Veröffentlicht am 23. Januar 2026 von lyrikzeitung
104 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Bernhard Volkert
Danse macabre
Für Ruth
Kaskaden der Angst prasseln hernieder,
kaum hörbar ertönen sinistere Lieder.
Sieh' diese Wesen: Wie sie sich fliehen,
in lähmende Welt-Furcht sich eilig verziehen.
In endloser Ferne einander verbunden,
mit Fesseln, die stetig sie tiefer verwunden.
Jedes Rühren, jedes Zucken, jedes Fliehen
verstärkt reihum den dumpfen Schmerz.
Von undurchschauten Kräften angetrieben,
sind's Attacken auch, wenn sie sich lieben:
Jedes Nähern zielt geradewegs aufs andre Herz.
Und niemand wird von niemandem verziehen.
Berlin, 29/8/12
Aus: Extrakt. forum stadtpark literatur 2010-2012. Hrsg. Max Höfler. Graz: Verlag Forum Stadtpark, 2012, S. 126
Volkert, Bernd geb. 1971, lebt in Berlin. Mitbetreiber einer Schankwirtschaft, Gelegenheitsautor.
Veröffentlicht am 22. Januar 2026 von lyrikzeitung
173 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Katharina Schultens
eine höhle mit tieren
glauben interessiert mich nicht
nein, seine geheimnisse auch nicht.
was interessiert: traum. gestohlenes, witz. mustervermeidung, sex.
verletzung, druck, mechanismen. warum eins durchgeht, andres nicht.
wo es unaufhaltsam kippt. wie ein kredit entsteht. wie eine schuld.
wieso wir abstraktion nicht knacken können. wohin es rastet.
obs möglich wär zu schummeln. gründe für vollbart. pfeile
wo sie stecken bleiben, ob eins heil werden kann.
was ein schneckenhaus fürs denken bedeutet, wenn ich
seinen linien folge. wohin eins geht, wenns angst bekommt.
wie lange ich hier bleiben kann und warum ich vergesse
wo wir jetzt sind, wenn ich aufwache und mein körper
weiß es und macht diese lücke auf, durch die wind und schmerzen kommen.
warum trauer sich auflöst in anwesenheit bestimmter götter.
was es mich kosten wird, das hier zu benutzen, zu wachsen. ob ein unterlassnes
mich mehr kostet als mein kalkül. dieser unterschied zwischen
es macht nichts, dass es bereits alle zeilen gibt, und:
nichts abzuschneiden, nichts
Aus: Katharina Schultens, Untoter Schwan. Gedichte. Berlin: kookbooks, 2017, S. 8
Veröffentlicht am 21. Januar 2026 von lyrikzeitung
115 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Nora Gomringer
(* 26. Januar 1980 in Neunkirchen/Saar)
Nußbaumederlob
Den Nußbaumeder haben sie gelobt
Wegen seiner bayerischen Dramatik und
Dem Wie-Franz-Xaver-Kroetz-Sein
Gut, Nußbaumeder, haben sie gesagt und
Ihre Münder an Stoffservietten gewischt
Die Cognacgläser gegen das Licht
Vom Starnberger See gehalten
Sie geschwenkt und guter Cognac gesagt
Den Nußbaumeder haben sie dann vergessen
Weil das Essen gut und der Rock der Bedienung
Vielleicht etwas kürzer war
Das Stück mit dem Gurkenflieger und den Polen
Haben sie gar nicht verstanden
Aber gelobt haben sie den Nußbaumeder
Weil er ein bayerischer Dramatiker ist
Und Bayern so einen braucht
Aus: Neubuch. Neue junge Lyrik. Herausgegeben von Ron Winkler. Riemerling bei München: yedermann, 2008, S. 147
Christoph Nußbaumeder (* 1978 in Eggenfelden) ist ein deutscher Dramatiker und Autor. https://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Nußbaumeder
Veröffentlicht am 20. Januar 2026 von lyrikzeitung
232 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Stephen Knight
(* 1960 in Swansea, Wales)
Bei Ungeheuern
Auf dem Weg zum Bett a) Die Treppe stur
nach oben gehen. Stufenzahl merken. Nie zum Flur
der Treppe rasen oder versuchen, auf diese Tour
Schatten in die Ecke zu jagen.
b) Unterm Bett Bücher und Comics in Stellung bringen –
Es empfiehlt sich noch immer die Bibel. c) Klingen
aus Solingen unweit vom Kopf verstreuen. Vor allen Dingen
vorher polieren. Vati freundlich
darum bitten, sie für einen zu schleifen.
d) Stets ins Bett springen: Ungeheuer streifen
hinterm Bettvolant umher bis zum Reifen
des Taus im Garten.
e) Vorm Einschlafen die Lage mit dem Gesicht zur Tür wählen.
Die ganze Nacht so verharren. Zu empfehlen
sind Schnüre, um nicht zu verrutschen, dann f) Schafe zählen,
um die Knoten nicht überzustrapazieren.
NB: Sein Bett stets vom Fenster ein gutes Stück weit
weg postieren, und dem Zimmer bei Tage die Möglichkeit
geben zu atmen, doch niemals, niemals in der Zeit,
wenn die grauen Abende der Nacht weichen.
g) Beobachten, wie, wenn die Sonne versinkt,
die Gardine mit den sonderbarsten Gestalten winkt.
Dem ihnen aberkannten Grinsen gelingt
es, sich in der Stille neu zu formieren.
Beim Vernehmen des Herzschlags auf dem Kissen
h) Jeden Ton zählen, bei Nicht-mehr-Wissen,
wieviele Stufen bedacht werden müssen,
ehe das Blut in den Adern steht
i) Nachsehn, wie's den Klingen geht.
Aus dem Englischen von Thomas Gruber, aus: Schreibheft 46, 1995, S. 176
Veröffentlicht am 19. Januar 2026 von lyrikzeitung
44 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Arne Rautenberg
Wider den Furor der Tage
Wider den Furor der Tage
das Gefühl absoluter Ohnmacht
schalte ich morgens
nach dem Aufwachen
mit der Fernbedienung
den Regen an
Aus: Krachkultur 5 (1995). Literaturmagazin. Bunte Raben Verlag Lintig-Meckelstedt. Hrsg. Fabian Reimann & Martin Brinkmann, S. 28
Veröffentlicht am 18. Januar 2026 von lyrikzeitung
115 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Konstantin Ames
Raum (uncensored)
Freiheit ist kein Hafenbecken, erst recht keine Statue.
Freiheit ist kein Dieb, Freiheit ist ein Thüringer.
Freiheit ist Langeweile, Freiheit ist deine Fußgängerfurt.
Freiheit, schon angezählt, ist reine Kopfsache. Denk es o
Freiheit ist Kartoffelbrei auf Glas
ÜBUNG 3. Basteln Sie zusammen mit Gleichgesinnten gut sicht-
bare Schilder, Banner, etc. etc., etwa in dieser Art:
STREICHT DAS NIVEAU NICHT!
ZENSUR = KULTURDIEBSTAHL (Kehrseite)
Melden Sie, und dies bitte rechtzeitig, eine Demonstration an vor
dem Gebäude in der Trierer Straße 33, 66111 Saarbrücken. Blei-
ben Sie kultiviert, Sie spielen sonst den Zensoren in die Hände.
#ausbreitzen
Aus: Konstantin Ames: Völklinger Schulderung. Industrial Writing / Romantische Medien. Poem • Essay. Berlin: EDITION Noack, 2025, S. 37
Veröffentlicht am 17. Januar 2026 von lyrikzeitung
152 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Ulf Stolterfoht
Aus: die mappe hochwechsler
(16)
sitz ich an meiner biergarnitur vor der hütte und will die lyrik
auf ein neues level heben, muss ich sofort an meine beete denken:
haben denn nicht auch salat, schnittlauch und zwiebeln meine avan-
cierte hand verdient? ich denke, schon! so steh ich auf und gieß
und jäte und les die schnecken einzeln aus. doch wisset: die hand,
die diese schnecken quetschte, hat auch ein feines textgespür!
(19)
die reichen dürfen die sexualität erleben, ich armer tropf
darf nicht mal daran denken – der abt hats untersagt. so
bleiben mir most, schnupftabak und komplizierte lyrik –
von diesen dreien aber wirkt der most am stärksten! zwei
bembel und du hörst die englein singen. dann vielleicht noch
ein schladminger oben drauf – und getröstet ab in die kiste!
Aus: Ulf Stolterfoht, die mappe hochwechsler: 150 gedichte von der kalten alp. roughbook 069, Berlin und Schupfart, Januar 2026, S. 34f
Veröffentlicht am 16. Januar 2026 von lyrikzeitung
349 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.
Ilse Kilic
Ohne Titel. Auszug.
Anmerkung: Das Gedicht ist zweispaltig gedruckt, Randbemerkungen
und 2 Zeichnungen in der rechten Spalte.
Unter dem Haupttitel „Ohne Titel“ steht ein weiterer Text.
| Allgemeine Plätze Die Münze ist hart, der Scheck ist weich verschenkst du Geld, dann bist du reich du nimmst nichts mit aus dieser Welt die hart und weich zusammenhält der Tod hat einen harten Tritt aus dieser Welt nimmst du nichts mit Der Sinn des Lebens: unbekannt er wird auch Fehlfunktion genannt die Sprache hält das Leben fest solange es sich halten lässt. Und hart gebogen wird das Leben als Hauptwort und als Haken eben. Das Herz ist weich, die Butter auch weich ist der Speck rund um den Bauch hart ist der Kalk im Herzen innen zur Kruste will das Blut gerinnen. Hart ist der Zahn, bevor er bricht das Licht ist weich, der Schatten nicht. Die Zeit wird Zahn. Wer nagt, der klagt. Die Zeit wird Kahn. Wer zagt, der klagt. Die Zeit wird Wahn. Wild ist die Fahrt. Der Start wird Ziel. Das Ziel wird Start. Die Zeit wird Topf. Der Tropfen tropft. Das Loch wird mit der Hand gestopft. Bald steht der geht, bald liegt der steht es wird das Ich zum Ach gedreht. Hart ist die Haut, die Knie sind weich aus bald wird jetzt, aus dann wird gleich. Es eilt doch nicht! Ich warte gern. Es ist noch Zeit. Die Zeit ist fern. Die Sprache singt. Die Zeit verstreicht. Die Sprache zwingt. Der Stein erweicht. Das harte Wort steht schwarz auf weiß. Die Suppe bleibt nicht lange heiß. Das Standbild schlug man aus Granit. Aus dieser Welt nimmst du nichts mit. | Ein allgemeiner Platz ist nicht nur ein Erholungsplatz für die so genannte Allgemeinheit, sondern auch ein Denkinhalt, der häufig verwendet wird und daher als bekannt vorausgesetzt werden kann. Biegung eines Hauptwortes: Deklination Bald liegt der steht: Davon schreibt auch Fritz Widhalm in seinem Buch: „Ein Stelldichein“. Daneben Zeichnung der Freiheitsstatue, Text: Das ist nicht Pocahontas |
Aus: Extrakt. forum stadtpark literatur 2010-2012. Hrsg. Max Höfler. Graz: Verlag Forum Stadtpark, 2012, S. 53f
Veröffentlicht am 15. Januar 2026 von lyrikzeitung
Veröffentlicht am 14. Januar 2026 von lyrikzeitung
157 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Florian Kranz
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg
Der Tag ist ein Topf: Wir erwachen elend im
Winter, der nie schweigt. Dort ein Apfel am
einsamen Erlenpfad, dort, weit wichtiger,
die Schneegewitter am Wipfelrand – in Rot,
denn der Planet schreit oft. Im Ei war ewig
meine Plage frei schattiert worden, Wind
trat empor, die Lawine weint – freches Ding.
Welch ein Dampf einen wieder tritt! Sogar
der arme Tod stapft weinerlich weg, in ein
Wort mit weniger Licht. Da – der Napf; ein See,
der Tang erpicht wirft, wie die namenlose
Piratenwitwe, deren Leiche sanft modrig
im Dorfe liegt. Ich warte an den Pisten. Wer
litt, wer mag ich sein? Wanderer? Feind? Poet?
Anagrammgedicht aus einer Zeile des Gedichts »An Anna Blume« von Kurt Schwitters
Aus: Jahrbuch der Lyrik 2023. Herausgegeben von Matthias Kniep und Sonja vom Brocke. Frankfurt/Main: Schöffling & Co., 2023, S. 41
Kranz, Florian, * 1994, lebt in Brüssel. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien.
Veröffentlicht am 13. Januar 2026 von lyrikzeitung
249 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Kurt Schwitters
(* 20. Juni 1887 in Hannover; † 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England)
An Anna Blume. Merzgedicht 1
O du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne, ich liebe dir! – Du deiner
dich dir, ich dir, du mir. – Wir?
Das gehört [beiläufig] nicht hierher.
Wer bist du, ungezähltes Frauenzimmer? Du bist – – bist du? – Die Leute
sagen, du wärest, – laß sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm
steht.
Du trägst den Hut auf deinen Füßen und wanderst auf die Hände, auf
den Händen wanderst du.
Hallo, deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt. Rot liebe ich Anna
Blume, rot liebe ich dir! – Du deiner dich dir, ich dir, du mir. – Wir?
Das gehört [beiläufig] in die kalte Glut.
Rote Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?
Preisfrage: 1. Anna Blume hat ein Vogel.
2. Anna Blume ist rot.
3. Welche Farbe hat der Vogel?
Blau ist die Farbe deines gelben Haares.
Rot ist das Girren deines grünen Vogels.
Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid, du liebes grünes Tier, ich liebe
dir! – Du deiner dich dir, ich dir, du mir, – Wir?
Das gehört [beiläufig] in die Glutenkiste.
Anna Blume! Anna, a-n-n-a, ich träufle deinen Namen.
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.
Weißt du es, Anna, weißt du es schon?
Man kann dich auch von hinten lesen, und du, du Herrlichste von allen,
du bist von hinten wie von vorne: „a-n-n-a“.
Rindertalg träufelt streicheln über meinen Rücken.
Anna Blume, du tropfes Tier, ich liebe dir!
Erstveröffentlichung 1919.
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Veröffentlicht am 12. Januar 2026 von lyrikzeitung
683 Wörter, 4 Minuten Lesezeit.
Am 11. Januar wäre Bert Papenfuß 70 Jahre geworden. Lyrikzeitung setzt die Papenfußserie fort: 1 Gedicht aus jedem Papenfußband. Wir sind noch nicht einmal in der Mitte. Heute aus dem schönen großformatigen Buch „routine in die romantik des alltags“, der 1995 bei Gerhard Wolf erschien, durchweg gestaltet mit Zeichnungen von Helge Leiberg.
Bert Papenfuß
(* 11. Januar 1956 in Stavenhagen; † 26. August 2023 in Berlin)
Aus: Die Admoralität des Antifurzes
4
in einem nur wenige quadratmeter großen bunker
inmitten eines kakteenfeldes in friedrichshain
schreitet der kapellmeister über den untergrund
& führt seine angegriffene gesundheit spazieren
und leerdarm zog sich die jacke an, der krummdarm
setzte sich den hut auf, gegenüber focus sagte
zadek, daß diepgen sich noch wundern würde
wie einst in leverkusen am magen-darm-kanal
so auch in darmstadt im ruhrgebiet, in neumagen
an der knatter, in st. gallen & in insterburg
5
blinddarm, waage, venusdurchbruch
unerträgliche lust, ich hab's gewagt
wir schauen jetzt wieder auf den DAX
sorgenglück im massenschritt des
aufsteigenden, querverlaufenden
& absteigenden dickdarmstrangs
in dem die satansgrimmels hausen
& sich in allen tugenden suhlen
ruhe weg, & alles geht sein' gang
dahl spricht, papenfuß antwortet nicht
in seinem unverständlichen deutsch
wah-wah, wat? pogg, pogg, patt
wat is' dat hier schön natt
6
mastdarm, schliesser, IM arsch
skorpion, pluto, hämorrhoiden
darmanesti, pforzheim, grimmen
frankfurz, arschinskoje am ob
kackstadt am main, lauchhammer
gott, wie das ascoffin durchhaute
&'s c-vitchen im krater somm
von zorn & hohn, opferblut
& heldengut, betäubung &
erwachen, empörung & zusam-
menbruch, völkerfrühling &
volksbühne, not & kampf
die anbetung des klapses
laut lord ödipus byron
angeschissene scheißen zurück
in meinem trabbi saß ich
auf honecker zu rast' ich
drauf & dran, jugend voran
Libretto für die Performance IM Arsch.
In Zusammenarbeit mit Tone Avenstroup, Hans Petter Dahl und Stefan Döring.
Musik: Ornament und Verbrechen, H.P. Dahl
Aus: routine in die romantik des alltags. Bert Papenfuß, Gedichte. Helge Leiberg, Zeichnungen. Berlin: Gerhard Wolf Janus press, 1995, S. 67
Gegen meine sonstige Gewohnheit hier ein paar Handreichungen für Leser. Keine Entschlüsselung, sondern Material zum Weiterführen des infernalischen Spiels.
1. Zeit-, Politik- und Medienreferenzen
Peter Zadek
„gegenüber focus sagte / zadek, daß diepgen sich noch wundern würde“
Eberhard Diepgen
FOCUS
DAX
„wir schauen jetzt wieder auf den DAX“
2. Geografische und toponymische Sprachspiele
Wortzerlegungen / Kontaminationen:
Diese Orte bilden eine groteske Kartografie des Verdauungstrakts, zugleich nach Belieben West / Ost, Provinz / Metropole, BRD / DDR / Nachwendelandschaft etc.
3. Theater-, Literatur- und Mythologie-Bezüge
Ich hab’s gewagt (Ulrich von Hutten)
Grimmelshausen (so heißt ein Städtchen, aber vor allem ein Dichter, der im 30jährigen Krieg kräftig auf die Tube drückte, auch in der Lust am groben Wortspiel)
Volksbühne
„völkerfrühling & volksbühne“
Ödipus
„laut lord ödipus byron“
„dahl spricht, papenfuß antwortet nicht“
4. DDR- und Nachwende-Anspielungen
„IM arsch“
Drauf und dran: in der DDR-Schule präsenter Slogan aus einem Bauernkriegslied
Jugend voran: DDR-Losung, omnipräsent im DDR-Alltag
Beides läuft oder fährt schnurstracks zu auf
Erich Honecker
„in meinem trabbi saß ich / auf honecker zu rast‘ ich“
5. Leitmotivische Struktur: Verdauung als Weltmodell
Die fortlaufende Benennung:
bildet eine antiteleologische Gegen-Anthropologie:
Der Titel Admoralität wird hier wörtlich vollzogen: keine Gegenmoral, sondern deren Auflösung im Körper.
(Und jetzt zurück zum Gedicht)
Veröffentlicht am 11. Januar 2026 von lyrikzeitung
104 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Robert Gernhardt
(* 13. Dezember 1937 in Tallinn, Estland; † 30. Juni 2006 in Frankfurt am Main)
Deutung eines allegorischen Gemäldes
Fünf Männer seh ich
inhaltsschwer –
wer sind die fünf?
Wofür steht wer?
Des ersten Wams strahlt
blutigrot –
das ist der Tod
das ist der Tod
Der zweite hält die
Geißel fest –
das ist die Pest
das ist die Pest
Der dritte sitzt in
grauem Kleid –
das ist das Leid
das ist das Leid
Des vierten Schild trieft
giftignass –
das ist der Hass
das ist der Hass
Der fünfte bringt stumm
Wein herein –
das wird der
Weinreinbringer sein.
Aus: Ich bin so knallvergnügt. Gedichte, die fröhlich machen. Herausgegeben von Clara Paul. (insel taschenbuch 4356) Berlin: Insel, 2015, S. 120
Veröffentlicht am 10. Januar 2026 von lyrikzeitung
85 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Tom Nisse
FREUND ICH STELLE FEST
Es gibt Abende wo
ich es vorziehe
über Revolutionen statt
über Hunde zu sprechen
man beschnuppert sich und
eines Morgens stelle ich
verdutzt fest die Nase
die Nase Tristan Tzaras
ragt aus den Regalen
und mein Wunsch wäre es
auch weiterhin diesen Schönheitsfleck
fast unversehrt zu küssen.
Aus dem Französischen von Jérôme Netgen, aus: Tom Nisse: Dass ich dich so beschnuppere. Gedichte aus dem Französischen. Köln: parasitenpresse, 2012 (Gedichte aus Belgien, Luxemburg und den Niederlanden / parasitenpresse benelux, Nr. 3), S. 4.
Veröffentlicht am 9. Januar 2026 von lyrikzeitung
156 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Jayne-Ann Igel
***
»Jedes wort birgt einen widersinn in sich« notierte ich ins tagebuch, und der auslöser für diesen gedanken war, daß ich kurz zuvor das wort flußläufe gelesen und dabei die läufe eines tiers vor augen hatte, daß also auch der fluß nichts anderes als eine wesenheit, die sich auf ihren läufen fortbewegt durch raum und zeit, über stock und stein, wie es oft heißt, auf läufen, die ermüdet und kalt, bläulich verfärbt – Das wasser läuft, man läßt es laufen, das gezähmte im hause, manchmal sieht man es überlaufen, und ich stellte mir vor, daß es ein tausendfüßler, der in fließender bewegung, gleich der rede, die in fluß geraten, aus anfänglichem stocken und stolpern erlöst, einem stottern… immer dies gehen, dies sich festhaken an einem wort, das vielfüßig sich behauptet, im vers, dies buchstabieren von neuem …
Aus: Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018. Hgg. v. Michael Braun und Hans Thill. Heidelberg: Das Wunderhorn, 2018, S. 119
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