Petersilie

In ihren Tagebüchern versammelt Marie Luise Kaschnitz viele um den Tod kreisende, auf dem Land spielende Geschichten, die gerade im Makabren religiöse Obsessionen offenbaren. Eine von ihnen lautet: „Connie“, erzählt aus Schloss Dorf in Österreich. Als die Schlossherrin gestorben war, musste der Sarg zugelötet werden. Die Tochter saß bei C. und hielt sich die Ohren zu. Es dauerte aber lang, hörte nicht mehr auf. C. ging nachsehen, es stellte sich heraus, dass man (Kriegszeit) alle defekten Blechgegenstände, Gießkannen usw., in die Kapelle gebracht hatte. Die Krankenschwester hatte, weil Winter war, nichts Grünes gefunden, der Toten ein Kränzchen im Sarg zu machen, und schließlich Petersilie gepflückt. Aber die alte Köchin, die für den Leichenschmaus viele Gäste zu versorgen hatte, holte ihr diese Petersilie empört wieder aus dem Sarg. / NZZ 3.2.01

Wer was Neues macht…

Wolfram Göbel setzt als Verleger auf Books on Demand:

Ein schmaler Gedichtband. 72 Seiten, gebunden, schön gestaltet, der Schutzumschlag in Grüntönen. Richard Wagner: „Mit Madonna in der Stadt“. Über den Inhalt könnte man viel reden, Über die luftleichten Windgedichte und Stimmen im Ohr des aus der deutschsprachigen Minderheit in Rumänien stammenden Künstlers Wagner. Doch auch die Erscheinungsform des Buches, das in der Lyrikedition 2000 von dem renommierten Germanisten Heinz Ludwig Arnold herausgegeben wird, ist der Rede wert: „Die Lyrikedition 2000 ist ein Demand Verlag der Buch & medi@ GmbH, München. Dieser Verlag publiziert in Verbindung mit dem Hamburger Buchgrossisten Libri ausschließlich Books on Demand. Die Bücher werden elektronisch gespeichert und auf Bestellung gedruckt, deshalb sind sie nie vergriffen. Books on Demand sind über den klassischen Buchhandel und Internet-Buchhandlungen zu beziehen.“ / Stuttgarter Zeitung 3.2.01

Petersilie

In ihren Tagebüchern versammelt Marie Luise Kaschnitz viele um den Tod kreisende, auf dem Land spielende Geschichten, die gerade im Makabren religiöse Obsessionen offenbaren. Eine von ihnen lautet: „Connie“, erzählt aus Schloss Dorf in Österreich. Als die Schlossherrin gestorben war, musste der Sarg zugelötet werden. Die Tochter saß bei C. und hielt sich die Ohren zu. Es dauerte aber lang, hörte nicht mehr auf. C. ging nachsehen, es stellte sich heraus, dass man (Kriegszeit) alle defekten Blechgegenstände, Gießkannen usw., in die Kapelle gebracht hatte. Die Krankenschwester hatte, weil Winter war, nichts Grünes gefunden, der Toten ein Kränzchen im Sarg zu machen, und schließlich Petersilie gepflückt. Aber die alte Köchin, die für den Leichenschmaus viele Gäste zu versorgen hatte, holte ihr diese Petersilie empört wieder aus dem Sarg. / NZZ 3.2.01

Neu

Frankfurter Anthologie der FAZ: Wulf Segebrecht über die „Kleine Ballade“ von Marie Luise Kaschnitz / Das neue Gedicht in der „ Welt „: Richard Pietraß über ein Gedicht von Peter Piontek / 3.2. 2001

Friedrich-Hölderlin-Preis an Dieter Wellershoff

Der Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Homburg geht in diesem Jahr an den Kölner Schriftsteller Dieter Wellershoff. Er erhält den mit 25 000 Mark dotierten Literaturpreis für sein Gesamtwerk, besonders aber für seinen im vergangenen Jahr erschienenen Roman „Der Liebeswunsch“. Wellershoff, 1925 in Neuss am Rhein geboren, promovierte 1952 mit einer viel beachteten Arbeit über Gottfried Benn. Seit 1952 arbeitete er als Lektor für Literatur und die Buchreihe Neue Wissenschaftliche Bibliothek bei Kiepenheuer & Witsch. In den 60er Jahren gehörte er zum Kreis der Gruppe 47 und gilt als Förderer der Autoren Rolf Dieter Brinkmann, Nicolas Born und Günter Herburger sowie Begründer der Kölner Schule des Neuen Realismus.
Der mit 10 000 Mark dotierte Hölderlin-Förderpreis geht an die Berliner Lyrikerin Ulrike Draesner. Die Preisverleihung findet am 7. Juni, Hölderlins Todestag, im Kurhaus Bad Homburg statt. /H.L. Frankfurter Rundschau 2.2.01

Frau von Kaschnitz und die 68er

Von Walter Jens

„Vor-den-Kopf-stoßen als erzdemokratische Tugend“ fordert der Tübinger Zeitkritiker Walter Jens im SPIEGEL-ONLINE-Essay. Dabei verknüpft er das gegenwärtige Gezeter über die 68er mit einer fast vergessenen Frankfurter Schriftstellerin.

Frau Merkel, mit ihren von keiner Kenntnis getrübten Attacken gegen die 68er, möge nachlesen, was Marie Luise Kaschnitz , die Demonstrantin auf der Bockenheimer Straße, gegen brutale Polizeieinsätze aufbegehrend, in jener Zeit schrieb… / Der Spiegel 2.2.01

 

Heinz Kahlau 70

Der Vierzehnjährige übte, beim „Volkssturm“, mit der Panzerfaust. Nach dem Krieg fuhr er Traktor und zog das blaue Hemd der „Freien Deutschen Jugend“ an. Im TBC-Heim las er Ringelnatz. Der Arbeiterdichter Marchwitza brachte ihn mit einer Ohrfeige zu Verstand. Erwin Strittmatter gab seine ersten Gedichte Bertolt Brecht. Der sagte: „Neun von zwölf, das ist beachtlich. Man kann sie lesen, an etwas anderes denken, und wenn man wieder hinschaut, sind sie immer noch da.“ Heinz Kahlau wurde Brechts „Meisterschüler“. Helene Weigel bestimmte: „So, Bub, jetzt gehörst du zu uns. “ Seither entstanden, immer unter Pfeifenrauch, mehr als zwanzig Gedichtbände, dazu Bücher, Hörspiele und Stücke für Kinder, außerdem Nachdichtungen, Dramen und Drehbücher. / Süddeutsche Zeitung 2. Februar 2001

 

Sprechschrott pressen

In der Berliner Akademie der Künste ist eine Ernst-Jandl- Ausstellung zu sehen:

Wo immer Ernst Jandl auftrat, bereiteten seine Abende Vergnügen, stimmten nachdenklich, boten abgründigen Witz. Wie im Zoo schnaufte, schlurfte, rotzte es, wenn er leis bis laut anhob, im Stakkato ratterten Phoneme, Silben, Wortbrocken ab, wenn er in Fahrt kam, die Zunge überschlug sich, wenn das furiose Ende nahte mit „schtzngrmm t-t-t-t grrrmmmm“, dem schlagendsten, grimmigsten Antikriegsgedicht, das im vorigen Jahrhundert entstanden ist. Jandl – ein Ungetüm, mag man liebevoll sagen, eins, das Sprache intrigant vernichtet und aus deren Trümmern Neues baut, ein Sprechaktionist, der aufliest, was aufzulesen ist, der den Wortmüll anfaßt, um ihn mit Wortmüll anzugreifen. Jandl geht davon aus: Mäuler haben alle, Sprache haben alle, Sprechfehler machen gleichfalls alle. / junge Welt 01.02.2001

Vor 100 Jahren wurde Marie Luise Kaschnitz geboren

Sie verteidigte 1960 Paul Celan gegen gehässige Plagiats-Vorwürfe. Sie trat 1972 in Zeitungsanzeigen für die Wahl Willy Brandts ein. Sie sympathisierte mit der Frankfurter Hausbesetzer-Szene. Marie Luise Kaschnitz war es zuweilen herzlich leid, mit wohlmeinenden Ehrentiteln ins Eck der Harmlosigkeit gerückt zu werden: „Niemand will wissen, ob ich es mit den Roten Zellen halte . . . Die Frage, ob ich ein auf der Flucht befindliches Mitglied der Baader-Meinhof-Gruppe in meiner Wohnung versteckt hätte, ist mir nie gestellt worden. Statt dessen soll ich von Rom erzählen.“ In den 70ern hätte sie schon die Vermeidung der Bezeichnung „Baader-Meinhof-Bande“ unter Sympathisanten-Verdacht bringen können. Kaschnitz war – jedenfalls seit 1943 – ein waches politisches Wesen. Wenn man ihr diese Pranke gar nicht zutraut, sollte man bedenken, dass Marie Luise Josephine von Holzing-Berstett, am 31. Januar 1901 als Offizierstocher in Karlsruhe geboren, 1974 in Rom gestorben, von Familie und Freunden „Leu“ genannt wurde. Liegt es an ihrer beinahe krankhaften Bescheidenheit, dass heute nur wenige wissen, was für ein Schatz in ihrem Werk ruht? Als Dolf Sternberger ihr 1948 die Mitherausgeberschaft der Wandlung anbot, antwortete sie: „Denke daran, wie dumm, wie schüchtern und wortkarg ich in Gesellschaft wirklich gebildeter Männer bin . . . Denke auch daran, daß ich 4/5 des Tages Dienstmädchen und Köchin sein muß . . . Denke daran, daß ich nicht nur im Positiven, sondern auch im Negativen eine Frau bin: ein ermüdbares, alle Öffentlichkeit scheuendes und faules Wesen, ein nur im künstlerischen Ausdruck vielleicht ernst zu nehmendes Individuum.“ / SZ vom 31.01.2001 Feuilleton

Zeitungsschreibers Stoßseufzer

Da atmet man richtig auf, denn oft haben Gegenwartsgedichte ja etwas entsetzlich Peinliches, und das nicht nur, weil sie meist zu betulich und wichtigtuerisch sind. Vielmehr liegen sie vor allem deshalb so oft grausam daneben, weil viele Lyriker in Gedichten unter ihr sonstiges Denk- und Empfindungsniveau gehen, gerade so, als könnte man mit Gedichten alles machen.

Frühlingsgedichte.Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell. Reclam, Stuttgart 2001. 85 S., 5 Mark.

Norbert Hummelt:Zeichen im Schnee.Gedichte. Luchterhand,München 2001. 104 S., 18,50 Mark.

Rainald Goetz:Jahrzehnt der schönen Frauen.Merve, Berlin 2001. 213 S., 26 Mark.

Sergej Jessenin:Ein Rest von Freude.Gedichte. Aus dem Russischen von Paul Celan, Elke Erb,Rainer Kirsch u.v.a. Luchterhand, München 2001. 172 S., 19,50 Mark

/ (31.1.01)

Nicht gefallen

dem herrn unserem gott / hat es ganz und gar nicht gefallen / dass gustav e. lips / durch einen verkehrsunfall starb . Als experimentierfreudiger Autor hat er seit Ende der 50er-Jahre die Lyrik und Prosa der deutschschweizerischen Literatur erneuert. Heute wird Kurt Marti 80 Jahre alt und mit einer Neuedition seiner „Leichenreden“ geehrt. /Aargauer Zeitung 31.1.01

Kurt Marti 80

Das erste Buch des Pfarrers hieß „Boulevard Bikini“. Man muss sich das vorstellen: Schweiz, 1958, die selbstgefällige Nation war noch intakt, erst allmählich machten sich einige Stimmen breit, die den Mythos der erfolgreichen „Landesverteidigung“ nicht glaubten; auch 1968 war noch in weiter Ferne, und da schreibt Kurt Marti, 37, Pfarrer in Niederlenz, auch in seinem zweiten Band, den „republikanischen Gedichten“, Texte gegen die spießige Umgebung, voller Spott, den er nie ganz verlieren wird: „Die Damen knien im Dome schulternackt, / noch im Gebet kokett und photogen, / indes die Herren, konjunkturbefrackt, / diskret auf ihre Armbanduhren sehn.“ / Süddeutsche Zeitung 31.1.01

Fortsetzung des Züricher Hölderlin-Zyklus

Wie lesen Komponisten die Dichtung Hölderlins? Wie wird seine Dichtung zu Klang? Eine Dichtung, die selber schon so eminent musikalisch, klanglich so präzise komponiert ist? Fragen, denen das Collegium Novum Zürich an zwei Konzerten am letzten Wochenende in der Zürcher Tonhalle nachging. Am Schluss von Hölderlins Hymnenfragment „An die Madonna“ eröffnen sich Dimensionen, dass man meint, auf einem Spiralnebel durch das Universum zu sausen. (Zender, Kurtag, Ligeti u.a.) / NZZ 31.1.01

Siebzehnsilber und Asphaltpflanzen

Haiku, Senryu, Renshi : Bei Uli Becker kommt es zum interkulturellen Clash von östlichen Gedichtformen mit dem Westen. Mit Durs Grünbein, Makato Ooka, JunkoTakahashi und Shuntaro Tanikawa dichtete er am Fuße des Fudschijama. /  DIETRICH ZUR NEDDEN, taz 30.1.01

Siebzehn Silben bloss
hintereinander stoppeln:
ist das ein Haiku?

Nein, eigentlich nicht. Denn ein Haiku, diese japanische Form eines reimlosen Mikrogedichts in drei Zeilen mit 5-7-5 Silben, habe Natur pur zu sein, so will es die jahrhundertealte Tradition: Frühling, Kirschblüte, Sommer, Mondlicht, Herbst, Wolken, Winter, Schnee, der ganze Kram, “ QUASI ANGESCHAUT“, MEDITATION VERDICHTET, UND, GESPROCHEN.

Tarjei Vesaas

Baumgartner, der die Gedichte präzise und dennoch mit Musikalität und bildlichem Spielraum ins Deutsche übertragen hat, stellt der Sammlung Gedicht Nr. 4 aus „Leben am Strom“ als Motto voran. Es nimmt das Bezeichnende vieler Gedichte dieser – wie alle Bodoni – Drucke des Waldgut-Verlags – auch typographisch schön gestalteten Sammlung vorweg: „Herrliche Engelwurzkronen schwirren / mit Samenrädern und Wohlgeruch. / An der Wurzel liegen ein Mensch / und eine Schlange. Jedes im Bann des anderen? / Der arglose Mensch / begegnet dem Schlangenauge in einem Aufblitzen. / Verstehen springt über, und Entsetzen. / Ist das möglich? / Wer bin ich?“  / Christine Holliger, NZZ 30.1.01

Tarjei Vesaas: Leben am Strom. Gedichte. Herausgegeben und aus dem Norwegischen übersetzt von Walter Baumgartner. Verlag Im Waldgut, Frauenfeld 2000 (Bodoni Druck 60). 60 S., Fr. 30.-