Kategorie: Altgriechisch
11. Recreating
What does it mean to translate in a way that is faithful to an original? What, for that matter, makes a book original, or even belong to an author? Critics argue these questions fiercely, and two recent translations by major women poets throw fuel on this fire: Anne Carson’s Antigonick and Mary Jo Bang’s Inferno. They not only resituate Sophocles and Dante in the language of the present, but also recast them visually (Carson collaborated with illustrator Bianca Stone and Bang with Henrik Drescher). Both translations continue the elegiac projects begun by Carson in Nox, written for her brother, and Bang in Elegy, written for her son. But Carson and Bang are also both in the business of subversively recreating a canonical text by a long-dead male author. / Rachel Galvin, Boston Review
Antigonick
Translated by Anne Carson
New Directions, $24.95 (cloth)
Inferno
Translated by Mary Jo Bang
Graywolf Press, $35 (cloth)
94. Platonica
Der 1890 in Marburg/Lahn geborene und nach einem wechselvollen Lebenslauf 1956 auf Rhodos verstorbene Essayist, Literaturübersetzer und Ethnologe Helmut von den Steinen ist einer breiteren literarischen Öffentlichkeit heute vor allem durch seine Übertragungen aus dem Neugriechischen bekannt. So hat etwa seine Ausgabe der Gedichte von Konstantinos Kavafis geradezu klassischen Status erlangt und gilt bis in die Gegenwart als “außerordentliche poetische Leistung” (Chryssoula Kambas). Historiker des George-Kreises wissen zudem um seine zeitweilige Zugehörigkeit zum Umfeld von Karl Wolfskehl, Friedrich Wolters und Wolfgang Frommel.
Neben seinen publizierten Schriften hat Helmut von den Steinen aber auch ein umfangreiches Werk geschaffen, das – bedingt nicht zuletzt durch sein langjähriges Exil und den zeitweiligen Abbruch aller beruflichen Kontakte in den deutschsprachigen Raum – bislang unveröffentlicht blieb. Eine Sonderstellung unter diesen nachgelassenen Arbeiten nehmen ohne Zweifel eine Reihe von Übertragungen aus dem “Corpus Platonicum” ein, die sich durch ihre metrische Form und szenische Akzentuierung fundamental von allen anderen bisher vorgelegten deutschen Platon-Übersetzungen unterscheiden. Dabei beeinträchtigt der Bruch mit der stilistischen Konvention keineswegs die Wiedergabe der Sachebene der Originaltexte. Die genaue Nachvollziehbarkeit der jeweils gebotenen philosophischen Argumentation bleibt immer gewahrt.
Der Queich-Verlag legt nun erstmals eine Ausgabe dieser Übertragungen sowie einiger noch unveröffentlichter kurzer, gleichsam an ihrem Rand entstandener essayistischer Skizzen und Exposés vor, die näheren Einblick in die Grundzüge des umfangreichen Platon-Buchs gewähren, an dem Helmut von den Steinen offenbar bis kurz vor seinem Tod arbeitete.
Band 1 erschien Ende 2012, im April/Mai wird Band 2 mit “Menexenos”, den “Platonischen Sinnbildern” und den “Epigrammen” erscheinen.
Helmut von den Steinen:
Platonica I.
Herausgegeben von Torsten Israel
ISBN 978-3-939207-12-2
Gebunden mit Lesebändchen
100 Seiten
2012 erschienen
€ 24,90
13. Veilchenschoß
Sappho, Frg. 30 Voigt
Mädchen …
die ganze Nacht …
deine Liebe besingen und die der
jungen Frau mit dem Veilchenschoß.
Doch aufgestanden …
geh zu deinen Freunden …
Soviel wie die hellstimmige …
Schlaf wollen wir sehen.
________
Da waren die jungen Frauen,
die haben die ganze Nacht ge
sungen von deiner Liebsten
Veilchenschoß. Aber du stehst
auf; wie Lerchen wollen wir sein, wir
wollen nicht schlafen.
Erstaunliches geschieht. Wenn Übersetzung und Nachdichtung scheinbar Gegenteiliges sagen, beginnen sich die Bedeutungen der Sapphotexte zu erschließen. „Schlaf wollen wir sehen“, heißt es bei Sappho und wie zur Antwort: „wir / wollen nicht schlafen“.
Die Texte korrespondieren. Sie sprechen, leuchten ins Gegenüber. Auch das Titelbild, gestaltet von Udo Degener, dem Verleger des Lyrikbandes, vermittelt dieses Sprechen. Darauf zu sehen: zwei spiegelbildhaft gegenübergestellte Fabelwesen mit menschlichem Gesicht, je einer gestikulierenden Hand. Man könnte beide auch als die Hände eines Einzelnen lesen, eines Mannes vor einem Spiegel, mit sich selbst im Gespräch. / Jenny Feuerstein, silbende kunst
Sappho
Scherben – Skizzen
Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen
ISBN 978-3-940531-74-0
Broschur
64 Seiten
6,90 Euro (inkl. 7% MwSt.)
Udo Degener Verlag
52. Originalität
Der am wenigstens originelle Gedanke ist dieses Abstreiten von Originalität. Die Kritik stellt sich oft selbst ein Bein, wenn sie davon besessen ist, daß alles nur geborgt sei. Nach dieser Theorie gab es nie einen originellen Ton. Dichter, sagt man uns, werden geboren, nicht gemacht; aber die Poesie wird offensichtlich nie geboren sondern stets gemacht. / Israel Abrahams: The Book of Delight and Other Papers. Hebrew Love Songs (bei der Frage, ob Theokrit das Hohelied der Bibel gekannt haben muß)
49. “Leicht hat es die Lyrik nicht,”
und fast versteht man warum, wenn man weiterliest:
… sich Gehör zu verschaffen auf dem belebten Platz zwischen Theater und Tinguely-Brunnen. Das Plätschern des Wassers, die Tram, die in kurzen Abständen vorbeifährt, das Klingeln eines Handys, das Stimmengewirr der Leute. Immer wieder dringen Alltagsgeräusche ans Ohr, während die Dichter unter einem weißen Zeltdach ihre feinsinnigen Texte vortragen. “Auf die leisen Töne achten…” heißt es so sinnig in einem Gedicht von Anton Schmid, der zur Mittagszeit an der Lese-Reihe ist. / Badische Zeitung
feinsinnig, leise, sinnig: na eben drum doch, liebe Leute! Weil ihr denkt, Lyrik sei feinsinnig, leise sinnig. Nein, bei Lyrik sollt ihr zusammenzucken: FRISS ANANAS, BÜRGER, UND HASELHUHN / WIRST BALD DEINEN LETZTEN SEUFZER TUN. (Majakowski). Oder so: ÜBERS NIEDERTRÄCHTIGE / NIEMAND SICH BEKLAGE / DENN ES IST DAS MÄCHTIGE / WAS MAN DIR AUCH SAGE. (Goethe). Oder: DES CORDUANERS / ZEILE LÖST DIR DIE HERZHAUT AB (Bobrowski: Góngora). Oder: AM BESTEN VÖGELT DOCH / EIN HINKEBEIN (Mimnermos)
68. Feiern oder weitererzählen
Bei Fixpoetry ein schönes Gedicht von André Schinkel:
Den Minotaurus erlegen
Wir sind, um den Minotaurus zu erlegen: der
Unsere Jungfern frißt, der in den Labyrinthen
Die Knochen verstreut, eine Spur zu legen
Für uns. Jäger sind wir, von Jägern Gejagte,
Mit flatternden Lanzen, lächerlichen Gehörnen,
Durchschrittenen Hufen. Wir sind, um den
Minotaurus zu töten: scharf prallen die Schwerter
Gegen die Spiegel, zersplittern die Fesseln;
Und jeder Blick fällt in uns, unsere Milliarden
Mägen, die an uns verdaun.
Schön meint: es liest sich gut. Der Minotaurus wird dreimal genannt, zweimal die kühne Konstruktion: “Wir sind, um den M. zu erlegen”. Was läßt mich zögern? Man weiß nicht genau, wo es hinausläuft. Vielleicht der Schluß, die Milliarden – soviele Menschen gabs in der Antike nicht. Aber das ist recht wenig. Nein, es wird mir nicht zwingend. Liest sich gut (nicht so blechern wie manches von Grünbein), aber zu wenig Biß.
Ich las grad Dirk Uwe Hansens doppelte Sappho-Nachdichtung. Einmal in schnörkellose Prosa und daneben die Umdichtung. Den steinalten Fragmenten wird Modernität wiedergegeben – die sie zweifellos hatten, vor 2600 Jahren. Ähnliches fand ich bei dem chinesischen Künstler Walasse Ting, der 1000 Jahre alte chinesische Klassik in ein Pidgin English übersetzt:
Large Bed
She smells like garden
Flower gone, my bed too large
Already three years
Fragrance not gone
She not return
Bed still too large
(Nach Li Bai)
Die alten Dichter aus Griechenland und China klingen mir zeitgenössischer als der Zeitgenosse. – Der Schluß von Schinkels Gedicht erinnert mich an ein Gedicht von Karl Mickel, von dem ich vermute, daß er Schinkel auch viel bedeutet. “Ich lieg und verdaue den Fisch”. So endet das berühmte Gedicht “Der See”, um das Mitte der 60er eine heiße Debatte entbrannte – Tugendwächter wollten die Lyrik des Ländleins DDR vor Irrwegen bewahren. (Ihre Stimme schallt auch heut ohne Ende, ich glaube, auch Horaz und Li Bai blieben von ihr und von ihnen nicht verschont.) Aber Mickel setzte sich durch. Antikebezüge gibts in “Der See”, “Die Elbe” oder “Hippopotamos” – Gedichte, die heute dem Bildungsbürger, der vielleicht seinen Grünbein in der FAZ liest, auch gefallen könnten. Fast auch gefallen könnten. (Nein, doch eher nicht. In einem Nachruf stand: “Die Deutschen haben einen großen Dichter verloren. Weiß der Himmel, ob sie verdienen, dass sie es merken.”).
Ich entscheide mich für das vielleicht drastischste seiner “Antiken”: Ode nach Horaz II/13. Horazens Ode ist rätselhaft, aber der Schalk blitzt doch sehr deutlich hervor. Er hat sich, scheints, den Kopf von einem herabfallenden Ast verletzt und flucht wie ein Bierkutscher auf den der ihn dort pflanzte. Horaz geht recht frei mit dem Mythos um. So versetzt er Orion vom Himmel (wo er bis heute als Sternbild glänzt) in die Unterwelt. Rudolf Alexander Schröder übersetzt im Versmaß inclusive damit verbundener Verrenkungen, so daß das Geschimpf recht abgemildert klingt: “Der Wehrmann scheut des parthischen Bogners Flucht, / Lateinerfaust und Fessel der Partherschütz”, häh? Mickel nimmt den Dichter als Zeitgenossen. Er verfährt ähnlich frei wie Horaz mit ja auch schon tausendjähriger Überlieferung. Bei ihm spielt die Szene in seiner Berliner Wohnung, die so leichtgebaut ist, daß die Nachbarn alles mithören müssen; den Klogang einbegriffen. Tür nicht laut schließen! Den Bogen zum Ruhm des Gesanges kriegt er trotzdem:
Ode nach Horaz II/13
Scheißkerl, der du mein scheiß Haus bautest,
Verflucht bist du mit deinen Voreltern!
Den kleinsten Raum der Wohnung mir herrichten
Daß der mich hinrichtet! der Blitz
Soll dich beim Scheißen erschlagen, du Kackarsch!
Wer bestach dich und mit wie Viel
Mich, den Dichter, zu weglagern?
Auf mich stürzte die Scheißhausdecke
Wenn ich gesessen
Hätte! als sie herabbrach, von außen
Warf ich die Tür zu: zärtlich. Ätzende Nebel!
Donner! als wüte der Abgrund, in dem ich
Läge jetzt, kalkbeworfen, wenn lautarsch
Ich erschüttert hätte das Bauwerk rechtzeitig.
Der dich bezahlte, der wußte, daß ich
Schallend furze: aufs Heiligste, bei dem Beruf!
Ein Leiseschiß und ich bin gerettet!
Der Erfinder des Schiffs ist der Erfinder des Schiffbruchs
Damoklesdecken von VEB Volksbau
Niedrigste Kosten äußerster Nutzeffekt
Maurer meucheln Maurer, Klempner Klempner
Soldaten Soldaten, die Arschficker!
Wie soll die Nachwelt aus vollen Latrinen
Rekonstruieren die Hälfte der Menschheit
Wenn ich nicht dichte? Achgehtmirwegihr!
Das ist doch von anderm Holz. Der feiert die Antike nicht, oder nur indem er sie ernstnimmt.
67. Fragment als Fragment
Der Altphilologe, der an der Universität Greifswald unterrichtet, macht zweierlei Dinge mit Sapphos Texten, die die Zeit auf Papyri bzw. Scherben überdauerten: Er liefert eine Übersetzung des Originaltextes, den er der Ausgabe von Eva-Maria Voigt folgend nummeriert. Diesen Übersetzungen sind Nachdichtungen beigegeben, die den Text gewissermaßen noch einmal illuminieren beziehungsweise in einzelnen Facetten spiegeln. Das Ergebnis ist beachtlich.
Im Grunde werden durch diese Methode die Fragmente noch einmal fragmentiert, dabei entstehen Texte, die so etwas wie eine regenerierte Einheit sind. Das Fragment als Fragment feiert seine unzerstörbare Substanz darin. Ich erschrecke selbst ein wenig vor dem Pathos, das in dieser Formulierung liegt, aber angesichts des Entstandenen scheint es angebracht. Außerdem erhalten Texte die vor ca. 2600 Jahren entstanden sind, ein zeitgenössisches Pendent.
Und vielleicht ist es ja auch so, dass alle Übersetzerinnen und Übersetzer, aber auch Leserinnen und Leser, Medien sind, durch welche Sapphos Texte in einer je besonderen Form wirken. Bei Hansen eben in der Fragmentierung des Fragments. Denn so muss er nicht vor der „ganzen“ Fülle und Bedeutsamkeit des Originals und der übergroßen Anzahl der Übersetzungsversuche kapitulieren, sondern setzt ihnen eine Einzelheit entgegen in einem eigenen Licht. / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry
Sappho – Scherben-Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen, ISBN 978-3-940531-70-4
Udo Degener Verlag Potsdam 2012
33. nothing can be done
Chronik, 7.7.
17 Uhr
Und wenn sie dich auch flieht, bald wird sie dich verfolgen,
wenn sie deine Geschenke nicht nimmt, bald wird sie welche machen,
wenn sie nicht liebt, bald wird sie lieben,
auch wenn sie nicht will.
Sagt Aphrodite zu Sappho, Frg. 1, in einer brandneuen Übersetzung: Sappho: Scherben – Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen. Potsdam: Udo Degener Verlag 2012. 62 S.
22 Uhr
comes love – nothing can be done
Mette Juul in ihrem Lied “Comes love”, gesungen beim Eldenaer Jazz Evening 2012 Mehr
24 Uhr
rocket number 9 take off for the planet VENUS
Heliocentric Counterblast, ebenda (Hier von Sun Ra)
107. Von Definitionen
»Der Mensch«, so hatte Platon definiert,« ist ein zweibeiniges Lebewesen ohne Federn.« Die Definition trug ihm Anerkennung ein, Diogenes aber rupfte einen Hahn, brachte ihn in Platons Hörsaal und sagte: »Das ist also Platons Mensch!« Aus diesem Grunde wurde die Definition noch um den Begriff »mit flachen Nägeln« erweitert.
Das Leben des Diogenes von Sinope, erzählt von Diogenes Laertios. Hg. Kurt Steinmann. Zürich 1999 (detebe 23127, zuerst ca. 250)
Aus einer wunderbaren Fundgrube:
Enzyklopädie der Erfahrungen
Dieser Neue Physiologus
(nicht der erste, aber der neueste)
erklärt Mensch und Welt
sowie deren Beziehungen endlich (vorläufig) richtig.
Was in anderen Enzyklopädien
oft fehlt, ungenügend oder gar falsch bestimmt ist -
Sie finden es auf diesen Seiten
anschaulich erklärt, ausführlich beschrieben und sinnreich geordnet - vollkommen unparteiisch:
Kein Zweig der Wissenschaft,
auch kein verschwundener
(wie Astrologie, Geisterkunde, Morologie, Magie, Mythos, Nasenwissenschaft, Physiognomik,Poesie, Traumdeutung …)
wird übergangen
zumal altes Wissen wieder Poesie werden kann – und Poesie zu Wissen, siehe Poes “Heureka”,
aller Versuche, die Welt zu verstehen, -
wird mit dem gleichen Respekt gedacht.
In der Tradition des ehrwürdigen Pierre Bayle werden
mehrfache Verstehensversuche (“Definitionen”) neben-/nacheinander notiert,
anders als bei Bayle aber kommentarlos;
der Anschein, hier solle der Skepsis Vorschub geleistet werden,
soll vermieden werden.
Wissen ist vorläufig, Enzyklopädien also auch,
mit Korrekturen ist also jederzeit zu rechnen.
Die Definitionen sind weitgehend an Erfahrung orientiert
(Goethe: “eine gewisse zarte Empirie…”)
29. weißer als ein ei
Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.

Sappho 167 LP/139 D
ᾠω πόλυ λευκότερον
“whiter by far than an egg”
(Anne Carson, If not, winter. Fragments of Sappho. New York: Vintage Books, 2002, S. 337)
viel weißer als ein ei
(von mir nach Carson übersetzt)
Andreas Bagordo übersetzt in der Tusculum-Ausgabe bei gleichem Wortlaut deutlich anders (eilos):
ich meine viel weißer
Dagegen Gottwein hat ebenfalls “Viel weißer als ein Ei”
106
W?ï'w po'lu leuko'teron.
[A thing] much whiter than an egg.
From Athenaeus.
Quelle:
The Poems of Sappho. Translated by Edwin Marion Cox [1925]
Transliterated by J.B. Hare [2000] hier
Hier noch eine Hörprobe der Ode an Aphrodite
· Sappho fr. 1, read in Greek by S.G. Daitz. From the Society for the Oral Reading of Greek and Latin Literature.