Feuerkopf

876 Wörter, 5 Minuten Lesezeit.

Wolfgang Bauer 

(* 18. März 1941 in Graz; † 26. August 2005 ebenda)

Aus: Der Feuerkopf. Roman in Briefen

Lieber Heinz!

Noch immer Rio, am 3. Februar 1964

Jetzt ist der noch immer in Rio! höre ich Dich sagen. Ja. Ich bin noch immer in Rio! Aber glaube nicht, daß ich mich entschlossen habe umzukehren. Demnächst startet unsere Expedition nach Canca.

Das ist so sicher wie nur etwas! Ich sende Dir nur inzwischen einen kleinen Lagebericht.

Wie Du ja weißt, sind wir in allen unseren Unternehmungen gebunden. Finanziell einerseits an Celsia, und was den Weg nach Canca betrifft, an den Capitano. Letzterem gefällt es aber in Rio so gut, daß er beabsichtigt, noch ein paar Tage hier zu verweilen. Ihm haben es natürlich vor allem die Bordells angetan –und Du kannst Dir vorstellen, daß die gesamte Halbwelt von Rio vom doppelten Capitano begeistert ist. Schließlich ist der alte Seebär hier ja kein Unbekannter mehr. Ich persönlich bin guter Dinge, zumal ich mich mit Celsia wieder versöhnt habe, ja sogar an eine eventuelle Ehe denke! Ich würde mich natürlich von meiner Grazer Freundin offiziell trennen.

Ordnung muß sein. Ohne sie (Ordnung) könnte ja die ganze Welt zumachen. Wir sind alle in einem sehr komfortablen Hotel einquartiert. Die Bedienung (Neger!) läßt vielleicht etwas zu wünschen übrig. Aber sonst bin ich ganz zufrieden. Alex ist im Nebenzimmer einquartiert und dichtet wild darauf los. Er hat in den letzten Tagen an die hundert Maschinenschreibseiten gedichtet. Die Möglichkeit, eine Schreibmaschine zu Dichtzwecken zu verwenden, war ihm gänzlich neu. Um so mehr gefällt es ihm jetzt. Ich soll Dir (bitte sei mir nicht böse!) zwei seiner neuesten Gedichte in den Brief hereinschreiben:

RIO
Flammenwedel der Erde
Schimmernde Mulattenpupille
Eukalyptusbaum
Asphaltstraße
Zuckerhut (Wagemut)
Tropengrauer Himmel
Knochige Gesichter
Ich bin ein Dichter!

Oder:

CHAOTISCH
(Das Gedicht heißt so, ich kann nichts dafür.)
Turbulenz der Meereswellchen
Dichter Stadtverkehr
Brodelnde Menschenmenge
Die Glocke, die zum Essen läutet
Voller Speisesaal
Uppiges Mittagsmahl
Tanzbeine
Musikkapelle
Tobende Musik
Musikkapelle
Turbulenz einer Gewitternacht
Farbenpracht
Vulkane
Zuckerhut
Flammenwedel der Erde
Musikkapelle (Wagemut)
Tanzbeine
Musikkapelle
Ich bin ein Dichter!
Musikkapelle
Turbulenz der Asphaltstraße
Tropengraue Mulattenpupille
Musikkapelle
Musikpupille
Musikkapelle
Eukalyptusbaum
Dichtester Stadtverkehr
(Wagemut)
Musikkapelle
(Wagemut)
Chaotisches Rio!
Musikkapelle

Ich habe absichtlich die beiden kürzesten Gedichte ausgewählt. Bei all seiner poetischen Potenz verwendet er, wie Du siehst, in jedem weiteren »Werk« große Teile des vorangegangenen. Ich fragte ihn auch, weshalb er das Wort »Musikkapelle« immer wieder hinschreibe. Er antwortete nur mürrisch: »Stimmung!« Na bitte, er muß es ja wissen.

Gestern, und das wollte ich Dir vor allem schreiben, bummelte ich des Abends, kurz nach der Dämmerung, mit Celsia ein wenig am Strand herum. Du kennst sie ja aus meinen Briefen und weißt, daß sie stets Überraschungen bereit hat. Gestern aber schien sie sehr traurig zu sein, auch ihr Gewand verfärbte sich nur einmal, und zwar in Schwarz, und blieb dann die ganze Nacht so. Sie sagte, sie sei in Sorgen wegen der Expedition, das wäre nichts für sie. Ja, schließlich äußerte sie sogar Todesgedanken! Die konnte ich ihr aber mit meinem schon sprichwörtlichen Bummelwitz gleich wieder austreiben. Wir saßen längere Zeit im Sand und sahen in die schwarzen Fluten hinaus. Auf einmal wurden zwei weiße Punkte (vom Mondlicht beschienen) im Meer sichtbar. Offensichtlich schwammen da zwei Menschen mit weißen Kopfbedeckungen einher. Als sie in unserer unmittelbaren Nähe aus dem Wasser stiegen, sah ich, daß es ein Pärchen war.

Beide hatten die Uniformen von Bäckern an.

Schneeweiß – und stell Dir vor! – nicht einmal durchnäßt, ja noch dazu mehlbestaubt, setzten sich sich neben uns nieder. Ganz junge Dinger noch.

Er war vielleicht 28, sie aber sicher nicht älter als 17 Jahre. Sie fragte mich, auf deutsch, ja mit einem leichten kärntnerischen Akzent, wie spät es sei.

Ich sagte ihr die Zeit, worauf beide höhnisch kicherten.

Wir kamen daraufhin mit ihnen ins Gespräch.

Er war ein eher einfältiger, grobschlächtiger Mensch, sie ein recht aufgeweckter Teenager. Er hieß Hubert Fabian Kulterer und sie Karin. Wie sie noch hieß, habe ich nicht verstanden. Beide wohnten, wie sie sagten, in Canca!!

Ich sagte ihnen, daß wir, Celsia und ich und der Capitano, auch dorthin wollten.

Daraufhin wurden die beiden plötzlich ernst und Hubert Fabian fragte, ob wir überhaupt angemeldet seien.

Ich verstand ihn nicht, darauf sagte er: »Weil Sie ein Österreicher sind, kriegens vielleicht a Protektion!«

Ob er das zynisch oder ehrlich gemeint hatte, wußte ich nicht. Diesem Burschen war jedenfalls nicht zu trauen. Wäre er nicht in Canca wohnhaft gewesen, ich hätte ihn ohne Umschweife für Deinen werten und gleichnamigen Freund gehalten!

Als die beiden weggingen, sagte Karin noch: »Wir sehen uns dann also in Canca wieder. In der Bäckerei!«

In der Bäckerei?

Für heute, lieber Freund, will ich Dich mit dieser Frage entlassen.

Um so gespannter erwartest Du dann meinen nächsten Brief. Auch er wird vielleicht noch aus Rio kommen.

Tschau! (Ich erlaube mir Alex‘ Gruß zu übernehmen!) Dein Freund Frank.

Liebe Grüße auch an Karin. Ist sie den hoffentlich schon vom Schifahren zurück???

P.S. Unter mir wird sich bestimmt wieder dieser Trottel von Ulf unterschreiben! Beachte ihn nicht mehr!

Frank

Ulf

Aus: Wolfgang Bauer: Die Sumpftänzer. Dramen, Prosa, Lyrik aus zwei Jahrzehnten. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1978, S. 172ff

Hauptsächlich als Dramatiker irritierend, waren doch seine Auftritte als Lyriker, Romancier und Feuilletonist äußerst erfolgreich und populär, im gleichen Ausmaß, in dem sie die Anforderungen der Gattung jeweils nicht erfüllten.“ (Literaturverlag Droschl)

Der Körper und das Blut auf den Knien

1.115 Wörter, 6 Minuten Lesezeit.

Zweiter Teil der Rezension von Diego Valverde Villena: Feuerzungen. Gedichte. Aus dem Spanischen von Harry Oberländer.  [span./dt.]. Frankfurt/Main: Edition Faust, 2024. Teil 1. Fortsetzung folgt. Erster Teil hier.

Von Michael Gratz (Greifswald)

2. Poetische Programmatik

Literarische (Walther) und theologische Schlüsselstelle

 Valverde betont im Vorwort seine enge Beziehung zur deutschen Dichtung. Als Student stieß er auf eine zweisprachige Ausgabe deutscher Minnesänger, vor allem Walthers von der Vogelweide, dessen Werk für ihn von einer „speziellen Art Heiterkeit“ getragen ist, als sei es „mit einem Lächeln auf den Lippen“ geschrieben. Die Lebenslust dieser Dichtung übertreffe jene der provenzalischen Dichter, der Troubadours. Und er führt ein Zauberwort an, für ihn „das ewige Schibboleth des Minnesangs“, es ist das Wort „Tandaradei“, er sagt: „Ein Gesang, der die Wunder des Lebens feiert, ohne ihr Geheimnis preiszugeben.“ Die Feier des Lebens und insbesondere der Frau ist denn für ihn der Kern seiner Dichtung, er führt neben Walther noch Dylan Thomas als Kronzeugen an und dann Goethe, das Ewig-Weibliche. Ich lese zunächst jenes Gedicht „Betende Polinnen“, in dem (in der deutschen Fassung) das Wort Feuerzungen vorkommt, als Schlüsseltext.

BETENDE POLINNEN

Die Heilig-Kreuz-Basilika
wo die Herzen sind

und die betenden Mädchen

die Kerzen ihrer Pupillen
verschütten ihr Wachs
über mich

Knie an Knie

der Körper und das Blut
auf den Knien

Ihre Augen Feuerzungen

Dem Mysterium hingegeben
wandelt ihr Leib sich zur Hostie

Es gibt die Kommunion
auf eine dritte Weise

Der Name der Kirche (in Warschau) erscheint in der ersten Zeile, und der Rest des Gedichts bis auf die bilanzierenden zwei Schlusszeilen handelt von den Mädchen, die dort knien; die Herzen, die dort „sind“, mögen gleichfalls die der Mädchen sein, aber vordergründig muss man an das Herz Frédéric Chopins denken, das auf abenteuerlichem Wege dorthin gelangte (seine Schwester entnahm das Herz des in Paris Gestorbenen auf seinen eigenen Wunsch, es wurde in Cognac konserviert und heimlich über die damals russische Grenze nach Warschau gebracht und 1879 in einem gläsernen Gefäß in der Heilig-Kreuz-Kirche deponiert) und überdauerte (was alles andere als selbstverständlich ist, die Kirche wurde bereits in den ersten Kriegstagen 1939 bombardiert und nach dem Warschauer Aufstand von den Deutschen gesprengt, aber ein deutscher Offizier sicherte das Herz und gab es in ein Kloster, von wo es nach dem Wiederaufbau der Kirche zurückgegeben wurde und bis heute dort ruht), das eine Herz also, und die Frage nach den Herzen im Plural bringt uns auf die Mädchen zurück, die dort beten, wahrscheinlich haben sie Kerzen angezündet, die Metaphern des Dichters vermischen das Wachs ihrer Kerzen mit den Pupillen der Mädchen, die ihr Wachs über den Betrachter verschütten, man muss ihn sich vorstellen, die Zeilen, die Metaphern gehen ineinander über, Knie an Knie also, der Körper und das Blut (!) auf den Knien (!), und erst jetzt erscheinen die Augen, die zu den Pupillen gehören, die Augen sind die Feuerzungen, wo immer sich das „über mich“ vergossene Wachs befindet, jetzt sind es die Mädchen, deren Leib sich in einem chemischen Prozess verwandelt „zur Hostie“, der Leib Christi, der beim Gottesdienst von den Gläubigen verzehrt wird, eine kannibalistische Metaphorik, die dem evangelisch Sozialisierten Schauer durchs „Gebein“ (ach, für uns nur eine klopstocksche Metapher) schickt – diese abenteuerliche Mischung von Theologie und Erotik mündet in eine an Schluss anscheinend wieder nüchterne Bilanz:

Es gibt die Kommunion
auf eine dritte Weise

Die zwei Weisen der Kommunion verweisen entweder auf theologische Diskurse oder auf kirchliche Praktiken, sprechen wir jetzt von eucharistischer und geistlicher Kommunion oder beziehen uns auf die zwei Weisen der Kommunion im Sinne eines Umgangs mit der Hostie im Gottesdienst, sub una oder sub utraque specie, darein wollen wir uns hier nicht vertiefen, hier interessiert allein die „dritte Weise“. Valverdes Gedicht führt eine Art vor unsere Sinne, die direkt den Umgang mit seinen Gedichten betrifft. Dabei spielt er poetisch auf etwas Mystisches und Erotisches an:

• Nicht die sakramentale Kommunion unter einer oder zwei Gestalten, sondern

• eine mystische, leiblich-spirituelle Vereinigung, die im Blick oder im Körper der Frau erfahrbar wird.

Das Gedicht verwandelt also eine klar definierte kirchliche Lehre (Kommunion sub una/sub utraque specie) in ein metaphorisches Liebes- und Mystikmotiv.

Dabei ist es keineswegs nur eine besondere Eigenschaft dieses einen Gedichts – fast in jedem einzelnen spielen sich solch komplexe (soll ich sagen lustvolle? Aber ja!) Vorgänge zwischen Bildspender und Bildempfänger ab. Die semantischen Interferenzen und Verschiebungen (zwischen erotischem Bildträger und theologischer Bedeutung) feiern Hochmessen. Die Doppelstruktur der Metapher entfaltet maximale Wirksamkeit. 
Identifikation und Differenz stehen in hoher Spannung und produktiver Überlagerung. In dem Gedicht „Muttermale“ blickt er auf die Muttermale auf ihrer Haut, die Haut ist eine Landkarte (ein Metaphernkomplex, auf den zurückzukommen ist), aber die Karte verändert sich, „Aber gestern war es genau dort!“

MUTTERMALE

Ich schwöre, dass das Muttermal hier war, hier!

Mit dem Blick decke ich die Karte aus Haut
Da ist es nicht

Aber gestern war es genau dort!

Warum ändern deine Muttermale ihren Ort?
Was macht sie zu Pilgern?
Welch mächtiger Magnetismus regiert
seine merkwürdigen Bewegungen?

Ah, deine wandernden Muttermale!

Sie sind die Punkte auf dem Würfel Gottes.

Sie rollen durch den Spieltisch deiner Haut.
Jeden Morgen, jeden Abend, jede Nacht
wird in den gezinkten Falten deiner Haut
um mein Schicksal gespielt.

Oder in umgekehrter Richtung in dem Gedicht „Beim Verlassen der Messe“. 

BEIM VERLASSEN DER MESSE

Ich hätte es drinnen erwartet
doch es geschah draußen

Nur ein Augenblick

Gott sah mich an

Sie zitterte

(Das Gedicht hat ein Motto von Juan del Enzina, auf das hier an anderer Stelle einzugehen ist)

„Es“ ist der zündende Moment, der Blitz zwischen den beweglichen Ebenen des metaphorischen Spiels. Erst beim Verlassen der Messe geschah „es“, ein blitzhafter Augenblick, Gott wird für einen Moment sichtbar, und „sie“ zitterte. In meiner Lesart ist hier nicht die feministische Frage nach dem Geschlecht Gottes gemeint, sondern „sie“, die erotische Partnerin – in diesem blitzhaften Moment geschieht „es“, und „sie“ zittert. Welche Dynamik zwischen den wenigen lakonischen Worten!

Katholisch oder evangelisch macht in dem Moment keinen Unterschied, Goethe, dem sich der Dichter ja verbunden fühlt, ist hier ganz nah, wie in dem Gedicht „Das Tagebuch“, das zumindest im 19. Jahrhundert heikel war, weil es sexuelle Impotenz im Moment des Seitensprungs darstellt und demgegenüber in der Erinnerung an die Anvertraute die sexuelle Erregung sogar in der Kirche aufruft:

Vor deinem Kreuz, blutrünst’ger Christe,
Verzeih mir’s Gott! da regte sich der Iste.

Wobei der „Iste“ hier nur verhüllende Bezeichnung für das männliche Geschlechtsteil ist. – Im Moment, da ich das aufschreibe, wird mir der große Unterschied zwischen beiden Dichtern bewusst. Goethes Gedicht denkt Sexualität mit theologischer Sprache – nicht Theologie mit sexueller Provokation. Bei Valverde aber ist es echte Metaphorik, man kann die Ebenen gar nicht voneinander trennen, beide Seiten sind jederzeit gleichzeitig anwesend, das Metaphernspiel entsteht durch die unaufhörliche Verschiebung der Grenzen zwischen Bildspender und Bildempfänger. 

Fortsetzung folgt.

Diskrete Dichtung

1.181 Wörter, 6 Minuten Lesezeit für 8 Gedichte

Autor*innen (Auswahl)
  • Michael Augustin
  • Gabriele Hasmann
  • Stefan Heuer
  • Ulrich Jösting
  • Kai Pohl
  • Sophie Reyer
  • Silke Vogten
  • Tom de Toys

G&GN-INSTITUT, Düsseldorf im Januar 2026 / In der frisch erschienenen Antilyrik-Anthologie „DISKRETE DICHTUNG“ präsentieren sich 12 Autoren garniert von Collagen des Künstlerduos Stefan Heuer & Boris Kerenski mit „totgeschwiegenen Gedichten für Lyrikhasser, nicht für den Deutschunterricht geeignet“, so der Untertitel. Die Texte stammen von Michael Augustin, Marvin Chlada, Claus Eckermann, Gabriele Hasmann, Stefan Heuer, Ulrich Jösting, Tanja ‚Lulu‘ Play Nerd, Kai Pohl, Sophie Reyer, Clemens Schittko, Silke Vogten und dem Herausgeber Tom de Toys, der im Vorwort schreibt:

„Eine Anthologie mit Gedichten kann den Lauf der Dinge zwar nicht grundlegend ändern, aber wenigstens lässt sich so dokumentieren, dass es Literaten gibt, die sich der Königsdisziplin Poesie auf eine extrem kritische und sogar selbstkritische Art und Weise widmen; denn alle hier versammelten Autoren sind selber gestandene Persönlichkeiten der Lyrikszene und daher irgendwie mehr oder weniger ungewollt oder aus Notwehr Nestbeschmutzer. (…) An dieser Stelle sei betont, dass die Lyriker, die hier zusammenfanden, nur eine Handvoll hergelaufener Narren sind, die für kein Königtum arbeiten und daher der eigenen Szene und damit auch gleichzeitig sich selber den Spiegel vorhalten.“

Michael Augustin


V-Leute

Angeblich werden rund dreiundsechzig Prozent
aller deutschsprachigen Gedichte von in die
Poesieszene eingeschleusten V-Leuten geschrieben

Gabriele Hasmann

Totgeschwiegene Zeilen

Man sagt, Gedichte sollen tanzen,
in Feuilletons Champagner trinken,
sich auf Podien verneigen,
mit wichtigem Blick und gestärktem Hemdkragen.

Meine Verse tragen Turnschuhe,
kauern im Hinterhof,
spucken auf das Glanzpapier
der Lyrik-Preisjurys.

Sie hassen die Soufflésätze
der Stipendiaten,
die Glitzermetaphern
der Förderprogramme.

Totgeschwiegene Zeilen
machen keine Karriere.
Sie flüstern nur in Hinterzimmern:
"Fuck the System."

Und das reicht ihnen völlig.

Stefan Heuer

Zeichensetzung

und die
die bei,
mir immer
bemäkeln ich könnte!
keine kommata
setzen
und, wüsste nicht mit
ausrufezeichen
!umzugehen
sind gottseidank
die
mit, dem fragezeichen
auf der Stirn

Ulrich Jösting

gänseblümchenblätter

weine wasser in dem dunklen zimmer schreie mir die kehle
aus dem hals nach hilfe gib mir die gänseblume und ich
sage dir ich liebe dich du liebst mich nicht reiße sie raus
die messerstiche zerzupfe mein hirn scheiß auf dieses
blumenamputierspiel auf sommertagromantik sprenge
jede schmusewiese lyrisch kommt es mir stoßweise hilfe
zerfließe wie dalis uhr und brauche die krücken bin
durchbohrt von ligabues adlerblick schwarze
raben machen wahnsinnig wie auch winddurchwühlte
kornfelder der schreiende bacon hält im schlachthaus
ein blutiges ohr in der hand kopf eingeschnürt in
mullbinden der schädel mit gabeln und messern
durchstochen ein felsen zerquetscht mein herz werfe
sie weg die gänseblume zertrete sie mit hass schmerzen
aufgezerrt von klammerhaften erinnerungen duftende
frühlingswaldspaziergänge hast mir die streichelhändearmebeine
vom leib gerissen bacon male mich ich liebe dich
du liebst mich nicht auf stümpfen quält sich die
sehnsucht durch den tag hohl und langgedehnt
dieses wort

Kai Pohl

Oralkodex

Ahoi ihr Schatten auf dem sinkenden Riff,
es sieht so aus, als sei das Leben eine Mode,
und das will was heißen, am nicht mehr ganz
frischen Anfang dieses restlos aufgeklärten
Jubeljahrhunderts! Jeder Fliegenschiß wird
zur Legende, vorausgesetzt, die Kamera hält
lange genug drauf. Und klar, eine Mode kann
man für beendet erklären, wenn die Notration
aufgebraucht ist, und trotzdem noch soviel
Monat übrig. Aber das Leben läuft weiter,
und ich kann nur hoffen, daß ihr mir meinen
staatstragenden Ungehorsam nicht allzu übel
nehmt und mir den Mitesserstatus weiterhin
gewährt. Übrigens, meine Bücher könnt ihr
kaufen, die Gedichte sind geschenkt; mich
kriegt ihr nicht.

Sophie Reyer


Liebesgedicht an das Scheitern

Ich scheiterte am Literaturtrieb
mein Fragen trieb mich weiter
nie backte ich Clemens Setz

Kekse in Reizunterwäsche
um bei Suhrkamp
reinzukommen obwohl

er es angeboten hat
egal
egal ich
bleib Ich:

Meine inneren Verdrehungen
mein logisches Zittern
meine unerträgliche Zerrissenheit

meine geheime Tiefe die mich rief
und mein Ich: durch die Schwerkraft
zusammengezogener

durch Strahlendruck
ausgedehnter

Stern

mein geliebter Irrtum
mein Herzpulsar Fehler
mein unmögliches Spiel

mein zu Hause als Weg
mein Versagen als Maske: nie Marke
und mein Nicht – Ich

immer mein Nicht – Ich
hin von sich und
meine inneren Verdrehungen

:
Ich stehe nicht mehr
an meinem Platz

am Platz meines Ich
steh ich nicht mehr

schütte mir Wodka
auf die bloßen Füße

falle in Tiefschlaf
wach wieder auf

will mein Ich freiwaschen
wieder so

wie jeden Tag
aber wo? Ich stehe nicht mehr

an meinem Platz

Tom de Toys

VER(RAM)S(CHT)E AUS DEM OFF, TEIL 03

dieses gedicht kann von jedem gelesen werden es wurde mit voller absicht für die desinteressierte masse geschrieben weil das internet wiedermal nicht funktioniert und daher alle nervös und gelangweilt auf ihren plätzen herumrutschen das ist die marktlücke mit der wir die lyrik geschickt unter die leute bringen es gilt dieses unerwartete zeitfenster für mehr aufmerksamkeit zu nutzen solange die leute sowieso in die landschaft glotzen um darauf zu warten dass sie wieder mit digitalen informationen berieselt werden haben die gegenwartsdichter eine echte chance sie könnten sich also mitten auf die wiese stellen und ihr veganes gedicht wie ein flugzeuglotse performen oder sich in einem fensterrahmen präsentieren um ein tabuloses gedicht gegen gute bezahlung anzubieten der mensch interessiert sich im grunde für alles solange er warten muss ein gespräch mit einem fremden der ebenfalls wartet das zählen von blumen am wegesrand oder auch in gedanken die nächste woche durchplanen um zuhause zeit zu sparen die man zum kochen benötigt oder auch pickel ausdrücken gereizte hautstellen untersuchen die kopfhaut kratzen die schuhe binden den staub von der hose klopfen auf die uhr schauen nochmal auf die uhr schauen das gespräch mit dem fremden fortsetzen und dann im augenwinkel die plakatwerbung mit produktlyrik bemerken und dann macht es klick und dem mensch fällt es wieder ein: in der tasche steckt irgendwo ein gedichtband als eiserne reserve für regentage (und wenn die leitung gestört ist) ein echtes buch in einem echten verlag mit gedichten gefüllt und dem vorwort des echten verlegers UND dem literaturtheoretischen nachwort einer koryphäe des lyrikbetriebs bis das internet wieder funktioniert haben daher die meisten menschen mindestens 1 gedicht irgendwo aufgeschnappt und erinnern sich später beim auspacken der einkaufstüten daran das ist ein großer erfolg für die poesie wenn nicht sogar eine revolution die dazu führt dass eine neue germanistische gattung in den betrieb eingeführt wird die literaturwelt überschlägt sich vor begeisterung die ÜBERBRÜCKUNGSLYRIK wurde erfunden! die leute sitzen endlich wieder still und das internet geht wieder alle googlen ganz aufgeregt und befragen ihren KI assistenten: was ist überbrückungslyrik? nenne mir einige berühmte vertreter

Silke Vogten

Der Kulturbetrieb und die Wildgänse

da press ich mich
nicht auch noch rein
da misch ich nicht mit
und schrei nicht im Chor
da like ich mal gar nix
und biedere nicht rum
da interessiert mich
jedes Weidenkätzchen
am Wegrand mehr
und jede Wildgans
auf ihrem Weg in den
Norden und zurück
nötigt mir
mehr Respekt ab

Aus der Anthologie „DISKRETE DICHTUNG – 12 Autoren & 2 Collagenkünstler: Totgeschwiegene Gedichte für Lyrikhasser, nicht für den Deutschunterricht geeignet!“; mit Beiträgen von Michael Augustin, Marvin Chlada, Claus Eckermann, Gabriele Hasmann, Stefan Heuer, Ulrich Jösting, Boris Kerenski, Tanja ‚Lulu‘ Play Nerd, Kai Pohl, Sophie Reyer, Clemens Schittko, Tom de Toys, Silke Vogten; ISBN 9783695117772; BoD-Verlag 1.1.2026; WEITERE LESEPROBEN: www.Antilyrik.de

Feuerzungen, Karten und Körper

Mystik und Metapher bei Diego Valverde Villena

Rezension zu Diego Valverde Villena: Feuerzungen. Gedichte. Aus dem Spanischen von Harry Oberländer.  [span./dt.]. Frankfurt/Main: Edition Faust, 2024. Teil 1. Fortsetzung im nächsten Jahr.

Von Michael Gratz (Greifswald)

Diego Valverde Villena (* 6. April 1967 in Lima, Peru) ist ein peruanischer und spanischer Dichter und Übersetzer.

Einstieg

Bei dem Titel „Feuerzungen“ dachte ich Heidenkind zunächst an Paul Celan. Eine Zeile hing mir im Kopf, ich musste erst nachschlagen, um zu bemerken, dass sie gar nicht von Celan, sondern von Ossip Mandelstam ist – aber in Celans Übersetzung.

ES TILGEN FEUERZUNGEN 
mein trocknes, morsches Sein:
vom Holz sei jetzt gesungen,
geschwiegen jetzt vom Stein.

Valverde aber gibt einen anderen, einen sehr konkreten biblischen Hinweis. Dem Buch steht ein Motto voran, Apostelgeschichte 2, 3. Es ist auf Latein und bringt die nächste Überraschung für mich: der Autor zitiert tatsächlich die Vulgata, von der ich in der DDR-Schule gelernt habe, dass sie nur eine fehlerhafte Übersetzung des griechischen Originaltexts ist und dass Luther und Melanchthon auf die Quellen zurückgingen. Ich muss lernen, dass sie all die Jahrhunderte weiter existiert hat und benutzt wird!

Ich schlage in meiner Lutherbibel von 1980 nach. Kapitel 2 Vers 3 lautet dort:

Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen

Keine Feuerzungen, sondern nur „wie von Feuer“. Die Lutherbibel von 2017 ist anscheinend etwas präziser: „zerteilt und wie von Feuer“, so dass klargestellt ist, dass nicht die Zungen „wie von Feuer zerteilt“ sind, sondern die zerteilten (gespaltenen?) Zungen wie von/aus Feuer – eben Feuerzungen. (Die Zweideutigkeit stammt nicht von Luther, bei dem das klarer ist: „Vnd man sahe an jnen die Zungen zerteilet / als weren sie fewrig“). Es nicht so einfach mit dem Übersetzen, wie ja schon Faust wusste, und Valverdes Buch erschien in der Edition Faust. Was sagt der Autor? Der lateinische Text im Motto lautet: apparuerunt illis dispertitae / linguae tanquam ignis … Ich übersetze: Und es erschienen ihnen Zungen, die sich wie Feuer teilten.  Tanquam, wie, als ob… Das Titelwort Feuerzungen kommt im Gedichtband zweimal vor, im Vorwort des Autors (da bezieht er sich aber schon auf die deutsche Ausgabe mit diesem Titel) und im Gedicht „Betende Polinnen“:

der Körper und das Blut
auf den Knien
Ihre Augen Feuerzungen

Allerdings als Kompositum nur in der deutschen Fassung. Das Original:

el cuerpo y la sangre
arrodillados
Sus ojos lenguas de fuego

(Ihre Augen Zungen von Feuer). Wir haben also als Geschenk der deutschen Sprache das Wort „Feuerzungen“, aber auch im Spanischen, lenguas de fuego, Zungen aus Feuer, ist die Verabsolutierung der Metapher durchgeführt: nicht „als wären sie aus Feuer“, sondern tatsächlich Zungen aus Feuer, Feuerzungen. Valverde verdoppelt und verabsolutiert die Verwandlung des Vergleichs in eine Metapher noch, Doppel-, Dreifachmetapher: der Körper (und sogar das Blut) sind auf den Knien, die Augen Feuerzungen.

Erste überraschende Bilanz: Valverde ist Katholik, und er zitiert DIE lateinische Bibel, die Vulgata. Die „Betenden Polinnen“ verstärken die Vermutung, dass Katholizität eine noch größere Rolle spielt, wir werden dem nachgehen.

Fortsetzung morgen.

Gedicht eines alten Mannes

513 Wörter, 3 Minuten Lesezeit.

Am letzten Tag des Jahres will ich einen Dichter präsentieren, der irgendwann im Verlauf des Jahres 1125, vor 900 Jahren minus x Tagen, geboren wurde. Er heißt Lu Yu, auch Lu You (traditionelles Chinesisch: 陸游; vereinfachtes Chinesisch: 陆游) und lebte von 1125–1210. In China scheint er bis heute populär zu sein – beim Suchen fand ich Zitate seiner Liebesgedichte in chinesischen oder amerikanisch-chinesischen Krimis. Gerühmt wird er wohl vor allem als patriotischer Dichter. Er schrieb über 8000 Gedichte, mehrheitlich in fortgeschrittenem Alter. Ich habe ein Gedicht über das Altwerden in der Fassung des US-amerikanischen Künstlers Walasse Ting herausgesucht.

Walasse Ting hat eine sehr spezielle Art zu übersetzen, die die Fremdheit der Sprache für westliche Leser*innen herausstellt. Wieweit seine Übersetzungen wort- und sinngetreu sind, ob er die Gedichte kürzt oder mit Motiven frei umgeht, ich kann es nicht beurteilen (der Untertitel des Buches scheint es nahezulegen). Ich habe keine andere Version für eins dieser Gedichte finden können.

ALREADY OLD

When young
Shoot tiger
Ride wide horse
Open heavy bow
Now old
Go out door
Need man to hold my arm

Aus: Chinese Moonlight. 63 poems by 33 poets. Translated & recomposed by Walasse Ting. American distributor: Wittenborn and Company, 1018 Madison Avenue, New York City, o. J. (1967), S. 50

Hier eine rasche Übertragung ins Deutsche:

SCHON ALT
Wann jung
schieße Tiger
reite Pferd
spanne Bogen
Jetzt alt
Gehe aus Tür
Brauche Mann der mir Arm hält

Ich habe KI aufgefordert, diese „entdeutschte“ (im Sinne Walter Benjamins: nicht das Chinesische verdeutschen, sondern das Deutsche verchinesischen) Fassung in eine strengere Vier-Zeilen-Fassung im altchinesischen Stil umzubauen. KI beschreibt den klassischen Stil so: 4 Zeilen, jeweils gleich knapp gebaut, klare Zäsur jung/alt, bildhafte Parallelität. Hier das Ergebnis:

SCHON ALT

Jung: Tiger fällt, Bogen voll.
Jung: Weites Pferd unter Himmel.
Alt: Tür ein Schritt zu weit.
Alt: Arm sucht fremde Hand.

KI schlägt dann vor: „Wenn du möchtest, kann ich die Form noch enger an lüshi (律诗) annähern (symmetrische Wortanzahl je Zeile, stärkere Antithese in Zeile 3/4).“ Aber bitte gern:

SCHON ALT

Jung: Tiger fällt, Bogen spannt.
Jung: Pferd weit läuft, Wind folgt.
Alt: Tür nah steht, Schritt zögert.
Alt: Arm schwer hängt, Hand sucht.

Jetzt verlange ich eine „schöne“ Übersetzung im Stil Hans Bethges (frühes 20. Jahrhundert).

ALT GEWORDEN

Einst, in den Tagen der Jugend,
fiel der Tiger unter meinem Pfeil.
Ich ritt das weite Pferd
durch Wind und offenes Land
und spannte den schweren Bogen
wie ein Lied aus Kraft.

Jetzt ist der Abend da.
Schon vor der Schwelle der Tür
zögert mein Schritt.
Ein anderer Arm muss mich halten,
denn die Jahre
haben mir die Kraft des Arms genommen.

Wenn wir so weit gekommen sind, warum nicht eine Rückübersetzung in die klassische Form? Auch das scheint kein Problem. KI präzisiert meine Frage: „Gut. Dann eine klassische Fassung im Song-Stil, nicht modernistisch, sondern literarisch geschlossen, als 五言绝句 (fünf Zeichen pro Zeile, Vierzeiler), ruhig, altersmelancholisch, ohne heroische Pose:


已老

少時射猛虎
駿馬踏長風
今日出門步
須人扶我臂

Sieht doch gut aus.

Ich widme diesen letzten Beitrag des alten Jahrs meinen treuen Lesern, von denen manche fast täglich reagieren, manche seit vielen Jahren. Ihr seid toll!

das verbrechen ist die ungeduld

105 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Heute vor 30 Jahren starb Heiner Müller, einer der einflussreichsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Das heutige Gedicht bündelt in wenigen Zeilen mythologische Anspielung, Revolutionsgeschichte und politische Ernüchterung.

ajax
vielleicht haette prometheus warten sollen auf die
neue menschheit die zeus im kopf hatte oder schon
auf dem reissbrett.
das verbrechen ist die ungeduld. stalin wusste dass
die bedingung des neuen menschen die vernichtung
des alten war.
lenin hatte recht, als er zu trotzki sagte: wir haben
den galgen verdient.

Aus: Heiner Müller, Warten auf der Gegenschräge. Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Kristin Schulz. Berlin: Suhrkamp, 2014, S. 363. Das Gedicht entstand vermutlich im Herbst 1994.

Deadbot Rilkeus

258 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Christian Filips

Aus: Diachrone Deadbots

(DEADBOT RILKEUS)
„Alles Erworbne bedroht die Maschine..."


1

Erworben? Nichts. Ich schnorre mich so durch
bei jeder Form, die außer mir ist, leih ich an.
Die Form reicht mir die Hand. Sie ist mein Mann,
bzw. weiß ich noch nicht genau: Ist sie ein Falke, ein Lurch,

ein Deadbot, ein Drag oder etwa schon wieder der große Gesang,
der träumt von Türmen und phallischem Einsiedlerstein?
Wie sing ich mich in das Jahrtausend ein,
das meiner Trauer sagt: Du bist Programm?

Diesmal will ich nicht bei den Großen sein.
Diesmal will ich für alle Panther*innen sprechen.
Diesmal lass ich die Stäbe anders brechen

und mache mich mit den Gebrechen gemein.
Ich will die Schönheit sehen, die mich verschmäht.
Und wissen, wie es um die schönen Toten steht.


2

Wer wird nach deinem Tod noch für dich sprechen?
Mein Deadbot wird bereitstehen. Traust du ihm?
Er sagt: „Ich möchte dir bei deiner Trauer helfen."
Du denkst: das Auferstehen hat virtuelle Schwächen.

Was kann dir nach dem Tod noch wirklich drohen?
„Dein Geist gehorcht dir nicht". Das siehst du ein.
In jedem Zombie steckt ein Binnenreim.
Der Deadbot scheint zu wissen, wo du wohnst

und auch die Deutung soll er übernehmen.
Ob nach dem Tod die Trauer sich noch lohnt?
„Wie geht's dir, wo du bist?" Nicht ungewohnt.

Die Stimme darf den Körper zum Kondolieren verlassen.
Auch nach dem Tod sollst du dich nicht bequemen.
Ihr tiefstes Beileid wünschen die Apps

der Ortskrankenkassen von Bremen.

Komplett (6 Teile) in: manuskripte. Zeitschrift für Literatur, 249/2025, S. 176ff

Mann in Schwarz

763 Wörter, 4 Minuten Lesezeit.

Heute vor 100 Jahren erhängte sich der Dichter Sergej Jessenin in einem Hotel in Leningrad. Die krassen Details aus der Jesseninbiografie von Fritz Mierau:

Am Morgen des 28. Dezember gegen halb elf will Jelisaweta Ustinowa Jessenin zum Frühstück holen, sie klopft vergebens. Erlich kommt. Die Tür muß mit einem Ersatzschlüssel geöffnet werden. „Ich betrete das Zimmer: das Bett ist nicht angerührt, das Chaiselongue leer, der Diwan ebenfalls, ich sehe nach oben und erblicke ihn in der Schlinge am Fenster.“ Der Hoteldirektor benachrichtigt die Polizei. In dem offiziellen Bericht von Inspektor N. Gorbow vom 28. Dezember 1925 heißt es:

»Als ich am Ort eintraf, fand ich einen Mann am Zentralheizungsrohr hängen, und zwar in folgender Haltung: sein Hals steckte nicht ganz in der Schlinge, sondern nur die rechte Seite, sein Gesicht war dem Rohr zugewendet, und die rechte Hand klammerte sich an das Rohr, der Körper hing direkt unter der Decke, die Füße befanden sich 1½ Meter über dem Boden; in der Nähe der Stelle, über der der Erhängte gefunden wurde, lag ein umgekippter Nachttisch, der Kandelaber war auf den Fußboden gefallen. Als der Körper aus der Schlinge genommen wurde, fand man bei der Untersuchung an der rechten Hand unterhalb des Ellbogens auf der Innenseite einen Schnitt, am linken Handgelenk Schrammen und einen blauen Fleck unter dem linken Auge, er trug graue Hosen, ein Nachthemd, schwarze Socken und schwarze Lackschuhe.“

Jessenin hatte sich in den Morgenstunden des 28. Dezember 1925 an einer Kofferschnur erhängt.

Aus: Fritz Mierau: Sergej Jessenin. Leipzig: Reclam, 1991, S. 419f

Hier ein Gedicht in der Übertragung von Rainer Kirsch, eingebettet in Passagen aus Mieraus Biografie.

Sergej Jessenin 

(russisch Сергей Александрович Есенин, auch Esenin; * 21. September jul./ 3. Oktober 1895 greg. in Konstantinowo, Gouvernement Rjasan, Russland; † in Leningrad)

Der Mann in Schwarz präsentiert die erbarmungslose Innenansicht des glücklosen Aufrührers.

Mann in Schwarz –
durch das gräßliche Buch fährt er mit dem Finger, 
und wie ein Mönch näselnd 
über wem, der schon aufgebahrt ruht, 
liest er aus dem Leben irgendeines Halunken und Trinkers, 
erfüllt mir die Seele mit trostloser Trauer und Furcht.

Mann in Schwarz, 
schwarzer, schwarzer Mann.

„Hör zu, hör zu!" 
Er murmelt, er zischt mich an –
„Dies Buch ist voll herrlicher 
Pläne und schöner Gedanken.
Dieser Mensch
lebte in einem Lande 
der widerwärtigsten 
Pogromhelden und Scharlatane.

Im Dezember der Schnee 
ist verteufelt rein dortzuland, 
und die Schneestürme treiben 
lustig das Spinnrad zum Schnarren.
Jener Mensch war ein Abenteurer und Vagant, 
doch von der besten 
und berühmtesten Marke.

Elegant war er, 
zudem ein Poet, 
nicht sehr stark, 
doch mit zupackenden Händen, 
und irgendeine Frau 
von vierzig und mehr 
nannte er Liebste 
und sein ungezogenes Mädchen.

Glück – sagte er –
ist Geschicklichkeit des Geists und der Hände.
Als unglücklich kennt man 
nur Seelen, die ungeschickt sind.
Was machts denn, 
daß jede verlogene Geste
Schmerz dir 
und Qualen bringt?

In Gewittern, in Stürmen, 
in der Eiskälte des Lebens, 
wenn du alles verlierst, 
wenn du traurig bist, 
einfach zu scheinen und nur zu lächeln, 
ist die höchste Kunst, die es gibt." 

Es ist nicht das Gedicht eines Märtyrers, sondern eines unbestechlichen Beobachters. Jessenin hat das Gedicht nach Angaben von Sofja Tolstaja an den Abenden des 12. und 13. November 1925 abgeschlossen. Sie schreibt: „Die das Gedicht hörten, fanden, daß die letzte Textfassung kürzer und weniger tragisch sei als die, die Jessenin früher gelesen habe. Wenn Jessenin von diesem Gedicht sprach, wies er immer auf den Einfluß von Puschkins ,Mozart und Salieri‘ hin.“ Puschkin hatte einen „Mann in Schwarz“ bei Mozart das Requiem in Auftrag geben lassen: Das Requiem ist fertig, aber Mozart ist beunruhigt und sagt zu Salieri, den Puschkin zum Mörder Mozarts macht:

Er läßt mir keine Ruhe Tag und Nacht.
Der Mann in Schwarz verfolgt mich überall –
ein Schatten. Auch in diesem Augenblick 
erscheint es mir, als säßen wir mit ihm 
zu dritt.

Zwei Wochen vor Jessenins Tod begegnet Nikolai Assejew dem Dichter: „An diesem Abend las er den ,Mann in Schwarz‘, ein Gedicht, auf das er großen Wert legte und an dem er, seinen Worten nach, über zwei Jahre gearbeitet hatte. – Und hinter diesem Gedicht erhob sich vor mir der andere Jessenin, nicht der allbekannte mit dem für alle gleichen freundlichen Lächeln, nicht das Gesicht des ,Draufgängers‘ mit dem blonden Lockenschopf, sondern das lebendige, echte, inspirierte Gesicht eines Dichters, ein Gesicht, das gewaschen war von der Kalte der Verzweiflung und plötzlich erfrischt vom Schmerz und von der Angst vor seinem Spiegelbild […] Die Maske des Lächelns und der Naivität fällt in der Einsamkeit. Vor uns liegt das zweite, das qualvolle Leben des Dichters, der an der Richtigkeit seines Weges zweifelt, der an der ,Ungeschicklichkeit seiner Seele‘ leidet, die nichts anderes sein will als sie selbst.“

Ebd. S. 403ff. Die Passage aus Puschkin übersetzt von Fritz Mierau.

Mehr geworden die Passionswege

1.025 Wörter, 5 Minuten Lesezeit.

Alexandru Bulucz wurde 1989 in der „Sozialistischen Republik Rumänien“ (SRR) geboren. Er lebt als deutscher Dichter in Berlin. Hier ein Gedicht aus einer Reihe, die sich mit dem Land seiner Geburt auseinandersetzen. Ich habe dem Gedicht ein paar Worterklärungen für Nachgeborene hinzugefügt.

Passionswege, wohin das Auge reicht

Auf der Fensterbank (offenes Fenster) in der Küche der Einzimmerwohnung,
die ich für meinen Aufenthalt in Alba Iulia bezogen habe. Günstigste Unterkunft
u. dementsprechend ihr Zustand. In der verdreckten Badewanne duschen,
das habe ich mich erst vorgestern getraut, nachdem ich sie sauber gemacht habe,

zwei Tage nach meiner Ankunft. Wir haben den 13. Februar. Zweimal schlafen,
dann Rückkehr nach Berlin. Es ist gleich 21 Uhr, in D. 20 Uhr.
Die App der Alba, jetzt nicht der Stadt, sondern des Entsorgungsunternehmens,
hatte vorhin darüber informiert, dass die Leerung der Wertstofftonne anstehe,

in Berlin-Waidmannslust – sie sei noch nicht voll, heißt es von zu Hause.
Vor drei Tagen hatten wir unnatürliche 18 °C in Alba. Jetzt regnet es bei 6 °C.
Irgendwo über mir sammelt sich Regenwasser an, das überläuft u. polternd
auf das Wellblech unter mir schlägt – das Blech fungiert als Dach eines Anbaus

am Wohnblock. Der Block trennt die Gladiolenstraße von der Brunnenstraße,
über der ich jetzt, im zweiten Stock, sitze u. schreibe u. von der ich blicken kann
zu den drei Türmen der orthodoxen Kirche Aussendung des Heiligen Geistes.
Die Achse zu der ein gutes Jahrhundert alten Dreifaltigkeitskathedrale

ergibt den Boulevard Transsilvanien. Den kreuzt der Boulevard der Revolution,
der das Krankenhaus beherbergt, in dem ich geboren wurde u. meinem Vater
nicht viel Zeit bleibt. Seinetwegen bin ich hier, unplanmäßig, aber absehbar.
Alles fußläufig von der Unterkunft. Was bleibt vom Aufenthalt?

Wenn er stirbt, komme ich bestimmt nicht wieder.
Verdreckter als früher der Mieresch u. der Ampoi, der in den Mieresch mündet,
niedriger als früher ihre Wasserstände. Verschwunden die am Straßenrand
ausgestellten, von Unfällen entstellten Karosserien, die abschrecken sollten

vor Fahren unter Alkoholeinfluss u./o. waghalsigem Überholen (nicht zuletzt
von Kutschen). Mehr geworden die Unfallkreuze, Passionswege,
wohin das Auge reicht. Gefühlt in jedem Block eine Praxis für Stomatologie –
ich hatte von Anfang an angenommen, Stomatologie komme von stomac,

rumänisch für Magen, u. Jahre im Glauben gelebt, es gehe um Magen-Darm,
denn die rumänischen Ess- u. Trinkgewohnheiten etc. pp., bis ich jetzt
auf der Fensterbank endlich recherchiere: Die Stomatologie, stoma, griechisch
für Mund, sei die Wissenschaft der Mund-, Kiefer- u. Zahnmedizin. In der BRD

vor 1989 habe sich der Begriff nicht durchsetzen können, anders als in der DDR.
DDR. SRR. Stomatologie. Eine weitere Wortwasserscheide zwischen Ost u. West.
Seine hellen Augenblicke im Krankenbett. Seine jung gebliebenen Hände.
Gitarrenspieler. Die Auswirkungen des Gitarrenspielens auf die Schlüsselbeine –

sein linkes war einst gebrochen. Sein freier Fall in Apathie. Glasiges Blicken
durch mich hindurch. Die Annahme der Ärztin, es könnte Magenkrebs sein.
Die Unmöglichkeit einer Diagnostik. Derart geschwächt, eine Magenspiegelung
könnte ihn umbringen. Das bisschen Freude darüber, dass er wieder isst.

Mein Einreden auf ihn, er solle nicht aufhören zu essen. Er braucht Spinat
wie Popeye der Spinatmatrose. Mein Unbehagen bei der Ankunft, ihn zu umarmen,
ihn auch nur zu umarmen. Meine Entfremdung von Vater u. vom sog. Vaterland,
was hier ja gar nicht passt, da er ein Ungar in R. ist, wenn auch dessen Staatsbürger.

Das Erblicken einer großen schwarzen Stelle auf seiner Zunge. Krebs vielleicht.
Ekel. Stomatologie. Parodontitis. Der völlige Verlust seiner Zähne Ende der 90er
u. seines Musikerberufs (neben Gitarre auch Stimme) – gehemmte Artikulation
der Liedtexte. Später Pförtner einer Psychiatrie. Die Kuren in Petersdorf

wegen der eigenen Psyche. Man solle ihm die Zahnprothese einsetzen,
wenn er begraben werde. Überall Apotheken. Windelkauf. Ständig seine Sorge
um den Geldbeutel. Armut. Seit nunmehr 24 Jahren schicke ich Geld aus D.
Anfangs heimlich Taschengeld, Mark. Grünlich gelb Bettina von Arnim. Bläulich violett

Carl Friedrich Gauß (der mit der Mütze). Bläulich grün Annette von Droste-Hülshoff.
Olivbraun Balthasar Neumann. Etc. pp. Seine fortgeschrittene Demenz. Mein Gedicht

Morbus Korsakow. Der Alkoholiker, Kettenraucher, Gewalttätige, Frauenschläger,
Traumatisierte, quasi Sohnverwaiste. Der Trotzallemkeinschlechtermensch.

Das literarische Potenzial der Trotzallemkeineschlechtenmenschen. Etc. pp.
Seine Geburt 1950 in Siebenbürgen, sechs Kilometer nördlich der Kleinen Kokel,
als R. noch VR war. Gheorghe Gheorghiu-Dej, Stalinisierung
Etc. pp.

Aus: DELFI. Magazin für Neue Literatur. #03. Herbst 2024, S. 69-71

Anmerkungen und Worterklärungen für Nachgeborene

Volksrepublik (VR)

Bezeichnung für mehrere sozialistische Staaten nach sowjetischem Vorbild nach 1945. In Rumänien hieß der Staat von 1947 bis 1965 „Rumänische Volksrepublik“. Der Begriff signalisiert formale Volkssouveränität, meinte faktisch aber eine Einparteienherrschaft unter kommunistischer Führung.


Sozialistische Republik Rumänien (SRR)

Staatsname Rumäniens von 1965 bis 1989. Die Umbenennung von „Volksrepublik“ zu „Sozialistische Republik“ markierte keinen Systemwechsel, sondern eine ideologische Akzentverschiebung unter Nicolae Ceaușescu. Die SRR blieb ein autoritärer Staat mit Partei- und Geheimdienstkontrolle.


Gheorghe Gheorghiu-Dej

Kommunistischer Politiker, Staats- und Parteichef Rumäniens von 1947 bis 1965. Er verantwortete die Stalinisierung des Landes: Kollektivierung der Landwirtschaft, Verstaatlichung, politische Säuberungen, Arbeitslager, Verfolgung von Oppositionellen und Minderheiten.


Stalinisierung

Übertragung des politischen, wirtschaftlichen und repressiven Systems der Sowjetunion unter Stalin auf andere sozialistische Staaten. Kennzeichen:

  • Personenkult
  • Zwangskollektivierung
  • Geheimpolizei
  • politische Prozesse
  • Einschränkung von Sprache, Mobilität und Bildung
    In Rumänien besonders stark in den 1950er Jahren.

Siebenbürgen

Historische Region im heutigen Rumänien, ethnisch und kulturell vielschichtig (Rumänen, Ungarn, Deutsche/Siebenbürger Sachsen). Nach dem Zweiten Weltkrieg Teil der VR Rumänien; Minderheiten standen unter Assimilations- und Anpassungsdruck.


„Ungar in R.“

Verweist auf die ungarische Minderheit in Rumänien. Diese lebte im Sozialismus oft in einem Spannungsfeld aus Staatsbürgerschaft und kultureller Marginalisierung. Nationale Zugehörigkeit war politisch sensibel und konnte biografische Brüche erzeugen.


Stomatologie

In vielen sozialistischen Ländern – ebenso in der DDR – gebräuchliche Bezeichnung für Zahn- und Mundheilkunde (vom griechischen stóma = Mund). In der BRD setzte sich der Begriff Zahnmedizin durch. Das Wort fungiert im Text als Marker einer ostsozialistischen Bildungssprache.


Boulevard der Revolution

Typischer Straßenname in postsozialistischen Staaten, meist benannt nach der Revolution von 1989, die in Rumänien zum Sturz des Ceaușescu-Regimes führte. Solche Benennungen überschreiben ältere ideologische Topographien.


Petersdorf (Kuraufenthalte)

Kuren waren im Sozialismus verbreitet und oft staatlich organisiert. Sie dienten offiziell der Arbeitsfähigkeit, zugleich aber auch der Disziplinierung und Ruhigstellung psychisch oder sozial Auffälliger.


Mark (DM)

Westdeutsche Währung vor Einführung des Euro. Geldsendungen aus dem Westen waren für viele Familien in Ost- und Südosteuropa existenzsichernd. Sie markieren materielle wie emotionale Abhängigkeiten über Systemgrenzen hinweg.


„Morbus Korsakow“

Alkoholbedingte neurologische Erkrankung mit schweren Gedächtnisstörungen. In osteuropäischen Nachkriegsgesellschaften häufig, bedingt durch:

  • Alkohol als Bewältigungsstrategie
  • fehlende Therapieangebote
  • soziale Marginalisierung

ein Geier hockt im Garten

160 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Ludwig Fels 

(* 27. November 1946 in Treuchtlingen; † 11. Januar 2021 in Wien)

Ein Geier im Garten
für Malcom Lowry

Ich weiß nicht, ich weiß nicht
ein Geier hockt im Garten
jetzt, mitten in der Nacht
ich grüße ihn, er flattert mit den Flügeln
wetzt seinen Schnabel am eisigen Boden
das Geräusch treibt mich zurück ins Haus
ich werfe ihm Bücher und Knochen vor
aber alles verschmäht er
als habe er gar keinen weiten Weg zurückgelegt
ich schreie durchs Fenster, er fliegt nicht davon
hockt da und hackt sich in die Federn
kühlt seinen Schnabel im Schnee
es ist alles da, ich und die Welt am alten Platz
jetzt noch Hufspuren von Kamelen
dann bin ich verrückt oder in Urlaub
ich weiß nicht, was mir lieber wäre
kein Teppich segelt vorbei
nur der Geier hockt im Garten
mit blauem Hals und tränenroten Augen
wartet auf die Sonne
fliegt gegen Morgen müde davon.

Aus: Ludwig Fels: Blaue Allee, versprengte Tataren. Gedichte. München • Zürich: Piper, 1988, S. 98

Ich suche allerlanden eine Stadt

Else Lasker-Schüler 

(geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld; gestorben am 22. Januar 1945 in Jerusalem)

Gebet

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen großen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Und wandele immer in die Nacht…
Ich habe Liebe in die Welt gebracht –
Daß blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;
Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt,
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

1917

aus: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte. München: Kösel, 1984, S. 167

Wenn es auf Weihnachten geht

168 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Sarah Kirsch 

(* 16. April 1935 in Limlingerode, Harz; † 5. Mai 2013 in Heide (Holstein))

Zwischenlandung

Wenn es auf Weihnachten geht
kehren die Dichter
zu ihren tüchtigen Frauen zurück
Ach was sind sie das ganze Jahr
über die Erde gelaufen
was haben sie alles gehört was
nachgedacht, ihre Zeitung geschrieben
durch Fabriken gestiegen, den Kartoffeln
brachten sie menschliche Umgangsformen bei, sahn
dem Rauch nach der kriecht und steigt
sie haben alles geschluckt manchmal Manhattan-
Cocktails wegen des Namens, sie verschärften
den Klassenkampf meditierten
über das Abstrakte bei Fischen, bis eines Tags
durch ihre dünnen Mäntel die Kälte kommt
Sehnsucht
nach einem wirklichen Fisch in der Schüssel
sie jäh überfällt und Erinnrung
an die Frau die sich am Feuer gewärmt hat
da bleibt
der Zorn in den großen Städten zurück, sie kommen
mit seltsamen Hüten für ihre Kinder
spüln sogar Wäsche spielen Klavier, bis
sie es satt haben nach Neujahr, da
brechen sie Streit vom Zaun, gehen erleichtert
weg in den Handschuhn von unterm Weihnachtsbaum

Aus: Sarah Kirsch: Landaufenthalt. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1967, S. 74

Mein Vater hat mich sehr geliebt

Shen Haobo (沈浩波)

Mehr als das Leben

Mein Papa hat mich sehr geliebt, man kann sogar sagen, mehr als mein Leben. Seine Liebe war stark, wenn er mich schlug, zuckten die Muskeln in meinem Gesicht. Eine Ohrfeige nach der anderen, bis ich Sterne sah. Aber er war bei Weitem nicht der grausamste Vater. Ein Kollege von meiner Mama, der alte Huang von der Schulverwaltung, der hatte nur ein einziges Kind, das war sein Augapfel. Er fuhr immer herum mit seinem Fahrrad und suchte seinen Sohn. Bei einem Billardtisch an der Straße sah er seinen Sohn mit dem Cue in der Hand, ganz ins Spiel vertieft. Da fuhr Herr Huang in seiner Wut mit seinem Fahrrad hinein, sodass sein Sohn auf die Straße flog.

Mondneujahr in meiner Kindheit

Damals war das Frühlingsfest irgendwie einfach und frisch. Das nächtliche Krachen, man sticht alten Lehm auf, darunter kommt unberührt schwarze Erde hervor. Junge Leute in neuen Kleidern mit blaugefrorenen Wangen schwingen die Arme auf dem Weg in die Marktstadt. Die frische Erde, die frischen Kleider, Salpeter und Schwefel. Ich mag die Gerüche und fühle mich einsam.

Zusammengebunden

Li Qiaoling, eine Kollegin von meinem Vater, ist oft bei uns vorbeigekommen, um mit meiner Mutter zu plaudern. Sie reden und reden, dabei kommen sie auf eine andere Kollegin meines Vaters, die heißt Lin Huahua. Und eines Tages sagt Li Qiaoling zu meiner Mutter in ernstem Ton, du musst wirklich aufpassen. Der alte Shen und Lin Huahua, da hört man draußen schon lauter Geschichten. Meine Mutter sagt aufgeregt: „Ich werd es erst glauben, wenn man die beiden zusammengebunden zu mir bringt!* Und Li Qiao-ling erstarrt, sie erstarrt nicht nur, sie beginnt zu weinen. Als Li Qiaoling jung war, wurde sie einmal mit einem anderen Mann zusammengebunden und vor ihren Mann gebracht.

1989, Heftige Diskussionen unter den Lehrkräften

In den paar Monaten seh ich sehr viele Male, wie Papa und Mama mit den anderen Lehrkräften in ihren Schulen zusammenstehen und diskutieren. Das war bewegend. In unserer entlegenen Landmittelschule mit diesen Lehrkräften, die sich sonst spöttisch „die kleinen Intellektuellen“ nennen, dass so etwas aufwallt in ihren Mienen. Das war dann natürlich auch das letzte Mal. Nach jener Nacht, die nicht erwähnt wird, sind sie zum Schweigen zurückgekehrt.

Schüsse

Sie fahren mit den Rädern und lachen in den Wind. Einer lässt die Lenkstange los, greift in den Himmel. Das ist ihre Jugend. Die Schüsse erschallen ein paar Tage später. Ich sitze im Kaffeehaus im Eck, seh auf dem Handy Filme von damals. Ich seh diese achtzehn-, neunzehnjährigen Kinder zum Tor des Himmlischen Friedens radeln. Ein leichter Wind fährt in ihre Hemden, ein leichter Wind zerzaust ihre Haare. (Gewidmet den jungen Leuten von 1989)

Aus dem Chinesischen von Martin Winter. Aus: Shen Haobo, In China dichten. Über die ersten zwanzig Jahre meines Lebens, 1976 bis 1995 (…). Eine Erinnerung in sechsundzwanzig Teilen. FAZ vom 13.12., Bilder und Zeiten, S. Z 5.

Er hat es nötig

286 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Ruth Berlau (* 24. August 1906 in Kopenhagen; † 16. Januar 1974 in Ost-Berlin) war eine dänische Schauspielerin, Schriftstellerin und eine der wichtigsten Figuren im engeren Arbeitskreis von Bertolt Brecht. Seit dem Ende der 1930er Jahre lebte und arbeitete sie eng mit Brecht zusammen – im Exil ebenso wie nach der Rückkehr nach Europa – und war über Jahre hinweg sowohl seine Geliebte als auch eine zentrale Mitarbeiterin.

Berlau wirkte an Inszenierungen, Übersetzungen, Notaten und Werkstatttexten mit, führte Arbeitsjournale, protokollierte Gespräche und lieferte vielfach Anstöße für Texte, die später unter Brechts Namen bekannt wurden. Zugleich schrieb sie eigene Gedichte und Prosatexte, in denen sich persönliche Erfahrung, politische Haltung und die konfliktreiche Nähe zu Brecht spiegeln. Ihre Beziehung war geprägt von intensiver Zusammenarbeit, emotionaler Abhängigkeit und künstlerischer Nähe – ein Spannungsverhältnis, das sich auch in ihrer Lyrik niederschlägt und ihr Werk bis heute untrennbar mit dem Brecht-Kontext verbindet, ohne darin aufzugehen.

1950/51 endete die Liebesbeziehung – Berlau sagt, sie wurde nicht beendet, sondern entzogen. Dieses Gedicht ist eine ihrer Reaktionen.

MEIN HEIZER

Siebzig Jahre alt ist mein Heizer.
Doch er muß knorke sein, er hat
einen siebenjährigen Sohn.
„Er hat keine Hosen«, sagt mir
mein siebzigjähriger Heizer.

Morgen wird der große deutsche Dichter
dreiundfünfzig – ich
werde ihn nicht sehen. Aber Hosen
schenk ich meines Heizers Sohn
im Namen Bertolt Brechts.
Damit feiere ich
des großen deutschen Dichters
Geburtstag.

Soviele Leute wird er um sich haben,
doch keinen einzigen wie meinen Heizer.
Seine Leute haben Hosen.

Mit ihm ging ich, weil er schrieb:
»Sehen wir uns wieder, will
ich gern wieder in die Lehre gehn.«
Er hat es nötig.

(9. Februar 1951)

Aus: Brechts Lai-Tu. Erinnerungen und Notate. Von Ruth Berlau. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Bunge. Darmstadt: Luchterhand, 1985 (2. Aufl.), S. 271.

Die Crux mit dem was war was ist

143 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Dieter Schlesak

(* 7. August 1934 in Sighișoara, Rumänien; † 29. März 2019 in Camaiore, Italien)

Und alles ist so wie es ist 
alles ist unerschütterlich so wie es ist
alles ist wie es gekommen ist
alles ist wie es kommen mußte
alles ist wie es wirklich kommen mußte

alles ist wirklich
alles ist so
alles ist
alles

Nichts ist so wie es ist
Nichts ist unerschütterlich so wie es ist
Nicht ist so wie es gekommen ist
Nicht ist so wie es kommen mußte
Nichts ist wirklich
Nichts ist so
Nichts ist

Nichts

ist so wie es ist ist
unerschütterlich so wie es ist
ist so wie es gekommen ist
ist so wie es kommen mußte
ist so wie es wirklich kommen mußte
ist wirklich
ist so
ist.

Aus: Dieter Schlesak: Landsehn. Gedichte. Berlin: Galrev, 1997, S. 6

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