119. Das archipelische Denken

Ein Besuch bei dem Autor Édouard Glissant auf Martinique

Glissant wehrt sich gegen die Eingemeindungen des Diversen durch den westlichen Universalismus, die er als neue Form von Kolonialismus begreift. Er hat ein „Institut du tout-monde“ gegründet und attackiert den Begriff der „frankophonen“ Literatur. Mit Kollegen wie Tahar Ben Jelloun, Amin Maalouf und Jean Rouaud fordert er, die Bevormundung der Literatur aus der Pariser Administration als „Francophonie“ zu beenden. Die jahrhundertealte Bindung zwischen französischer Sprache und französischer Nation müsse gesprengt werden.

Fünf seiner Romane sind auf Deutsch erschienen, bei dem kleinen Heidelberger Verlag Das Wunderhorn. Sie liegen wie Blei in den Regalen, Leser findet Glissant bei uns kaum. Das ist, trotz der nicht einfachen Übersetzungen, recht bizarr. Denn letztlich schafft Glissant mit der Kreolisierung erfrischende Denkanstöße, auch wenn er gelegentlich ein wenig rosarot malt. „Die Karibik ist, wenn Sie sich die Karte anschauen, eine weiße Zone auf der Karte der Massaker, der Völkermorde, die in der Welt ständig zunehmen. In der Karibik bringt kein Volk ein anderes um.“ Es gebe zwar Kriminalität und politische Kämpfe, zum Beispiel auf Kuba, aber eben keine Völkermorde wie in Ruanda. „Es lohnt ja nicht, jemanden umzubringen, weil er anders ist, denn wir sind alle anders. Das hat man in der Karibik verstanden.“

Das klingt dann doch ein wenig blauäugig. Der karibische Raum ist keine rassismusfreie Zone und kein Paradies. In Havanna werden Afrokubaner rassistisch angefeindet, Haiti ist ein Desaster, bei dem die Kreolisierung versagt haben muss, was man nicht ohne weiteres dem Westen anlasten kann. Aber vielleicht ist das „archipelische Denken“ einfach eine selten zuversichtliche Perspektive auf die Welt. Denn eigentlich sind wir alle Kreolen. / WERNER BLOCH, SZ 22.10.

Ein paar Gedichte von Glissant gibt es im Atlas der neuen Poesie (Rowohlt 1995) und in der Zeitschrift Lettre international.

 

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