Gegen die Hochtrabenden

Von dem griechischen Dichter Anakreon (um 530 v.u.Z.) sind fast nur Fragmente geblieben, mit denen er gleichwohl berühmt wurde. Früher hat man Fragmente (wie auch Sapphos) gern mehr oder weniger frei ergänzt oder umgedichtet, wie offensichtlich im folgenden, übersetzt von einem deutschen Lehrer nicht aus dem Griechischen, sondern aus dem Französischen. Aus zwei einfachen Sätzen werden bei ihm zwei schwer verständliche („emphatische“, hochtrabende) Strophen. Leider konnte ich das Original in den konsultierten deutschen und englischen Ausgaben nicht auffinden. Vielleicht kann jemand helfen?

9.

Hassen muß ich und verachten,
Die hochtrabend immer reden,
Ohne daß sie g'rade dachten:
Denn dies lassen sie den Blöden.

Ja, das Schweigen zu beachten,
Ist die schönste Eigenschaft:
Dadurch haben Reden Kraft:
Denn sie werden zu bedachten.

Aus: Les Odes d’Anacréon. Die Oden des Anakreon. Französisch und deutsch. Übersetzt von Wilhelm Jaeger, Lehrer der französischen Sprache und Literatur. Berlin: E. Litfaß, 1848, S. 167

Je hais et je déteste ceux qui parlent d'un ton élevé, emphatique. Savoir garder le silence, voilà la plus belle qualité.

Aus: Ebd. S. 166. Jaegers Quelle war vermutlich: Anacréon. Fragmens. Traduction par Ernest Falconnet. Les Petits poèmes grecs, Texte établi par Ernest Falconnet, Louis-Aimé Martin, Desrez, 1838 (p. 252-253).

Übersetzt von Deepl:

Ich hasse und verabscheue diejenigen, die in einem hohen, nachdrücklichen Ton sprechen. Zu wissen, wie man schweigt, ist die beste Eigenschaft.

One Comment on “Gegen die Hochtrabenden

  1. Übersetzungsvorschlag:

    Ich hasse und verabscheue jene, die in gehobenem, schwülstigen Ton schwätzen. Schweigen können, das ist die schönste Eigenschaft.

    1. Verabscheuen statt verachten: Anakreon beschwert sich über Sprechende, die sich mittels ihrer Sprache über andere erheben. In diesem Kontext ist *verachten* widersprüchlich zur Haltung Anakreons. Es geht ihm nicht darum, sich über die zu stellen, die sich über andere stellen; er kann sie nicht ausstehen.

    2. jene statt diejenigen: weniger holprig ohne den Sinn zu verändern.

    3. gehoben statt hohen: genauer. Hoher Ton ist missverständlich; es geht hier um den Höhenunterschied und nicht um die Höhe 😉

    4. Schwülstig statt nachdrücklich: Nachdrücklich ist schlicht nicht korrekt, es geht hier um „zu viel (falsches) Gefühl“ der Sprechenden.

    5. bestimmte Form statt unbestimmte Form: in einem Ton macht den Satz holprig und ist im Deutschen wegen der Kasusflexion unnötig.

    6. schwätzen statt sprechen: sprechen ist nicht weniger korrekt, schwätzen verdeutlicht selbstverliebte Haltung, genauso gut wäre: daherreden.

    7. können statt wissen: wissen ist hier metonymisch für können, auf die holprige Infinitivkonstruktion kann verzichtet werden, ebenso auf die Hinzudichtung von *man*.

    8. das ist statt ist die: ahmt den Effekt des *voilà* im Französischen nach.

    9. schönste statt beste: schönste ist die wortwörtliche Übersetzung, sie betont die Ästhetik und ist weniger plump.

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