Verhängnisvolle Liebe eines Siegers

(Eine historische Meldung aus dem L&Poe-Archiv)

Der Erdrutsch-Sieger aus der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, liebt Gedichte – und darf deshalb auf Lebenszeit kein Amt mehr bekleiden. „He recited a poem and his life changed“, titelte der Turkish Press Scanner der turkish daily news vom 23.4.1998.

FAZ-Bericht:

Nicht wenige seiner Reden leitet Erdogan mit Gedichten ein, schon 1973 hatte er in Istanbul einen Gedichtlesewettbewerb gewonnen. Erdogan ist ein Verehrer der islamischen Mystik, des Sufismus, und die Essenz der Sufis findet er in Gedichten besser wieder als in der Prosa. / FAZ 5.11.2002, S. 12.

Über das Urteil von 1998 berichtete die taz:

Der 44jährige Politiker war wegen einer Rede, die er im Dezember letzten Jahres [d.i. 1997] im ostanatolischen Siirt gehalten hatte, vom Staatssicherheitsgericht Diyarbakir zu zehn Monaten Haft verurteilt worden. In seiner Rede hatte er den Dichter Ziya Gökalp zitiert: Die Moscheen sind unsere Garnisonen, die Kuppeln unsere Helme, die Minarette unsere Bajonette und die Gläubigen unsere Soldaten. Nachdem das Urteil wegen Volksverhetzung am Mittwoch vom Kassationshof bestätigt wurde, bleibt ihm als letzter Weg der Antrag zur Berichtigung des Urteils, der jedoch von derselben Instanz bearbeitet und mit Sicherheit negativ beschieden wird. Erdogan verliert damit seinen Posten, er darf lebenslang nicht für öffentliche Ämter kandidieren, wird aus seiner Partei ausgeschlossen und muß für mindestens vier Monate ins Gefängnis. / TAZ, 25.9.98

Über Gökalp (1876 – 1924) schreibt die FAZ:

Dieser Dichter und Denker aus Diyarbakir im Südosten ist  eigentlich der Ideologe des modernen Türkismus, auf dessen Werk „Die Grundlagen des Türkismus“ … sich der Republikgründer Atatürk stützte; mit islamischem Fundamentalismus hatte er wenig im Sinn. Sein Bestreben ging vielmehr dahin, den Islam zu türkisieren, bis in die Sprache hinein. /FAZ 5.11.2002, S. 3

Skeptisch gegenüber der Partei Erdogans bleibt der türkische Schriftsteller Nedim Gürsel:

Ich teile den Optimismus gewisser türkischer Intellektueller keineswegs, die denken, die AKP werde sich mit ihrem fortan europäisch angepaßten islamischen Gesicht leicht ins System einfügen. Politische und kulturelle Unverträglichkeiten mit europäischen Werten erscheinen mir offensichtlich. Denn der Islam ist, anders als das Christentum, eine Religion, die der Gemeinschaft einen Code civil vorschreibt und das gesellschaftliche wie das individuelle Leben reglementiert. Er läßt sozusagen keine Form von Weltlichkeit zu. / FAZ 12.11.2002

Schlechtere Zeiten für Lyrik?

(Eine historische Meldung aus dem Jahr 2002)

Ja – wenn es nach Enzensberger geht. Der nämlich fordert in der FAZ vernünftige Preise für seine Gedichte:

Die Buchproduktion ist, soweit ich sehen kann, die einzige Branche, bei der – um im Bild zu bleiben – ein Hamburger genausoviel kostet wie ein Tournedos und eine Portion Pommes frites soviel wie eine getrüffelte Pastete. Wohin wir auch blicken, ob es sich um Kleider handelt, Schmuck, Porzellan, Möbel, überall ist erstklassige Qualität teurer als der Schund, nur bei den Büchern nicht. Das ist höchst sonderbar, um nicht zu sagen abergläubisch. / FAZ 9.11.2002

Außerdem sollte jedes Land, wie bisher Restaurantführer, jährliche Literaturführer herausbringen, „von strengen, unabhängigen, gefürchteten Testern*) verfaßt“, um für den orientierungslosen Leser „die Spreu vom Weizen zu trennen“. Brave new world of poetry!

*) Bewerbungen an das FAZ-Feuilleton

In der Zwischenzeit

Griffin Poetry Prize Shortlist

TORONTO – April 12, 2016 – Scott Griffin, founder of The Griffin Trust For Excellence In Poetry is pleased to announce the International and Canadian shortlist for this year’s prize. Judges Alice Oswald (UK), Tracy K. Smith (USA) and Adam Sol (Canada) each read 633 books of poetry, from 43 countries, including 25 translations.

The seven finalists—four International and three Canadian—will be invited to read in Toronto at Koerner Hall at The Royal Conservatory in the TELUS Centre for Performance and Learning, 273 Bloor Street West, Toronto, on Wednesday, June 1st at 7.30 p.m. The seven finalists will each be awarded $10,000 for their participation in the Shortlist Readings.

The winners, to be announced at the Griffin Poetry Prize Awards on Thursday, June 2nd, will each be awarded $65,000.

International

  • The Quotations of Bone ● Norman Dubie. Copper Canyon Press
  • Conflict Resolution for Holy Beings ● Joy Harjo. W. W. Norton & Company
  • 40 Sonnets ● Don Paterson. Faber and Faber
  • Heaven ● Rowan Ricardo Phillips. Farrar, Straus and Giroux

Canadian

  • Frayed Opus for Strings & Wind Instruments ● Per Brask and Patrick Friesen, translated from the Danish written by Ulrikka S. Gernes. Brick Books
  • Infinite Citizen of the Shaking Tent ● Liz Howard. McClelland & Stewart
  • Tell: poems for a girlhood ● Soraya Peerbaye. Pedlar Press

Dichter zu Millionären

The UAE* is the first and only country in the world to make its best poets millionaires – and not just its own, but any man or woman from the region and beyond able to think, write and speak in Nabati rhymes.

This is about to happen again, for the seventh time, on May 17, when five out of 48 Arab poets that made it into the Million’s Poet competition will be awarded Dh15 million for their own written and recited poems. In the meantime, all 48 have to go through a process of elimination, a process that already began on February 9. / Khaleej Times

*) United Arab Emirates, Vereinigte Arabische Emirate

Majestätsbeleidigung gehört nicht in den Strafkodex einer Demokratie

Der Deutsche Journalisten-Verband kritisiert die Erklärung von Bundeskanzlerin Angela Merkel vom heutigen Freitag zum Antrag der türkischen Regierung, den Satiriker Jan Böhmermann strafrechtlich verfolgen zu lassen.

„Dieser Entscheidung der Bundeskanzlerin hätte es nicht bedurft, weil der türkische Präsident Erdogan bereits Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft Mainz gestellt hat“, sagt DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall. Die Kanzlerin hatte zuvor bekannt gegeben, dass die Bundesregierung der Staatsanwaltschaft eine Verfolgungsermächtigung erteile.
Der DJV-Vorsitzende sieht in der Erklärung der Kanzlerin das falsche Signal an die Adresse der türkischen Regierung. Das werde auch nicht dadurch wettgemacht, dass die Kanzlerin die massiven Verstöße gegen die Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei angesprochen habe. „Es ist allerdings zu begrüßen, dass die Bundeskanzlerin die Abschaffung des Paragrafen 103 in Aussicht gestellt hat“, sagt Überall. „Majestätsbeleidigung gehört nicht in den Strafkodex einer Demokratie.“

L&Poe zu Böhmermann

Eingeknickt

Auf Jan Böhmermann kommt ein Verfahren wegen möglicher Beleidigung des türkischen Staatschefs Erdogan zu. Laut Kanzlerin Merkel hat die Bundesregierung dem Verlangen Ankaras entsprochen. Der entscheidende Paragraf 103 soll jedoch bis 2018 abgeschafft werden. / Spiegel

Fein, dann wird ihm 2018 der Rest der Strafe erlassen. Vorausgesetzt, sie fällt hoch genug aus. Roter Teppich für den Sultan! Genugtuung für alle feinsinnigen Qualitätswahrer im deutschen Fernsehen und überhaupt!

„Ich bin gekommen um Ihnen mitzuteilen daß heute Ihre Auslieferung an die Türkei…“ [Frenetischer Beifall]

„Wenn es soweit kommt, daß wir vor ausländischen Staatschefs einknicken, dann ist das nicht mehr mein Land.“ (Volksmund)

Frau Merkel, Herr Steinmeier, Herr Gabriel: schämt euch!

Nachtrag: Damit keiner sagen kann, er habe es ja gar nicht gesehen, weil die Sendung aus der Mediathek flugs gelöscht wurde, hat jetzt der Deutschlandfunk das Video und eine Abschrift mit allem Vor- und Nachreden ins Netz gestellt. Lesen Sie hier (nicht nur das inkriminierte Gedicht sondern) was Böhmermann und sein Partner wirklich gesagt haben. Vielleicht sieht dann auch Herr Staeck und Frau (… nein, keine Namen mehr!), daß es hier nicht um die Qualität eines satirischen Gedichts geht.

Die kleine Sängerin

Ursprünglich ein deutscher Dialekt, mischte sich die Sprache mit hebräischen und slawischen Wörtern. Anfang des 20.Jahrhunderts sprachen noch gut elf Millionen osteuropäische Juden jiddisch, etwa die Hälfte wurde im Zweiten Weltkrieg ermordet.

Yoéd Sorek hat die Sprache und die jiddischen Lieder von seiner Oma Sima Skurkovitch gelernt. Sie stammte aus Litauens Hauptstadt Wilna und liebte das „Jerusalem des Nordens“ mit seinem blühenden jüdischen Kulturleben. Als die Deutschen kamen, war sie gerade 17. Sie nahmen ihren Vater und ihren Bruder mit und ermordeten sie wie Zehntausende andere Juden auch in den nahegelegenen Wäldern von Ponar. „Ponar ist das Schlachtfeld meiner Familie“, sagt Sorek. (…)

Seine Oma überlebte den Holocaust. „Sie war die kleine Sängerin, die Deutschen fanden sie witzig und hübsch. Das hat ihr das Leben gerettet.“ / Barbara Doll, Süddeutsche Zeitung 7.4.

Dialegometha?!

Weiter geht die Debatte. Unter dem Beitrag von Carl Reiner Holdt bei Fixpoetry mit Leserkommentaren sowie mit einem zweiten Beitrag von Holdt.

Jetzt antwortet Armin Steigenberger unter dem langen Titel „Dialegometha?! Versuch einer Darstellung des Status Quo in der Lyrikdebatte. Metaebene, Wissenschaft, Belehrung“ auf Holdt. Zitat:

Es ist ja de facto etwas passiert, auch „Wenn man um einer wichtigen Einsicht willen 99 unsinnige Wege gehen muss“, schreibt Heuristiker Holdt. Deshalb sehe ich die Chance gerade darin, dass die – ich bin mal so frei, von Errungenschaften dieser Debatte zu sprechen, während „Prozessbeobachter“ C. R. Holdt versucht, zu resümieren und die Debatte in summa als banal und ineffektiv abzuqualifizieren, – Lyrikkritik nun positive Impulse erfahren hat. Wir sind ja noch nicht am Ende, wie es Holdts Ausführungen aber bereits implizieren. Die Sache ist noch nicht erstarrt und verfestigt, sondern noch und jederzeit formbar. Lasst uns jetzt mal auch ein positives Resümee ziehen, bitte. Und dann weiterreden.

(…)

In dieser Debatte ist genau das passiert – dass aus einer völlig ungeplanten Situation tatsächlich etwas entstand, und auch ich kann von mir sagen, dabei gelernt zu haben (…) dass wir uns längst schon unterhalten, schon Ergebnisse haben und uns gerade einmal mehr als Lyriker selber finden –, sprich uns Prozesse bewusst machen, uns gewisse Rahmenbedingungen vor Augen führen möchten, was Lyrikkritik in einer Lyrikwelt bedeutet, die (aus komplexen Gründen) keine richtige Öffentlichkeit findet (…) / Signaturen

Hier meine Liste der bisherigen Debatte.

Die Liste bei Fixpoetry (die im Titel behauptet, anders als ungenannt anderen ginge es ihr nicht um #präsenzpunktesammeln) und bei Signaturen (weiter unten rechts unter „Essay / Diskurs“)

Liegt nicht in Arkadien

Die vielfältigen Schattierungen im Buch machen es, wenn man nicht genug Sitzfleisch hat, zum idealen Foucault‘schen Steinbruch. Man kann an verschiedensten Stellen in die Lektüre einsteigen und immer beladen mit Denkanregungen wieder herauskommen. Zumindest, wenn man sich für Lyrik interessiert. Und warum man sich dafür, also für die Lyrik, aber auch für deren Rezipienten, interessieren sollte, und warum Lyrik nicht irgendwo in Arkadien angesiedelt ist, sondern einen Platz in der realen Welt hat, erfährt man im Vorwort des Buches durch eine Replik auf die dänische Autorin Janne Tenner die 1993 während des Bürgerkrieges für eine UN Mission in Mosambik arbeitete. / Jan Kuhlbrodt, Signaturen

Anja Utler: „manchmal sehr mitreißend“. Über die poetische Erfahrung gesprochener Gedichte. Bielefeld ([transcript] Verlag) 2016. 218 Seiten. 29,99 Euro.

Böhmermann liegt am Meer

Konstantin Ames

Böhmermann liegt am Meer

Mach dich nicht lächerlich! Wer schmäht …

Jan Böhmermann ist mutig; der Präsident hat viele Mutige um sich, die
Sichten und berichten.
Wer schmäht ist ein Schah; wer klagt ein Waschweib. Besser als tot zu sein.
Böhmermann lügt nicht am Meer. Er liegt daran. Was ist das Meer?
Ein Präsident? Nur, wenn es weise wär. Was waren die letzten Worte
Goliaths? „Respekt!“ vielleicht. Vielleicht hat auch er ans Meer gedacht.

Was ist das? Mach dich nicht lächerlich! Tu was Versöhnliches, wenn ringsum …

Ich Böhmermann. Wer schmäht, fliegt (so ist das mit der Blödigkeit)
über den Restpalast, verschönert ihn von oben mit ureigenem Code. Was
sich mal eben so vom Trittbrett und der Leber abstreifen ließe.
Man muss nicht Goliaths und ihren Mimen vertrauen. Auch die Experten
für „Böhmis Ego-Faschismus“ wissen es schon: Ein andres Wort für Leviathan
ist Weltmerkel. Die Kehrseite der Demokratie ist die Unterschrift.
Was kein schöner Leviathan braucht sind Föne, die vom rechten Weg …

Warum lächelt er nicht, der Präsident? Bucht eine Reise und schaut sich
dieses Böhmermannland mal an und seine Résistance-Museen.
Macht stattdessen Anwälte reich. Hat das Meer Ehre?
Herr Präsident, Sie müssen zu dem Haus mit Polizei davor!
Sie haben doch schon gewonnen. Sie könnten nun nur noch verlieren.

Gestorben

Der Komponist und Pionier der Lautpoesie Josef Anton Riedl ist tot. 1927 in München geboren, studierte Riedl in seiner Heimatstadt, wo er mit Carl Orff, Karl-Amadeus Hartmann und Hermann Scherchen in Kontakt kam. 1951 lernte er bei einem Ferienkurs in Aix-en-Provence Pierre Schaeffer und seine musique concrète kennen. Ende der 1950er-Jahre gründete er das Siemens-Studio für elektronische Musik, das er bis 1966 leitete. Die von Riedl initiierte Münchner Veranstaltungsreihe »Klang-Aktionen« steht für sein eigenes, keiner Stilrichtung zuzuordnendes, multimediales und alle Gattungsgrenzen sprengendes Schaffen. Zu seinen Schülern gehört der Autor, Literaturwissenschaftler und Lautpoet Michael Lentz. Josef Anton Riedl starb am 25. März 2016 in Murnau.

/ Gesellschaft für Neue Musik

İlhan Berk

İlhan Berk (1918-2008) gehörte zu den Dichtern der İkinci Yeni (“Zweite Neue”), einer literarischen Ausrichtung in der Türkei, die sich in den 1950er-Jahren gegen ihre unmittelbaren Vorgänger u.a. dadurch abgrenzte, daß sie gesellschaftskritische und politische Aussagen aus dem Gedicht verbannte. Paradoxerweise war es vor allem diese formal apolitische, inzwischen großteils verstorbene Generation um Berk, Cemal Süreya, Turgut Uyar, Ece Ayhan, Sezai Karakoç, Edip Cansever, die von der #şiirsokakta-Bewegung und im Zusammenhang mit den Gezi-Protesten ab 2013 zitiert wurde und mit deren Versen seither die türkischen Städte von jungen Leuten wild beschriftet werden.

Der kleine Elif Verlag aus Nettetal bietet nun mit dem zweisprachigen Band Um die Gasse biegt deine Stimme / Sokaği Dönüyor Sesin die erste größere Kompilation mit Gedichten und Zeichnungen von İlhan Berk für das deutschsprachige Publikum an. Übersetzt und mit einem Nachwort versehen hat die Sammlung Yüksel Pazarkaya … / Mehr bei Stan Lafleur

İlhan Berk: Um die Gasse biegt deine Stimme / Sokaği Dönüyor Sesin, Elif Verlag, Nettetal 2016, Softcover, 168 Seiten, 12 Euro

Ulla-Hahn-Autorenpreis wird zum dritten Mal vergeben

Elf Nominierungen liegen vor / Preisgeld ist auf 10.000 Euro angehoben worden

Monheim am Rhein. Zum dritten Mal nach 2012 und 2014 steht in diesem Jahr die Vergabe des Ulla-Hahn-Autorenpreises an. Prämiert wird ein deutschsprachiges Erstlingswerk von einer Autorin oder einem Autor unter 35 Jahren. Vorgeschlagen werden können Lyrik und Prosa. 2012 wurde Nadja Küchenmeister für ihren Lyrikband „Alle Lichter“ ausgezeichnet, zwei Jahre später erhielt Lara Schützsack den Ulla-Hahn-Autorenpreis für ihren Roman „Und auch so bitterkalt“. Das Preisgeld ist um 4000 auf nun 10.000 Euro angehoben worden.

Eine achtköpfige Jury schlägt vor und entscheidet über den Preisträger. Vorsitzende ist die in Monheim aufgewachsene bekannte Autorin Dr. Ulla Hahn. Weitere Mitglieder sind in diesem Jahr Norbert Hummelt (Schriftsteller), Maren Jungclaus (Literaturbüro NRW, Düsseldorf), Prof. Swantje Lichtenstein (Schriftstellerin und Dozentin an der Fachhochschule Düsseldorf), Dr. Lothar Schröder (Rheinische Post, verantwortlicher Redakteur für Geistiges Leben), Lara Schützsack (Preisträgerin des Ulla-Hahn-Autorenpreises 2014), Dr. Hajo Steinert (Deutschlandfunk, Leiter der Abteilung Kulturelles Wort) und Dorothea von Törne (freie Literaturkritikerin).

Folgende Nominierungen für den Ulla-Hahn-Autorenpreis liegen vor:

Pierre Jarawan „Am Ende bleiben die Zedern“ (berlin verlag), Nis-Momme Stockmann „Der Fuchs“ (Rowohlt), Yevgeniy Breyger „flüchtige monde“ (kookbooks), Lea Schneider „invasion rückwärts“ (Verlagshaus Berlin), Juan Sebastian Guse „Lärm und Wälder“ (Fischer), Shida Bazyar „Nachts ist es leise in Teheran“ (Kiepenheuer&Witsch), Sina Klein „narkotische kirschen“ (Klever Verlag), Ulrike Feibig „perlicke perlacke, mein Herz schlägt“ (Poetenladen Verlag), Anja Kampmann „Proben von Stein und Licht“ (Carl Hanser Verlag), Mirna Funk „Winternähe“ (Fischer) und Ronja von Rönne „Wir kommen“ (Aufbau Verlag).

Die endgültige Entscheidung trifft die Jury im Sommer. Die Preisverleihung findet Ende des Jahres statt. (nj)

1984

Ausgehend von solchen Szenarien erscheint es plausibel, dass »der Aufstieg von Death und Black Metal parallel zum Niedergang des realexistierenden Sozialismus erfolgte«, wie Jan Tölva anmerkt. Es gab im Osten aber auch Versuche, konstruktiv zu wirken. Bert Papenfuß, der in der DDR zwar eine Steuernummer als Schriftsteller hatte, aber mit Publikations- und Auftrittsverbot belegt war, beschreibt, wie im März 1984 eine einwöchige »Zersammlung« in einem Hinterhof des Prenzlauer Bergs stattfand, gedacht als »eine Generalkonferenz der nicht-offiziellen Künstlerszene der DDR«. Die Teilnehmer verortet er »zwischen verboten, verkannt, unbekannt, Underground und halblegal, Kandidatenstatus , offiziell«. Einig wurde man sich nicht, weil man sich »in erster Linie aus Eigendünkel selbst im Wege gestanden« habe.

(…)»1984!« ist eine der besten Darstellungen der 80er Jahre in Ost und West, die heute überwiegend nur noch als das Jahrzehnt der komischen Frisuren, Blazer und Schnurrbärte verhandelt werden. Die grundlegende Pointe ist natürlich die, dass es nie mehr Staat gab als heute, wie Papenfuß betont. / Christof Meueler, junge Welt

Alexander Pehlemann/Bert Papenfuß/Robert Mießner (Hg.): 1984! Block an Block. Subkulturen im Orwell-Jahr. Zonic Spezial, Ventil Verlag, Mainz 2015, 285 S., 19,90 Euro

 

Inhaltsverzeichnis

  • Alexander Pehlemann: 1984! Block an Block. Subkulturen im Orwell-Jahr. Eine Art Einleitung
  • Frank Apunkt Schneider: There’s no future like »no future«
  • mr makowski: 1984: The Best Year In My Life?. Ich lade zum Tanz. Vielleicht Pogo, vielleicht Ska. Pol-Ska
  • Avi Pitchon: Oi! The Playlist. Das 1984 eines israelischen Punks
  • Michael Gratz: Lyrik in Zeiten von Newspeak
  • Wolfgang Müller: Apokalypsen in der Wohnzimmertapete. Westberlin im Jahr 1983: Nur noch zwölf Monate bis zum Weltuntergang
  • Marcus Psurek: Arm the Unemployed! – Frankie, New Pop und die Wucht der Uneigentlichkeit
  • Alexander Pehlemann: 198Four Well?. Mit Mikoláš Chadima und Ivan Bierhanzl im Gespräch
  • Jan Tölva: Extremely Loud and Incredibly Brutal. Das Jahr 1984 als Geburtsstunde von Death und Black Metal
  • Bert Papenfuß: Fortgesetzte Abgesänge auf Anfänge unter Umständen. Folge 5: Januar bis Juni 1984
  • Peter Wawerzinek: Kunsthochklemmmappe
  • Matthias Meindl: 1968–1984. Eine sexuelle Dekadenzgeschichte in drei Jugo-Filmen
  • Jonas Engelmann: Die Verschwulung der Welt. AIDS. 1984
  • Matteo Colombi: 1984, oder das Begehren und Aufbegehren der slowenischen Subkulturen
  • Alexei Monroe: In Memoriam Tomaž Hostnik, Ljubljana, 21. Dezember 1984
  • Mario Mentrup: 1984 kaufte ich Africa/Brass
  • Gábor Klaniczay : Subkultur und Underground im Jahre 1984 in Ungarn
  • Ray Schneider: Attentat im Friedensstaat
  • Thomas Helmprecht: Startbahn 18 West. Vom Hüttendorf zur politischen Jugendkultur im südlichen Rhein-Main-Gebiet
  • Kay Osterloh: Jena 84 und die großen Brüder
  • Michael Freerix: Post Punk in Ostfriesland
  • Marc Schweska: Technik- und Subkultur
  • Joerg Waehner: Endstation Balkan
  • Martin Büsser : Die Weltformel auf der Fußsohle
  • Diana Ivanova: BG 1984. Schaue niemals Bilder zur Beruhigung vor dem Tod an
  • Pavla Jonssonova: Never Mind 1984, Here’s Hudba 85
  • Martina Lisa: Klirrende Rasierklingen am Klavier. Der Mythos Filip Topol
  • Filip Topol: Tag und Nacht
  • Alexander Nym: Ziffern und Zeichen im Wandel der Zeiten. 1984 als popkulturelle Referenz und gescheiterte Chiffre
  • Robert Mießner: Gegenseitige Hilfe. Künstler zum und im britischen Bergarbeiterstreik 1984/85
  • Ewgeniy Kasakow: Das lange Jahr 1984. Ein Krisenabschnitt der sowjetischen Rockszene
  • Claus Löser: Die Helden des »Parallelen Kinos«
  • Su Tiqqun: Der Gedrechselte
  • Su Tiqqun: Die Schwangere