Noch ein Hassgedicht oder dasselbe noch einmal?

Nämlich von Anakreon. Alexandra Bernhardt hat mir geschrieben und vorgeschlagen, es könnte eine Fehlübersetzung sein. Es gibt nämlich ein Fragment, das so ähnlich beginnt wie das gestrige. Folgende Belegstellen hat sie herausgesucht (im folgenden zitiere ich ihre Mail).

               ἐγὼ δὲ μισέω 
πάντας ὅσοι χθονίους ἔχουσι ῥυσμοὺς 
καὶ χαλεπούς· μεμάθηκά σ᾽, ὦ Μεγιστῆ, 
τῶν ἀβακιζομένων. 

(416 PMG = 334 LGS, in: Die griechische Literatur in Text und Darstellung. Archaische Periode. Herausgegebn von Joachim Latacz. Stuttgart: Reclam, 1998 (2); p. 434.)

Die Übersetzung: 

               ... ich aber hasse 
alle, die erdnahe Regulative befolgen 
und das pedantische Zeug! Du gehörst - ich weiß es, Megistes! - 
denen an, die drüberstehn! 

(Ibd. p. 435.)

Wenig überraschend kursieren recht unterschiedliche Übersetzungen dieses Fragments, wobei Megistes als Adressat mitunter vernachlässigt wird. Hier nur einige wenige Beispiele. 

              Ich hasse alle 
Jene versteckten Gemüther, die so unhold 
Sind und so schwierig; in dir, Megistes, fand ich 
Eines der kindlichen Herzen. 

(Eduard Mörike, z.B. in: Anakreon, Gedichte. Anakreontische Lieder. Leipzig: Reclam, 1972, S. 11)

Ego vero odi omnes , qui sordidos habent modos & molestos didicerunt , didicerunt , nam maxima tacentium . 

(Anacreontis Teii Odae et fragmenta, graece et latine, cum notis Joannis Cornelii de Pauw. Trajecti ad Rhenum: Apud G. Kroon, 1732; p. 283.)

But I hate all who have sullen and difficult ways. I have learned that you, Megistes, are one of the quiet ones. [He uses ἀβακιζομένων, 'quiet', in the sense of 'peaceful, causing no disturbance'.] 

(Anacreon. Greek Lyric, Volume II: Anacreon, Anacreontea, Choral Lyric from Olympus to Alcman. Edited and translated by David A. Campbell. Loeb Classical Library 143. Cambridge, MA: Harvard University Press, 1988; p. 95) 

I hate all men with manners stern. 
As though from 'neath the earth they came; 
But thou, Megistes, I did learn, 
Art calm of mind and e'er the same. 

(The lyric songs of the Greeks; the extant fragments of Sappho, Alcaeus, Anacreon, and the minor Greek monodists. Translated and into English verse by Walter Petersen. Boston: Badger, 1918; p. 88)

https://www.greek-language.gr/digitalResources/ancient_greek/anthology/poetry/browse.html?text_id=403
(Originalwortlaut und eine neugriechische Version) 

Und so weiter. 

Die crux scheint „ἀβακιζομένων“ zu sein: Ist Megistes schweigsam? Genügsam? Gelassen? …? 

So weit aus der Mail, vielen Dank! Ob die lateinische Fassung von 1732 die Quelle für die französische ist, die ich gestern hier zitierte? – Ich ergänze noch aus meiner Sammlung.

                                    Ich hasse alle
die mürrisch und schroff sich benehmen
wie Schergen der Unterwelt. Du, mein Megistes,
ich weiß es, gehörst zu den Ruhigen.

Deutsch von Dietrich Ebener, aus: Griechische Lyrik in einem Band. (Bibliothek der Antike). Berlin u. Weimar: Aufbau, 1976, S. 158

I despise the rude, earthy manners
Of these barbarians. But you,
Megistês, are as shy as a child.

7 Greeks: Archilochos, Sappo, Alkman, Anakreon, Herakleitos, Diogenes, Herondas. Translations by Guy Davenport. New Directions, 1995

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