von Niveauverlust.

Dies und mehr hier.
[zurück]
[✺]

Zum Schluß Hansjürgen Bulkowskis Poetopie

auch wenn du kein Wort sagst – du schweigst in deiner Sprache

[zurück]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: