Verhängnisvolle Liebe eines Siegers

(Eine historische Meldung aus dem L&Poe-Archiv)

Der Erdrutsch-Sieger aus der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, liebt Gedichte – und darf deshalb auf Lebenszeit kein Amt mehr bekleiden. „He recited a poem and his life changed“, titelte der Turkish Press Scanner der turkish daily news vom 23.4.1998.

FAZ-Bericht:

Nicht wenige seiner Reden leitet Erdogan mit Gedichten ein, schon 1973 hatte er in Istanbul einen Gedichtlesewettbewerb gewonnen. Erdogan ist ein Verehrer der islamischen Mystik, des Sufismus, und die Essenz der Sufis findet er in Gedichten besser wieder als in der Prosa. / FAZ 5.11.2002, S. 12.

Über das Urteil von 1998 berichtete die taz:

Der 44jährige Politiker war wegen einer Rede, die er im Dezember letzten Jahres [d.i. 1997] im ostanatolischen Siirt gehalten hatte, vom Staatssicherheitsgericht Diyarbakir zu zehn Monaten Haft verurteilt worden. In seiner Rede hatte er den Dichter Ziya Gökalp zitiert: Die Moscheen sind unsere Garnisonen, die Kuppeln unsere Helme, die Minarette unsere Bajonette und die Gläubigen unsere Soldaten. Nachdem das Urteil wegen Volksverhetzung am Mittwoch vom Kassationshof bestätigt wurde, bleibt ihm als letzter Weg der Antrag zur Berichtigung des Urteils, der jedoch von derselben Instanz bearbeitet und mit Sicherheit negativ beschieden wird. Erdogan verliert damit seinen Posten, er darf lebenslang nicht für öffentliche Ämter kandidieren, wird aus seiner Partei ausgeschlossen und muß für mindestens vier Monate ins Gefängnis. / TAZ, 25.9.98

Über Gökalp (1876 – 1924) schreibt die FAZ:

Dieser Dichter und Denker aus Diyarbakir im Südosten ist  eigentlich der Ideologe des modernen Türkismus, auf dessen Werk „Die Grundlagen des Türkismus“ … sich der Republikgründer Atatürk stützte; mit islamischem Fundamentalismus hatte er wenig im Sinn. Sein Bestreben ging vielmehr dahin, den Islam zu türkisieren, bis in die Sprache hinein. /FAZ 5.11.2002, S. 3

Skeptisch gegenüber der Partei Erdogans bleibt der türkische Schriftsteller Nedim Gürsel:

Ich teile den Optimismus gewisser türkischer Intellektueller keineswegs, die denken, die AKP werde sich mit ihrem fortan europäisch angepaßten islamischen Gesicht leicht ins System einfügen. Politische und kulturelle Unverträglichkeiten mit europäischen Werten erscheinen mir offensichtlich. Denn der Islam ist, anders als das Christentum, eine Religion, die der Gemeinschaft einen Code civil vorschreibt und das gesellschaftliche wie das individuelle Leben reglementiert. Er läßt sozusagen keine Form von Weltlichkeit zu. / FAZ 12.11.2002

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