93. Selbstverständlich Pound

Ein Meisterstück, ein Geniestreich (könnte man sagen; wenn man das nicht über viele Nummern dieser Zeitschrift sagen könnte). Schreibheft Nr. 69 ist fast vollständig dem Dichter Ezra Pound gewidmet, von dem ein polizeiliches Foto vom 26. Mai 1945 aus Pisa den Titel ziert. Es beginnt mit Traumtexten von Roberto Bolaño, in denen Pound  nicht explizit vorkommt, aber Li Po, Baudelaire, Archilochos, Anaïs Nin („Mir träumte von einem Neunundsechziger mit Anaïs Nin auf einer riesigen Basaltplatte“), Robert Desnos, Roque Dalton und viele andere. Im anschließenden Playboy-Interview gibt Bolaño seine private Hitliste: „Nicanor Parra steht über allen, auch über Pablo Neruda, Vicente Huidobro und Gabriela Mistral. … Wäre Joyce anstelle von Eliot, ich wählte Joyce. Wäre Pound anstelle von Eliot, selbstverständlich Pound.“

Dann ein umfängliches Dossier über Ezra Pound im St. Elizabeths Hospital für kriminelle Geisteskranke mit Gedichten von Lawrence Ferlinghetti, E.E. Cummings, Basil Bunting, Elizabeth Bishop, William Carlos Williams, Kornelijus Platelis, Marcel Beyer, Ulf Stolterfoht und Alban Nikolai Herbst (Ezra Pound im Käfig); Briefwechseln mit H.D., Wyndham Lewis, Marshall McLuhan und E.E. Cummings und Prosabeiträgen u.a. von T.S. Eliot, Charles Olson („Hier spricht Yeats“!), William Carlos Williams, W.H. Auden, George Orwell und Benedikt Ledebur sowie einem Gespräch, das u.a. Pier Paolo Pasolini für das italienische Fernsehen mit Pound führte.

Schließlich visuelle Gedichte des Katalanen Joan Brossa und eine Rezension der Werkausgabe von Rainer M. Gerhardt (dem ersten deutschen Pound-Übersetzer) durch Michael Braun.

Marcel Beyer übersetzt Cummings‘ Jugendgedicht „pound pound pound“ um es zu untersuchen, da es ihn ratlos gemacht habe wie selten ein Gedicht. Den 13 Zeilen des Gedichts läßt er über vier Seiten Kommentar folgen. „pound pound pound“ , die erste Zeile, enthält eine unübersetzbare Mehrdeutigkeit, da es neben dem Namen (Cummings schrieb grundsätzlich alles klein, auch Eigennamen und das große „i“) noch etliche andere Bedeutungen hat, darunter stoßen, stampfen, rammen, hämmern.  Beyer übersetzt: poch, poch, poch. Sein Kommentar dröselt ein weitgespanntes intertextuelles Netz zur englischen Lyriktradition und -moderne auf. Anscheinend ist es eine („verquaste“, Beyer) Auseinandersetzung des ehrgeizigen jungen Dichters mit Pound und Eliot, die ihn nicht als Gleichen unter Gleichen sehen wollten. Was Cummings so verquast andeute, treffe ihn selber, der zu der Zeit noch nicht frei von „gelegentlichen Trivialitäts- und Kitschattacken“ sei. Das Zitat, das Beyer zum Beleg zitiert, verkürzt er allerdings auf beinah unzulässige Weise: „man lese etwa sein eigenes Drehorgelgedicht, ‚at the head of this street a gasping organ is waving“, in dem er sich als ‚queer monkey with a little oldish  doll-like face‘ auf den Leierkasten setzt.“ Nach „waving“ geht es aber weiter: „is waving moth-eaten tunes“. Der Leierkasten schwingt mottenzerfressene Töne. Die muß man wohl in Betracht ziehen oder ins Gehör, nicht? Beyer schließt: „Von pound pound pound – das wird niemand bezweifeln – [tu ich doch auch nicht!] ist es noch ein weiter Weg bis zum selbstgewissen „crazy jay blue“ (…), diesem zarten Vogelgruß, den Cummings Ende der fünfziger Jahre dem „demon“ und „thief crook cynic“, dem „trickstervillain“, dem „raucous rogue & vivid voltaire“ , dem „beautiful anarchist“, dem alten Blauhäher Ezra Pound senden wird.“

Wenn ich an dem spannenden, so lesenswerten wie instruktiven Heft etwas zu mäkeln hätte, es wär: daß den übersetzten Gedichten nicht das Original zugesellt wird. Die paar Seiten müßten doch noch drin sein? Die letzte Strophe von William Carlos Williams‘ Gedicht „To my friend Ezra Pound“ übersetzt Norbert Hummelt so:

Dein Englisch
ist nicht eigentümlich genug
Als Autor von Gedichten
erweist du dich als untüchtig, um nicht zu sagen
wucherisch.

Williams‘ letztes Wort ist natürlich usurious: Pounds Zauberwort „usura“. Das Wort sie sollen lassen stahn.

Hier sozusagen zum Ausgleich Cummings‘ Gedicht vom blauen Eichelhäher im Wortlaut:

crazy jay blue)
demon laughshriek
ing at me
your scorn of easily
hatred of timid
& loathing for (dull all
regular righteous
comfortable)unworlds
thief crook cynic
(swimfloatdrifting
fragment of heaven)
trickstervillain
raucous rogue &
vivid voltaire
you beautiful anarchist
(i salute thee

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: