Sophie Reyer
: der Himmel Blicke ohne Augen an ihm: es ist schwer dich mit der Präzision eines Lidschlags zu küssen wo alles vergeht dich weiter lieben mit milden Fingern und nichts als dem leeren Wind im Haar: Unbehagen Sehnsucht ungelüftet die Jahre Licht- Farb- und Wärmeerscheinung ich machte Karriere nie weit genug nie tief hinab zu hoch zu hell zu weh und mit dem nächsten Augenaufschlag des Fensters schon wieder andere Vögel
Mit freundlicher Genehmigung. Zuletzt erschienen:
Zum Feiertag und zur Erinnerung an Eva Maria Hagen ein Lied von Wolf Biermann
Ich leb mein Leben, sagt Eva Marie
1
Als ich saß in meiner Mutter
dunklem Bauch
Sprang sie mit mir Treppen runter
schluckte auch
Rattengift, den Sud von Kippen
presste sich
In den Leib die elend lange
Wurzel. Ich
Kreischte, und mich hörte keiner
Zittrig mit der Fahrradspeiche
Hat sie nach mir rumgestochert
- immer rein! ins Dunkle Weiche
Doch ich lebe noch, ich lebe
Und so war das eben
– is nich traurig, is ja Wahrheit –
Und ich leb mein Leben
2
Aus dem Dorf in Polen hab'n wir
weggekonnt
Mutter schleppte mich im Schneematsch
durch die Front
Westwärts in den Osten ging's nach
Neuruppin
Russen nahmen alles, haben
alles hin
Schweiß und Fusel für die Weiber
Für uns Kinder Speck und Brote
Manche Weiber machten's gerne
Manche wehrten sich zu Tode
Doch ich lebe noch, ich lebe
Und so war das eben
– is nich traurig, is ja Wahrheit –
Und ich leb mein Leben
3
Vor dem Brandenburger Tor war
ein Gekreisch
Panzer machten da aus Menschen
Menschenfleisch
ach, was wussten schon die roten
Fahnen groß
Von dem Rot in meinem Hemde!
Ich war bloß
Jung und gierig nach dem Leben
Als die Panzerketter kreischten
Als sie meinen allerschönsten
Tag im Juni mir zerfleischten
Doch ich lebe noch, ich lebe
Und so war das eben
– is nich traurig, is ja Wahrheit –
Und ich leb mein Leben
4
Ja, ich war ein hübsches Ding und
wusste das
Und das Bonzenleben machte
auch mal Spaß
Wenn ich mit den Schweinen auch im
Bette lag
War ich darum lange noch kein
Schwein. ich frag
Frag mich bloß: wo kommt das her
Dass das Korn fault, eh' es reift
Dass das Leben fast vorbei ist
Eh' man was begreift
Doch ich lebe noch, ich lebe
Und so war das eben
– is nich traurig, is ja Wahrheit –
Und ich leb mein Leben
5
Doch als ich das Maul aufriss, gleich
war fini!
Spitzel - Ratten - Walkie-Talkie -
Hysterie
Und mein Mund ward zugenäht mit
Stacheldraht
Nix vonwegen Arbeiter- und
Bauernstaat!
Und so wurd ich abgetrieben
Meine Landesväter schmissen
Mich und andern Menschenabfall
Ihren Feinden vor die Füße
Doch ich lebe noch, ich lebe
Und so war das eben
– is nich traurig, is ja Wahrheit –
Und ich leb mein Leben
6
Schön ist Hamburg auch im Regen
und ich mag
Nicht zurück woher ich kam, nicht
einen Tag
Langsam seh ich durch und sehe
was hier läuft:
Dass man Kätzchen, die zuviel sind
auch ersäuft
Gute Leute gibt es drüben
- hier hab ich sie auch gefunden.
Und ansonsten: Nirgendwo
Mangelt es an Schweinehunden
Doch ich lebe noch, ich lebe
Und so war das eben
– is nich traurig, is ja Wahrheit –
Und ich leb mein Leben
Text aus: Wolf Biermann: Alle Lieder. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1991, S. 345ff
Florian Voß
Denkmal für den unbekannten Soldaten Foxhole, Fuchsloch, Voßkuhle so nennen sie es, wenn Soldaten im Boden liegen, eng und ungeschützt in Richtung Himmel, am Rand der Sphären Das Auge der Drohne scannt die Glieder die Köpfe, die Position der Waffen die ebenso in Schlaf gefallen sind Dann wird der Lichtschalter gedrückt Geschlossen die Augen, geschlossen der Kontakt des Drohnenmechanismus Die Granate klinkt sich aus und fällt fällt lange, derweil die Söldner dösen Dann die lautlose Detonation im Loch Schrapnelle zwitschern in das Fleisch ein Bein fliegt aus dem Bild Blut wirkt schwarz im Drohnenauge Der rechte Söldner zuckt kaum noch der linke ohne Bein schreckt hoch und fingert nach der Aderpresse und schlingt sie um den Stumpf Verblüffend schnell geht das vonstatten doch Kraft hat er nicht mehr genug die Torniquette festzuzurren Das Blut sammelt sich klamm unter ihm Noch immer Stille, kein Schrei, kein Ton die Drohne hat kein Mikrofon sie zoomt nur ran, dicht auf den Tod Der Rechte legt den Arm um ihn Der Linke drückt den Arm beiseite und versucht aus seinem Loch zu kriechen doch seine Glieder zucken schon zu stark, um in das Leben zu entfliehen Er sinkt zurück, sein heiles Bein, sein Arm schlingern konvulsivisch, gleich ist das Leid vorbei, der andere Landsknecht ist in seinen Tod gesunken, in den Sand Trost, er ist so kurz, die letzte Geste Im Himmel singt die Drohne geistliche Musik aus lang vergangener Zeit Sie wird der Menschheit bald enteilen
Florian Voß lebt in Berlin. Zuletzt erschienen:
Marco Kerler
Wir machen Witze darüber dass bald alles zu Ende sein könnte weil wir es uns nicht vorstellen können wir können uns keinen Krieg vorstellen keinen Rechtsruck keine Flüchtlingskrise nicht mal den Tod der Queen wir können uns kein Leben ohne Strom vorstellen kein Leben ohne Mensch auf dem Planeten vielleicht ist auch das das Problem
Johann Wolfgang Goethe
(1749-1832)
Hatem Locken! haltet mich gefangen In dem Kreise des Gesichts! Euch geliebten braunen Schlangen Zu erwiedern hab' ich Nichts. Nur dies Herz es ist von Dauer, Schwillt in jugendlichstem Flor; Unter Schnee und Nebelschauer Rast ein Aetna dir hervor. Du beschämst wie Morgenröthe Jener Gipfel ernste Wand, Und noch einmal fühlet Hatem Frühlingshauch und Sommerbrand. Schenke her! Noch eine Flasche! Diesen Becher bring ich Ihr! Findet sie ein Häufchen Asche, Sagt sie: der verbrannte mir.
Aus: Johann Wolfgang Goethe: West-östlicher Divan. Neue, völlig revidierte Ausgabe. Hrsg. Hendrik Birus. Teilband 1. Berlin: Deutscher Klassiker Verlag, 2010, S. 87
Kurt Marti
(* 31. Januar 1921 in Bern; † 11. Februar 2017 ebenda)
seelenwanderung? als handke noch rilke hieß zog ich george vor seit rilke sich handke nennt schlägt mir die stunde der wahren empfindung
Aus: Poesiealbum 372: Kurt Marti. Auswahl von Helmut Braun. Grafik Martin Goppelsröder. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2022, S. 19
Axel Reitel
Aufzeichnungen des Schauspielers R. Menschenkörper sind Krankenhäuser. Hamlet auf dem Weg zur Visite. Das Publikum stellt die Diagnose. Tun oder nicht tun, Wir kommen ohne Erwartungen nicht aus. Applaus, das Publikum stellt die Diagnose: Alle Vorhersagen bestätigen dein Leben
Aus: Poesiealbum 369: Axel Reitel. Auswahl Edwin Kratschmer, Grafik Hubertus Giebe. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2022, S. 6
Anmerkung des Autors: In der Originalausgabe* heißt der sechste Vers: Applaus, die Loreley öffnet den Vorhang – Nun ist es wenigstens hier wieder geradegerückt.
* Paris, Paris (mit Hubertus Giebe), Galerie Weise, Chemnitz 1998:14. Dem Buch ist eine CD mit den eigensprochenen 15 Gedichten, inklusive Titelchanson, zu den 15 abgebildeten Gemälden von Hubertus Giebe beigefügt).
Hans Bender
(* 1. Juli 1919 in Mühlhausen, Baden; † 28. Mai 2015 in Köln)
Überholt Selbst vom hochgelobten Benn Nicht jede Metapher preisen. Hochgehaltene Schwerter zählen längst zum alten Eisen.
Aus: Hans Bender, Hinter die dunkle Tür. Vierzeiler 2013-2015. Ludwigsburg: Pop, 2019, S. 77
Vergleiche Gottfried Benns Gedicht „Dennoch die Schwerter halten“:
Der soziologische Nenner, der hinter Jahrtausenden schlief, heißt: ein paar große Männer und die litten tief. (...) Und heißt dann: schweigen und walten, wissend, daß sie zerfällt, dennoch die Schwerter halten vor die Stunde der Welt.
In: Gottfried Benn, Gedichte in der Fassung der Erstdrucke. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1982, S. 245 (Erstdruck in Deutsche Allgemeine Zeitung Nr. 368/369 vom 27.8.1933)
Elisabeth Borchers
(* 27. Februar 1926 in Homberg, Niederrhein; † 25. September 2013 in Frankfurt am Main)
Rette uns, sage ich zur eben gelesenen Zeile (Schön ist die Menschenvernunft und unbesiegbar. Czesław Miłosz) bevor es zu spät ist
Aus: Notizen. In: Elisabeth Borchers, Von der Grammatik des heutigen Tages. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1992, S. 11
Jayne-Ann Igel
Was war
zunächst war die fremde, aus der kehrte sie nach einem jahr heim, ohne begriff davon, was es bedeutete. Die familie oder das zuhause schien der ort, dem zu entsagen sie wenig mühe hatte. Wenn das nicht eine selbst erfundene legende ist, denn sie fühlte sich aufgehoben, nur erschien ihr das losgehen denkbar einfach. Fort von dieser familie, in der es so viele abgründe gegeben, vor 45, nach 45, vor 61, danach, über die man sich zu hangeln hatte, ohne oder mit alphabet, unter stößen von papieren im schrank oder in winkeln in der bodenkammer, all die unerlösten biographien, länger lebend als deren besitzer –
[22/II/2021 u. 11/III/2021]
Aus: Mütze #32, S. 1648
Auch die umfangreichsten Lexika haben ihre Grenzen. Der 22bändige Kindler kennt den Namen Hussein Ali Mirza nicht. Das Weltlexikon Wikipedia hat 5 Artikel bzw. 1 Artikel in 5 Sprachen zu diesem Namen (Google-Übersetzungen):
Persisch
از ویکیپدیا, دانشنامهٔ ازاد
حسينعلی میرزا فرمانفرما
HosseinAliMirzaFarmanfarma.jpg. Herrscher von Fars
Sultanat (حكمراني بر فارس) 1214 ه.ق – 1250 ه.ق
زادة 1 زيل الحجه 1204 ه. ق
26. Juni 1789
امل, استان مازندران
starb am 16. Ramadan 1250 H. ق
16. Januar 1835 (45 Jahre)
Teheran, Iran
Englisch
Hossein Ali Mirza (Persian: حسین علی میرزا, romanized: Ḥosayn-ʿAlī Mīrzā; 26 August 1789 – 16 January 1835), a son of Fath-Ali Shah (r. 1797–1834), was the Governor of Fars and pretender to the throne of Qajar Iran.
Russisch
Хоссейн Али Мирза Фарманфарма (перс. حسینعلیمیرزا فرمانفرما ,1846 – 1799) – наследник династии Каджаров, пятый сын Фетх Али-шаха и Бадр Джахан Ханум, родился в деревне Дехнавар в провинции Фарс на юге Персии.
Hossein Ali Mirza Farmanfarma (persisch: حسينعلیمیرزا فرمانفرما, 1846 – 1799) – der Erbe der Qajar-Dynastie, der fünfte Sohn von Feth Ali Shah und Badr Jahan Khanum, wurde im Dorf Dekhnavar in der Provinz Fars in Südpersien geboren.
Aserbaidshanisch
Hüseynəli mirzə Qovanlı-Qacar (1788-1835) — İran şahzadəsi, vali.
Huseynali mirza Govanli-Qajar (1788-1835) – iranischer Prinz, Gouverneur.
Katalanisch
Husayn Ali Mirza conegut com a Farman Farma (1789 – 1835) fou príncep qajar de Pèrsia i xa a Xiraz i Isfahan (1834-1835)
Husayn Ali Mirza, bekannt als Farman Farma (1789-1835), war ein Qajar-Prinz von Persien und Schah in Shiraz und Isfahan (1834-1835)
Die Lebensdaten herausgezogen (nicht so viel Ehrfurcht vor dem Weltwissen bitte):
Ob das eine Person oder mehrere ist, kann ich so nicht eindeutig herausfinden. Und schon gar nicht, ob einer von diesen mit der von mir gesuchten Person identisch ist. Im „Divan der persischen Poesie“, herausgegeben von Julius Hart, Halle: Hendel, 1887, gibt es Gedichte von einem Hussein Ali Mirza, verdeutscht von Julius Altmann. Über den Autor heißt es da:
Geboren1814 zu Schiras, dessen Statthalter er später war. Ein naher Anverwandter des regierenden Herrscherhauses von Iran, nahm er im Staate eine hervorragende Stellung ein. Sein „Alkoran der Liebe“, in zehn „Suren-Kränze“ eingeteilt, enthält 1001 Lieder, welche einen zusammenhängenden Liebesroman bilden: Erwachen der Liebe, Werbung, Erhörung, Vermählung, Ehe, Tod der Geliebten und einen Anhang: „Buch der Dichtung.“
Carl Friedrich Julius Altmann (* 1. März 1814 in Potsdam; † 10. Juni 1873 ebenda) war ein deutscher Archivar, Philologe, Schriftsteller und Übersetzer. (Wikipedia deutsch). Unter seinen Schriften eben dieser „Alkoran der Liebe. Neu-iranische Dichtungen von Hussein-Ali-Mirza, den Deutschen gewidmet von Julius Altmann, 1861″. Über sein Schaffen steht da:
Nach Erlangung des Doktorgrades (17. Februar 1838 in Berlin) lebte Altmann von 1838 bis 1843 als Schriftsteller in Dorpat, Sankt Petersburg und Moskau, wo er unter anderem geografische, statistische und philologische Studien betrieb.
In klösterlichen und staatlichen Bibliotheken in Moskau, Kasan, Kiew, Nischni Nowgorod und St. Petersburg entnahm er Handschriften russische, baltische, finnische und arabische Volkslieder und Lyrik, die er dann übersetzte und in Deutschland veröffentlichte.
Ob authentisch oder Mystifikation, werde ich heute mehr nicht herausfinden. Hier ein Gedicht aus dem „Buch der Dichtung“.
Ein Bachessturz aus Schaumeskatarakten, Entbrausend Felsen, kühnen, scharfgezackten, Mit Wellen, pfeilesschnellen, lichtglanzhellen, Die an die Ufer klettern wie Gazellen: So wogt die Poesie, die ihre Schleusen Eröffnet dem, der mit goldhellen Reusen Der Verse lichte Perlen weiß zu fischen, Und bunte Reimkorallen dreinzumischen.
A.a.O. S. 263
Johann Valentin Andreae
(* 17. August 1586 in Herrenberg; † 27. Juni 1654 in Stuttgart)
An den GrübIer Ohn Kunst, ohn Müh, ohn Fleiß ich dicht, Drum nit nach deinem Kopf mich richt, Bis du witzt, schwitzt, spitzt, schnitzt im Sinn, Hab ich angsetzt und fahr dahin. Bis du guckst, buckst, schmuckst, druckst im Kopf, Ist mir schon ausgeleert der Topf. Bis du flickst, spickst, zwickst, strickst im Hirn, Ist mir schon abgehaspt der Zwirn. Gfällst dir nu nit, wie ich ihm tu, Mach's besser, nimm ein Jahr dazu !
Aus: DEUTSCHE DICHTUNG DES BAROCK. Hrsg. Edgar Hederer. München: Hanser, 1954, S. 224
Rasha Habbal
(Geboren in Hama / Syrien, lebt in Trier)
Aus: Die letzte Frau Die im Kleid schlief diese Nacht ihre Schuhe anbehielt empfangsbereit lauerte. Am Morgen schreibt sie: Ich habe nicht gewartet. Die Nacht verging schnell. Deine Abwesenheit fiel gar nicht auf als wärst du nie gewesen. Ich habe in der Luft getanzt die du freigelassen hast habe Du-liebst—mich—du—liebst—mich—nicht gespielt mit den Herzen meiner Liebhaber. Das konntest du nicht sehen meine Traurigkeit auch nicht.
Deutsch von Anke Bastrop und Filip Kaźmierczak, aus: Die letzte Frau. Gedichte von Rasha Habbal. Berlin: Verlagshaus Berlin, 2021 (edition zwanzig), S. 14
Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(getauft 25. Dezember 1616 in Breslau; † 18. April 1679 ebenda)
Maschinelle Texterkennung und Rekonstruktion


Texterkennung nach der Ausgabe: C. H. v. H. Deutsche Übersetzungen und Gedichte. Breßlau 1704 (urn:nbn:de:gbv:3:1-210933-p0573-7)
SAuf Den Sinfall Der Stirden zu Elifaberly, Sonet. StartemRrachen brach Der?Bau DeszEr,tert ein / Die 9 feiler gaben nach / Die 2alcfen muften biegen / Die Zügel wolten fich nicht mebt zufammen fügen : Es trennte Ralc oon RalcE/ und riß fich Gtein von Ctein/ Der Mauren Dole racht / Der füffen Srgeln Echein/ Die hieß ein 2ugenblicf in einen Rlumpen liegen : Und was igund aus 2ngft mein bleicher Drund berefc)wiegen/ Duft abaethan/ zerfprengt/ und gant vertilget fern. S menich! Dißift ein Slucy/ Dernach Dem Simmet Schmeckt/ Det Die(er Sy aus getilrt/ und Dein Semuth erwectt. Es (pricht Der Seven S GOR9R: Du folt mich beffer ebien; Die Ginde Fommt von Dit/Das Gel eitern Fommtoon Und in Dein Sherse Gtein/ und Dein Semithetobt, Go müffen Dich itund Die toDten Steine lebren.
Auf den Einfall der Kirchen
zu St. Elisabeth.
Sonnet.
MJt starckem Krachen brach der Bau des HErren ein /
Die Pfeiler gaben nach / die Balcken musten biegen /
Die Zügel wolten sich nicht mehr zusammen fügen:
Es trennte Kalck von Kalck und riß sich Stein von Stein /
Der Mauern hohe Pracht / der süssen Orgeln Schein /
Die hieß ein Augenblick in einem Klumpen liegen :
Und was itzund aus Angst mein bleicher Mund verschwiegen /
Must abgethan / zersprengt / und gantz vertilget seyn.
O Mensch ! diß ist ein Fluch / der nach dem Himmel schmeckt /
Der dieses Haus gerührt / und dein Gemüth erweckt.
Es spricht der Herren HERR : Du solst mich besser ehren ;
Die Sünde kommt von dir / das Scheitern kommt von GOTT.
Und ist dein Herze Stein / und dein Gemüthe todt /
So müssen dich itzund die toten Steine lehren.
Zügel: Ziegel
Johann Wolfgang Goethe
An Belinden.
Warum ziehst du mich unwiderstehlich,
Ach! in iene Pracht?
War ich guter Junge nicht so seelig
In der öden Nacht!
Heimlich in mein Zimmerchen verschloßen,
Lag im Mondenschein,
Ganz von seinem Schauerlicht umfloßen –
Und ich dämmert ein.
Träumte da von vollen goldnen Stunden,
Ungemischter Lust!
Ahndungsvoll hatt’ ich dein Bild empfunden
Tief in meiner Brust.
Bin ich’s noch, den du bey so viel Lichtern
An dem Spieltisch hältst?
Oft so unerträglichen Gesichtern
Gegenüber stellst?
Reizender ist mir des Frühlingsblüthe
Nun nicht auf der Flur;
Wo du Engel bist, ist Lieb und Güte,
Wo du bist, Natur.
Text nach dem Erstdruck in der Zeitschrift von J. G. Jacobi: Iris, Zweyter Band; Düsseldorf: 1775; S. 240f
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