Der Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen

In der taz schreibt Jamal Tuschick über Silke Scheuermann :

Silke Scheuermann will, dass das „Unverständlich-Verpickelte“ in der Lyrik aufhört. Die aus Karlsruhe gebürtige Theaterwissenschaftlerin des Jahrgangs 1973 stammt aus einem Milieu, das jeder Kunst fern steht. Allenfalls in einer „geheimen Abteilung“ ihres Wunschraums ließ sich etwas in der Art aufheben. Sie war schon über zwanzig, als ihre lyrische Produktion in Gang kam.
/ taz 9.1.02

„Der Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen“ (90 Seiten, 6,60 ), edition suhrkamp.

Deutsch – rumänisch – europäisch

Sozusagen in der letzten Minute des „Jahres der europäischen Sprachen“ ist ein zwei-, beziehungsweise mehrsprachiger Gedichtband des Lyrikers Uwe Erwin Engelmann aus Siegen erschienen. … Mehrsprachig bedeutet: Das Programmgedicht „Dorfleben in Südosteuropa“ ist immerhin in 13 verschiedenen europäischen Sprachen abgedruckt: Deutsch, Rumänisch, Polnisch, Banat-Schwäbisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Türkisch, Serbisch, Slowakisch, Ungarisch, Italienisch und Bulgarisch. Zweisprachig heißt: Alle übrigen Gedichte Engelmanns stehen sich auf Doppelseiten in Deutsch und Rumänisch gegenüber – man kann also gut vergleichen.
Hauptschwerpunkt seines Werkes sei das geeinte Europa, erläutert Engelmann. Und das spiegelt sich eben vor allem im schon erwähnten Programmgedicht wider. Es endet mit folgenden Worten: „wir waren/eine einheit/das dorf/deutsche zigeuner rumänen ungarn/juden serben türken kroaten/wir waren/in unserem dorf schon damals/EUROPA“. / Westfälische Rundschau 8.1.02

Uwe Erwin Engelmann: Dorfleben in Südosteuropa (vormals)/Viata la tara in sud-estul Europei (pe vremuri). Zweisprachiger (deutsch/rumänisch) Gedichtband, zus. mit Marcel Turcu. Mirton-Verlag, Timisoara (Rumänien) 2001

Rabindranath Tagore

Die Wiener Zeitung blickt nach Indien, wo die Rechte am Werk des Literaturnobelpreisträgers Rabindranath Tagore (1861 bis 1941) jetzt frei wurden:

Wie die „Times of India“ berichtete, hat die indische Regierung das Copyright des alleinigen Rechteinhabers, der Universität Vishwabharati in Westbengalen, nicht verlängert. Damit dürften auch in Deutschland neue Übersetzungen und bisher unbekannte Werke des weitgehend vergessenen Autors auf den Markt kommen, vermutet der in Indien lebende Deutsche Martin Kämpchen. Er hat viele Gedichte Tagores aus dem Bengalischen übersetzt und hofft jetzt auf eine Renaissance des Autors…. Nur ein kleiner Teil des Gesamtschaffens von Tagore ist nach Darstellung des Übersetzers bisher überhaupt in deutschen Übertragungen zugänglich. Die Werke seien nicht selten tendenziös ausgewählt worden und meist schlecht übersetzt. / Wiener Zeitung 8.1.02

Heißenbüttel-Archiv

Die Berliner Akademie der Künste hat das Archiv des Schriftstellers und Kritikers Helmut Heissenbüttel erworben. / Die Welt 8.1.02

Invented by arabs: D is for Dante

Her countryman Silvio Berlusconi echoed Fallaci’s ill-spoken sentiments that, on the whole, Western civilization was superior to that of Islam. She said she was quite happy with Dante , thank you very much. She spoke too soon. Though the theory has long incited fierce debate, Dante may have been acquainted with „ascension literature,“ a fantastical literary genre that deals with Mohammed’s ascent to Heaven (using a spiraling, magical ladder; ascension literature is still popular in the Middle East and Africa). Dante was undoubtedly acquainted with Avicenna and Averroes („who made the great commentary“), assigned as they are to that benign circle of the Inferno reserved for pagan and non-Christian worthies known as Limbo — which was hard luck for Averroes, who was Christian. / George Rafael, 8.1.02 Salon.com

Unter Wasser

„Längst sind die wild westlichen/ Zeiten vorbei./ Nun drängt mich die östliche/ Einfachheit,/ Die freundliche./ Mein Rückzug zur Klarheit – / Um wie vieles mehr/ werd ich mich/ verletzen.“ ( ). Über ihren Band „Unter Wasser“ schreibt Wolfgang Grahl in der Schweriner Volkszeitung. / SVZ 7.1.02

Schubert des 17.Jahrhunderts

Nicht in Konstanz, aber in seinem österreichischen Geburtsort Schnifis gedenkt man des Dichters mit der interessanten Biographie und der „sehr feinen Lyrik“. Immerhin wurde Laurentius von Musikwissenschaftlern schon als „Schubert des 17.Jahrhunderts“ bezeichnet. Katholiken müsste der Name durch das Marienlied „Wunderschön prächtige“ bekannt sein.

Nämlich Laurentius von Schnifis oder Schnüffis, vor 300 Jahren in Konstanz gestorben. / Südkurier 7.1.02

Arktischer Traum

Phänomene wie Fremde, Dunkelheit, Frost, Warten auf neues Leben sind stets noch in ihrer Lyrik gegenwärtig, in wortstarker Wortlosigkeit wird ein ergreifendes Sehnen nach unerfüllbarer Harmonie spürbar. Dorothea Grünzweig beschwört den arktischen Traum als Symbol des Einsseins mit sich und der Vergangenheit, mit der Zukunft, mit der Umgebung, den Menschen.
Die Suche nach der totalen Harmonie durchscheint Dorothea Grünzweigs neue Lyrik. In diesem Punkt ist sie eine Romantikerin durch und durch. Je gelöster diese Suche sie macht, desto leichter scheinen ihre Worte komponiert, desto deutlicher nähern sie sich dem Klang eines für sie typischen Wortgesanges. / Landeszeitung für die Lüneburger Heide 7.1.02

Höre, Israel

„Als wir verfolgt wurden / war ich einer von euch / Wie kann ich das bleiben / wenn ihr Verfolger werdet?“ So begann Erich Fried 1967 „Höre, Israel“, ein Gedicht, das um die Ereignisse des Sechstagekrieges kreiste und heftige Kontroversen auslöste: Ein Jude ging hart ins Gericht mit der Politik des jüdischen Staates. Es ist vor allem die politische Seite des Dichters, die den Darmstädter Schauspieler Rolf Idler immer wieder fasziniert hat, und mit Frieds Lyrik hat er die kritische Haltung gegenüber Israel entdeckt – eine Kritik, wie sie während Idlers Jugend in Deutschland nicht geäußert wurde, ein „Schuldreflex“, wie der Schauspieler heute denkt. / Darmstädter Echo 7.1.02

Poema del dia

Poema del dia: 24.000 Leser
„Ya somos 24,000 los lectores del poema del día“, steht in dem täglichen kostenlosen Newsletter in spanischer Sprache, zu finden auf http://www.poesie.com

Edward Lear’s Complete Verse

Intolerant, censorious, punitive, violent in spirit and deed, „they” are the majority, the great army of law-abiders and well-behavers, against whom the „Old Men” and other eccentrics of these rapid narratives are forever pitted. The fate of the Old Man of Whitehaven, who „danced a quadrille with a Raven”, is typical:

But they said – „It’s absurd, to encourage the bird!”
So they smashed that Old Man of Whitehaven.

„They” appear so frequently and anonymously, that we forget to ask who „they” are, accepting them as one of the givens of life, as inescapable as the weather. Today, when the limerick is expected to build to a blatant pay-off in its final line and has become, in effect, the poetic form that „they” love best, the taste for Lear’s treatment of it may have been all but lost. / Christopher Reid Times Literary Supplement 12/20/01

Edward Lear
THE COMPLETE VERSE AND OTHER NONSENSE
Edited by Vivien Noakes
566p. Allen Lane The Penguin Press. £20 .

A poem a day…

WASHINGTON — Billy Collins , the nation’s new poet laureate, came up with a plan Friday for getting young people interested in poetry: Have someone read out a poem a day in high schools.
His „Poetry 180“ will come up with 180 poems, one for each day of a school year. The first 64 are published on Collins‘ new Web site, with the rest promised as he obtains the permission of poets and publishers.
Most will be works by American poets, poems that, like Collins‘, are easy to understand on first reading. But a little note of explanation will be added to some with a recommendation that it be read before the poem itself. / Deseret News 6.1.02

Lyrik auf der Raketenstation

Grund für den Besuch ist … das jüngst eingerichtete „Fellowship Literatur“. Jedes Jahr sollen zwei viel versprechende Autoren, ausgesucht von Thomas Kling , Dichter und eine Art Hausherr der Raketenstation, für jeweils drei Monate eingeladen werden, hier zu leben und zu arbeiten. Als Fellows des jetzt sich warm laufenden Jahres 2002 sind Marcel Beyer und Oswald Egger im Gespräch. Den Anfang aber hat nun eine junge Lyrikerin aus Regensburg gemacht: Anja Utler . / Kölner Stadtanzeiger 5.1.02

Anja Utler: „aufsagen“,Gedichte, Bunte-Raben-Verlag 1999, circa 6 Euro.

Das Teufelszeug die Wörter

Haufs, der mit Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass und Peter Rühmkorf , aber auch mit Jürgen Becker oder dem früh verstorbenen Nicolas Born wichtige Generationserfahrungen teilt, war immer ein leiser, daher oft übersehener Einzelgänger des Literaturbetriebs. Diese Auswahl belegt nun nicht allein, was für ein hellhöriger und umsichtiger Spracharbeiter er ist, sondern ebenso, über welche Bandbreite von Formen er verfügt: von der Popballade bis zur Naturlyrik. …
Die Zeitfühligkeit schärft die Wahrnehmung, wie die Wetterfühligkeit. Doch woran mag es liegen, dass schließlich Sprachmüdigkeit eintritt? An den Mühen des Lakonischen, des andauernden Understatements, des leise-präzisen Redens? „Das Teufelszeug die Wörter reicht nicht aus“, schreit der Dichter am Ende enttäuscht und zornig auf, obwohl er es doch weit damit gebracht hat. /KURT OESTERLE, Süddeutsche 5.1.02 / s.a. Jochen Zwick, NZZ 15.1.

ROLF HAUFS: Aufgehobene Briefe. Ausgewählte und neue Gedichte. Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Christoph Buchwald. Carl Hanser Verlag, München und Wien 2001. 150 Seiten, 14,90 Euro .

Das niedre Pack, das miese Gesocks…

…schreit ja nur so laut, weil es nichts anderes kann als schreien“, schreibt Hermann Lenz am 25. März 1959 an Paul Celan . „Stampfen wir sie alle in den Abfalleimer, lassen wir sie von der Müllabfuhr wegtransportieren oder blasen sie wie eine Hand voll Asche in den Wind.“

Mit diesem Zitat beginnt Michael Rutschky seine Besprechung von Paul Celans Briefwechsel mit Hanne und Hermann Lenz. / FR 5.1.02