Veröffentlicht am 20. Dezember 2025 von lyrikzeitung
Thomas Glatz
Riechen Sie es auch?
Riechen Sie es auch?
Jedes Gedicht
Verströmt einen
Ihm eigenen
Charakteristischen
Geruch
Dieses hier
Riecht nach
Vanille und Essig.
Nein, ich rieche nichts.
Ich glaube da nicht so recht dran.
Das ist doch nur eine weitere Lüge
Der gedichteproduzierenden Industrie!
Aus: Am Erker. Zeitschrift für Literatur Nr. 89. (Elektrische Fische. Der Lyrik-Erker), S. 10
Veröffentlicht am 19. Dezember 2025 von lyrikzeitung
181 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Elke Engelhardt
Wie mein Großvater mir Deutschland erklärte
Mein Großvater war eine Birke. Er schnitt die Worte sorgfältig in gleichlautende Rechtecke. Dann verwahrte er sie in einem Karton aus Birkenrinde. Wenn seine Enkel sehr lange sehr stumm und leise zu seinen Füßen gesessen hatten, durften sie einen Blick in den Kasten werfen. Manchmal geschah es bei solchen Gelegenheiten, dass ein Blick in die Kiste fiel und dort gefangen blieb, während ein Wort entwich. Dann kreiste das Wort befangen zwischen den stummen Kindern umher. Letztendlich schlüpfte es immer dem Kind in den nur leicht geöffneten Mund, dessen Blick in der Schachtel gefangen war.
Es gab Ausnahmen.
Es gibt immer Ausnahmen, sagte meine Großmutter, außer wenn es ans Sterben geht. Der Tod stiehlt uns unsere Eigenarten. Er stiehlt uns restlos alles, womit wir uns auszeichnen könnten. Am Ende sind wir alle Leichen.
Das war die Art, in der die Großmutter schwieg. Und der Großvater war eine Birke.
Aus: Literaturbote 145 (das letzte Heft), September 2024, S. 145
Die Zeitschrift wurde vom Hessischen Literaturforum Mousonturm e.V. herausgegeben. Dieses Heft wurde von Beate Tröger zusammengestellt.
Veröffentlicht am 18. Dezember 2025 von lyrikzeitung
536 Wörter, 3 Minuten Lesezeit.
Juliette Pary ist heute nahezu unbekannt. 1946 erschien in Paris ein schmaler Gedichtband in deutscher Sprache – An die Deutschen –, veröffentlicht unter dem Pseudonym Julia Renner. Das Buch wurde damals in Deutschland nicht wahrgenommen. Erst in diesem Jahr veröffentlichte Andreas Kelletat einen Nachdruck.
Hinter dem französischen Namen verbirgt sich die 1903 in Odessa geborene jüdische Schriftstellerin Julia Gourfinkel, die in Russland aufwuchs, seit den 1920er Jahren in Paris lebte, als Übersetzerin, Journalistin und Reformpädagogin arbeitete und während der NS-Zeit in der jüdischen Kinder- und Jugendrettung aktiv war. Sie schrieb diese Gedichte im Schweizer Exil – nicht auf Französisch, nicht auf Russisch, sondern auf Deutsch – der Sprache der Täter.
Die Gedichte entstanden 1944 in Les Pléiades oberhalb des Genfersees. Pary selbst sprach später von einer unerklärlichen Inspiration: Für ihre Prosa war ihr das Französische selbstverständlich, für ihre Lyrik jedoch schien ihr allein das Deutsche geeignet. In An die Deutschen begegnen sich Anklage, Trauer, Zorn, Bitterkeit, jüdisches Selbstbewusstsein und ein erschütterndes historisches Wissen aus unmittelbarer Nähe. Es sind Gedichte einer Überlebenden, die den Mord an den europäischen Juden nicht aus der Distanz kommentiert, sondern aus der ganzen Erfahrung der Zeitgenossenschaft. Über ihre Entstehung sagt sie:
»Es war eine wahre Explosion! Ich schrieb ›zwanghaft‹ […]. So als ob mir die Gedichte diktiert wurden. Die meisten Gedichte beziehen sich auf Träume, die ich damals hatte: es waren unter dem Druck der Zeit-Ereignisse entstandene Visionen […].»Es war eine wahre Explosion! Ich schrieb ›zwanghaft‹ […]. So als ob mir die Gedichte diktiert wurden. Die meisten Gedichte beziehen sich auf Träume, die ich damals hatte: es waren unter dem Druck der Zeit-Ereignisse entstandene Visionen […].«
Das folgende Gedicht stammt aus diesem Band. Es ist Teil eines außergewöhnlichen, widersprüchlichen und sprachlich eigenwilligen lyrischen Dokuments der Nachkriegszeit – geschrieben von einer Autorin, deren Stimme erst jetzt langsam hörbar wird.
Juliette Pary
(* 6. August 1903 als Julia Gourfinkel in Odessa, damals Regierungsbezirk Neu-Russland, † 1. Oktober 1950 in Vevey, Schweiz)
ES KOMMEN MIR
Wotan-Gedanken,
Verfluchte deutsche
Ahnungs-Schrecken-Gedanken.
Zittrige, fahle,
Blutige.
Wie viel von Unsern,
Wie viel von Euern
Sterben noch,
Damit Ihr hört
Auf unsre Stimme,
Auf unsre tote,
Rächende Stimme?
Die Stimme von Wilno,
Die Stimme von Warschau,
Die Stimme vom Ghetto,
Das Ihr gestürmt.
Mit Tanks und Bomben,
Mit Donner und Feuer,
Mit Braun-Kolonnen
Habt Ihr gestürmt
Die letzten Juden,
Die sich verteidigt
Fast ohne Waffen
In wilden Schlachten,
Die letzten Kämpfer
Habt Ihr erwürgt.
Im Polenlande,
In Todeszügen,
In Eisenzügen,
Vom Tod benannt,
Erstickten Menschen
Dumpf ohne Luft,
Fest aneinander
Gepresst, zerpresst
Von luftlos heißem
Erstickungstod –
Wo Kind an Mutter
Gedrückt gestorben,
Sie sah es sterben
Im letzten Krampf.
Muss ich auch sterben?
In grausen Grüften
Lebendge Juden,
Von Euch begraben,
Sich noch bewegen
Unter der Erde,
Die zugeschüttet
Von Eurer Hand.
Das habt Ihr Deutschen,
Ihr habt’s getan.
Durch Eure Nazis,
Die Euch verhext.
Ihr braunen Nazis,
Braun zum Erbrechen,
Schwarzbraungelbblutig,
Ihr seid noch da!
Ich will Euch töten.
Wie mit den Taten,
So mit der Schrift.
In Eurer Sprache
Will ich Euch töten,
In Eurer Sprache
Erklingen mir
Die Ahnungsverse
Aus Deutschlands Seele,
Die wund und wehe
Mit meiner Seele
So tief vermischt.
Aus: Juliette Pary: An die Deutschen. Paris 1946 (unter dem Pseudonym Julia Renner). Neuausgabe, hrsg. Andreas Kelletat. Mannheim: persona Verlag Lisette Buchholz, 2025, S. 11-13
Veröffentlicht am 17. Dezember 2025 von lyrikzeitung
109 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Christoph Meckel
(* 12. Juni 1935 in Berlin; † 29. Januar 2020 in Freiburg im Breisgau)
Ballade
Ich rufe eine schwarze Sonne, schrie
der Hahn im weißen Dampf auf schwarzem Mist.
Geschrei verscheuchte Schlummer aller Höfe.
Die Schwalben stoben in den kalten Regen
der Maulwurf tappte blind durch nasse Blumen
und Ochsen stampften brummend aus den Ställen.
Und Mägde rannten barfuß in die Wälder
und Knechte ritten fort auf alten Gäulen –
der Bauer weinte wild: ach Hahn, mein Hähnchen!
Da hinter siebenfachem Regen stieg
die Sonne schwarz und schnell, stand ohne Laut,
und krachte finster auf die Ebenen nieder.
Aus: Neue deutsche Erzählgedichte. Gesammelt von Heinz Piontek. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1964. – Neuausgabe München: Schneekluth, 1980, S. 325
Veröffentlicht am 16. Dezember 2025 von lyrikzeitung
434 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.
Der Dichter Klabund (eigentlich Alfred Henschke, * 4. November 1890 in Crossen an der Oder; † 14. August 1928 in Davos) hat in seinem kurzen Leben mehr als 70 Bücher veröffentlicht, darunter Gedichtbände, Romane, Schauspiele und Übersetzungen – meist aus Sprachen, die er nicht sprach. Er übersetzte persische, japanische und chinesische Gedichte nach deutschen, französischen oder englischen Vorlagen. Zur Entstehung seines ersten Buchs mit Nachdichtungen chinesischer Lyrik, „Dumpfe Trommel und berauschtes Gong. Nachdichtungen chinesischer Kriegslyrik“ (es erschien zuerst 1915 bei Insel, mein Exemplar ist aus dem 36. bis 45. Tausend 1952) sagt eine Anekdote, er habe 1915 (!) die Nachdichtungen Hans Bethges („Die chinesische Flöte“) gehört und spontan gesagt, das müsse man „anders übertragen“. Tatsächlich hat er systematisch besonders französische Quellen studiert und begonnen nachzudichten. Der Erfolg seiner Nachdichtungen bei den Lesern trotz mancher kritischer Stimmen von Rezensenten scheint ihm recht zu geben. Hier heute ein Lied daraus, gefolgt von einer von Fachleuten gerühmten philologisch korrekten Übersetzung. Es handelt sich um ein Lied aus der ältesten chinesischen Lyrikanthologie, bekannt als Schi-King, von der die Überlieferung sagt, kein Geringerer als Konfuzius habe die Auswahl getroffen.
KLAGE DER GARDE
General!
Wir sind des Kaisers Leiter und Sprossen!
Wir sind wie Wasser im Fluß verflossen ...
Nutzlos hast du unser rotes Blut vergossen...
General!
General!
Wir sind des Kaisers Adler und Eulen!
Unsre Kinder hungern... Unsre Weiber heulen...
Unsre Knochen in fremder Erde fäulen ...
General!
General!
Deine Augen sprühen Furcht und Hohn!
Unsre Mütter im Fron haben kargen Lohn ...
Welche Mutter hat noch einen Sohn?
General?
Aus: Dumpfe Trommel und berauschtes Gong. Nachdichtungen chinesischer Kriegslyrik von KLABUND. Wiesbaden: Insel-Verlag, 1952 (IB 183), S. 5
Der Sinologe Wilhelm Gundert wählte in seinem zuerst 1958 bei Hanser (später auch als dtv-Taschenbuch) erschienenen Band auch dieses Gedicht aus, in der Übersetzung von Victor von Strauß, über die er sagt: „Die meisterhafte Übertragung des lippischen Kabinettsrats Victor von Strauß wahrt mit äußerster Treue Wortlaut und Versform.“
Klage der Garden über ihre ungehörige Verwendung.¹
Reichsfeldmarschall!²
Wir sind des Königes Gebiß und Krallen.
Was hast du in das Elend uns gestürzt,
Wo kein Verweilens bleibt uns Allen?
Reichsfeldmarschall!
Wir sind des Königs Krallen und Soldaten.
Was hast du in das Elend uns gestürzt,
Wo wir an’s Ende nie gerathen?
Reichsfeldmarschall!
Fürwahr du thust nicht weise.
Was hast du in das Elend uns gestürzt,
Daß Mütter müh’n sich müssen um die Speise?³
¹ Die Garde wurde gegen das Herkommen in dem unglücklichen Feldzuge gegen die nördlichen Gränzstämme im Jahre 788 v. Chr. verwendet.
² Er war zugleich Kriegsminister.
³ Weil die Söhne für sie nicht sorgen können.
Quelle: Lyrik des Ostens: China. Mit einem Nachwort von Wilhelm Gundert. München: dtv, 1962, S. 18
Veröffentlicht am 15. Dezember 2025 von lyrikzeitung
317 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.
„Nachwasser“ von Frieda Paris ist ein langes Gedicht. Das Buch hat 136 Seiten, es enthält ein einziges Gedicht aus 111 nummerierten Absätzen. Die Nummerierung erleichtert innertextliche Bezüge, so beginnt Abschnitt 28: „ich schrieb in 9“. Lesende können leicht hin- und hersuchen, den Bezügen folgen und eigene herstellen. Das Wort Nachwasser kommt häufig vor, irgendwann wird erklärt, dass es den Nachlass der Dichterin Friederike Mayröcker meint, den sie während der Arbeit am Langgedicht einsieht – oder ist das Hineinsehen in Nachlasspakete das Gedicht selbst? Ist das Gedicht das Entstehen des Gedichts? In 6 schreibt sie:
ein Ausrufezeichen an all jene, die mich gefragt haben, ob ich denn je etwas anderes schreiben würde, als über das Schreiben
nein! ich schließe das Schreiben nie aus, beziehe es ein, stehe in Beziehung zu meinem Schreiben, ihm gegenüber wie mich umgebenden Personen
diese Beziehungen bedeuten Hinwendung, Aufmerksamkeit
Als Gedicht des Tages heute zwei leicht zuordbare Abschnitte.
Frieda Paris
Aus: Nachwasser
60 ich liege in großen Fragen:
aber werde ich denn noch lieben? (Elke Erb)
werde ich heute schreiben können? (Friederike Mayröcker)
lege meine Frage dazu
was darf ein Gedicht?
84 Text mit Thesen, lege meine dazu (ist gleich
Thesenerweiterung zu Walter Höllerer)
das lange Gedicht ist begehbar, erlaubt Rast
und Aufbruch, dort wo das kurze schon vorbei ist
das lange Gedicht entzieht sich Linearitäten
zugunsten neuer Lektürebewegungen für seine Lesenden
das lange Gedicht versucht Abdrücke von Wirklichkeit
das lange Gedicht gibt ständig zu, ein langes Gedicht zu sein,
es macht auf sich aufmerksam (es winkt)
das lange Gedicht fragt nach dem Weg,
gleichzeitig möchte es Wegbeschreibung sein
das lange Gedicht ist Container für Material und
verwertet, was im kurzen keinen Platz findet
das lange Gedicht stellt sich und Gelingen aus
(putzt sich heraus, Gefieder)
das lange Gedicht macht Platz für Nachbarschaften
tbc.
Aus: Frieda Paris: Nachwasser. Berlin und Dresden: AZUR bei Voland & Quist, 2024, S. 8, 92, 120.
Veröffentlicht am 14. Dezember 2025 von lyrikzeitung
83 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Christine Busta
(* 23. April 1915 in Wien; † 3. Dezember 1987 ebenda)
Kleiner Merkvers für Liebende
Wenn du bei mir liegst, mußt du leise sagen:
»Rühr meine Schulter an, die Hüfte und das Knie.«
Ich würde sonst so Süßes niemals wagen.
Wenn du mich anrührst, sollst du gar nichts sagen,
sonst hörst du jenen scheuen Vogel nie,
der lautlos schon in meinen Kindertagen
nach einer Hand, so süß wie deine, schrie.
Aus: Poesiealbum 380. Christine Busta. Auswahl Jürgen Israel. Wilhelmshorst: MärkischerVerlag, 2023, S. 9
Veröffentlicht am 13. Dezember 2025 von lyrikzeitung
271 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Georg Friedrich Daumer (* 5. März 1800 in Nürnberg; † 13. Dezember 1875 in Würzburg, Pseudonyme: Dr. Amadeus Ottokar, Eusebius Emmeran) war ein deutscher Religionsphilosoph und Lyriker. Bekannt wurde er auch als Erzieher von Kaspar Hauser. https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Friedrich_Daumer
Bekannt wurde er auch als Sammler und Nachdichter (z.B. Hafis, Volkslieder vieler Länder). Aus einer wunderlichen Sammlung: Polydora. Ein weltpoetisches Liederbuch. Literarische Anstalt, Frankfurt am Main 1855, hier 3 Beispiele aus 2 oder 3 Sprachen, die sich nicht so genau nennen lassen. Das erste handelt von der Liebe, und die beiden anderen? Wohl eher von mythischem Geschehen am baltischen Götterhimmel. Die Sonne und irgendwelche himmlischen Söhne und Töchter sowie Perkun, der Himmels- und Gewittergott, sind die Protagonisten. Geht es da lustig zu oder gar blutig? Jedenfalls leicht, fremd und von archaischer Bildkraft.
Ruthenisch
aus Galizien.
Es traten ein zu meiner Pforte,
Um mich zu freien, drei Gesellen;
Der eine gab mir schöne Worte
Und schöne Bänder, zwanzig Ellen.
Süß tönet’ auch des andern Bitte,
Dazu beschenkt’ er reich mit Golde;
Nur eine Rose gab der dritte,
Und sagte nichts, der Wunderholde.
Ich ließ die Bänder, ließ die Schätze;
Der war so häßlich, der so lose.
Ich merkte nicht auf ihr Geschwätze;
Ich wandte mich und nahm die Rose.
Lettisch-littauische
Volkspoesie.
II.
Die Sonne scheint so finster heut;
Was hat man ihr zu leid gethan?
Die Söhne Gottes fuhren ihr
Die Töchter auf der Schlittenbahn
Und warfen um, die heftigen,
Im Fahren überkräftigen,
Und schleuderten die Mägdelein,
Die zarten, in den Schnee hinein.
III.
Perkun wetterte,
Perkun schmetterte
Nieder die Eiche, so grün und breit —
Ach, wie Leid
Ist mir um die gute!
Mir besprengt
Kranz und Kleid
Wurde von ihrem Blute.
Veröffentlicht am 12. Dezember 2025 von lyrikzeitung
186 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Im Persischen gibt es ein Wort für die drei mondlosen Nächte um Neumond. Um die geht es im heutigen Gedicht des persischen Dichters Achmad Schamlu, der heute vor 100 Jahren geboren wurde. Auch ein Astronomiegedicht, was sonst noch, Naturgedicht, und mindestens die Namensnennung Gohar Morad, eines Dichters und politischen Aktivisten, der unter dem Schahregime ebenso wie unter den Mullahs verfolgt wurde, bringt eine politische Dimension hinein. Sind die Nachtwächter mit ihren gegen die Vögel wütenden Schwertern mehr als ein surreales Bild?
Achmad Schamlu
(englisch Ahmad Shamlou, persisch احمد شاملو Ahmad Schāmlu, * 12. Dezember 1925 in Teheran; † 24. Juli 2000 in Karadsch)
Mohagh*
Für Gohar Morad
Bei Neumond
kam ich auf's Dach
mit dem Spiegel und Kräutern und einem Achat.
Eine kalte Sichel passierte den Himmel
sperrte den Flug der Taube.
Getuschel unter den Pinien
und der Nachtwächter wütende Schwerter
kamen auf die Vögel nieder.
Der Mond
ging nicht auf.
*) Mohagh: Bezeichnung für die drei Nächte der Mondwechselphase, während derer der Mond bedeckt erscheint.
Aus dem Persischen von Farhad Showghi, aus: Zwischen den Zeilen. Eine Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik, herausgegeben von Urs Engeler, #12, Oktober 1998, Seite 187

Veröffentlicht am 11. Dezember 2025 von lyrikzeitung
222 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Silke Peters
Aus: Kirkeeffekt
Den Vorschuss auf mein Leben halte ich dir entgegen, vorher habe ich den gleißenden Abfall sortiert.
Wenn wir jetzt auch dieses voneinander wissen, bohrt sich der Kopf und der Nacken in eine Wolke.
Da war ein wattierter Anker in der Luft. Vor mir schwebte eine Nebelbank. Ich ruhte mich aus, bin orientierungslos.
Ausgesetzte Kinder schrien im Traum, letzte, die niemand mehr will = einen Wald.
Ich bewerbe mich. Du wartest ab, bis es mir besser geht. Ich mache einen lichtscheuen Gebrauch von dir, mit letzter und bescheinigter Armut im Zugangszeugnis.
Ich werde eine Metropolis, eine Wortmutterstadt mit ihren Filiationen für dich finden.
In den Anträgen, die ich dafür in den Wind schrieb = Schweigen.
Da waren vierhundert Kilometer Anlauffläche für den Wind und Strände für das Unglück = einen vorzeitigen
Versabbruch.
Und ich wandere jetzt aus nach Ribnitz.
Weil es sich keiner mehr leisten konnte, ein Gedicht zu schreiben, versagte die Bilanzrechnung, und die Spesenzufuhr versagte auch.
Nur der Tisch und die Tastaturen waren frei.
Wenn Sie eine Stunde Zeit haben, schreiben Sie ein Gedicht auf das rote Innenfutter ihres Mantels auswendig hin.
Die freigelegte Ritzzeichnung = ein Hier-war-ich-eingesperrt und ein Hier-lag-ich-lange-wach.
Du sahst dir die Zeichnung heute an, deine Hand lag auf meiner Stirn
Aus: Silke Peters, Kirkeeffekt. Luftiges Lehrgedicht. Greifswald: freiraum, 2016, S. 69f
Silke Peters (* 1967 in Rostock), Autorin, Künstlerin und Herausgeberin, lebt in Stralsund.
Veröffentlicht am 10. Dezember 2025 von lyrikzeitung
117 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Gabriele Stötzer
(* 14. April 1953 in Emleben)
Eigenwillig
meine Mutter sagt
ich bin das intelligenteste ihrer vier Kinder und begabt
aber ich hätte am wenigsten daraus gemacht
ich habe keinen Mann
ich habe kein Auto
ich habe keine feste Arbeit
und ich lande immer wieder bei denen, die es nie schaffen
die zu jung sind, zu gezeichnet, asozial und dreckig
wenn sie zu jung sind, werden sie mich verlassen
wenn sie älter werden, werde ich sie verlieren
wenn sie sich waschen, werde ich sie nicht mehr erkennen
(1984)
Aus: Gabriele Stötzer, Ich bin die Frau von gestern. Mit Illustrationen von Gabriele Stötzer und einem Nachwort von Joachim Walther. Frankfurt/Main: Edition Büchergilde, 2005 (Die verschwiegene Bibliothek), S. 119.
Veröffentlicht am 9. Dezember 2025 von lyrikzeitung
74 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Fitzgerald Kusch
lernprozess
wenni ämall
nimmä gwissd hou
wossi dou soll
houi mei oma gfrouchd
däi houd fia allers
woss gwissd:
gnudzd houds nix
Aus: Das Gedicht. jung und alt. Herausgegeben von Matthias Kröner und Anton G. Leitner, #33, 2025, S. 65
WeiterlesenVeröffentlicht am 8. Dezember 2025 von lyrikzeitung
195 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Hans Arp
(* 16. September 1886 in Straßburg; † 7. Juni 1966 in Basel)
Opus Null
Ich bin der große Derdiedas
das rigorose Regiment
der Ozonstengel prima Qua
der anonyme Einprozent.
Das P. P. Tit. und auch die Po
Posaune ohne Mund und Loch
das große Herkulesgeschirr
der linke Fuß vom rechten Koch.
Ich bin der lange Lebenslang
der zwölfte Sinn im Eierstock
der insgesamte Augustin *
im lichten Zelluloserock.**
Aus: Hans Arp, Opus Null. Ausgewählte Gedichte. Herausgegeben von Richard Pietraß. Berlin und Weimar: Aufbau, 1988, S. 13
*) Wenn das ein Fußnotengedicht wäre, stünde hier ein Gruß an Michael A. in B.
**) Als Texte von Hans Arp spät, sehr spät im Land DaDaEr erscheinen sollten, gab es natürlich auch Einwände irgendwelcher Herrn mit oder ohne Bart. Richard Pietraß antwortete:
Arpade
Quarrt ein Bart: was ist das, arpen
Sag Wege mit dem Staubkamm harken
Graswuchs mit der Muschel lauschen
Abschaum vor dem Munde tauschen
Besen mit dem Schuhband binden
Kränze aus dem Herzkranz winden
Himmel aus dem Brustbein melken
Die Seele aus dem Leibe welken
Zeit in Ewigkeit verstecken
Gott in einem Torso wecken
Aus: Richard Pietraß: Spielball. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1987, S. 72
Veröffentlicht am 7. Dezember 2025 von lyrikzeitung
175 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Seit vielen Jahrzehnten gehört Dagmar Nick zu den stillen, unverkennbaren Stimmen der deutschen Literatur: präzise, hellhörig, unprätentiös und klar.
Sie hat ein Werk geschaffen, das sich modischen Strömungen stets entzogen hat, und es ist noch nicht zu Ende. Im nächsten Jahr wird sie 100, und vor Tagen wurde bekannt, dass die Stadt München ihr kurz davor ihren Kulturellen Ehrenpreis verleiht. „Immer noch da, hellwach“, heißt es in der Jurybegründung. Immer noch vertreten auch in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Das Gedicht“, die gerade erschienen ist. Hier ihr Beitrag zu der Ausgabe, die unter dem Motto „jung und alt“ steht.
Dagmar Nick
(* 30. Mai 1926 in Breslau)
Vita
Durch alle Feuer gegangen, auch
durch die Explosionen der Liebe
und anderer Versuchungen
ohne Verlust.
Bei den Glutnestern Wache gestanden,
bis sie erkaltet waren, und die Asche
mit unseren Initialen markiert,
bevor sie zerstob.
Es gab nichts zu bereuen und
nichts zu bedauern. Und wenn
die nächsten Scharmützel
auf den Vulkanen begännen –
ich wäre dabei.
Aus: Das Gedicht. jung und alt. Herausgegeben von Matthias Kröner und Anton G. Leitner, #33, 2025, S. 114
Veröffentlicht am 6. Dezember 2025 von lyrikzeitung
Noch einmal Rilke. Felix Philipp Ingold hat in seine zweisprachige Anthologie „»Als Gruß zu lesen«. Russische Lyrik von 2000 bis 1800“ (Dörlemann 2012) auch eines der von Rilke original auf Russisch geschriebenen Gedichte aufgenommen. Ingold schreibt im Anhang:
Rilkes Interesse an Rußland und an der russischen Sprache geht auf Anregungen seiner damaligen Freundin Lou Andreas-Salomé zurück, mit der er zusammen 1899/1900 das Zarenreich bereist. In Moskau, Petersburg und anderswo lernt er Literaten, Künstler, Kritiker kennen. Mit großer Einfühlung rezipiert er die »russischen Dinge«, über die er später in Vers und Prosa schreiben wird, und seine Sprachkompetenz reicht offenbar bereits dazu aus, Texte von Dostojewskij, Tolstoj, Tschechow aus dem Original ins Deutsche zu übersetzen. Zwischen den beiden Reisen verfaßt Rilke (Ende 1900 in Schmargendorf) einige grammatikalisch wie orthographisch zwar mangelhafte, künstlerisch aber durchaus ansprechende Gedichte, die er drei Monate danach durch zwei weitere, formal deutlich stärkere Texte ergänzt. Die titellosen Texte gelten in der Rilkeforschung gemeinhin als Entwürfe oder Fragmente, doch nichts spricht dagegen, sie als abgeschlossene Gedichte zu betrachten; eines davon – »Ermattet …« (»Ja tak ustal …«, 1901) – erscheint hier in deutscher Nachdichtung beziehungsweise in deutscher Rückübersetzung aus dem Russischen. Zweierlei ist an diesem Text – die originale vorrevolutionäre Orthographie mitsamt Rilkes sprachlichen Fehlern wurde beibehalten – bemerkenswert: Einerseits entsprechen seine Intonation und Metaphorik unverkennbar der von Rilke gleichzeitig in deutscher Sprache verfaßten Lyrik, andererseits läßt er (genauso wie die übrigen russischen Gedichte) keinerlei thematischen Bezug zu Rußland erkennen – die »russischen Dinge« bleiben ausgespart in einem Sehnsuchtsraum, doch ihre Aura wird lyrisch vergegenwärtigt, und dies mit impliziter Bezugnahme auf Johann Wolfgang von Goethes Erlkönig-Gedicht.
Rainer Maria Rilke
(* 4. Dezember 1875 in Prag; † 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz)

Ermattet ...
Ermattet von der Last der Schmerzenstage
erfahre ich die leere Nacht, die ohne Klage
aus fernem Feld auf meine stillen Augen fällt.
Mein Herz hat sich zur Nachtigall gesellt,
doch fehlen ihm für deren Lied die Worte;
mir ist, als ob ich nur mein Schweigen hörte –
es wächst heran wie Angst in tiefer Nacht,
verdüstert sich zu einem allerletzten Ach!
– das Kind ist fort, der Tod hat's weggebracht.
11. April 1901
Aus dem Russischen von Felix Philipp Ingold
Ingold gelingt eine Nachdichtung unter weitgehender Bewahrung des Silbenmaßes (überwiegend zehn oder elf Silben) und des Reims mit leichter Vereinfachung: im Original reimen die ersten 4 Silben aufeinander. Auch am Schluss gibt es eine kleine Umstellung.
Hier der Versuch einer volkstümlichen aussprachenahen Transliteration mit Unterscheidung von stimmhaftem/stimmlosem s- und sch-Lauten: z/s und sh/sch sowie mit Betonungsstrichen:
Ja ták ustál ot tjáshby bolných dnjéj,
pustája nótsch bezwétrjennych poljéj
leshít nad tíschinoi móich otschéj.
Moj sérdtse natschinál kak solowéj,
no doskazát ne mógh swoí slowá;
tepér moltschánije swójo slýschu já —
onó rastjót kak w nótschi strách,
temnéjet kak poslédnij ách
zabýtawo umerschawó rebjónka.
Ich habe die KI beauftragt, die Qualität von Rilkes Russisch zu bewerten.
Seine Beherrschung der Sprache war passiv gut, produktiv aber begrenzt – und das merkt man.
(A) Grammatik
Stärken
* Die syntaktische Struktur ist meist korrekt.
* Viele Wendungen sind idiomatisch gut getroffen („лежит над тишиной моих очей“ ist poetisch akzeptabel).
* Genitivkonstruktionen funktionieren.
Schwächen / Auffälligkeiten
* тяжьбы больных дней ist ungewöhnlich; richtig wäre „тяжбы больных дней“ ohne ь nach ж; Bedeutungswahl wirkt fremd.
* свой слова ist grammatisch falsch → müsste „свои слова“ sein.
* оно растет как в ночи страх ist semantisch holprig; ein Russischsprachiger würde eher eine Umstellung wählen.
* последний ах ist semantisch möglich, aber wirkt extrem untypisch, fast unbeholfen.
* забытого умершего ребенка ist möglich, aber die Kombination ist eher unbeholfen als poetisch wirkungsvoll.
Gesamturteil Grammatik:
➡️ nicht fehlerfrei, aber verständlich; deutlich Nicht-Muttersprachler.
(B) Orthografie
* Original folgt korrekt der prä-revolutionären russischen Rechtschreibung: End-ъ nach Wörtern: правильно – ѣ (ять): richtig verwendet, betrifft bestimmte lexikalische Traditionen.
* Einige Inkonsequenzen wirken aber wie Fehler eines Lernenden.
➡️ weitgehend korrekt, kleinere Inkonsequenzen.
(C) Wortwahl & Stil
* Rilke versucht sichtbar, russische Symbolisten zu imitieren (Balmont, Belyj, frühe Blok-Töne).
* Viele Wörter sind treffend, aber Kombinationen wirken künstlich, manchmal schwerfällig.
* Man merkt, dass er eher „übersetztes Rilke-Deutsch“ in russischer Form schreibt.
➡️ poetisch ambitioniert, aber stilistisch nicht idiomatisch russisch.
(D) Metrik
Rilke strebt klar einen jambischen Fünfheber an (klassische russische Form). Aber:
* Betonungen stimmen häufig nicht.
* Syntax erzwingt metrisch harte Brüche.
* Muttersprachliche russische Lyrik dieser Zeit klingt wesentlich fließender.
➡️ metrisch unsauber; manchmal gelingt der Rhythmus, oft nicht.
Gesamturteil über Rilkes russisches Gedicht
Literarische Qualität:
* hoch als historisch-biografisches Dokument,
⚠️ mittel bis schwach als russisches Gedicht.
Es ist deutlich spürbar, dass Rilke nicht in der russischen poetischen Tradition zuhause war. Er denkt in deutscher Bildsprache und baut diese in russische Grammatik ein – oft etwas gezwungen, aber mit intensiver emotionaler Authentizität.
Aber: vielleicht hätte gerade diese Unbeholfenheit (Fremdheit) den russischen Formalisten gefallen?
Zum Schluss noch zwei maschinelle Übersetzungen, die auf unterschiedlichen Wegen näher am Wortsinn sind.
Ich bin so müde von der Last der kranken Tage;
die leere Nacht der windlosen Felder
liegt über der Stille meiner Augen.
Mein Herz begann wie eine Nachtigall,
doch konnte es sein Wort nicht aussprechen;
jetzt höre ich seine Stille –
sie wächst wie in der Nacht die Angst,
verdunkelt sich wie der letzte Seufzer
eines vergessenen, sterbenden Kindes.
(ChatGPT)
Ich bin so erschöpft von den Tagen der
Krankheit; die leere Nacht windstiller
Felder liegt über dem Schweigen meiner
Augen. Mein Herz begann wie eine
Nachtigall, doch konnte es seine Worte nicht
vollenden; nun höre ich sein Schweigen –
es wächst wie die Angst in der Nacht, verdunkelt sich
wie der letzte Atemzug eines
vergessenen, toten Kindes.
(Google Übersetzungs-App)
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