155. Farbflächen, Wortfolgen

Es hätte des Hinweises auf Kasimir Malewitsch im Anhang nicht bedurft, um mitzubekommen, dass Gennadij Ajgi nicht in ein Poesiealbum mit Puschkin oder Zwetajewa gehört. Eher in eines mit diversen Dichtern Westeuropas wie Alain Lance oder Eugenio Montale.

Aber auch mit den minimalistischen Flächen des gebürtigen Ukrainers Kasimir Malewitsch (1878 – 1935) illustriert könnte man sich die Gedichtbände des tschuwaschischen Dichters Gennadij Ajgi vorstellen. Es gibt sie sogar. Sie helfen zu verstehen, was der Bursche da tut. Auf russisch, wie es ihm 1960 Boris Pasternak geraten haben soll.

1960, da war der 1934 in Schajmurshino in Tschuwaschien Geborene schon längst aus dem Moskauer Gorki-Institut geflogen: „für das Schreiben eines feindlichen Gedichtbuches, das die Grundlagen der Methode des sozialistischen Realismus untergräbt“. Noch eine Schraube weiter, und aus dem Dichter wäre ein Terrorist geworden. Es steckt tief drin im Neu-Sprech der modernen Machthaber – diese bürokratische Lust, Menschen zu verurteilen, zu eleminieren, auszusortieren. …

Der Dichter, der 2006 in Moskau starb, fasziniert also die Verleger. Und die Übersetzer fordert er heraus. So wie minimalistische Maler ihre Betrachter herausfordern: Sätze werden nicht zu Bildern, Bildfolgen nicht zu Geschichten. Auch wenn das große weite Russland, in dessen Herzen Tschuwaschien liegt, natürlich drin vorkommt – mit Feldwegen, Pfahlzäunen, Schnee, Licht und – unbedingt – Birken. Alles Symbole für das unendlich große, fruchtbare und geplagte Land, die man kennt – von Mandelstam, Pasternak und Blok.

Aber bei Ajgi tauchen sie auf wie bei Malewitsch die schwarzen, weißen, grauen Flächen: Sie ziehen den Blick auf sich – und lösen sich gleich wieder auf in Wortfolgen, in denen der Dichter nachzusinnen scheint, halb wachend, halb träumend. Und immer wieder fasziniert von den eigentlich nicht wahrnehmbaren Bedeutungen, die der sinnende Mensch den Dingen, den Erscheinungen und den Worten unterlegt. Das Eigentliche, so scheint es, schwebt und webt hinter den Dingen – so wenig fassbar, dass dem Dichter oft gar nichts anderes übrig bleibt, als vorsichtig ins Unbenennbare zu deuten. / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung 29.11.

Gennadij Aijgi „Immer anders auf die Erde. Gedichte“, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2009, 19,95 Euro

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