„Toller geht’s nicht – Ihr seid ja wunderbar verrückt!“ hatte einer ins Gästebuch zu der geheimnisvollen Ramklangkomposition „Troposphères“ von Sascha Lino Lemke in den Labyrinth-ähnlichen Kreisen in der Kampnagelfabrik in Hamburg geschrieben. Den schriftlichen Ausbruch kann man gerne für Konzeption und Durchführung des sechstägigen Festivals übernehmen.
// Mit viel Liebe, viel Kenntnis und viel Begeisterung wurde da an unglaublich vielen Ecken gebastelt. Einmal im pädagogischen Bereich sowohl mit Schülern und Laien als auch mit MusikstudentInnen, dann im interdisziplinären mit Architektur und Lyrik, im rein künstlerischen, im sozusagen traditionellen Gedenkkonzert, im auch technischen Experiment – und das alles mit zahlreichen Querverbindungen untereinander, meist auch mit einem politischen Akzent.
Der Zuschauerzuspruch fing äußerst spröde an, steigerte sich aber im Lauf der Tage explosiv und die verantwortliche Christiane Leiste konnte am Ende 2300 BesucherInnen bekanntgeben. Das könnte ein Durchbruch in Sachen Neuer Musik in Hamburg sein.
Die von Thomas Schmölz gegründeten „Klangwerktage“ fanden zum vierten Mal statt, jetzt erstmalig mal unter der künstlerischen Leitung und Geschäftsführung. Christiane Leiste. / Ute Schalz-Laurenze, Neue Musikzeitung 5.12.
Vgl. L&Poe
2007 Nov #21. BELLA ON TOUR
2007 Nov #139. Die Klangwerktage Hamburg
2008 Aug #67. Lautland DE
2008 Nov #121. Klangwerktage Live und Second Life
Der Seume-Literaturpreis der Stadt Grimma ist am Sonnabend an die Schriftstellerin Helga M. Novak verliehen worden. Der Internationale Seume-Verein begründete die Wahl mit dem „eigenen, unverwechselbaren Ton“, den die Autorin besonders in ihrer Lyrik finde. …
Seit 1987 wohnt Novak in einem kleinen Dorf in Polen. Die Rückkehr nach Deutschland wurde ihr 2004 von den zuständigen Behörden in Leipzig verweigert, weil die Frist für eine Wiedereinbürgerung verstrichen war und kein Pass ausgestellt werden konnte.
Helga M. Novak schreibt vorwiegend politische und Zeitgedichte, verwendet dabei häufig die Balladenform. Sie wurde kontinuierlich mit Preisen ausgezeichnet, erhielt unter anderem den Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen, den Kranichsteiner Literaturpreis der Stadt Darmstadt, den Brandenburgischen Literaturpreis sowie den Ida-Dehmel-Literaturpreis.
Der Seume-Preis ist nach dem Schriftsteller Johann Gottfried Seume benannt. Er lebte 1763 bis 1810 und arbeitete einige Jahre in Grimma. Der Internationale Johann-Gottfried-Seume-Verein der Stadt vergibt seit 2001 unregelmäßig den Literaturpreis. / MDR 5.12.
Anziehung
Nebel zieht auf, das Wetter schlägt um.
Der Mond versammelt Wolken im Kreis.
Das Eis auf dem See hat Risse und reibt
sich. Komm über den See.
aus: Sarah Kirsch: Zaubersprüche. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag 1973, S. 5.
Silke Peters
Wassernüsse, vermißt
in Moore, Speicher
der Sonnen fielen hinein
Erinnerungsnüsse krallen im Grund
Muster über Muster zu lesen
Und dunkle Wasser halten
Ungeheuer fest,
einen halben Tag lang tief.
sind Männer im Moor ertrunken,
wie die Sonnen
Ein Pesthauch weht schillernd.
wie die Fliegen
im Sonnentau gebrochene Verwesung,
auszulesen
Wir heizen unsere Öfen
rußrabend mit ihr.
Die Hände wärmen kaum,
wie den Fuß
aber sinktet, unded, tastet
von Insel zu Insel
Mooraugen tief
dunkeles Meer
Schwarzmeerblau
Und am Strand von Kolywan
liegen die Zaubernüsse offen,
bleicht das Blech in den Sonnen.
Der Lotos mündet die Wolga rosa,
ich hab ihn gegessen
Nüsse suchen wir,
Herbst
Silke Peters lebt in Greifswald*. Im Oktober 2000 erschien eine Auswahl ihrer Gedichte unter dem Titel: Silke Peters: Wassernüsse vermißt. Gedichte. 32 S. Greifswald: Wiecker Bote 2000. ISBN 3-935458-02-9.
*) heute in Stralsund
Die besten Gedichte habe er im Getto geschrieben, sagte Abraham Sutzkever. Der jiddische Dichter, der heute 96-jährig in Israel lebt, war 27 Jahre alt, als die Wehrmacht Litauen besetzte. In Wilna, dem heutigen Vilnius, errichteten die Deutschen ein Getto und erschossen Tausende von Juden im Wald nahe der Stadt. Im Sommer 1941 erlosch damit das reiche jüdische Kulturleben in Wilna, jenem „Jerusalem des Nordens“, in dem es jiddische Zeitungen, Bibliotheken und Hochschulen gab. …
In den Übersetzungen von Hubert Witt wirken die erschütternden Gedichte unmittelbar direkt und frei von Pathos. In „Wilner Getto“ ist auch zu erfahren, wie sie entstanden. Noch in den schlimmsten Situationen hörte Sutzkever nicht auf zu dichten. „Gesichter in Sümpfen“ etwa schrieb er im Sommer 1941 in einem Versteck unter einem Blechdach, in dem er sich nur liegend aufhalten konnte: „Nacht hat unsre Gedanken grau gemacht./ Morgensonne sät glühendes Salz in die Wunden.“
Auch der Frankfurter Campus Verlag legte in diesem Jahr einen Band von Abraham Sutzkever vor. Der (ebenfalls vortreffliche) Übersetzer Peter Comans präsentiert darin eine umfassende Werkauswahl von den frühen Gedichten, die der romantischen Naturlyrik nahestehen, bis zu den späten, poetisch verdichteten Prosatexten, die in Israel entstanden sind. „Geh über Wörter wie über ein Minenfeld“ enthält außerdem eine kundige Einführung von Heather Valencia in Leben und Werk des einzigartigen Autors. / EVA PFISTER, Rheinischer Merkur 49
– Wilner Getto 1941–1944. Deutsch von Hubert Witt. Ammann Verlag, Zürich 2009. 272 Seiten, 22,95 Euro.
– Gesänge vom Meer des Todes. Gedichte. Ausgewählt und übersetzt von Hubert Witt. Ammann Verlag, Zürich 2009. 192 Seiten, 22,95 Euro. Einzeln oder zusammen im Schuber erhältlich zum Subskriptionspreis bis 31.12.2009 von 34,95 Euro.
– Geh über Wörter wie über ein Minenfeld. Lyrik und Prosa. Auswahl, Übersetzung und Anmerkungen von Peter Comans. Campus Verlag, Frankfurt/Main 2009. 389 Seiten, 34,90 Euro.
Demus‘ anteilnehmende und in Bezug auf Dichtung, Philosophie und Kunst so feinsinnige Briefe werden Celan nach dem Weggang aus Wien nach Paris bald veranlassen, den Jüngeren mit „Bruder“ anzureden, eine Anrede, die lange Zeit von beiden beibehalten wird und in Celans gesamter Korrespondenz singulär sein dürfte. Das Einbeziehen von Demus‘ Frau Nani und kurz darauf von Gisèle Celan-Lestrange, wechselseitige Besuche der Paare, Anteilnahme an privaten Ereignissen, Buchgeschenke, Lektüreanregungen und die gelegentliche kritische Revision von Texten, aber auch Vermittlungsversuche im schwierigen Verhältnis zwischen Celan und Ingeborg Bachmann seitens des Ehepaares Demus festigen ein Vertrauen, wie es Celan in kaum einem anderen Verhältnis erfahren und geschenkt haben dürfte. Zugleich verbindet die Briefpartner ihr Außenseitertum. Wo es jedoch, wie Joachim Seng, der die Korrespondenz mit fast vierhundert Briefen herausgegeben, sorgsam kommentiert und mit einem aufschlussreichen Nachwort versehen hat, anmerkt, von Demus frei gewählt war, muss Celans Außenseitertum als ein erzwungenes verstanden werden. Die Erfahrung der Schoa unterschied und trennte ihn von der Erfahrungswelt des Freundes.
Dies mag mitbestimmt haben, was die Goll-Affäre in ihrer zerstörerischen Kraft beförderte. Claire Goll, Witwe Ivan Golls, versuchte von Mitte der fünfziger Jahre an zunächst im Privaten, dann bei Redaktionen und Personen des deutschen und französischen Kulturlebens und im Jahr 1960 mit einer Veröffentlichung in der Zeitschrift „Baubudenpoet“, Celan des Plagiats zu bezichtigen. Der Bremer Literaturpreis und der Büchnerpreis im Jahr 1960 konnten nichts daran ändern, dass Celan sich durch die ungeheure Kränkung und Kreise ziehende Verleumdung zunehmend verfolgt und bedroht fühlte und dies auch auf die Freundschaft zu Demus übertrug: „Das Bodenlose ist . . . das Bodenlose: es kommt jetzt täglich schlimmer: Ich bitte Dich herzlich, das alles sehr ernst zu nehmen. Was damit bezweckt wird, Klaus, ist deutlich: man will, für den Fall, daß ich eines Tages zur Feder greife, alles von mir Geschriebene, auch meine Gedichte, im voraus entmündigen. Klaus, lieber Klaus, ich übertreibe mit keinem Wort. Du mußt entschuldigen, daß ich mit der Maschine schreibe: ich muß, angesichts aller dieser Machenschaften, eine Durchschrift behalten“, heißt es am 10. Juli 1961. / Beate Tröger, FAZ 4.12.
„Paul Celan – Klaus und Nani Demus. Briefwechsel“. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel zwischen Gisèle Celan-Lestrange und Klaus und Nani Demus. Herausgegeben und kommentiert von Joachim Seng. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 675 S., geb., 34,80 €.
Mit sechzig plus hat man seinen Beitrag für die Fortdauer der Gattung längst abgeleistet und wird entspannter. Das ist die hohe Zeit des Maul-Eros. Als rüstiger Verbalerotiker kann man sich auf die Vorarbeit der Altvorderen stützen. Brecht, Martin Walser oder Friedrich Schlegel konnten immer noch besser sauigeln als der Herrenstammtisch. Dem Rilke glaubt man den geschwollenen Schweinkram nicht, es klingt wie eine Rilke-Parodie. Niemand konnte aber so gut Rilke parodieren wie er selbst.
Konstantin Wecker hat´s mit der Liebe und den Dichtern, und zum Anwärmen macht er´s deftig. „Stürmische Zeiten, mein Schatz“ heißt es beim neuen Programm in der Alten Oper Frankfurt. Ein erotisch-politischer Cocktail mit alten und neuen Liedern und einer gekonnten Gratwanderung zwischen Stimmungsmache und subtilerer poetischer Verzauberung. Da erklärt einer auf der Bühne, wie man sich auch als Normalmensch der Lyrik nähern kann, und rezitiert frischweg Gedichte von Benn und Goethe. Wunderbar. Und der vollbesetzte Große Saal hält vor Kunstbegeisterung den Atem an. / Hans-Klaus Jungheinrich, FR 4.12.
ich hab die Milz gefunden, die Leber, die Lunge,
schreibt Simone Kornappel unter Bezug auf den Beitrag Körpertexte
und zwar in einem (famosen) Gedicht von Tomaž Šalamun
Aber das sind Ausnahmen
(Leseprobe aus: Aber das sind Ausnahmen, Gedichte, 2004, Edition Korrespondenzen – Übertragung Peter Urban)
gummischuhe schaffen wir ab
denn die werden nicht mehr getragen
und den tod und die fliegen
die keine festen landeplätze haben
einige dumme zahlen schaffen wir ab
dann werden wir endlich aufatmen
und frei zählen
eins zwei drei siebzehn
alle wörter schaffen wir ab
die weniger als fünf buchstaben haben
denn es ist vollkommen klar
daß sich nur solche wörter gehören
und die gebirge
wir schaffen den kreis ab
denn wir haben das quadrat
denn warum beides haben
ein bein so
und das andere so
und den nachmittag
da geht die sonne unter
wir schaffen die milz ab
denn was soll die milz
wenn wir eine leber haben eine lunge
und viel zu viel von diesen dingen
und sizilien
denn das ist eine ganz gewöhnliche pathologische erscheinung
das linoleum
denn es weiß nicht wo baku liegt
und pullover denn die zieht man über den kopf
wir schaffen das atmen ab
denn es bricht aus
denn es bricht aus
denn es bricht aus
und den hanf
denn lein und hanf
das hört sich so irre seltsam an
den himmel schaffen wir ab
und das wasser denn voda beginnt mit v
seht euch bloß dies zeichen an
wie es balanciert auf einem bein
und oben auseinanderklafft
und schließlich die zeit
und überhaupt die sauberkeit
denn alles saubere wird schmutzig
und was dann was dann
tatsächlich, ein famoses Gedicht und ein famoser Dichter, Danke fürs Einsenden! (Auch ein famoser Verlag, die Wiener Edition Korrespondenzen!).
Vgl. L&Poe 2009 Nov
(Und ich nutze die Gelegenheit, das Thema wieder aufzugreifen – in den nächsten Tagen. Stay tuned!)
Kubin: Naja, China hat ja nicht die besten Schriftsteller mitgebracht, über die es verfügt. Es hat keinen einzigen richtig guten weltweit anerkannten Dichter mitgebracht. Damit hätte man punkten können. Es hat sie alle zu Hause gelassen, stattdessen die Wald- und Wiesendichter mitgeschleppt, die keiner kennt und keiner hören will.
(…)
Allein die chinesische Lyrik spielt in Ihren Augen noch eine wichtige Rolle.
Kubin: Das ist richtig.
Welchen Stellenwert hat die Lyrik gegenwärtig in China?
Kubin: Im Lande null, aber bei uns ganz oben. Im Lande null, weil die Dichter eine neue Sprache erfinden, die dort nicht nachvollzogen werden kann, und weil wir hier diese Sprache nachvollziehen können. Wir wollen gefordert werden, wir wollen nicht mehr diese einfache Literatur, die einmal ein Erich Fried geschrieben hat, den 70er-Jahre Agitprop, wo man überhaupt nicht nachdenken muss. Wir wollen heute Anspruchsvolles. Wenn die chinesischen Dichter hier auftreten, dann will das Publikum gefordert werden. Es will nicht mehr dieses simple Deutsch hören oder dieses simple Chinesisch, sondern es will auch mal nachdenken dürfen.
Und das ist in China nicht entwickelt?
Kubin: Das ist in China überhaupt nicht entwickelt. Weil eben der Markt alles dominiert und jeder nur noch sich dumm und dämlich verdienen will.
Und die frühere chinesische Lyrik…
Kubin: Die war nachdenklich, bis 1989. Die war kompliziert, aber sie hatte ihr Publikum. Und da gingen Tausende zu den Lesungen. Und heute geht niemand zu den Lesungen, die Leser sind heute hier bei uns.
/ Wilhelm Kropp und Eberhard Fehre, Westdeutsche Zeitung 3.12.
Von Kubin empfohlene Lyriker:
Bei Dao: Buch der Niederlage. München: Hanser 2009.
Leung, Ping-kwan: Von Jade und Holz. Klagenfurt: Drava 2009.
Yang Lian: Aufzeichnungen eines glückseligen Dämons. Frankfurt: Suhrkamp 2009.
Alles versteht sich auf Verrat. Gedichte u. a. von Zhai, Yongming; Ouyang, Jianghe, Xi Chuan. Nonn: Weidle 2009.
Südliches Sonett
An weiße Mauern scheint die Sonne streng und friedlich,
ein schwerer Hauch von Nichts und Allem rührt die Pinien,
und Bänke schmücken leer den Dorfplatz. Unermüdlich
trennt Schatten Staub von Staub mit immer neuen Linien.
Die Welt ist fern und nah, so nah wie Abessinien,
wo Hunde ruhn. Der Wind weht abends unterschiedlich,
doch jetzt nicht, jetzt ruht hier die Welt. Die Welt ist südlich.
Der Eukalyptus wacht, hier walteten Erinnyen.
Aber das Meer. Reineres Sein. War vorher schon, war schon, bevor es war, schuf sich,
ein Rauschen, das sich lauscht, ein Schrei’n, das Möwen ist, ein Schwellendes, ein Rausch, ein Schaum,
schöpft draus das Sich, ein Salz, ein Tausch: ein Ich,
ein Grün-wie-Weiß, das brandend bricht, das stürzt, das spuckt: Fisch, Schiff. Dort steigt kein Baum.
Raunender Raum, schieres Gemisch, ein Grau-aus-Blau, spritzt, spricht, zischt
außer Traum und Saum, der selber sich verwischt. Ein Nichts, das nie erlischt, ein dicht’rer Schein, wie Gischt.
(Axel Sanjosé, aus: Gelegentlich Krähen)
Denke global, handle „verrückt“ (wie wir Lateiner sagen).
Folgende Nachricht erreicht mich:
am freitag, also heute, wird um 20 oder 21 uhr (genaueres auf dem fleischervorstadt-blog) eine aktion am ajz-ground-zero stattfinden. unter der losung „kulturelle raumerhaltung ist unsere art von stadtverwaltung“ oder so ähnlich werden an verschiedenen freiräumen, die nicht mehr existieren, die bedroht sind und die gerettet wurden, transparente hängen.
am karl-marx-platz wird es zum genannten zeitraum eine glühweinverkostung mit mobiler beschallung von quarks-bands aus der konserve geben. auch der strahlemann, die mobile visualisierungseinheit der hedonistischen internationalen sektion greifswald – m.u.s.i.k. (mensch und sound im kollektiv) wird vor ort sein. ich bereite einige der bilder vor, um über den beamer bilder und losungen auf die hauswand zu bringen.
Anm. für Nicht-Greifswalder:
Das AJZ (Autonome Jugendzentrum) konnte in den 90er Jahren ein Haus am Karl-Marx-Platz, in dem zu DDR-Zeiten eine Kinderheim untergebracht war und das dann leer stand, für Barbetrieb und Veranstaltungen nutzen. Vor 10 Jahren mußte es geräumt werden, angeblich weil die Eigentümer (irgendwo im Nordwestdeutschen lebend) investieren wollten. Dann passierte, was meistens passiert, es stand 10 Jahre leer mit kaputtem Dach usw., und vorige Woche wurde es ohne Vorankündigung abgerissen. (Ein Haus mit denkmalgeschützter Fassade, wie es zu gehn pflegt).
Ists auch nicht Lyrik…
Was sich beim Tod von Rimbauds Körper abspielt, ist keineswegs, wie Claudel kleinlicherweise glaubte, eine klerikale Frage. Es handelt sich um pure Christologie: „Was er spricht, sind Träume“, notiert noch einmal die weibliche Hälfte, die schwesterliche Hälfte Rimbauds, der Teil Rimbauds, der Schwester war. „Sagt mir, wann ich an Bord getragen werden muß“, sind seine letzten Worte: er ist bereit für die große Zeitreise, die er immer noch Abessinien nennt, perfekter Ausdruck für „Ewigkeit“.*
Angefressen vom Krebs, geht er an Bord der endgültigen Kindheit. Bevor er gehen muß, erschöpft von Tränen, das absurde Zeichen seines Genies auf den Falten seines Bettuchs hinterlassend, ein inverser Rimbaud, schaut er aus dem Fenster: „Ich gehe unter die Erde, sagt er zu mir, und du spazierst an der Sonne.“ Nicht ein einziges mal spricht er das Wort „Poesie“ aus: die Literatur befindet sich in diesem Stadium nicht mehr in der Literatur. Sie verkörpert sich anderswo, in einem Anderswo, dem Rimbauds Genie und der Körper seines Genies nicht entkommen können, das sie nie umgehen können. Wir sind hier an der Schwelle zum Geheimnis. Was wir Gott nennen, wohnt in dieser Zone. „Es gibt in Arthurs Fall etwas, das die Ärzte nicht verstehen.“ Und wir, haben wir es verstanden? Noch nicht. Geduld. / Yann Moix, Figaro 3.12., über die Aufzeichnungen der Schwester Rimbauds vom Tod des Dichters.
«Rimbaud mourant» d’Isabelle Rimbaud, Éditions Manucius, 132 pages, 10 €.
*) Abessinien, die historische Bezeichnung für Äthiopien, wo Rimbaud als Waffenhändler tätig war, heißt im Französischen Abyssinie, die Wortform klingt nach abysse, Abyss, Abgrund, das griechische Wort für die Unterwelt.
Zuletzt in L&Poe:
2009 Mrz #42. Frühling in Charlestown
2009 Mrz #57. Neue Aufregung bei den Rimbaldisten
2009 Mai #61. Thomas Bernhard über Rimbaud
2009 Jun #13. Keine Angst vor Yves Bonnefoy
2009 Jul #47. Bachtin: «Inhalt» vor «Form»
2009 Aug 6. Alpenwüste
2009 Aug 017. Left Curve
2009 Okt 86. Sensation
2009 Nov 114. Pantheonisierung
(ältere Artikel finden Sie im Archiv)
(Abessinien vgl. hier #28)
Für Laudatorin Petra Ganglbauer sind die Gedichte von Silke Peters „aufgeladen; knisternde, kurze Stücke, die Zeit lassen, die Raum lassen für ihre Fortschreibung im Kopf des Lesers oder der Leserin“. Sie seien geheimnisvoll, „mit ungewöhnlichen Fährten und bewusst gesetzten Entgleisungen ausgestattet“. Ihre Gedichte „schillern und leuchten. Schön dass es Literatur wie diese gibt.“ Diese Anerkennung habe sie sehr bewegt, gibt die Preisträgerin zu. Schließlich sei es „Künstlernahrung“, wenn man gelobt wird. Vor allem aber freue sie sich, wenn sich jemand mit ihrem Text so beschäftige.
Die Nähe zur bildenden Kunst. Ja, die sei ihr wichtig. Auch in ihrem neuen Zyklus „Sacra“ — einem Projekt, das sie mit der Theologischen Fakultät der Uni Rostock und dem Rostocker Frauenbildungsnetzwerk erarbeitet. Im kommenden Frühjahr ist dazu eine Ausstellung in der Unikirche geplant. …
Sicher schaue sie sich jetzt nach einem größeren Verlag um. Aber ihrem Wiecker Bote Verlag sei sie überaus dankbar. Denn der habe ihr erst den Weg geebnet. Brachte ihren allerersten Gedichtband heraus: „Wassernüsse vermisst“.
Für ihre Worte braucht Silke Peters „die konkrete Begegnung mit den Landschaften und den Menschen“, sagt sie. Ob es nun um Stralsund oder Venedig gehe. „Wichtig ist mir die unmittelbare Anschauung.
Denn ich arbeite mit vielen Details.“ Ob auf Reisen oder in einem Café der Hansestadt. „Der Trick ist, sich jeden Tag hinzusetzen und zu schreiben. Das hat viel mit langem Atem und Ausdauer zu tun“, gibt Silke Peters zu.
Und sie tauscht sich gern mit Gleichgesinnten aus. Organisiert das Bücherfest in Klempenow mit. Oder freut sich auf die nächste Lesebühne im Speicher am Katharinenberg: „Textrabatt“ am 8. Dezember.
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