Lyrikzeitung & Poetry News

27. März 2012

121. Menschenlandschaften

Einsortiert unter: Türkei, Türkisch — Schlagworte: , , , , , , — lyrikzeitung @ 08:50

Wiederbegegnen wird man auch dem Aufbegehren gegen Repression und Ausgrenzung, dem zähen Ringen zwischen Intellekt und Staatsmacht, das in stärkerem oder minderem Mass alle vorgestellten Dichterbiografien prägt. Der 1923 als Sohn einer kurdischen Mutter im südlichen Taurusgebirge geborene Yaşar Kemal wanderte mit 17 Jahren erstmals wegen eines Gedichts ins Gefängnis; später, aus der heimatlichen Çukurova nach Istanbul übersiedelt und dort als Journalist tätig, lenkte er den Blick der Leser auf das Los von Unterprivilegierten und Minderheiten. / Angela Schader, NZZ 20.3.

Insan Manzaralari / Menschenlandschaften. Sechs Autorenporträts der Türkei. Buch und Regie: Osman Okkan. Begleithefte mit Essays von Cornelius Bischoff, Erika Glassen, Altan Gökalp, Dietrich Gronau, Iris Radisch, Hubert Spiegel, Sibylle Thelen. 6 DVD à 30 Minuten. Vertrieb über autorenportraits@das-kulturforum.de. € 29.90

Die zweisprachige Dokumentarfilmreihe “Menschenlandschaften – Sechs Autorenportraits der Türkei” von Osman Okkan umfasst persönliche Portraits von sechs Erfolgsautoren aus der Türkei.

  • I. Nazım HİKMET – Dichter und Revolutionär
  • II. Yaşar KEMAL – Zwischen Poesie und Politik
  • III. Orhan PAMUK – Ein Dichter im Zeichen seiner Stadt
  • IV. Elif ŞAFAK – Literatur zwischen Mystik und Moderne
  • V. Murathan MUNGAN – Der Kultpoet vom Bosporus
  • VI. Aslı ERDOĞAN - Grenzgängerin zwischen Himmel und Tod

Die Reihe beinhaltet eine Aktualisierung der beiden früheren WDR/ARTE-Portraits von Nazım Hikmet und Yaşar Kemal.

25. Februar 2012

109. Deutsch-Türkische Kulturolympiade

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland, Türkisch — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 10:51

Am 25. Februar 2012 findet um 19 Uhr in der Technischen Universität Berlin der Vorentscheid der Deutsch-Türkischen Kulturolympiade statt. Parallel werden auch in den anderen deutschen Bundesländern Vorentscheide ausgetragen.

In den Disziplinen Lieder, Volkstänze, Gedichte und Erzählung sowie Theater und Aufführung treten Schülerinnen und Schüler deutscher und nichtdeutscher Herkunft gegeneinander an, um sich für die Deutschland Preisverleihung am 29. April in Frankfurt zu qualifizieren. / berlin.business-on.de

13. Oktober 2011

54. Portakal

Einsortiert unter: Griechenland, Griechisch, Türkei, Türkisch — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 21:07

Der Abend mit griechischer und türkischer Lyrik und Musik fand im Rahmen der 14. Interkulturellen Wochen Offenbachs zu Ehren des griechischen Literaturnobelpreisträgers Giorgos Seferis (1900-1971) und des wohl bedeutendsten türkischen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts, Nâzım Hikmet (1902-1963), statt. Es ging um Gemeinsamkeiten: Daher stand der Abend unter dem Titel »Portakal«, denn so heißt im Griechischen wie im Türkischen das Wort für Apfelsine: »Apfel aus China« bzw. „Apfel aus Portugal“.  / familien-blickpunkt.de

21. August 2011

94. Unverziehen

Einsortiert unter: Türkei, Türkisch — Schlagworte: — lyrikzeitung @ 01:53

Im Dezember 1994 erschien mein Gedichtband «Metal». Er enthielt ein auf den 26. Juni 1993 – den Folgetag des Konzerts – datiertes Gedicht namens «Unverziehen», eine Hommage an jenen Tag und an das Metallica-Stück «The Unforgiven». Mir bedeutet das Gedicht noch heute so viel wie damals, denn über seine Aussage hinaus erinnert es mich an eines der schönsten Konzerte meines Lebens. Wenn man sich zurückerinnert, ein Lied wieder hört, was schert es einen da, dass siebzehn Jahre vergangen sind! In jedem Augenblick kann ein Lied, ein Gedicht uns die Zeit zurückbringen. Die ja manchmal nur aus Erinnerung besteht.

Murathan Mungan, Neue Zürcher Zeitung 20.8.

Murathan Mungan wurde 1955 in Istanbul geboren. Nach Anfängen als Dramaturg wandte er sich der Schriftstellerei zu; seit 1980 hat er über 30 Romane, Gedichtbände und Erzählsammlungen veröffentlicht. Auf Deutsch sind von ihm der Erzählband «Palast des Ostens», die Romane «Tschador» und «Städte aus Frauen» sowie der Gedichtband «Metall» erschienen. – Aus dem Türkischen von Gerhard Meier.

3. August 2011

14. Integrativ

Die Bremer Künstlerin Heide Marie Voigt ist zu Gast und hält lyrische Zwiesprache mit Olivia Douglas, Akondoh Ali, Lauma Zwidrina und Salman Nurhak. Gemeinsam tragen sie ausgewählte Gedichte in verschiedenen Sprachen vor, so in tem, französisch, türkisch, kurdisch, lettisch und deutsch. “Ich integriere nicht Ausländer, ich integriere Stadtteile”, sagt Voigt. In ihrem Buch “zwiesprache lyrik” haucht sie den statistischen Zahlen der 22 Stadtteile Bremens lyrisches Leben ein. / Weser Kurier

(Tem ist eine Sprache in Ostafrika, die in Togo, Ghana, Benin und Burkina Faso gesprochen wird.)

26. Juli 2011

102. Euterclique

„Wilders, Sarrazin und Broder mitsamt der Euterclique können stolz darauf sein, diese Brut mit ihrer ,Streitkultur’ aufgezogen und gehätschelt zu haben, die im Namen der Freiheit, der christlich-demokratischen Nächstenliebe, alle ,Gutmenschen’, Linke, Liberale und Muslime, die nicht mit dieser kranken Gedankenwelt d’accord sind, zur Zielscheibe manifestiert haben. Das, was in Oslo passierte, ist einzig auf das Konto dieser angestoßenen ,Schicksalsfrage’ zuzuschreiben…“ – stellt Ercan Tekin auf der Seite „Turkishpress“ unter der Überschrift „Wilders, Sarrazin, Broder – geistige Brandstifter?“ fest, wobei das Fragezeichen eine eher rhetorische Funktion hat.

Mit der „Euterclique“ sind Seyran Ates, Necla Kelek, Güner Balci, Cigdem Toprak und andere Journalistinnen gemeint, die dem Mitarbeiter von „Turkishpress“ dermaßen zuwider sind, dass er sich nicht dazu überwinden kann, sie beim Namen zu nennen. / Henryk M. Broder, Die Welt

Man muß nicht jede Ansicht von Broder, Kelek und beliebig anderen teilen, aber die Metonymie “Euterclique” in Bezug auf ein paar Frauen, deren Ansichten “mann” nicht teilt, ist widerlich, sexistisch und verräterisch.

Im folgenden Auszug aus Ercan Tekins Beitrag sind von den 6 Anführungszeichen die ersten beiden einschlägig (wir erinnern uns, es geht um den Anschlag in Norwegen!, “diese Kulturlandschaft” meint eine vermeintlich christlich-”jüdische” Verschwörung gegen einen vom Autor zwangsvereinheitlichten “Islam”:

Die Devise lautet nun in dieser christlich-”jüdisch” geprägten Kulturlandschaft entweder “rette sich wer kann!” oder “jetzt erst recht!”.

20. Mai 2011

81. Istanbul

Einsortiert unter: Türkei, Türkisch — Schlagworte: — lyrikzeitung @ 08:25

Der türkische Dichter Orhan Veli Kanık hat sich in einem Gedicht mit der türkischen Metropole Istanbul befasst: „İstanbul’u dinliyorum, gözlerim kapalı“ – Ich höre Istanbul zu, meine Augen sind geschlossen, schrieb er.

Und genau diese Sichtweise durften einige Schüler des Ludwig-Meyn-Gymnasiums kürzlich erleben. / Uetersener Nachrichten

(Das Gedicht steht Türkisch und Deutsch in. Orhan Veli Kanık: Fremdartig / Garip. Gedichte in zwei Sprachen. Frankfurt: Dağyeli 1985)

19. April 2011

90. Zweite Neue

Ece Ayhan (aus: Lyrikwiki Labor)

L&Poe Woche der türkischen Poesie

Weil seine Gedichte sowohl leicht als auch schwer zu lesen sind, weil sie ein bestehendes Gedichtverständnis verwerfen und ein neues postulieren. Ece Ayhan ist unter den Lyrikern der 1950er-Generation jener, der als Erster zu nennen ist, wenn es darum geht, sich und das Gelesene zu hinterfragen. Seine Lyrik weckt bei jedem Leser Befremden. (…)

Seine Gedichte erklären tatsächlich nichts. Sie deuten lediglich etwas an und ziehen sich wieder zurück, bevor sie es erklären. (…)

Neben einer Lyrik, die mit Leib und Seele und lebendig erzählt, lässt sich die gleichzeitige Existenz einer Lyrik, die das Gedicht als reine Kunst- und Dichtform begreift, nicht abstreiten. Wir können diese Form auch eine Art ‘intellektuelle Dichtung’ nennen, die aber das Gefühl nicht völlig verneint. Jene, für die Lyrik in erster Linie Ausdruck des Lebendigen und des Gefühls ist, werden Ayhans Gedichte nicht als eine Bereicherung der türkischen Dichtkunst begreifen.

Aus: Doğan Hızlan, Vom Vernebeln und Verdecken (1968). In: Mark Kirchner (Hrsg.): Geschichte der türkischen Literatur in Dokumenten. Hintergründe und Materialien zur Türkischen Bibliothek. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2008, S. 154f. (Deutsch von Nayhan Özdemir)
Nazım Hikmet schreibt für sich und für den Leser. Ece Ayhan hingegen schreibt nur für sich und übernimmt keine missionarische Verantwortung für seine Gedichte, was in seiner Aussage ‘Ich werde nicht dienen’ zum Ausdruck kommt.

Aus: Edip Cansever, Mit der Sprache spielen (1967). In Mark Kirchner, a.a.O. S. 152. (Deutsch von Nayhan Özdemir)
Ece Ayhan (1931-2002) wird neben İlhan Berk zur hermetischen Richtung der sogenannten “Zweiten Neuen” gerechnet, die eine Gegenbewegung zum sozialistischen Realismus und zur Garip (der Ersten Neuen) war. Er selbst lehnte diese Bezeichnung ab und zog es vor, von “Ziviler Dichtung” zu sprechen.

(Damit ist die lange Woche der türkischen Poesie 2011 beendet. Ich plane das Projekt fortzusetzen, vielleicht jeweils im April oder Mai mit einer Woche der xxx Poesie. Vielleicht auch mit “analogem” Anteil, sprich einer Veranstaltung im Falladahaus. Vielleicht hat ja jemand Lust, mitzumachen. –  2012 gibt es, letztes “Vielleicht”, eine “Woche der altgriechischen Poesie”. –

Eigentlich wollte ich auch aus der Quelle des Logos schöpfen. Aber Möglichkeiten gibt es ja immer.)

18. April 2011

83. Türkische Metrik (Nationales Versmaß)

Aus: Lyrikwiki Labor 

L&Poe Woche der türkischen Poesie

Die türkische Literatur stand lange Zeit unter der Vorherrschaft der klassischen arabischen und persischen Muster. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts beginnen nach der Erfahrung der napoleonischen Ägyptenexpedition Reformbemühungen auf militärischem und politischem Gebiet. 1876 erzwingen die “Jungtürken”nach Studentenprotesten die Einführung einer Verfassung. In diesem Rahmen wird auch an einer Modernisierung und “Nationalisierung” der türkischen Literatur gearbeitet. Die Frontlinien verliefen auch durch die Metrik. In seinem Buch “Die Grundlagen des Türkismus” (Türkçülüğün Esasları, Ankara 1339 / 1923) beschreibt der Schriftsteller und Soziologe Ziya Gökalp den Kampf um das “nationale Versmaß” unter Bezug auf die Kultur und Dichtung der “frühen Türken” in Mittelasien. Ihre Statuen und Bauwerke brauchten den Vergleich mit Griechenland und dem Westen nicht zu scheuen. Später sei die türkische Kultur hinter der der europäischen Länder zurückgeblieben und bedürfe der “Veredelung”. Über die Metrik schreibt er:

“Das Versmaß der frühen Türken war silbenzählend. (…) Die tschagataiischen* und osmanischen** Dichter hingegen kopierten das Metrum der Perser. In Turkestan hat Nawai und in Anatolien Ahmet Paşa das quantitierende Versmaß eingeführt. In den Palästen maß man diesem einen hohen Wert bei, doch das Volk konnte mit diesem Versmaß nichts anfangen. Deshalb fuhren die Volksdichter fort, in der alten silbenzählenden Weise zu dichten. Dichter, die den mystischen Orden nahestanden, wie Ahmet Yesevi, Yunus Emre und Kayguzus oder Wanderbarden wie Aşık Ömer, Dertli oder Karacaoğlan behielten die silbenzählende Dichtung bei. Zu der Zeit, da sich die nationaltürkische Bewegung zu entwickeln begann, existierten beide metrischen Formen nebeneinander. Vermeintlich war die erste die Form der Gebildeten, die zweite die des gemeinen Volkes. Da das Türkentum der Zweigleisigkeit der Sprache ein Ende bereitet hat, kann man dieser Dualität in der Dichtung nicht mehr gleichgltig gegenüberstehen. Besonders weil die persischen grammatikalischen Strukturen und das metrische Versmaß untrennbar miteinander verbunden sind, musste man über diese beiden osmanischen Traditionen gleichermaßen entscheiden. Deshalb entschieden sich die Vertreter der national-türkischen Bewegung dazu, sowohl die persischen Strukturen als auch das quantitierende Versmaß aus unserer nationalen Literatur zu verbannen. Die unverfälschte türkische Sprache eignet sich nicht recht für das quantitierende Versmaß.”
Aus: Mark Kirchner (Hrsg.): Geschichte der türkischen Literatur in Dokumenten. Hintergründe und Materialien zur Türkischen Bibliothek. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2008, S. 40

  • ) Die tschagataische Sprache oder kurz Tschagataisch (Eigenbezeichnung ‏ جغتای ‎ Tschaghatāy oder ‏ ترکی ‎ Turkī) war eine osttürkische Literatursprache[1], die ca. vom Beginn des 15. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts[2] im islamischen Zentralasien und darüber hinaus auch in weiteren Teilen Eurasiens verbreitet war[3]. Im engeren Sinne wird unter Tschagataisch das klassische Tschagataisch verstanden[4], das zwischen der Mitte des 15. Jahrhunderts und ca. 1600 im Reiche der Timuriden und seinen Nachfolgestaaten verwendet wurde und späteren Generationen als Vorbild diente[5].(Wikipedia)
    • ) Die osmanische Sprache war Amtssprache im Osmanischen Reich und in der Türkei bis zu Atatürks Schriftreform 1928, womit der Übergang in modernes Türkisch begann. Die osmanische Sprache wurde in arabischer Schrift geschrieben, das moderne Türkisch verwendet die lateinische Schrift.

Das osmanische Türkisch (auch Türkei-Türkisch, türk. Osmanlıca, Osmanlı Türkçesi, Eigenbezeichnung: ‏ تركچه ‎ / Türkçe und ‏ تركی ‎ / Türkî, ab der Tanzimat mit dem Aufkommen des Osmanismus ‏ لسان عثمانى ‎ / lisân-i Osmânî oder ‏ عثمانلیجه ‎ / Osmanlıca) war jene Ausprägung der türkischen Sprache, die für administrative und literarische Zwecke im Osmanischen Reich verwendet wurde. Osmanisch basiert auf dem Anatolischtürkischen (Oghusisch) und nahm gegen Ende des 15. Jahrhunderts in immer stärkerem Maß arabische und persische Elemente auf. Osmanisches Türkisch war Amts- und Literatursprache des Osmanischen Reichs und ist eine Varietät des Westoghusischen, die sich in Anatolien entwickelte, nachdem Anatolien ab dem 11. Jahrhundert von Türken (Oghusen) besiedelt war.

Praktisch betrachtet gab es (mindestens) drei Varianten der osmanischen Sprache:

  • Fasih Türkçe (Eloquentes Türkisch): Sprache der Verwaltung und der Poesie,
  • Orta Türkçe (Mittleres Türkisch): Sprache des Handels und der Oberschicht,
  • Kaba Türkçe (Vulgäres Türkisch): Sprache der unteren Schichten.

Die jeweiligen Varianten wurden je nach sozialem Kontext ausgewählt: Ein Schreiber verwendete bei seiner Arbeit beispielsweise das arabische asel (‏ عسل ‎) für „Honig“; auf dem Markt fragte er aber mit dem türkischen bal (‏ بال ‎) danach.

17. April 2011

80. Zwischennotiz

Einsortiert unter: Türkei, Türkisch — Schlagworte: , , , , — lyrikzeitung @ 20:41

L&Poe Woche der türkischen Poesie

 Vom 4.-8. begann unter diesem Logo meine zweite “Woche der türkischen Poesie”. Dieses Projekt startete ich im vergangenen Jahr nach kurzen zwei Wochen im Süden und Südwesten der türkischen Halbinsel. Der Plan, die Reise dieses Jahr zu wiederholen, zerschlug sich, aber die “Woche” startete erneut, passend zum US-amerikanischen “National Poetry Month”. (Mein Problem, daß der Anfang des April gleichzeitig Semesterbeginn und damit relativ arbeitsinternsiv ist). Ich denke über das Projekt einer Poesiewoche nach, das vielleicht von Sprache zu Sprache wandern kann und im Frühjahr liegt, wenn auch vielleicht etwas später.

In diesem Jahr jedenfalls wird die Türkische Woche nach einer Auszeit heute und morgen fortgesetzt. Hier zunächst mit eine “Zwischennotiz” von Achim Wagner, dem ich für Unterstützung danke.

Zwischennotiz

die literarische tradition des orients liegt in der lyrik; oder wie es der befreundete istanbuler dichter metin kaygalak bei einem gespräch zu jahresanfang (2011) umfassender formulierte: “die lyrik ist das gedächtnis des orients”. hierbei ist wiederum zu sehen, dass die lyrik bis ins 19. Jahrhundert selten notiert, eben mündlich weiter gegeben, überliefert wurde, und so einen “einmaligen” stellenwert erlangte.

sie erreichte – und erreicht noch – ein publikum quer durch die gesellschaftsschichten; in fast jeder türkischen buchhandlung finden sich mehrere – meist zweimonatlich erscheinende – lyrikzeitschriften. auch sind die zahlreichen jährlichen lyrikfestivals manifester ausdruck der nach wie vor lebendigen und wahr genommenen lyrikszene.

bestimmend für die türkische gegenwartslyrik sind immer noch die aus der als “ikinci yeni” (zweite neue) bezeichneten bewegung (der u.a. dichter wie cemal süreya und turgut uyar angehörten)  mitte des 20. jahrhunderts entstandenen positionen. im wesentlichen lehnten die dichter der “zweiten neuen” eine einfache sprache ab, sahen sie das verhandeln von gesellschaftlichen thematiken in ihren gedichten als nicht erforderlich an (was – und das sei zwingend angemerkt – durchaus einer politischen aussage gleich kam, weil sie sich damit bewusst nicht nur gegen den sozialistischen realismus ihrer unmittelbaren vorgänger, sondern auch gegen die kemalistischen leitbilder der noch jungen türkischen republik stellten.)

bei einem weiteren gespräch mit der ankaraner literaturwissenschaftlerin nesrin eruysal erwähnte diese, dass das hohe sprachliche niveau, das die “zweite neue” vorgegeben habe, zwar von den nachfolgenden dichtergenerationen gehalten werden konnte, es aber bislang nicht gelungen sei, eine andere, eigenständige poetik zu entwerfen, die stark genug wäre, eine neue bewegung hervor zu bringen.

Ältere Artikel »

Theme: Silver is the New Black. Bloggen Sie auf WordPress.com.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 242 other followers