Kategorie: Polen

45. poesiefestival berlin

Das 14. poesiefestival berlin fragt nach den Orten der Dichtkunst, nach der „Heimat Poesie“. Vom 7.-15. Juni 2013 präsentiert die Literaturwerkstatt Berlin in der Akademie der Künste am Hanseatenweg die Bandbreite und Vielseitigkeit internationaler zeitgenössischer Dichtkunst.
Zu Gast sind u.a. Christian Bök (Kanada), Breyten Breytenbach (Südafrika), TJ Dema (Botswana), Oswald Egger (Südtirol), Kosal Khiev (USA/Kambodscha), Ursula Krechel (Deutschland), Ise Lyfe (USA), Nikola Madzirov (Mazedonien), Luis García Montero (Spanien), Don Paterson (UK), Tomaž Šalamun (Slowenien), Ana Tijoux (Chile), Natan Zach (Israel) und Adam Zagajewski (Polen).

Hier das komplette Programm.

Kartenvorverkauf
Vorverkauf in der Akademie der Künste
Tel 030. 200 57-1000/-2000
Hanseatenweg 10, 10557 Berlin-Tiergarten
Pariser Platz 4, 10117 Berlin-Mitte
Täglich 10:00–19:00
Im Internet unter: www.adk.de oder www.poesiefestival.org

Festivalpass, gültig für alle Veranstaltungen:
60 EUR/40 EUR, erhältlich in der Akademie der Künste.

Ort
(soweit nicht anders angegeben):
Akademie der Künste
Hanseatenweg 10
10557 Berlin-Tiergarten
S-Bahn Bellevue / U9 Hansaplatz/ Bus 106

Informationen
Literaturwerkstatt Berlin
Tel 030. 48 52 45 0
www.literaturwerkstatt.org

32. Doreen Daume †

Vorige Woche starb die Übersetzerin Doreen Daume. Sie wurde 1957 in Dortmund geboren. Sie übersetzte seit 1999 polnische Literatur (u. a. Bruno Schulz, Czesław Miłosz, Ewa Lipska, Mariusz Grzebalski, Piotr Sommer, Andrzej Kopacki). Für ihre Übersetzungen erhielt sie 2008  den Österreichischen Staatspreis. In einem Nachruf schrieb Werner Richter:

Aber mit derselben Ausdauer lernte sie dann eben die neue Sprache, und zwar so gut, dass es nicht lange dauerte, bis sie sich unter die (durchaus schon vorhandenen) Größen der Polnischübersetzer einreihte. Es war nur eine kurze Karriere (2000-2013), aber alle Achtung: Angefangen hat sie gleich richtig weit oben, aber anscheinend reicht’s nicht, dass einer wie Czesław Miłosz den Nobelpreis für Literatur kriegt – trotzdem gab es Sachen von ihm, die nie ins Deutsche gekommen waren. So auch sein Hündchen am Wegesrand, eine Sammlung aphoristischer Essays, die Doreen (wieder)entdeckte und bei Hanser unterbrachte, wo sie dann immer neue Texte, vor allem Gedichte von Miłosz, übersetzt hat. Lyrik war überhaupt ihre Spezialität, die Hälfte ihrer Bibliographie fällt in dieses Genre. Und für poetische Sprachwucht wurde auch ihre Übersetzung der beiden Romane von Bruno Schulz gerühmt, vor allem die „vitale und intensive“ Neufassung seiner Zimtläden.
(…)
Zornig war sie in den letzten Jahren auch darüber, wie unbedankt und mies bezahlt unser Beruf doch ist. Sie hat sogar vor kurzem noch einen Fernkurs als Werbetexterin abgeschlossen, weil ihr klar war, dass man in der Branche die Tricks der Sprachkunst, die wir halt drauf haben, genug zu schätzen weiß, um auch richtig Geld dafür zu bezahlen.

112. Goldene Mitte der Poesie

IX. Lyrikfestival “Złoty Środek Poezji” (Goldene Mitte der Poesie) Kutno
21.-23.6.

Motto: “Nowa poezja, ojczyzna i dziewczyna” (Neue Poesie, Vaterland und Mädchen)

Kutno (Polen)
Kutnowski Dom Kultury ul. Żółkiewskiego 4 99-302 Kutno

Eingeladen sind

aus Polen Ewa Lipska, Tadeusz Dąbrowski, Sergiusz Sterna-Wachowiak

aus Deutschland Angelika Janz, Jan Wagner, Uljana Wolf.

Im Rahmen des Festivals finden Konzerte der Volksmusikbands Zdrowie Pięknych Pań und Gęsty Kożuch Kurzu, der singenden und melodeklamierenden Dichter Dawid Majer mit dem Projekt Latające Gruszki [fliegende Birnen] sowie Piotr Kulpa mit den Bändern mea culpa und Trupa Propaganda statt.

Am Samstag findet das 8. Offene Ein-Gedicht-Wettbewerb (VIII Otwarty Konkurs Jednego Wiersza) statt. Gedichte der Wettbewerbsteilnehmer werden von der Jury in der folgenden Besetzung beurteilt: Marek Krystian Emanuel Baczewski, Karol Bajorowicz und Grażyna Baranowska.

29. Polnische Lyrik

1

Der Reiz von Szymborskas Gedichten liegt vor allem darin, dass sie, um aus Adam Zagajewskis Nachwort zu zitieren, „intellektuell, konzentriert, aber auch witzig, ironisch und – o Wunder – verständlich“ sind. Doch das bedeutet nicht, dass sie auch immer leicht zu interpretieren wären. Einfach und verständlich sind nur die Stilmittel, mit denen sie ihre Gedanken zum Ausdruck bricht, ihre klare, sparsame, von Renate Schmidgall und Karl Dedecius perfekt übertragene Sprache, die aus ihrem Naturell resultierte: „Die Form war ihr wichtig, Chaos mochte sie nicht“, sagt Zagajewski dazu. Aber diese lyrische Sprache entstand auch aus ihrer Überzeugung, dass heutzutage zu viel geredet werde. „Fasse dich kurz. Die Welt ist mit Worten übervölkert“, würde der polnische Aphoristiker Stanislaw Lec sagen. Sie persönlich vertraute vor allem auf den Satz „Ich weiß nicht“. Er sei zwar klein, sagte sie einmal, erweitere aber unser Leben ungemein.

2

„Poesie ist die Suche nach Glanz“, stellt er im gleichnamigen Gedicht fest. „Poesie ist der Königsweg, / der uns am weitesten führt.“ Allerdings hat Zagajewski inzwischen erkannt, dass dieser Glanz überall zu finden ist, an den schönsten Orten der Welt, aber auch im Alltagsgesicht von Krakau oder in der grauen, nebligen Herbstlandschaft, die er aus dem „Zug von Krakau nach Warschau“ betrachtet: „Du suchst Erleuchtung in der Höhe, in den Alpen / und in Kathedralen, aber siehst du / diese demütigen Feuer / am Abend glühen, über die Erde / kriechen – wie Lunte, die erlöschen.“

3

Obwohl er ebenfalls nur Gedichte aus den letzten zehn Jahren enthält, ist er zugleich das deutsche Debüt von Julia Hartwig. Dabei gilt sie seit Jahren als eine der großen alten Damen der polnischen Lyrik, neben Szymborska und Urszula Koziol. Hartwig wird als Dichterin, aber auch als Biographin von Apollinaire und de Nerval sowie als Übersetzerin französischer und amerikanischer Poesie hochgeschätzt. Spuren dieser früheren Arbeiten sind auch in ihrem lyrischen Spätwerk zu finden: „Glücklich wer wie Nerval / Nichts zu verbergen hat als seinen Wahnsinn.“

/ Marta Kijowska, FAZ 5.4.

Wislawa Szymborska: „Glückliche Liebe und andere Gedichte“. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall und Karl Dedecius. Mit einer Nachbemerkung von Adam Zagajewski. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 100 S., geb., 18,95 €.

Adam Zagajewski: Unsichtbare Hand“. Gedichte. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Carl Hanser Verlag, München 2012. 131 S., geb., 14,90 €.

Julia Hartwig: „Und alles wird erinnert“. Gedichte 2001-2011. Herausgegeben und aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann. Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main 2013. 125 S., geb., 17,- €.

122. Bis die Nation marschiert

Isabelle Vonlanthen interessiert sich für jene Dichter und Publizisten, denen das Nationale zur Weltanschauung, zur “Ästhetik des Aufbegehrens und der Revolution” wurde, wie sie es nennt. Das Militärische dominiert die Texte. Das Individuum wird zum Soldaten für das Vaterland, bildet Kampfgruppen, bis die Nation marschiert.

“In diesem Zusammenhang wird eigentlich auch die Dichtung als kriegerisch-militärische Tat, als bewaffnete Tat oft beschrieben. Dann ist sicher die religiöse Komponente sehr wichtig. Das Vaterland als auferstandene Nation; die Gottesmutter, die die Polen zu sich holt. Des Weiteren wichtig ist auch die unreine Nation.”

Die Literatur wird stark politisch. Dichterisch-militärisch will sie die Nation schaffen, durch ein religiöses Band zusammenhalten und zuletzt bestimmen, was und wer sich zur polnischen Gesellschaft zählen dürfe, damit die Nation als rein anzusehen wäre. So wurden – zumindest literarisch – Minderheiten und unter ihnen vor allem jüdische Bürger angefeindet und ausgegrenzt, schreibt die Autorin

Ukrainer, Weißrussen, Juden und Deutsche. (…) Die größte Bedrohung orteten die Nationaldemokraten aber bei den Juden, mit denen sie in vielfältigen internen Beziehungen im gleichen Staat lebten. Die Juden waren in der Zweiten Republik nicht nur das Feindbild par excellence, ihnen wurde auch eine feindliche Haltung Polen gegenüber zugeschrieben.

Der nationaldemokratische Antisemitismus, der die allgemeinen nationalistischen Tendenzen jener Zeit widerspiegelt, gründete auf einer Kombination von religiösen, sozialen, ethnischen und wirtschaftlichen Aspekten. (…) Anstatt die wirtschaftlichen Probleme mit Reformen zu beheben, wurden in einer zweifelhaften Maßnahme die pauperisierten Juden zu Sündenböcken erkoren.

Die neuen Texte sollten das Bewusstsein der Polen stärken und eine neue Gemeinschaft entwerfen. Dabei kann man zwei Lager unterscheiden. Das regierende Lager um Józef Piłsudski, Marschall und Präsident, entwirft einen Staat für alle Bewohner Polens. Das zweite Lager plädiert – aus der Defensive heraus – dafür, nur Polen reinen Blutes einzubeziehen. / Arkadiusz Luba, DLR

Isabelle Vonlanthen: Dichten für das Vaterland
National engagierte Lyrik und Publizistik in Polen 1926-1939
Theologischer Verlag Zürich, August 2012
444 Seiten, 49,20 Euro

79. manuskripte 199/2013

Im aktuellen Heft (März 2013, € 11,70, 161 S.):

2 Nachrufe auf die slowenische Dichterin Maruša Krese, von Andrea Stift:

Liebe Maruša, mein Wunsch für das Jahr 2013 war, dass einmal 365 Tage keiner stirbt, den ich gern habe. Mein Wunsch hat sich nicht erfüllt. (…)

Maruša, Du warst so politisch, dass ich Angst davor hatte, mit Dir über Politik zu reden (weil ich dachte, ich verstünde nichts. Dabei ist das nur eine Ausrede. Jeder versteht).  Du hast es zuwege gebracht, diese zwei Dinge zu vereinen, die sich für mich ausschließen: Menschlichkeit und eben Politik.

und Ilma Rakusa

Am 7. Januar 2013 hat sie ihr nomadisches Unterwegssein beendet. In Ljubljana, ihrer Geburtsstadt, im Alter von 65 Jahren. (…) Wo war ihr Ort? Sie wusste es selbst nhicht. Nicht in Slowenien, das ihr zu eng schien, nicht im hippen Berlin, nicht in San Francisco. Schon eher im versehrten Sarajevo, das sie während des Krieges immer wieder aufsuchte, um zu helfen, was ihr 1997 das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland eintrug. Nur das Prekäre, Provisorische zog sie an, eine bürgerliche Existenz im trauten Heim konnte sie sich nicht vorstellen.

Gedichte von: Martin Kubaczek, Elke Laznia (Prosagedichte), Verena Stauffer (Sonett, Terzinen), Andreas Unterweger, Sara Ventroni (Italienisch/Deutsch), Franz Josef Czernin (zungenenglisch. visionen, varianten), Marija Ivanović, Ronald Pohl, Ingeborg Horn, Milena Marković, Volha Hapeyeva

Prosa von: Ulrike Draesner, Hanna Engelmeier

Liste der Vögel, die ich von Nietzsches Balkon aus beobachten konnte: Elstern, Blaumeisen, Eichelhäher, Krähen, Buntspechte und einen nicht identifizierbaren Pseudo-Zaunkönig, Tauben.

Gundi Feyrer, Dana Ranga, Thomas Rothschild (Bruder Eichmann, Breivik und die Sopranos), Paul Nizon, Franz Schuh, Lukas Palamar u.a.

Beiträge über: Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki, Peter Waterhouse

52. Liste

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die Stiftung Lyrik Kabinett präsentieren ihre Lyrik-Empfehlungen des Jahres 2012

Eine Jury aus 11 Lyrikerinnen und Lyrikern, Kritikerinnen und Kritikern hat aus den Neuerscheinungen des Jahres 2012 ihre Empfehlungen deutschsprachiger oder ins Deutsche übersetzter Dichtung ausgewählt.

Der Jury gehören an: Michael Braun, Heinrich Detering, Maria Gazzetti, Harald Hartung, Ursula Haeusgen, Florian Kessler, Michael Krüger, Kristina Maidt-Zinke, Monika Rinck, Daniela Strigl und Jan Wagner.

Die Empfehlungsliste für Lyrik ist Bestandteil der zwischen der Stiftung Lyrik Kabinett und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vereinbarten Kooperation. Ihre Zusammenarbeit wurde 2012 mit der Veranstaltungsreihe „Das Lyrische Quartett“ begründet und hat zum Ziel, die Stimmenvielfalt der gegenwärtigen Poesie stärker ins öffentliche Gespräch zu bringen. Die Empfehlungsliste für Lyrik erscheint jährlich im Januar und bezieht sich jeweils auf Neuerscheinungen des zurückliegenden Jahres. Sie wird auf www.daslyrischequartett.de veröffentlicht. Die Jury ist auf zwei Jahre gewählt.

Unter den 9 von den 11 Juroren genannten Titeln (Derek Walcotts Buch wurde dreimal nominiert) sind 3 deutsche, darunter 2 von Autoren der Gegenwart: Bertram Reinecke und Kerstin Preiwuß.

Empfehlungen

Lyrische Neuerscheinungen des Jahres 2012

(Begründungen der Juroren in der angehängten Pdf)

Michael Braun:

  • Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.

Heinrich Detering:

  • Wolfgang Bächler: Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Katja Bächler und Jürgen Hosemann. Mit einem Nachwort von Albert von Schirnding. S. Fischer Verlag 2012.

Maria Gazzetti:

  • Als Gruß zu lesen. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Felix Philipp Ingold. Dörlemann 2012.

Ursula Haeusgen:

  • István Géher: In Jahre gegossene Jahre. Aus dem Ungarischen von Daniella Jancsó und Wolfgang Berends. Wenzendorf, Stadtlichter Presse 2012.

Harald Hartung:

  • Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.

Florian Kessler:

  • Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst. roughbooks 2012.

Michael Krüger:

  • Adam Zagajewski: Unsichtbare Hand. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Carl Hanser Verlag 2012.

Kristina Maidt-Zinke:

  • Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.

Monika Rinck:

  • Kerstin Preiwuss: Rede. Gedichte. Suhrkamp 2012.

Daniela Strigl:

  • Roberta Dapunt: Nauz. Gedichte und Bilder. Aus dem Ladinischen von Alma Vallazza. Folio 2012.

Jan Wagner:

  • Ezra Pound: Die Cantos. In der Übersetzung von Eva Hesse. Ediert und kommentiert von Heinz Ickstadt und Manfred Pfister. Zweisprachige Ausgabe. Arche Verlag 2012.

Lyrik-Empfehlungen_Neuerscheinungen_2012 (Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und Stiftung Lyrik Kabinett)

69. Poesie und Wissenschaft

Er meinte auch, daß die Jugend die Lektüre der Poeten ebenso brauche wie die Nahrung; diese stärke den Körper, jene den Geist. Diejenigen jedoch, die ohne die Hilfe der Poesie andere Wissenschaften angingen, verglich er mit Menschen, die geringschätzig am offenen Tor vorbeigingen, um durch die Mauer in die Stadt zu gelangen. Er behauptete, es sei eher möglich, daß jemand mit Hilfe der Poesie alle Wissenschaften begreife, als daß er, in allen anderen unterwiesen, aus eigenem Willen die Kunst der Poesie erreichen könne.

1476

Filippo Buonaccorsi detto Callimaco: Das offene Tor der Poesie.

In: Karl Dedecius (Hg./ Übers.): Meine polnische Bibliothek. Literatur aus neun Jahrhunderten. Berlin u. Leipzig: Insel 2011, S. 61.

Filippo Buonaccorsi, lateinisch Philippus Callimachus Experiens, polnisch Filip Kallimach (* 1437 in San Gimignano; † 1. November 1497 in Krakau) war ein italienischer Humanist und Staatsmann. Wegen Freidenkertums und Beteiligung an einer Verschwörung gegen Papst Paul II. mußte er Rom verlassen und kam 1470 in das tolerante Polen, wo er der erste neulateinische Renaissancedichter wurde.

42. Verstehen (Lec)

Ich soll so schreiben, daß jeder Wachtmeister es versteht? Nein! Ich beanspruche zumindest einen Hauptwachtmeister!

Stanislaw Jerzy Lec, Das große Stanisław Jerzy Lec Buch. Aphorismen, Epigramme, Gedichte und Prosa. Vorwort von Umberto Eco. München: Goldmann 1990 (1. Hanser 1971 u.d.T.: “Das große Buch der unfrisierten Gedanken), S. 177.

31. Abwesenheit

Kurz vor ihrem Tod im Februar 2012 hat die polnische Lyrikerin Wisława Szymborska, Nobelpreisträgerin von 1996, noch einen Gedichtband zusammengestellt, der auf Deutsch erscheinen sollte: «Glückliche Liebe und andere Gedichte». Nun ist er da, eine Auswahl aus Altem und Neuem, ein kostbares Geschenk. Mit etwas zu essen und diesem Buch vor der Nase könnte man einsame Wochen verbringen. Sie wären angefüllt mit tausend Anregungen, die einen umtreiben, auch wenn sie listiger und einfacher nicht hätten dargeboten werden können.

Schon die ersten Verse warten mit einem Gedanken auf, den man als Leitgedanken fürs Ganze nehmen möchte, obwohl diese Dichterin auf Leitgedanken eigentlich gar nichts gibt. Er lautet: Aus Zufall bin ich da, so wie ich bin, und versuche zu sein. Dieses erste Gedicht, «Abwesenheit», streift jene, die an unserer Stelle leben könnten, die aber aus einem oft unscheinbaren Grund die Existenz verpasst haben: «Es fehlte nicht viel, / und meine Mutter hätte Herrn Zbigniew B. / aus Zdunska Wola geheiratet. / Hätten sie eine Tochter gehabt, wäre das nicht ich gewesen. / Vielleicht eine mit besserem Gedächtnis für Namen und Gesichter . . .» Eine kindlich verrückte Überlegung, die hinter allem steht, was Wisława Szymborska geschrieben hat: All die Ichs auf der Welt machen viel Aufhebens und sind doch haarscharf an der Nicht-Existenz vorbeigeschrammt. / Beatrice von Matt, NZZ 7.12.

Wisława Szymborska: Glückliche Liebe und andere Gedichte, Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall und Karl Dedecius. Nachbemerkung von Adam Zagajewski, Suhrkamp-Verlag, Berlin 2012. 103 S., Fr. 27.40.