Michael S. Harper, dessen vom Jazz beeinflußte Gedichte mit seinen persönlichen Erfahrungen als Schwarzer mit Einblick in die von schwarzen und weißen Amerikanern geteilte Geschichte durchwirkt sind, starb am Sonnabend im Alter von 78 Jahren. 1978 war er für den National Book Award für Lyrik nominiert. / New York Times
Auszug aus seiner Elegie für John Coltrane
Why you so black?
cause I am
why you so funky?
cause I am
why you so black?
cause I am
why you so sweet?
cause I am
why you so black?
cause I am
a love supreme, a love supreme.
Hier komplett von ihm vorgetragen:
Die Literaturwerkstatt Berlin / Haus für Poesie veranstaltet das 17. poesiefestival berlin – Kein schöner Land vom 3. bis 11. Juni 2016 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin. Wir möchten Sie gerne auf das diesjährige Colloquium: Literaturen der Flucht hinweisen, das in Kooperation mit dem Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin entwickelt wurde.
In drei Panels werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Autorinnen und Autoren über tagesaktuelle und historische Perspektiven auf Flucht diskutieren.
Sonntag, 5. Juni, ab 13.00 Uhr: Colloquium – Literaturen der Flucht
„Wir, deren Splitter verstreut sind“
Der Literaturbetrieb reagiert auf die Flüchtlingskrise: Romane erscheinen, Lyrikerinnen und Lyriker suchen Sprachen für aktuelle Ausnahmezustände und in der Literaturwissenschaft werden Forschungsprojekte zu Fluchtliteratur angestoßen. Zugleich verfügen wir über ein riesiges kulturelles Archiv an Fluchterzählungen – man denke nur an die Sagen um die Flucht aus Troja. In drei Panels diskutieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Autorinnen und Autoren in diesem Colloquium, das in Kooperation mit dem Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin entwickelt wurde, tagesaktuelle und historische Perspektiven auf Flucht.
13:00 – 14:00 Literatur im Ausnahmezustand: „Hotspots“ und „Transitzonen“
Mit Eva Geulen DEU Literaturwissenschaftlerin | Ghayath Almadhoun PSE/SWE Dichter | Rasha Omran SYR/EGY Dichterin
Moderation: Falko Schmieder DEU Kulturwissenschaftler
Im offiziellen Sprachgebrauch spielt sich das Fluchtgeschehen in Hotspots, Transitzonen oder Auffanglagern ab. Welche Bilder werden mit dieser Sprache evoziert, welche Realitäten verbergen sich hinter diesen Worten? Und auf welche Weise nähert sich Literatur – seit jeher mit individuellen und gesellschaftlichen Ausnahmezuständen befasst – den Realitäten der Flucht?
14:15 – 15:15 Fluchterfahrungen zwischen Antike und Gegenwart
Mit Martin Treml DEU Religionswissenschaftler | Melanie Möller DEU Altphilologin | Hammoud Hamoud SYR/DEU Islamwissenschaftler
Moderation: Dirk Pilz DEU Journalist
Flucht und Vertreibung sind Themen in Koran und Bibel, aber auch in Mythen wie etwa denjenigen um Aeneas. Dieses Panel konfrontiert Fluchtdarstellungen in Mythos und Religion mit der gegenwärtigen Situation und befragt ihre Aussagekraft in Bezug auf das Hier und Jetzt.
15:30 – 16:30 Eine Sprache für das Flüchten finden
Mit Hannah Markus DEU Germanistin | Alfrun Kliems DEU Slawistin | Fiston Mwanza Mujila COD/SUI Dichter
Moderation: Johann Reißer DEU Autor
Flucht bedeutet auch, die Muttersprache zurückzulassen und sich auf neue Sprachen einzulassen. Dieses Panel diskutiert Sprechweisen für das Weggehen, Fremdsein und Ankommen in der osteuropäischen, afrikanischen und deutschen Lyrik.
Die drei Panels werden englisch-deutsch gedolmetscht.
Fabjan Hafner war ein Multitalent – Literaturwissenschaftler, Schriftsteller, Übersetzer, Editor. Als Kärntner Slowene wechselte er virtuos zwischen Deutsch und Slowenisch, übersetzte zwischen beiden Literaturen, schrieb in beiden Sprachen – als Schriftsteller und als Wissenschaftler. Er förderte, übersetzte, schrieb über slowenischsprachige Autoren wie Gustav Januš, Florjan Lipuš und viele mehr. Er war – seit Langem – anerkannter Handke-Spezialist und Handke-Freund. Zuletzt arbeitete er über Christine Lavant, vor allem als Editor ihrer Gedichte, auch der zu ihren Lebzeiten unveröffentlichten.
Es sind dies nur wenige Beispiele. Denn Fabjan Hafner hat über 180 Publikationen vorgelegt. Und war mehrfach preisgekrönt: Petrarca-Übersetzer-Preis, Wissenschaftspreis der Österreichischen Gesellschaft für Germanistik und Österreichischer Staatspreis für literarische Übersetzung. / Anke Bosse, Kleine Zeitung
Nach und nach führt das G&GN-Institut mit einigen Nahbell-Preisträgern (www.lyrikszene.de) per Email ein Interview durch. Das mit stan lafleur (3.Preisträger 2002) zog sich über ein ganzes Jahr hin und ist seit heute vollständig online.
Auszug:
01.FRAGE (14.5.2015):
Warum bist du damals (1994) eigentlich von Düsseldorf nach Köln umgezogen? Du hattest dir doch in Düsseldorf bereits einen Namen gemacht als Dichterfürst, oder nicht? Ich erinnere mich noch an einen kultigen Auftritt mit der Band Kreidler in einem kleinen Club in der Altstadt. Hat der Umzug die Karriere irgendwie begünstigt?01.ANTWORT (21.5.2015):
Mein Wegzug aus Düsseldorf hatte mehrere Gründe. Um die Jahreswende 93/94 hatte ich das Gefühl, mit meiner Literaturproduktion, die mir das meiste bedeutete, auf der Stelle zu treten. Eine Gruppe, die ich an der Heine-Universität mitbegründet hatte, in der Texte vorgetragen, diskutiert und Auftritte organisiert wurden, hatte sich nach einem halben Jahr ausgereizt. Nachdem ich die Gruppe verlassen hatte, fand ich in Düsseldorf, zumal ich zu diesem Thema radikale Ansichten vertrat, kaum Leute, die mein Bedürfnis teilten, über Literatur zu sprechen. Zwar kam recht viel Publikum zu meinen Auftritten, die eher experimentelle literarische Shows mit ausgiebigen performativen und musikalischen Elementen als Lesungen waren – mir fehlte jedoch die kritische Reibung, vor allem was gegenwärtige und möglicherweise neuartige, das literarische Korsett sprengende Möglichkeiten betraf. Von außen drang wenig Input durch, ich fühlte mich mit meinen Ansprüchen an die Literatur isoliert und sah Gefahr, durchzudrehen, falls ich nicht bald auf Leute stoßen würde, mit denen ich mich austauschen könnte. Es kumulierten dann ein paar unerfreuliche Ereignisse, von denen mich am heftigsten der Mord an meiner früheren Mentorin Renate Neumann traf. Renate war von ihrem Mörder geköpft worden; die Nachricht erreichte mich telefonisch, als ich, eine krasse Koinzidenz, den Coen-Film Barton Fink anschaute, in dessen Verlauf einem in der Krise befindlichen Schriftsteller ein Paket mit einem abgeschlagenen Haupt untergejubelt wird. Als ich nach dem Anruf vor die Tür ging, war der Mord an Renate Titelseite der Abendausgabe des EXPRESS. In Rath, wo ich damals wohnte, hörte ich eine Gruppe Arbeiter über der Schlagzeile lästern, daß das Opfer „ja nur ’ne Lesbe“ gewesen sei. Ich stellte mich vor sie hin und brüllte sie an, was sie sonst noch über die Frau wüßten, mit der ich befreundet gewesen war. Da entschuldigten sie sich und waren plötzlich ganz verschüchtert. Und ich noch bedrückter als zuvor. Zwei Tage später gab ich meine Wohnung auf, stellte mich an die Straße und hielt den Daumen raus. Ich benötigte dringend neue Perspektiven. Die Straße führte nach Frankreich. In Montpellier bezog ich für einige Wochen eine Altstadt-Wohnung, die mir Leute, die ich in einem Café kennengelernt hatte, spontan zur Verfügung stellten, in einem Haus, in dem ein weiterer deutscher Schriftsteller wohnte, den ich aber nie zu Gesicht bekam. In Montpellier wurde mir klar, daß ich für mein Schreiben den deutschen Sprachraum brauchte, daß ich in Deutschland weitermachen würde. Ausschlaggebend für Köln waren neben meiner Rheinaffinität und dem damaligen Kunstruf der Stadt, daß ich nach dem Kreidler-Debutauftritt in der Melody Bar, den Du angesprochen hast, mit den Herren weiterarbeiten wollte – anfangs war Kreidler ja ein gemeinsames Musik- und Spoken Word-Projekt. (…)
A new kind of poetry is flourishing in Greece’s streets, bars and cafes. It is popping up not just on magazines, small presses and websites, but on graffiti walls, and in music, film, and art. Not since the dictatorship that shook the country in the 1970s has there been such an abundance being written. A new anthology in English translation, Austerity Measures, compiles some of the most revolutionary.
(…)
In a country where there is less to go around across the board – including fewer young people – poetry is “the one thing there is more of,” writes editor Karen Van Dyck. Despite the title, and the fact that many of the poems respond to the social and economic crisis, Van Dyck emphasises this is not a homogenous phenomenon. “A lot of these poets don’t even know the others exist. It’s a very disperse scene.” Nor are they really a generation. They are multicultural, multiethnic, multigenerational; some of them aren’t even Greek, just writing in it.
“They don’t even think they need to belong to Greek poetry. They have access to the whole world,” says Van Dyck. From the small pleasures of suburban gardens to the viciousness of streetfights, they use pop culture and post-capitalism, images of domestic machines and the internet and mix them all up with ancient myths. / Marta Bausells and Eleni Stefanou, The Guardian
(Talks with Eftychia Panayiotou, Thomas Tsalapatis, Danae Sioziou, Jazra Khaleed, Elena Penga, Yiannis Doukas, Glykeria Basdeki, Yannis Stiggas, Yiannis Efthymiades)
Josef Wilms dichtet und komponiert, Lyrik und Lieder, meist in der Nacht. Er schreibt über das Windbruchreh oder die Veilchenschnecke, über den Kahlkopfgeier und den Gelben Hans, über drei Arten Barsche, über Ravel- und Debussy-Etüden oder den vergessenen Dichter Theodor Körner. Mitunter auch von sich: vom Einsiedlerkrebs und seiner unerfüllten Sehnsucht nach der Seeanemone.
(…)
Überhaupt hat Josef Wilms sein Elternhaus kaum je verlassen. Er hat nur wenige Reisen gemacht, 1961 an den Starnberger See ans Grab des Dichters Bonsels, 1995 ins Oderbruch, wo er auf Einladung der Gemeinde Oderberg aus seinen Werken las. Nur in Köln, sagt Josef Wilms resigniert, werde er nicht zur Kenntnis genommen.
„Ich bin halt nur ein Minderdichter“, sagt er. So wurden früher die Bauerndichter genannt, so einer wie der Christian Wagner aus Warmbronn bei Stuttgart, ein Halbgebildeter, der sich anmaßte, Verse zu schreiben, aber eben kein Intellektueller oder Akademiker war. So wie Josef Wilms.
Verdrängtes und Versunkenes, Vergessenes und Bedrohtes, das sind seine Themen: Dichter, die keiner mehr liest, Komponisten, die keiner mehr spielt, Kreaturen, die keiner beachtet. „Für die Menschen Komponiertes/ bleibt oft seltsam unbekannt./ Keine Wissenschaft geniert es,/ wird Bedeutendes verbannt.“ / Rüdiger Heimlich, Kölner Stadtanzeiger
Auch in unseren Breiten leben die Dichter gefährlich, berichtet heute Roman Bucheli in der Neuen Zürcher:
Selbst in dem stillen Städtchen an der Aare kann die Literatur zum Ernstfall werden. Es war weit nach Mitternacht (dies jedenfalls sagte das subjektive Zeitempfinden), längst hätte ein seriöser Berichterstatter in seinem Hotelzimmer sein müssen, aber er sass mit Peter Bichsel in einer Bar beim letzten Bier, als die Ambulanz furchtbar still durch die engen Gassen kurvte. Zu welchem Notfall sie unterwegs war, erfuhr der Berichterstatter erst anderntags. Der Dichter Jürg Halter hatte zu einer feurigen Performance Anlauf genommen, stürzte von einem Tisch, knallte rücklings gegen eine Tischkante – und stand glücklicherweise aus eigener Kraft wieder auf, freilich stark blutend.
Nur wenige Stunden zuvor hatte er über die «Ausweitung der poetischen Zone» gesprochen und dabei das nachgerade prophetische Bekenntnis abgelegt, er habe keine Angst, sich unplanbaren Situationen auszusetzen. Wir hätten es ihm geglaubt, auch ohne blutige Beweisführung, denn schon da, am helllichten Morgen, hatte er eine spontane Performance mit diesen hübschen Nonsens-Versen beendet: «Ich schenke mir Wasser ein / und warte dann / dass es sich verwandelt / in . . .» Und während in der Kunstpause nun alle das vom Reim suggerierte «Wein» antizipierten, machte Halter allen Hoffnungen auf diese poetische Transsubstantiation eine lange Nase und ergänzte: «. . . in Bier.»
Der Schriftsteller, Übersetzer und Literaturexperte Fabjan Hafner ist im 50. Lebensjahr gestorben. Neben seiner Arbeit als Lyriker wurde Hafner vor allem als Kenner der Werke Christine Lavants und Peter Handkes geschätzt.
Hafner studierte von 1984 bis 1992 Deutsche Philologie und Slawistik in Graz. Er arbeitete am Forschungsprojekt „Inventarisierung der slowenischen Volkssprache in Kärnten“ und dem „Thesaurus der slowenischen Volkssprache in Kärnten“ am Institut für Slawistik der Karl-Franzens-Universität Graz. Von 1990 bis 2007 war er Lehrbeauftragter am Institut für Theoretische und Angewandte Translationswissenschaft der Karl-Franzens-Universität Graz. Von 1992 bis 1997 war Hafner österreichischer Lektor am germanistischen Institut der Universität Ljubljana (Slowenien).

Seit 1998 war Hafner Mitarbeiter des Robert-Musil-Instituts für Literaturforschung in Klagenfurt. Er lehrte zudem am Germanistik- und Slawistik-Institut der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. 2006 wurde dem Kärntner Slowenen der Translatio, der österreichische Staatspreis für Übersetzung, verliehen. / ORF
Elke Engelhardt schrieb einen zweiten Beitrag zur Lyrikkritikdebatte. Ihr letzter Absatz gäbe ein gutes Schlußwort, finde ich:
Ich weiß tatsächlich nicht, was ein Gedicht ist. Aber ich versuche es bei jeder neuen Lektüre herauszufinden. Manchmal scheitere ich und manchmal bin ich die einzige, die trotz aller Versuche keinen Zugang findet. Dann von meinem Ausgeschlossensein zu erzählen, ohne Schuldzuweisungen in Richtung des Gedichtes zu erteilen, aber auch ohne mein Scheitern meiner fehlenden Bildung oder Informiertheit anzulasten, fällt mir schwer. Aber genau das gilt es auszuhalten. Am Tisch sitzen zu bleiben, wenn es ungemütlich wird, statt im eigenen Raumschiff davon zu schweben.
FAZ berichtet von der Verleihung des Lyrikpreises Meran. Zwei Auszüge:
Im unaufhörlich von Pappelflaum umwehten Kurhaus brachte Konstantin Ames, 1979 in Völklingen geboren und trotz Preußen-Skepsis in Berlin beheimatet, seine Pathos-Zersetzungsmaschine in Stellung: „Es ist Frühling und es zucken (die Stangen) / Günstlinge in bleichen Mehrzweckhallen.“ In „Blas heller“ lässt er zur Sommerzeit neben den Uhren die Huren geschlechtlich umstellen: „Da kommen sie! Na ja, da humpeln sie. / Schackeline, Nadja, Schantal / Waren früher echte Kerle.“ Ames lehnt für sich den Ausdruck „Lyriker“ als bildungsbürgerliches Relikt ab. Mit der neoexpressionistischen Binnenspannung seiner witzigen, bösen Nicht-Elegien (etwa über den „beleidigten Privatier“ Wolf Biermann), die sich im Vortrag niederschlug, versetzte er der neuen, durchweg sachlich und engagiert argumentierenden Meraner Jury einen gehörigen Vitaminschub und gewann den mit 8000 Euro dotierten Hauptpreis. Diese Gedichte enthusiasmierten ihn, ohne dass er sie ganz verstehe, bekannte Urs Allemann im Kreise von Thorsten Ahrend, Ulrike Draesner, Konstanze Fliedl und Paul Jandl.
(…)
Mit Kurt Drawert, Kathrin Schmidt, Lutz Seiler oder Uwe Kolbe akzentuierten bisher oft Preisträger mit DDR-Vergangenheit den Lyrikpreis Meran. Nun hat endgültig ein Generationswechsel stattgefunden. Konstantin Ames zersetzt auch noch das zittrige Honecker-Motto „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ – bei ihm lautet es „Verbleichen immer, verblichen nimmer“. / Katrin Hillgruber, FAZ 10.5.
Es wäre für lesophile Menschen wie mich schön gewesen, die Krücke des Texts als pdf auf den CDs zu finden. So bleibt die Text-Erfahrung als eine trunkene Rutschbahn über Begriffsfelder, am Ende mündet sie in ein Aufwachen wie aus einem Rausch – und das ist doch, betrachtet man es nüchtern, gar nicht wenig für ein lyrisches Werk. / Franz Hofner, in: kalmenzone Heft 9 www.kalmenzone.de
A. J. Weigoni, Gedichte. HörBuch, 4 CDs, Mülheim a. d. Ruhr: Edition Das Labor 2015. Zu beziehen über den Verlag (www.editiondaslabor.de).
Leseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
Sonette 8-14 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.
9
IS it for feare to wet a widdowes eye, That thou consum'st thy selfe in single life? Ah; if thou issulesse shalt hap to die, The world will waile thee like a makelesse wife, The world wilbe thy widdow and still weepe, That thou no forme of thee hast left behind, When euery priuat widdow well may keepe, By childrens eyes, her husbands shape in minde: Looke what an vnthrift in the world doth spend Shifts but his place, for still the world inioyes it But beauties waste hath in the world an end, And kept vnvsde the vser so destroyes it: No loue toward others in that bosome sits That on himselfe such murdrous shame commits.
Einige Anmerkungen zum Text:
3 issulesse kinderlos if thou shalt hap wenn es dir passieren sollte
4 makelesse a) unvergleichlich b) alleinstehend
5 wilbe will be
7 priuat private (von lat. privus = einzeln, individuell)
8 by by means of
9 vnthrift Verschwender
12 vnvsde unused (auch: nicht investiert; der user ist mit usury verwandt!) der user, der die Schönheit nicht einsetzt / investiert / verschwendet, zerstört sie
14 murdrous shame wieder mit Anspielung auf Selbstliebe, Masturbation
(Eine deutsche Entsprechung wird nachgereicht)
Hier „meine“ Version. Ich habe sie, einen Vorschlag von Felix Philipp Ingold aufgreifend, reimlos aber metrisch kompiliert aus: Dorothea Tieck, Stefan George, Max Wolff, Ludwig Fulda und Günter Plessow. Ich habe nur die Großschreibung vereinheitlicht. Verständlicher als die „ganze“ Übersetzung von Karl Kraus ist sie allemal. (Der unreine Reim 12/14 war nicht geplant, aber akzeptiert als Markierung des Gedichtschlusses.)
Verweinte Witwenaugen fürchtest du,
Wenn einzeln du verzehrest deinen Leib?
O! wirst Du kinderlos zur Grube fahren
So wär die Welt das Weib, das um dich klagt.
Die ganze Welt als Witwe weint um dich,
Dass nach dir keine Form mehr auf dich weist ·
Da andre Wittwen täglich tröstend sehn
Des Gatten Bild bewahrt in ihren Kindern!
Sieh, was auf Erden Leichtsinn auch vertut,
Tauscht nur den Platz, bringt stets der Welt Gewinn;
Doch hat der Schönheit Nutzung hier ein Ende:
Denn der sie nicht genutzt, hat sie zerstört.
Nicht Nächstenliebe wohnt im Herzen dessen,
Der mit sich selbst so mörderisch verfährt.
Der Dichter und Schriftsteller José F. A. Oliver hat den diesjährigen Hebeldank erhalten. Oliver, als Kind andalusischer Eltern 1961 in Hausach im Schwarzwald geboren, schreibt auf Hochdeutsch, Alemannisch und Spanisch und wurde auch von Hebel inspiriert. Beim Schatzkästlein des Hebelbundes, in dessen Rahmen der Hebeldank verliehen wurde, sprach der Freiburger Professor Achim Aurnhammer über Hebels Gespenstergeschichten im Kontext der Aufklärung. (…)
(…) Mit dem geschärften Sinn des Dreisprachigen höre der Lyriker dem Klang der Wörter nach und setzt sie neu zusammen, sagte Habermaier. So wird aus dem Schwarzwald „waldSchwarz!“ und aus ihm „1 alphabet der hölzer und rindenw:orte“. Dadurch ergeben sich mehrfache Bedeutungen seiner Gedichte und Essays, die als Bücher unter anderem bei Suhrkamp verlegt sind. Olivers Schreiben sei ohne die Fülle der europäischen Literaturen und Kulturen undenkbar und oft befrage er dabei sein Dasein als Kind spanischer Eltern in einer alemannisch und nicht zuletzt von der alemannischen Fasnet geprägten Umwelt sowie als Kenner der hochsprachlichen Literatur, sagte Habermaier.
José F. A. Oliver erwiderte, er sei in mehrfacher Hinsicht gerührt, zumal ihm die Berührung mit der alemannischen Sprache immer sehr wichtig war. In Hausach, wo er aufwuchs, sprachen im ersten Stock die Vermieter alemannisch, im zweiten Stock die Eltern andalusisch. Im ersten Stock war „der Mond“ männlich, im zweiten „la luna“ weiblich. „Ich verstand nicht, wie sich in ein paar Treppenstufen das Geschlecht änderte“, sagte er. So erwachte sein Interesse an der Sprache und am Kreieren eigener Worte. Und als er dann Gedichte von Hebel geschenkt bekam, setzte er sich an einen Waldrand und schrieb eigene alemannische Gedichte und beschloss, Dichter zu werden. / Thomas Loisl Mink, Badener Zeitung 9.5.
C. Callies: Der Schwerpunkt der Zeitschrift POET heißt in dieser Ausgabe »Wettbewerb«. Empfinden Sie Literaturpreise als Wettbewerb? Den sogenannten »Literaturbetrieb« als solchen?
C. Setz: Man wird in gewisser Weise dazu erzogen, den Betrieb als Wettbewerb zu sehen, als Kampf um begrenzte Ressourcen (= Interesse und Kaufkraft von Lesern). Und eine Weile kann man davon auch erfüllt werden.
C. Callies:: Und um den Wettbewerbscharakter zu durchbrechen: Gäbe es eine Autorin, einen Autor, dem Sie sofort einen Preis verleihen würden?
C. Setz: Christian Kracht, Marjana Gaponenko, Judith Schalansky, Tao Lin, Michel Faber.
/ Carolin Callies sprach mit Clemens Setz für Poet
Die Jury des Lyrikpreises Meran (Urs Allemann, Dichter, Zürich; Thorsten Ahrend, Lektor, Wallstein Verlag, Göttingen; Ulrike Draesner, Schriftstellerin, Berlin; Konstanze Fliedl, Literaturwissenschafterin, Wien; Paul Jandl, Literaturjournalist, Berlin) hat die drei Preisträger bekannt gegeben.
Den Lyrikpreis Meran der Südtiroler Landesregierung (8.000 Euro) erhält Konstantin Ames. Der Alfred-Gruber-Preis (Stiftung Südtiroler Sparkasse, 3.500 Euro) geht an Markus R. Weber. Mit dem Medienpreis der RAI Südtirol (2.500 Euro) wird Mikael Vogel ausgezeichnet.
Den Meraner Lyrikpreis 2016 erhält Konstantin Ames mit der Begründung:
Zwischen Echternach, Sils Maria und Venedig, zwischen Wolf Biermann, Novalis und Rilke bewegen sich die Gedichte von Konstantin Ames. Nie aber werden sie heimisch in der Formensprache von Pathos und Betulichkeit.
Was Konstantin Ames macht, ist ein poetischer Zugriff auf die Welt, der ihre sinnlichen Qualitäten nicht unterschlagen will, der das Unmittelbare der Rede laut werden lässt, der poltert und sanft sein kann, dort wo es wichtig ist.
Es sind poetologische Gedichte und auch Gedichte über eine Heimat namens Deutschland. Konstantin Ames schreibt Elegien, die nicht elegisch sind, und die Triebkraft seiner Trauer ist der Witz.
Den Preis der Stiftung Südtiroler Sparkasse erhält Markus R. Weber mit der Begründung.
Bei aller Luzidität behält er viele Momente der Rätselhaftigkeit. In seiner spannungsgeladenen Vieldeutigkeit beweist er die Wandlungskraft eines Gedichts: Aus dem Vorsprachlichen, aus dem Sprachfehler, aus dem Redeabbruch kreiert er Poesie.
Den Medienpreis RAI Südtirol erhält Mikael Vogel mit der Begründung:
Mit dem Medienpreis der RAI Südtirol wird Mikael Vogel gewürdigt für seinen konzentrierten Gedichtzyklus über das Aussterben von Tierarten vom Beutelwolf bis zum Bengalgeier.
Vogel operiert mit der Form von Lexikoneinträgen, die er zugleich anzitiert wie in beeindruckender Diskretion übersteigt; Eindringlichkeit entsteht so durch äußerste Sachlichkeit. Ursachen und Bedingungen Aussterbens werden ohne moralisierende Verkleinerungen vorgetragen, und doch bzw. gerade dadurch markiert Mikael Vogel scharf und höchst differenziert die Verantwortlichkeit des Menschen.
In seine Epitaphen sowie den eingesprengten Zeitkapseln verschränkt der Autor Natur- sowie Kulturgeschichte in ihrer wechselseitigen Bedingtheit.
(…) Die Jury hatte neun Finalisten nominiert: Konstantin Ames (1979, Berlin), Helwig Brunner (1967, Graz), Carolin Callies (1980, Mannheim), Kenah Kusanith (1979, Berlin), Thilo Krause (1977, Zürich), Rainer Stolz (1966, Berlin), Asmus Trautsch (1976, Berlin), Mikael Vogel (1975, Berlin) und Markus R. Weber (1975, Berlin).
(…) / Tageszeitung
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