Vergleichende Literaturkritik

Die Anthologia Graeca, die Mutter aller Anthologien, versammelt über 4000 Epigramme von der klassischen griechischen bis zur byzantinischen Literatur. Beim Verlag Hiersemann erschien eine Neuübersetzung, herausgegeben von Dirk Uwe Hansen.

Band 9 versammelt 834 Epigramme einer speziellen Art, „Epideiktika, Gedichte, die einen Gegenstand oder eine Situation «vorzeigen», d.h. vor Augen führen sollen. Epideiktika lässt sich in einem anderen Sinne freilich auch als «Schaustücke» übersetzen, Gedichte also, bei denen eher die literarische Qualität und die Kunstfertigkeit des Autors im Vordergrund stehen als der Gegenstand oder die Situation, für den oder die das Epigramm als Beschreibung oder gar Aufschrift dienen kann.“ (aus der Einleitung zum 3. Band).

Es sind also überwiegend literarische oder „Buchepigramme“ und nicht Inschriften, wie wohl die ursprüngliche Form des Epigramms. Neben diversen Gegenstände gibt es auch eine große Zahl Epigramme über Dichtungen und Dichter, quasi gedichtete Literaturkritik oder Werbung (Waschzettel). Nummer 190 rühmt die Dichterin Erinna und vergleicht sie mit Sappho. (Beim Lesen kommt mir der Gedanke, ob nicht „die pommersche Erinna“ ein besser geeigneter Name für Sibylla Schwarz wäre als „pommersche Sappho“ – obwohl die eine überaus begabte „melische“ Dichterin war.)

190 (Anonym)

Dies ist die lesbische Wabe der Erinna: Klein ist sie, ja, 
aber zur Gänze von den Musen mit Honig benetzt.
Ihre dreihundert Verse sind dem Homer ebenbürtig, 
Verse einer neunzehnjährigen Jungfrau.
Und ob sie auch, aus Furcht vor der Mutter, an der Spindel oder am Webstuhl 
saß, so bleibt sie doch stets eine Dienerin der Musen.
Sappho ist Erinna in der melischen Dichtung um so viel, 
wie Erinna der Sappho in der hexametrischen überlegen.

Deutsch von Dirk Uwe Hansen, aus: Anthologia Graeca Band III. Übersetzt und erläutert von Jens Gerlach, Dirk Uwe Hansen, Christoph Kugelmeier, Peter von Möllendorff und Kyriakos Savvidis. Herausgegeben von Dirk Uwe Hansen. Bücher 9 und 10. Stuttgart: Anton Hiersemann, 2019, S. 57

Aus: Anthologia Graeca. Buch IX – XI. Hrsg. Hermann Beckby. München: Heimeran, 1958, S. 118

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