euer Opa? wieder mal fängt der Kontinent von vorne an
Hansjürgen Bulkowski
Friederike Mayröcker im Interview mit dem Standard:
STANDARD: Gestartet sind Sie mit sanfteren Texten. Ihre ersten Gedichte haben Sie 1946 in Otto Basils Literaturzeitschrift „Plan“ veröffentlicht. „Vision eines Kindes. Erträumter einsamer blauer Engel …“
Mayröcker: Ja. Ja. Ja. Dort habe ich etliche Gedichte veröffentlicht. Es war schön im „Plan“ damals. Milo Dor, Ilse Aichinger, Erich Fried, alle waren dort. Und mein Anfang war wirklich zartsinnig und sehr religiös angehaucht, so würde ich heute nicht mehr schreiben. So etwas mag ich gar nicht mehr. Damals habe ich übrigens noch mit der Hand, dem Stift geschrieben. – derstandard.at/2000035216000/Mayroecker-Ich-schreibe-um-mein-Leben
Für nichts gerechnet! Ich! Da ich mir alles binn, da ich alles nur durch mich kenne! So ruft ieder, der sich fühlt, und macht grosse Schritte durch dieses Leben, eine Bereitung für den unendlichen Weeg drüben. Freylich ieder nach seinem Maas. Macht der eine mit dem stärcksten Wandertrab sich auf, so hat der andre siebenmeilen Stiefel an, überschreitet ihn, und zwey Schritte des letzten bezeichnen die Tagreise des ersten. Dem sey wie ihm wolle, dieser embsige Wandrer bleibt unser Freund und unser Geselle, wenn wir die gigantischen Schritte ienes, anstaunen und ehren, seinen Fustapfen folgen, seine Schritte mit den unsrigen abmessen.
Auf die Reise, meine Herren! die Betrachtung so eines einzigen Tapfs, macht unsre Seele feuriger und grösser, als das Angaffen eines tausendfüsigen königlichen Einzugs.
Wir ehren heute das Andencken des grössten Wandrers und thun uns dadurch selbst eine Ehre an. Von Verdiensten die wir zu schätzen wissen, haben wir den Keim in uns.
Erwarten Sie nicht, das ich viel und ordentlich schreibe, Ruhe der Seele ist kein Festtagskleid; und noch zur Zeit habe ich wenig über Shakespearen gedacht; geahndet, empfunden wenns hoch kam, ist das höchste wohin ich’s habe bringen können. Die erste Seite die ich in ihm las, machte mich auf Zeitlebens ihm eigen, und wie ich mit dem ersten Stücke fertig war, stund ich wie ein blindgebohrner, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblicke schenckt. Ich erkannte, ich fühlte auf’s lebhaffteste meine Existenz um eine Unendlichkeit erweitert, alles war mir neu unbekannt, und das ungewohnte Licht machte mir Augenschmerzen. Nach und nach lernt ich sehen, und, danck sey meinem erkenntlichen Genius, ich fühle noch immer lebhafft was ich gewonnen habe.
Ich zweifelte keinen Augenblick dem regelmäsigen Theater zu entsagen. Es schien mir die Einheit des Orts so kerckermäsig ängstlich, die Einheiten der Handlung und der Zeit lästige Fesseln unsrer Einbildungskrafft. Ich sprang in die freye Lufft, und fühlte erst dass ich Hände und Füsse hatte. Und ietzo da ich sahe, wieviel Unrecht mir die Herrn der Regeln in ihrem Loch angethan haben, wie viel freye Seelen noch drinne sich krümmen, so wäre mir mein Herz geborsten, wenn ich ihnen nicht Fehde angekündigt hätte, und nicht täglich suchte ihre Türne zusammen zu schlagen.
Das griechische Theater, das die Franzosen zum Muster nahmen, war, nach innrer und äuserer Beschaffenheit, so, dass eher ein Marquis den Alcibiades nachahmen könnte, als es Corneillen dem Sophokles zu folgen möglich wär.
Erst Intermezzo des Gottesdiensts, dann feyerlich politisch, zeigte das Trauerspiel einzelne grose Handlungen der Väter, dem Volck, mit der reinen Einfalt der Vollkommenheit, erregte ganze grose Empfindungen in den Seelen, denn es war selbst ganz, und gros.
Und in was für Seelen!
Griechischen! Ich kann mich nicht erklären was das heisst, aber ich fühls, und berufe mich der Kürze halber auf Homer und Sophokles und Theokrit, die habens mich fühlen gelehrt.
Nun sag ich geschwind hinten drein: Französgen, was willst du mit der griechischen Rüstung, sie ist dir zu gros und zu schweer.
Drum sind auch alle Französche Trauerspiele Parodien von sich selbst.
Wie das so regelmäsig zugeht, und dass sie einander ähnlich sind wie Schue, und auch langweilig mit unter, besonders in genere im vierten Ackt das wissen die Herren leider aus der Erfahrung und ich sage nichts davon.
Wer eigentlich zuerst drauf gekommen ist die Haupt und Staatsaktionen auf’s Theater zu bringen weiss ich nicht, es giebt Gelegenheit für den Liebhaber zu einer kritischen Abhandlung. Ob Shakespearen die Ehre der Erfindung gehört, zweifl’ ich: genung, er brachte diese Art auf den Grad, der noch immer der höchste geschienen hat, da so wenig Augen hinauf reichen, und also schweer zu hoffen ist, einer könne ihn übersehen, oder gar übersteigen.
Shakespeare, mein Freund, wenn du noch unter uns wärest ich könnte nirgend leben als mit dir, wie gern wollt ich die Nebenrolle eines Pylades spielen, wenn du Orest wärst, lieber als die geehrwürdigte Person eines Oberpriesters im Tempel zu Delphos.
Ich will abbrechen, meine Herren, und morgen weiter schreiben, denn ich binn in einem Ton, der Ihnen vielleicht nicht so erbaulich ist als er mir von Herzen geht.
Shakespears Theater ist ein schöner Raritäten Kasten, in dem die Geschichte der Welt vor unsern Augen an dem unsichtbaaren Faden der Zeit vorbeywallt. Seine Plane sind, nach dem gemeinen Styl zu reden, keine Plane, aber seine Stücke, drehen sich alle um den geheimen Punckt, |: den noch kein Philosoph gesehen und bestimmt hat 😐 in dem das Eigenthümliche unsres Ich’s, die prätendirte Freyheit unsres Willens, mit dem nothwendigen Gang des Ganzen zusammenstösst. Unser verdorbner Geschmack aber, umnebelt dergestalt unsere Augen, dass wir fast eine neue Schöpfung nötig haben, uns aus dieser Finsternis zu entwickeln.
Alle Franzosen und angesteckte Deutsche, sogar Wieland haben sich bey dieser Gelegenheit, wie bey mehreren wenig Ehre gemacht. Voltaire der von ieher Profession machte, alle Maiestäten zu lästern, hat sich auch hier, als ein ächter Tersit bewiesen. Wäre ich Ulysses; er sollte seinen Rücken unter meinem Scepter verzerren.
Die meisten von diesen Herren, stosen auch besonders an seinen Carackteren an.
Und ich rufe Natur! Natur! nichts so Natur als Shakespeares Menschen.
Da hab ich sie alle überm Hals.
Lasst mir Lufft dass ich reden kann!
Er wetteiferte mit dem Prometheus, bildete ihm Zug vor Zug seine Menschen nach, nur in Colossalischer Grösse; darinn liegts dass wir unsre Brüder verkennen; und dann belebte er sie alle mit dem Hauchseines Geistes, er redet aus allen, und man erkennt ihre Verwandtschafft.
Und was will sich unser Jahrhundert unterstehen von Natur zu urteilen? Wo sollten wir sie her kennen, die wir von Jugend auf alles geschnürt und geziert an uns fühlen, und an andern sehen. Ich schäme mich offt vor Shakespearen, denn es kommt manchmal vor, dass ich beym ersten Blick dencke, das hätt ich anders gemacht! Hinten drein erkenn ich dass ich ein armer Sünder binn, dass aus Shakespearen die Natur weissagt, und dass meine Menschen Seifenblasen sind von Romanengrillen aufgetrieben.
Und nun zum Schluss, ob ich gleich noch nicht angefangen habe.
Das was edle Philosophen von der Welt gesagt haben, gilt auch von Shakespearen, das was wir bös nennen, ist nur die andre Seite vom Guten, die so nothwendig zu seiner Existenz, und in das Ganze gehört, als Zona torrida brennen, und Lapland einfrieren muss, dass es einen gemäsigten Himmelsstrich gebe. Er führt uns durch die ganze Welt, aber wir verzärtelte unerfahrne Menschen schreien bey ieder fremden Heuschrecke die uns begegnet: Herr, er will uns fressen.
Auf, meine Herren! trompeten Sie mir alle edle Seelen, aus dem Elysium, des sogenanndten guten Geschmacks, wo sie schlaftruncken, in langweiliger Dämmerung halb sind, halb nicht sind, Leidenschafften im Herzen und kein Marck in den Knochen haben, und weil sie nicht müde genug zu ruhen und doch zu faul sind um tähtig zu seyn, ihr Schatten Leben zwischen Myrten und Lorbeergebüschen verschlendern und vergähnen.
Früher galt der 23. April 1616 als Todesdatum gleich zweier großer Dichter, William Shakespeare und Miguel de Cervantes. Inzwischen haben die Spanier ihr Datum korrigiert. Am 23. April wurde der Dichter begraben – man nimmt offiziell an, daß er am Tag davor starb. Er war 68 Jahre alt, Todesursache Diabetes. Das Sterbehaus in Madrid heißt heute Casa de Cervantes, Cervanteshaus.
Als Cervantes begraben wurde, blieben Shakespeare noch 10 Tage. Denn in Spanien galt schon der Gregorianische Kalender. Am 23. April alten Stils schrieben die kalendarisch moderneren katholischen Länder den 3. Mai. Am 3. Mai wird der Tod Shakespeares also genau 400 Jahre zurückliegen. Die Verschiebung gibt also den Vorteil – in England genau wie in Pommern und den meisten evangelischen Ländern, nur Preußen hatte sich auf Druck Polens dem päpstlichen Kalender schon angeschlossen –, die Wiederkehr eines Ereignisses im 17. Jahrhundert gleich zweimal zu begehen, am Kalenderdatum und noch einmal nach heutigem Kalender.
Shakespeares Lebensdaten ergeben übrigens eine praktische Eselsbrücke zur zeitlichen Zuordnung englischer und deutscher Literaturgeschichte. Shakespeare wurde im Jahr (15)64 geboren und starb 1616. Andreas Gryphius umgekehrt: geboren 1616, gestorben (16)64.
Ein Knüller zum Shakespearejahr bei Signaturen:
Im Shakespeare-Jahr
sieben Sonette wöchentlich
– übersetzt und kommentiert
von Günter Plessow
Jeder Leser ist eingeladen, an den nächsten 155 Tagen jeden Tag ein Gedicht des englischen Barden zu lesen. Oder einmal am Wochenende alle sieben Wochengedichte:
Wir präsentieren Shakespeares Sonette für Anfänger, das heißt: für die Kenner, die anfangen, sich einzugestehen, wie wenig sie eigentlich von dem kennen, über den sie so viel gelesen und so oft gesprochen haben.
Wir präsentieren die ganze Sequenz, so wie sie dasteht: 154 Sonette, englisch und deutsch, in verdaulichen Portionen, wöchentlich sieben zum Septett gebündelt, zweiundzwanzig Wochen lang, ohne zu vergessen, das Erzählgedicht A Lover’s Complaint folgen zu lassen. Leser, die Lust haben, diesen Schritten zu folgen, werden entdecken, daß dies Werk kein Sammelband für Liebhaber panegyrischer Gedichte ist (aber auch kein in sich geschlossener Zyklus), sondern eine eigentümlich offene Komposition, die einem Takt folgt und deren Elemente eng und weiträumig aufeinander reagieren, vergleichbar einer lyrischen Suite mit vier kontrapunktisch angelegten Sätzen: 1. Maßvoll getragen, 2. maßlos erregt, 3. nebenbei bemerkt, 4. desillusioniert.
In Österreich gibt es viele Staatspreise für Kunst und Literatur (-> Bundeskanzleramt).
Aus einer Mitteilung des Bundeskanzleramts:
„Rechtzeitig zum Welttag des Buches vergeben wir auch heuer wieder sechs wichtige Preise an herausragende Literaturschaffende. (…)
„In unserer durch Medien geprägten Welt sind wir bestens informiert und Wissen ist scheinbar mühelos immer und überall auf Knopfdruck abrufbar. Aber wenn wir die Welt kennenlernen wollen, müssen wir uns entweder selber aufmachen oder können zur Literatur und zu Büchern greifen. Denn in Erzählungen, Romanen, Essays und auch in Gedichten können wir am Leben anderer teilhaben. Dort können wir in Geschichten erfahren, wie es anderen ergangen ist oder ergeht. Einige jener Künstlerinnen und Künstler, die solche Werke schaffen, werden auch heuer wieder für ihre einzigartige literarische Arbeit mit einem Preis der Republik Österreich ausgezeichnet. Ich gratuliere den Preisträgerinnen und Preisträgern sehr herzlich zu dieser Auszeichnung und danke der Jury für ihre wohlbedachte Auswahl an wunderbaren Schriftstellerinnen und Schriftstellern“, so [Kulturminister] Ostermayer.
Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk wird mit dem Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur ausgezeichnet: „Er ist ein Wahrnehmungskünstler und zieht die Leser mit seinem bildkräftigen, von sinnlichen Eindrücken schier übergehenden Stil in diese Welterfahrung mit hinein. Mit fundiertem Geschichtswissen übt er scharfe Kritik am polnischen Selbstbild des ewigen Opfers“, heißt es in der Jurybegründung. Der Österreichische Staatspreis für europäische Literatur wird für das literarische Gesamtwerk einer europäischen Autorin bzw. eines europäischen Autors verliehen, das international besondere Beachtung gefunden hat. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.
Der Outstanding Artist Award für Literatur geht in diesem Jahr an Angelika Reitzer: Er wird jährlich an eine Autorin bzw. einen Autor der jüngeren oder mittleren Generation vergeben, die bzw. der bereits wichtige literarische Veröffentlichungen vorweisen kann, und ist mit 10.000 Euro dotiert. Die Jury erklärt: „Die Autorin zählt zu den eigenständigsten Stimmen der österreichischen Gegenwartsliteratur. Reitzer glaubt nicht an das einfach-süffige Erzählen, ist aber auch keine, die Geschichten zertrümmert. Mit großer Ausdauer arbeitet sie an einer Literatur, die der Welt zeigt, wie die Welt ist.“
Der Österreichische Kunstpreis für Literatur geht heuer an Sabine Gruber: Dieser Preis zeichnet das literarische Gesamtwerk einer österreichischen Autorin bzw. eines österreichischen Autors aus und ist mit 15.000 Euro dotiert. „Sabine Gruber erzählt mit existenzieller Wucht von Körper und Seele, von Grenzen und Freiheit, von Verzweiflung und Hoffnung, ihre Werke sind grundiert vom Wissen um die Bedeutung von Sprache und Kunst für das Leben“, so die Jury.
Den mit 15.000 Euro dotierte Österreichische Kunstpreis für Kinder- und Jugendliteratur geht an Linda Wolfsgruber: Die Jury betont: „Mit beeindruckendem Gespür für Farbe und Komposition versteht es Linda Wolfsgruber wie keine andere, ihren Bildern eine ganz eigene Atmosphäre und Spannung zu verleihen. Sie schafft mit ihren Buchillustrationen ausnahmslos Arbeiten von höchster künstlerischer Qualität und Ausdruckskraft und überrascht dabei seit nunmehr dreißig Jahren immer wieder mit neuen Techniken und Ideen.“
Der mit 10.000 Euro dotierte Outstanding Artist Award für Kinder- und Jugendliteratur geht an Elisabeth Steinkellner. „Elisabeth Steinkellner verfügt in ihrem Schreiben bereits über eine bemerkenswerte Bandbreite – Kinderbücher und jugendliterarische Texte finden sich in ihrem Werk ebenso wie Lyrik und Miniaturen oder Anthologiebeiträge. Sie ist in der langen wie in der kurzen Form zu Hause und verfügt unabhängig von der Textgattung über große Stilsicherheit und Ausdrucksvielfalt. In ihrer bilderreichen Sprache weiß sie auch in der Prosa einen sehr poetischen Erzählton zu finden, der ‚große‘ Themen wie den Abschied von der Kindheit schlicht, jedoch umso eindringlicher vermittelt“, so die Jury in ihrer Begründung.
Den biennal vergebenen Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik erhält 2016 Alfred J. Noll. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird von der Jury folgendermaßen begründet: „Als Advokat demokratischer Verhältnisse, unabhängig von textverwertenden Zwangsökonomien, entschieden in selbstgewählter Parteilichkeit und frei von Amtsverpflichtungen ist er ein gesellschaftskritischer Autor, der mit seinen Einsprüchen dazu beiträgt, die Obsolenz des videant consules ne res publica detrimentum capiat aufrecht zu erhalten.“
Bis zum 29. April 2016 können Gedichte für die erste Vorrunde eingereicht werden.
Die erste Vorrundenlesung findet am 23. Mai statt. Die Vorjury, bestehend aus Ulrich Schäfer-Newiger, Johanna Schumm und Markus Hallinger, wählt hierzu aus den Einsendungen sechs Teilnehmer aus.
Einreichungsmodalitäten unter dem Menüpunkt »Ausschreibung«.
Rückblick: Finale am 24.10.2015
Die Jury hat entschieden
Als Kuriere und Berichterstatter zwischen Dada Ost und Dada West waren damals Roman Jakobson, Sprachforscher und Dichtungstheoretiker, sowie der georgisch-russische Schriftkünstler Ilja Sdanewitsch unterwegs: Beide standen mit den interessierten Autoren in direktem Kontakt – Sdanewitsch vermittelte zwischen Tbilissi und Paris, Jakobson zwischen Moskau und Berlin (wo er im Juni 1920 die Dada-Messe besucht und Huelsenbecks Dada-Almanach entdeckt hatte).
Dem jungen Jakobson gehört im Übrigen das Verdienst, den Dadaismus in der Sowjetpresse erstmals (im Februar 1921) vorgestellt und gewürdigt zu haben. Sdanewitsch wiederum machte die Wortführer von Dada Paris als Erster mit den Pionierleistungen der russischen «Zukünftler», «Alogiker» und «Transmentalisten» bekannt und stellte die direkte Verbindung zur georgischen Avantgarde her, die unter der Bezeichnung «41°» (gemeint ist der Breitengrad der Stadt Tbilissi) firmierte und den Dadaismus sogleich als ihr westliches Pendant begrüsste.
Freilich konnte Dada für die russischen und georgischen Neuerer kein Vorbild sein, hatten sie doch dessen Forderungen und Errungenschaften um viele Jahre vorweggenommen: Bereits um 1912/13 gab es in Moskau, Petersburg und anderswo in Russland performative Lesungen, absurdes Theater, Unsinnspoesie aller Art, deregulierte Typografie und diverse Programme, die den «Tod der Kunst» und den «Triumph des Nichts» postulierten.
Im Vergleich damit waren die Dadaisten eher Nachzügler denn Vorreiter, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dass sie die vorgängige russische Kunstrevolution nicht aus Prioritätsgründen ignoriert und verdrängt haben – sie ist ihnen ganz einfach entgangen. Festzuhalten bleibt jedenfalls: Was Tzara und Picabia mit «Dadaglobe» als exklusive Pionierleistung avantgardistischer Westkunst dokumentieren wollten, hatten die Russen bereits vor dem Ersten Weltkrieg in allen künstlerischen Sparten vollumfänglich umgesetzt. (…)
Beispielhaft dafür sind die Nitschewoken, die ihren Gruppennamen in ironischer Anlehnung an die Bolschewiken gewählt haben, ihn aber bedeutungsmässig ins Gegenteil verkehrten: Während sich die Bolschewiken (von russisch «bolsche», d. h. «mehr») als siegreiche «Mehrheit» darstellten, bezogen sich die Nitschewoken (von russisch «nitschewo», d. h. «nichts» oder «ist doch egal!») mit ihrem Neologismus wörtlich auf das «Nichts» und kehrten damit auch ihren wegwerfenden Zynismus heraus – man könnte sie demnach zu deutsch als «Nullitäter», «Einerleier» oder «Nichtsianer» bezeichnen.
Ausserhalb Russlands haben die Nitschewoken ein erstes und einziges Mal bei Ilja Ehrenburg Erwähnung gefunden, der sie in seinem Buch über die zeitgenössischen europäischen Kunstbewegungen («Und sie bewegt sich doch», Berlin 1922) explizit als «Dada-Filiale» bezeichnete. Doch auch dieser autoritative Hinweis blieb damals unbeachtet. Erst seit kurzem sind die Dekrete von Dada Moskau in deutscher Sprache greifbar («Die Nichtsler», Edition Raute, Dresden 2015), derweil eine Übersetzung der poetischen Texte sowie deren Einordnung in die dadaistische Wortkunst noch immer ausstehen. / Felix Philipp Ingold, Neue Zürcher Zeitung
Nichtsler in Lyrikwiki
Siehe auch in: Abwärts! – Heft 13 (März 2016) Redaktion: Robert Mießner, Bert Papenfuß, Alexander Pehlemann, Stefan Ret, Kristin Schulz, Hugo Velarde, Karsten Wildanger. Grafiken: Agnes Grambow. Preis: 5,00 EUR
von Jan Kuhlbrodt (Postkultur)
Wahrscheinlich gab es noch nie so viel Lyrikkritik wie heute, auch wenn sich das nur bedingt in den großen Medien spiegelt. Das Internet aber ist voll davon, und es gibt eine Menge unabhängiger Literaturzeitschriften. Und wahrscheinlich wurde auch noch nie soviel Lyrik produziert wie heute. Wenn wir mehr Qualität wollen, sollten wir eine Streitkultur entwickeln, das Planschbecken verlassen.
National Poetry Month Special: Download Poetry Magazine April 2016 Issue for Free
In celebration of National Poetry Month, we’re happy to offer you, dear readers, a free download of the April 2016 issue of Poetry magazine. It’s available in our iTunes app or as a PDF for your other devices.
The April 2016 issue features a portfolio of poets associated with Split This Rock, a national organization that cultivates, teaches, and celebrates poetry that bears witness to injustice and provokes social change. The issue also includes remarks from members of the Academy of American Poets—the organization that founded National Poetry Month twenty years ago this month—describing what poetry means today; the occasional feature “The View from Here”; and much more. In the digital edition you’ll also find a reading list from contributors to this issue, a curated playlist, and Alice Lyons’s reflection on Hollis Frampton’s film Gloria! as a lyric poem. Listen to this month’s Poetry magazine podcast, hosted by the editors, and watch videos of our “The View from Here” contributors talking about how they encounter poetry in their daily lives. / Poetry foundation
Pressemitteilung vom 20.04.2016
Die Kulturverwaltung des Berliner Senats vergibt an 20 in Berlin lebende Autorinnen und Autoren Arbeitsstipendien in Höhe von insgesamt 360.000 €.
Die Stipendiaten erhalten jeweils ein neunmonatiges Stipendium in Höhe von 18.000 € (Monatssatz 2.000 €).
Die diesjährigen Stipendiatinnen und Stipendiaten sind:
Der Jury zur Vergabe der Arbeitsstipendien gehörten dieses Jahr an:
Alexander Filyuta, Claudia Kramatschek, Sigrid Löffler, Jörg Magenau, Manuela Reichart und Ernest Wichner.
Die Jury hatte über 271 Bewerbungen zu entscheiden.
Die Stipendiatinnen und Stipendiaten werden sich und ihre Arbeiten im Rahmen einer Veranstaltung voraussichtlich im November 2016 präsentieren. Der Termin wird der Öffentlichkeit vorher bekannt gegeben. / berlin.de
Gut, eins noch, ein kleines. Zitat aus dem Poetenladen-Interview mit Kurt Drawert:
Etwas anderes ist die elektronische Verfügbarkeit der Diskussionen, wie sie in Darmstadt zum zweiten Mal, nämlich auch schon 2013, vorgenommen wurden. Ich bin hier nämlich gar nicht der Ansicht, dass die Jury einem online gestellten Mitschnitt aller Redebeiträge weiterhin zustimmen sollte und behalte mir ein weiteres Mitwirken unter diesen Umständen auch noch vor. Allein nach der letzten Auflage des Wettbewerbes habe ich so viele Verwünschungs- und Verleumdungsnachrichten erhalten, meistens verlinkt, weil ich mich in den unzählig vielen diversen Netzwerken selbst gar nicht zurechtfinden würde, dass ich mich fragte, warum man sich das eigentlich zumuten soll. Ein höchstfälliges Schmerzensgeld gibt es dafür ja auch nicht.
/ Mehr im Poetenladen
Zweifellos gibt es Dinge, über die Kurt Drawert besser Bescheid weiß als über das Internet. Geld & Gedichte auch, völlig unironisch:
Martina Weber: Beim Qualitätsausleseprozess geht es nicht nur um eine ideelle Anerkennung, sondern es geht – ganz besonders in der Lyrik – bei der Vergabe von Literaturpreisen und Stipendien auch um die Verteilung von Geldern und damit finanziellen Mitteln, die es einer Autorin / einem Autor mitermöglichen, sich eine Zeitlang weiter auf das Schreiben zu konzentrieren oder auch darum, weiter in der Künstlersozialversicherung mit ihren günstigen Konditionen versichert zu bleiben und den dafür erforderlichen Gewinn in Höhe von mindestens 3.900 Euro jährlich durch eine KSK-versicherungspflichtige Arbeit zu erzielen. Wir haben also grundsätzlich eine sehr interessante, vielfältige Lyrikszene (ich konzentriere mich auf die Lyrik, weil ich die Prosa nicht beobachte), aber die meisten Dichterinnen und Dichter verdienen mit ihrer Arbeit nur ein Taschengeld, wenn überhaupt. Der Herausgeber des Jahrbuchs der Lyrik, Christoph Buchwald, schrieb vor Jahren im Einladungstext, Lyrik sei derart unbezahlbar, dass sich der Verlag entschlossen habe, statt eines sowieso nur symbolischen Honorars von 10 Euro pro Gedicht gar kein Geld mehr zu bezahlen. Das Verhältnis von Gedichten zu Geld ist gnadenlos. Mir fällt gerade keine Tätigkeit ein, bei der der zeitliche und geistige Aufwand in einem derartigen Missverhältnis zum Honorar steht. In einem Wettbewerb um finanziell lukrative Tätigkeiten wäre das Schreiben von Gedichten wahrscheinlich bei den untersten Rängen zu finden. In deinem Gedichtband Frühjahrskollektion gibt es sogar ein Kapitel mit der Überschrift Geld & Gedichte. In einem Wettbewerb um ein allgemeines gesellschaftliches Prestige würde die Lyrik auch nicht so super abschneiden: Als ich vor einiger Zeit einmal ganz mutig einer Friseurin auf ihre Frage nach meiner Arbeit sagte, ich würde Gedichte schreiben, sagte sie, jetzt hätte ich aber bei ihr ganz viel an Ansehen verloren. Und das passiert nicht nur beim Friseur.
Kurt Drawert: Ich weiß nicht, ob ich von meinem Friseur Verständnis für meine Gedichte und meine soziale Rolle als Autor erwarte. So reich werden Friseure ja nun auch wieder nicht, dass sie es sich leisten könnten, über andere Arbeiter die Nase zu rümpfen. Dass Zeit gleich Geld ist, ist seit Benjamin Franklin, der es schon 1748 sagte, auch keine Geheimsache mehr. Und der Herr Buchwald, nun ja, also ich fürchte, er sah den Wald vor lauter Büchern nicht, als er diese zynische Bemerkung verlor wie andere ihren Verstand. Man stelle sich einmal vor, Unseld hätte seinerzeit, als er bei ihm als möglicher Nachfolger reüssierte, gesagt: »Verehrter Herr Buchwald, wissen Sie, Sie sind ein derart kompetenter, kluger und mit allen Wassern der Betriebskantine gewaschener Lektor, es beschämt mich zutiefst, Sie mit etwas so Gewöhnlichem wie Geld zu entlohnen. Ich dachte mir, vielleicht ein Freiexemplar von jedem neuen Titel des Suhrkamp-Verlages?« Ich glaube, darüber hätte er nun gerade nicht gelacht. Was mich betrifft, ich meine mich jetzt als einen primären Wirtschaftsfaktor für meine Familie, so verdiene ich mit Gedichten recht gut. Bei einer Auflage von etwa eintausend pro Band kommen keine Schulden zustande. Und mein Verlag überweist wirklich alles, Summen respektive, die unter dem Wert einer Briefmarke liegen. Geld zu haben ist sehr anstrengend, finde ich, belastend, irgendwie uncool. Fast so schlimm, wie keines zu haben. Aber kurz doch etwas ernster: mich nervt diese Frage unendlich, weil man natürlich sofort an Gottfried Benn denkt und weiß, dass alle es wissen und dass sich daran doch nie etwas ändert. Ich fühlte mich früher immer sehr allein gelassen, wenn ich so etwas Peinliches wie Geld überhaupt zu einem Thema werden ließ. Denn natürlich stinkt Geld, das weiß ja jeder, weil es die symbolische Ausscheidung aus einem Produktionsprozess ist, sein Abfall sozusagen. Aber dass es einen Wertzusammenhang von Lohn, Entlohnung und Leistung nun einmal gibt, das ist ja keine private Erfindung – und da sind wir naturgemäß die Deppen vom Dienst. Übrigens gibt es dazu einen grandiosen Essay von Gerhard Falkner, der vom »Unwert des Gedichtes« spricht, und das schon in den 1980er Jahren. Andererseits leben wir in Deutschland in einer Weise als Autoren gut, übertroffen vielleicht nur noch von Kollegen in Österreich und der Schweiz, dass jede Klage im Grunde auch etwas unanständig klingt. Ich meine, wir befinden uns in einem radikalen Utilitarismus, da wundert es gelegentlich, überhaupt noch da zu sein. Und vergessen wir nicht, dass es, und gerade bei uns, ein Fördersystem für Literatur gibt, das einzigartig ist auf der Welt. Die soziale Kränkung, durch Nichtbezahlung der Ware auf seine Überflüssigkeit im Kontext der Ökonomie andauernd hingewiesen zu werden, wiegt natürlich sehr schwer. Und dann kommt noch etwas hinzu: die Illusion einer exterritorialen Lebensform als Alternative zum puritanischen Funktionalismus. Manche übernehmen diese Rolle ganz gern und ziehen sich alte Klamotten an, wenn sie zu Lesungen gehen. Mich widert es an.
/ Mehr im Poetenladen
Der Lyrikwettbewerb um den Leonce-und-Lena-Preis und die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise
am 17. und 18. März 2017 in der Centralstation Darmstadt
Die Wissenschaftsstadt Darmstadt lädt junge Autorinnen und Autoren ein, sich zur Teilnahme am Literarischen März 2017 zu bewerben.
Bewerben können sich deutschsprachige Autorinnen und Autoren, die nicht vor 1981 geboren sind.
Einsendeschluss für die Bewerbungen ist der
15.09.2016
Die deutsche Sprache ist vergleichsweise logisch, eindeutig, transparent – transparent in der Struktur wie in der Herleitung. Zusammenhänge, die bei uns in den Sprachschichten untergehen, sind spürbarer präsent. Sicher käme niemand, ohne nachzuschlagen, auf all das, was im Gedicht steckt. Aber dass etwas drinsteckt, das wird deutlich am Körper des Wortes, an seinen sichtbaren Gliedern mit ihrer latenten Bewegung: Ge- und dichten. Das Wort poem dagegen ist dicht. Verdichtet auf einer Weise, die Fülle kaum ahnen lässt. Man schluckt das Wort, ohne zu kauen. Das Rätsel wird als Rätsel nicht erkannt. Ein Rätsel in fremder Sprache ist nur eine schöne Lautfolge. Paradox: Das Rätsel entfaltet sich erst in der Transparenz, in der Lesbarkeit.
Isabel Fargo Cole: Erfahrung mit Fühmanns Gedicht. Vor Feuerschlünden: Übersetzungsprobleme Teil 1. lyrikkritik.de
Neueste Kommentare