Lieber Liebe als Krieg

Man weiß, dass das Werk der griechischen Dichterin Sappho zum überwiegenden Teil in Fragmenten überliefert ist. In der Anthologie „Tränen und Rosen. Krieg und Frieden in Gedichten aus fünf Jahrtausenden“, die, herausgegeben von Achim Roscher, 1967 (2. erweiterte und verbesserte Auflage) im Ostberliner Verlag der Nation erschien, findet sich dies:

LASST MICH

Laßt mich heut Anaktorias, der schon mir
Fernen, gedenken!

Lieber säh ich ihre geliebten Schritte
Und das Spiel auf ihrem beglänzten Antlitz
Als die Wagen lydischen Landes und in
Waffen das Fußvolk.

Als Übersetzer ist Ernst Morwitz genannt, Quelle ist die Anthologie „Lyrik der Welt“, herausgegeben von Fritz Jaspert beim Safari-Verlag Berlin 1953.

Die zweite Strophe ist eine komplette Odenstrophe, eine sapphische Ode, wie sie vor allem im 18. und 19. Jahrhundert in der deutschen Lyrik gepflegt wurde. Sie besteht aus drei rhythmisch vordrängenden Elfsilblern und einer kurzen, fünfsilbigen Zeile (Adoneus), die die rhythmische Bewegung zum Stillstand bringt. Der Eindruck des Vorwärtsdrängens entsteht vor allem durch einen Daktylus im dritten Versfuß oder Takt:

Lieber | säh ich | ihre ge | liebten | Schritte

Kurz gesagt, das Gedicht sieht aus wie eben ein Sapphofragment aussieht. Man könnte eine Sapphoausgabe durchblättern und nach sechszeiligen Fragmenten durchsuchen. Das geht ziemlich schnell, eine zweisprachige Gesamtausgabe aller Gedichte und Fragmente braucht nicht viel mehr als 200 Seiten. Man wird es aber nicht finden. Morwitz hat tatsächlich ein Stück aus einem der wenigen längeren Gedichte der Dichterin herausgebrochen. Von dem Fragment Voigt 16 sind die ersten drei Strophen fast vollständig überliefert, die vierte hat größere Lücken und die fünfte ist wieder vollständig. Es folgen noch drei Strophen, von denen nur Reste, genauer gesagt nur Wortreste vorhanden sind. Morwitz lässt die 3 kompletten Anfangsstrophen weg, sein Fragment eines Fragments nimmt die zwei letzten Zeilen der fragmentarischen vierten und die vollständige fünfte Strophe.

Dass das Fragmentarische seinen eigenen Reiz hat, haben wir nicht zuletzt an den Sapphofragmenten gelernt – wenn ich nicht irre, lange bevor die japanischen Tanka und Haiku in europäische Sprachen übersetzt wurden. Morwitz lässt den Eingang des Gedichts mit einer berühmten Priamel in Strophe eins einfach weg wie klassischen Bildungsballast und komprimiert die „love-not-war“-Botschaft des alten Texts in sechs Zeilen.

Ich ergänze seinen Text durch die zweite Hälfte des Gedichts, von der Stelle, mit der Morwitz einsetzt, bis zum Schluss in 3 Versionen: dem griechischen Original und zwei Fassungen aus zweisprachigen Gesamtausgaben, der deutschen von Andreas Bagordo (Sammlung Tusculum 2009) und der englischen von Ann Carson: If not, Winter. Fragments of Sappho (Vintage Books, 2003). Vorangestellt noch einmal die Fassung von Morwitz mit Zeilennummern.

        Laßt mich heut Anaktorias, der schon mir 
16 Fernen, gedenken!

Lieber säh ich ihre geliebten Schritte
Und das Spiel auf ihrem beglänzten Antlitz
Als die Wagen lydischen Landes und in
20 Waffen das Fußvolk.
13        ... b)iegsam ...
... leichthin ...
lässt auch mich nun an Anaktoria denken,
16 die nicht hier ist,

deren verführerischen Schritt ich und das glänzende
Funkeln des Antlitzes lieber sehen möchte
als der Lyder Kriegswagen und gewappnete
20 Fußtruppen.

... es ist nicht möglich ...
(dass die) Mensch(en ..., aber sie können, um) ihren Anteil
zu haben, beten
24 ...

...
...
...
28. zu ...

so ...
...
...
32 unerwartet.
                         ]for 
]lightly
]reminded me now of Anaktoria
16 who is gone.

I would rather see her lovely step
and the motion of light on her face
than chariots of Lydians or ranks
20 of footsoldiers in arms.

]not possible to happen
]to pray for a share
]
]
]
]
]
toward[

]
]
]
32 out of the unexpected.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..